Generaldebatte im Bundestag Opposition wirft Schwarz-Gelb "Totalversagen" vor

Kanzlerin Merkel hat im Bundestag ihre Steuerpolitik verteidigt. Die Opposition kontert scharf. Das "schwarz-gelbe Fantasialand" habe sich in Luft aufgelöst.

Bundeskanzlerin Angela Merkel erwartet eine lang anhaltende Periode wirtschaftlicher Schwäche. "Dieser Wirtschaftseinbruch wird uns über weite Teile dieser Legislaturperiode beschäftigen", sagte sie zum Auftakt der Generalaussprache des Bundestages über den Bundeshaushalt 2010. Das Niveau von vor der Krise werde wohl erst 2013 wieder erreicht.

Angesichts dieses Ausmaßes seien die Rekordschulden im Bundeshaushalt leider unumgänglich. "So sehr wir uns alle eine andere Situation wünschen würden, so sehr sind wir dazu verpflichtet, der Realität ins Auge zu sehen". Der Etat habe zwar die höchste Rekord-Neuverschuldung mit mehr als 85 Milliarden Euro. Eine geringere Neuverschuldung wäre aber eine falsche Antwort, sagte die Kanzlerin. "Wir haben es geschafft, das Richtige zu tun und den Absturz in den Abgrund zu verhindern."

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Die Opposition warf Schwarz-Gelb völlige Konzeplosigkeit und "Totalversagen" vor. "Noch nie hat eine Regierung so schnell ihren Vertrauensvorschuss verspielt wie diese", kritisierte SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier.

Nach Steinmeiers Worten hat sich das "schwarz-gelbe Fantasialand" bereits nach drei Monaten in Luft aufgelöst. Immer mehr Menschen spürten, dass diese Regierung nichts zu bieten habe und Merkel mit leeren Händen dastehe. Die Bevölkerung sei "das kleinkarierte Gezänk" zwischen Union und FDP leid. Der Oppositionschef warf beiden Parteien vor, sie wollten bis zur nordrhein-westfälischen Landtagswahl im Mai ihre tatsächlichen Pläne für soziale Kürzungen verschleiern. "Wir werden sie treiben", kündigte er an.

Grünen-Fraktionschefin Renate Künast nannte den Haushaltsentwurf ein "Armutszeugnis auf dem Rücken von Familien, Kindern und Kommunen". Schwarz-Gelb agiere ohne Werte, Ziele und Mut. "Sie können es nicht", sagte Künast. Linksfraktionschef Gregor Gysi sprach von einem "angekündigten Wahlbetrug". Er forderte, Parteispenden von Unternehmen zu verbieten.

Merkel sagte, es sei der Anspruch ihrer Koalition, dass Deutschland stärker aus der Krise herausgehe als es hineingegangen sei. Die bisherige Krisenbekämpfung sei erfolgreich gewesen. Die Krise sei aber noch nicht vorbei. "Jetzt geht es darum, klug aus dem Abschwung herauszukommen." Dies werde sicher zu kontroversen Debatten führen und vor allem neues Denken erfordern.

Die Ankurbelung der Konjunktur bezeichnete Merkel als ein entscheidendes Ziel der schwarz-gelben Koalition und verteidigte dabei auch das umstrittene Gesetz zur Wachstumsbeschleunigung. Dies sei eine wichtige Ergänzung zu den Konjunkturpaketen. Der Mittelstand und die Familien würden entlastet. "Die christlich-liberale Koalition wird die Wirtschaftskraft unseres Landes erneuern durch nachhaltiges Wachstum", sagte die Kanzlerin. "Ich glaube auch, wir werden es gut machen."

Erneut sprach sich Merkel für weitere Steuersenkungen aus. Damit werde Wachstum geschaffen. "Das ist unsere Überzeugung." Allerdings betonte sie, dass die Steuerschätzung im Mai abgewartet werde. Danach werde ein Gesetzentwurf für 2011 vorbereitet. Dennoch bleibe die Steuerstrukturreform auf der Tagesordnung. Zugleich werde die Schuldenbremse eingehalten. Diese sei eine Art Leitplanke.

Etat 2010: Überblick

Die Regierung will im kommenden Jahr 325,4 Milliarden Euro ausgeben, 7,3 Prozent mehr als 2009. Den Ausgaben müssen Einnahmen in gleicher Höhe gegenüberstehen. Der Bund nimmt 80,2 Milliarden Euro neuen Kredit auf.

Die Ausgabenquote (das Verhältnis der Ausgaben des Bundes zum Bruttoinlandprodukts BIP) steigt auf 13,3 Prozent von 12,9 Prozent 2009.

Die Kreditfinanzierungsquote (Anteil der Nettokreditaufnahme an den Gesamtausgaben) steigt auf 26,4 Prozent von 16,2 Prozent.

Die Maastricht-Defizitquote (Verhältnis der Neuverschuldung des Gesamtstaates zum BIP) steigt auf knapp sechs von 3,2 Prozent.

Der gesamtstaatliche Schuldenstand steigt auf 78 Prozent von 73 Prozent des BIP.

Ausgabenposten

Arbeit und Soziales: 146,8 Milliarden Euro; plus 14,8 Prozent im Vergleich zu 2009

Zinsen: 40,4 Milliarden Euro; minus 7,9 Prozent

Verteidigung: 31,1 Milliarden Euro; minus 0,1 Prozent

Verkehr/Bau: 26,4 Milliarden Euro; minus 1,2 Prozent

Gesundheit: 16,2 Milliarden Euro; plus 39, Prozent

Bildung/Forschung: 10,9 Milliarden Euro; plus 6,9 Prozent

Finanzministerium: 4,88 Milliarden Euro; plus 0,4 Prozent

Wirtschaftsministerium: 6,28 Milliarden Euro; plus 2 Prozent

Verbraucher/Agrar: 5,86 Prozent; plus 10,8 Prozent

Umweltministerium: 1,58 Milliarden Euro; plus 7,3 Prozent

Entwicklungshilfe: 5,88 Milliarden Euro; plus 1,2 Prozent

Familie: 6,6 Milliarden Euro; plus 2,7 Prozent

Auswärtiges Amt: 3,19 Milliarden Euro; plus 5,3 Prozent

Innenministerium: 5,59 Milliarden Euro; minus 5,5 Prozent

Justizministerium: 0,49 Milliarden Euro; minus 1,1 Prozent

Ausgaben für Investitionen: 28,7 Milliarden Euro; minus 12,5 Prozent

Einnahmen

Steuereinnahmen: 211,9 Milliarden Euro; minus 5,4 Prozent gegenüber dem Vorjahr

Sonstige Einnahmen wie Privatisierungserlöse, Dividendeneinnahmen und Bundesbankgewinn: 27,7 Milliarden Euro; minus 8,2 Prozent

Nettokreditaufnahme: 85,8 Milliarden Euro; plus 74,7 Prozent

Die Kanzlerin will "gegebenenfalls" weitere Maßnahmen einleiten, um eine Kreditklemme zu verhindern. Die Regierung sei mit Banken in laufenden Gesprächen. Die Versorgung der Unternehmen mit Krediten sei in diesem Jahr ein wichtiger, möglicherweise auch existenzieller Punkt. Deutschland müsse eine Exportnation bleiben: "Das darf niemals aufgegeben werden." 

Die Regierung wisse, dass die Versorgung gerade auch der kleinen und mittleren Betriebe mit Krediten ein wichtiger, vielleicht existenzieller Punkt dieses Jahres sein werde, um den Aufschwung in richtige Bahnen zu lenken. "Wir machen weiter Kredit- und Bürgschaftsprogramme, die Investitionen ermöglichen", sagte die Kanzlerin. Merkel nannte in diesem Zusammenhang die Branchen Chemie, Autoindustrie sowie Medizin- und Verkehrstechnik.

Die Stellungnahme der Kanzlerin als Teil der Aussprache über den Etat des Kanzleramtes ist traditionell der Höhepunkt der Haushaltsberatungen im Parlament. Noch bis Freitag berät der Bundestag über den ersten Etatentwurf der schwarz-gelben Regierung. Wegen der Bundestagswahl hatte sich die Budgetaufstellung verzögert, weshalb seit Jahresbeginn eine vorläufige Haushaltsführung gilt. Der eigentliche Haushalt soll nach den Beratungen im Bundestag im März in Kraft treten.

 
Leser-Kommentare
  1. Ja ja, da ist sie wieder - die ostdeutsche Vergangenheit... "Neues Denken" war eine der Losungen Gorbatschows. Zusammen mit "Perestrojka" (Umstellung/Umbau) und "Glasnost" (in etwa Lauterkeit). Aber jetzt mal ehrlich. Wer glaubt denn in Wirklichkeit, dass hinter Begriffen wie "Ankurbelung der Wirtschaft" mehr steckt, als hinter realsozialistischen Phrasen?

    • Fokko
    • 20.01.2010 um 10:59 Uhr

    "Neues Denken" aka Neoliberalismus aka Raubtierkapitalismus haben wir bereits seit der Ära Kohl. Wie gut uns das getan hat, haben die meisten von uns in diesen nunmehr fast 30 Jahren Globalisierung und Europawahn zur Genüge gemerkt.

    Jetzt wird es Zeit für etwas Altes Denken, nämlich daran, dass auch einfache Menschen ein Recht auf Lebensqualität haben.

  2. .
    Damit soll wohl eher auf eine künftige Einstellung des Verzichtens eingestimmt werden. Fragt sich nur, in welchen Bereichen.

  3. Sollte denn wirklich doch einmal aus dem (eigenständigen) Denken von Politikern (wenn es denn tatsächlich einsetzen würde!) mehr herauskommen, als das übliche gedankenlose Geschwafel, welches im Grunde selten mehr war, als heiße Luft (vor Wahlkämpfen) oder Ammenmärchen (wie das vom vermeintlich rettenden Wirtschaftswachstum), mit dem der Bürger bis dato für dumm verkauft wurde?

    Oder tischt uns Angela (Tausendschön) nur doch wieder die alte Mär auf, nur eben in (der Kanzlerin) neuen Kleidern?!

    Und nicht zu vergessen, wird die Lobby und deren mächtige Strippenzieher es überhaupt jemals zulassen, dass sich ein (wirklich!!) neues Denken etablieren darf!?

    Ein solch "neues Denken", also ein echter Paradigmenwechsel in System, Gesellschaft und Ökonomie ist längst überfällig, wurde bisher allerdings mit brachialer (Finanz)Gewalt konterkariert, da den ausschließlich auf Reibach erpichten Bankstern, Geldadligen, Shareholder und neoliberalistischen Raubtier-Kapitalisten, finanziell eben nicht so zuträglich!

    Mal sehen, was sich von Merkels neuem Denken tatsächlich Bahn brechen wird und wem es im Endeffekt (wieder nur) nutzen wird; Also wer in diesem unserem Lande tatsächlich bestimmt wo's lang geht und "wo der Bartel den Most holt"!

  4. .
    Wir brauchen vor allem neues Denken auf der Regierungsbank:

    Kein weiteren "Schweinereien" (Beschleunigungsgesetze) mehr!

    Klare Darstellung der Lasten und faire Verteilung auf die Bevölkerung!

    Klare Haushaltspolitik zur Entschuldung!

    • iDog
    • 20.01.2010 um 11:52 Uhr
    7. denken

    an sich waere schon ein schritt in die richtige richtung. jetzt fragt sich nur noch , was man unter denken versteht.

    denkverhinderungsgesetze gibt es ja nun reichlich. unserem system, in dem wissen und information als zu kapitalisierendes eigentum geschuetzt werden, verhindert das denken natürlich paradigmatisch. so baut auch unser bildungssystem nicht auf der effektiven nutzung von wissen und information auf , sondern auf verhinderung von denken bei den meisten , um nur bestimmtes gedankengut gezielt wirksam werden zu lassen.

    dass all dies als kontraproduktiv bezueglich eines produktionspotentials wissens in einer technologisch orientierten gesellschaft gelten muss, ist logisch. das gehirn ist ein organ, das denken muss. die verhinderung dieses potentials ist einer machthierachie geschuldet, die sich an dieser irrealen denkverhinderung letztendlich aufreiben muss. der aufwand der denkverhinderung uebersteigt fast die machtvorteile, die daraus enstehen koennen.

    ich bezweifele also, dass frau merkel und ihre regierung jenseits der bekannten und hierarchiekontrollierten grenzen denkfaehig ist.

    wenn umdenken helfen soll , muss man wohl oder übel alternative gedankenmodelle zulassen. mithin handelt es sich bei diesem plazebo "stossseufzer" der regierung um einen oeden populismus für den dressierten nichtdenker

  5. bedeutet das alte Denken in radikalerer Form.

    Ob Koch oder Neumann, usw ----mir wird jetzt schon schlecht.

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