Finanzpolitik Schäuble klammert Steuerreform aus

Finanzminister Schäuble hat seine Beamten angewiesen, davon auszugehen, dass es in den nächsten Jahren keine Steuerentlastung gebe. Doch die FDP pocht weiter darauf.

Es muss für FDP-Chef Guido Westerwelle eine Provokation sondergleichen sein. Kurz vor dem Sechs-Augen-Gespräch zwischen den Parteivorsitzenden der schwarz-gelben Koalition veröffentlicht der Spiegel, Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) habe seinen Beamten mitgeteilt, bei der Berechnung des Staatsdefizits für das anstehende Stabilitätsprogramm die angekündigte Steuerreform auszuklammern. Die Beamten sollten von der Annahme ausgehen, dass es in den nächsten Jahren keine Steuerentlastung gebe, schreibt das Magazin.

Auch ohne die zusätzlichen Belastungen durch eine Steuerreform falle das Zahlenwerk des Ministeriums ernüchternd aus, so der Spiegel. Danach rechnen Schäubles Beamte dieses Jahr mit einem Defizit von sechs Prozent der Jahreswirtschaftsleistung. 2011 soll das Minus bei Bund, Ländern, Gemeinden und Sozialkassen auf fünf Prozent sinken, ein Jahr später auf vier Prozent. Erst 2013 erreiche das Staatsdefizit die erlaubte Höchstgrenze von drei Prozent.

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In dem Stabilitätsprogramm, das Schäuble im Februar an die EU-Kommission schicken muss, deutet er laut Spiegel an, die Steuerreform zu verschieben oder abzuspecken. Um sie mit dem europäischen Stabilitätspakt und der Schuldenbremse im Grundgesetz in Einklang zu halten, "werden die wirtschaftliche Entwicklung und ihre Auswirkungen auf die Perspektiven für die öffentlichen Haushalte sowie die Realisierung von strukturellen Einsparungen beachtet". Dies bedeute, dass die Steuerreform nur kommt, wenn Geld für Entlastungen vorhanden ist, schlussfolgert das Blatt.

In einem Interview mit dem Focus äußerte sich Schäuble äußerst zurückhaltend zu Steuersenkungen und Steuerreform. Schäuble: "Der Koalitionsvertrag enthält die goldenen Regeln. Das heißt: Alles muss finanzierbar sein." Außerdem kenne er niemanden in der Koalition, der die Schuldenbremse des Grundgesetzes ignorieren wolle. "Deshalb haben wir für die Frage weiterer Steuerentlastungen verabredet: Ob, wann und wie viel - das entscheiden wir Mitte 2010, wenn wir den Haushalt 2011 und den Finanzplan bis 2014 aufstellen." Natürlich könne sich "die Koalition dann darauf verständigen, dass wir es anders machen müssen, als wir es vor neun Monaten gesehen haben. Aber darüber jetzt und heute zu streiten, ergibt doch keinen Sinn."

Der Finanzminister zeigte sich in dem Interview optimistisch, dass die Koalition die Neuverschuldung ab 2011 schrittweise senken könne. "Wir müssen jedes Jahr zehn Milliarden Euro abbauen, um 2016 die Schuldenbremse einzuhalten. Das ist zu schaffen." Die regulären Einnahmen des Bundes lägen in diesem Jahr bei etwa 240 Milliarden Euro. Das sei krisenbedingt sehr wenig. Schäuble: "In normalen Zeiten dürften wir etwa 300 Milliarden Euro an Einnahmen haben. (...) Die Welt kann nicht davon untergehen, wenn wir von diesem Volumen etwa drei Prozent einsparen. Das ist politisch nicht leicht. Aber es hat in der Weltgeschichte größere Herausforderungen gegeben."

Auf die Frage, wie die Steuersenkungspläne zum geplanten Sparkurs passen, antwortete der Minister: "Um wieviel niedriger die Steuern werden können, hängt nicht nur von den Einnahmeerwartungen ab, sondern auch davon, wie viel wir einsparen können. Dafür müssen wir Mehrheiten gewinnen." Schon beim Ende 2009 verabschiedeten "Wachstumsbeschleunigungsgesetz" habe die schwarz-gelbe Koalition registrieren müssen: "Es ist schwer, Einsparungen zu begründen, wenn wir gleichzeitig die Steuern senken. Denn die Menschen sagen: Solange die Steuern noch gesenkt werden können, kann doch auch der Spardruck nicht so groß sein."

Angesichts zunehmender Skepsis in CDU und CSU wegen der schwarz-gelben Steuerpläne beharrt die FDP umso hartnäckiger auf Entlastungen. Nach Informationen der Bild am Sonntag machte Westerwelle bei einem Gespräch unter vier Augen vor der CDU-Klausurtagung Kanzlerin Angela Merkel (CDU) klar, was für seine Partei auf dem Spiel steht. Nach dem zweistündigen Gespräch am Dienstagabend im Kanzleramt habe Westerwelle vor Vertrauten gesagt: "Steuergerechtigkeit ist unser absolutes Kernanliegen." Dies sei der Kanzlerin bewusst.

Leser-Kommentare
  1. "Steuergerechtigkeit ist unser absolutes Kernanliegen."
    Wenn das so ist : bitte beseitigen Sie die Ungerechtigkeit, dass Ertraege aus Kapitalvermoegen niedriger besteuert werden als die aus Arbeit!
    Damit wuerden Sie erstens dem Finanzminister und den meisten Steuerzahlern eine grosse Erleichterung bereiten und zweitens gemaess Ihrem Motto "Leistung muss sich wieder lohnen" agieren.

    • joG
    • 16.01.2010 um 13:20 Uhr

    "Um wieviel niedriger die Steuern werden können, hängt nicht nur von den Einnahmeerwartungen ab, sondern auch davon, wie viel wir einsparen können. Dafür müssen wir Mehrheiten gewinnen."
    "Es ist schwer, Einsparungen zu begründen, wenn wir gleichzeitig die Steuern senken. Denn die Menschen sagen: Solange die Steuern noch gesenkt werden können, kann doch auch der Spardruck nicht so groß sein."

    Diese zwei Aussagen beschreiben einen Problemkomplex, den es transparent zu machen gelten muss, wenn das angestrebte Ziel als legitim empfunden werden soll.

    Zum Einen muss man sich klar werden, welche Staatsausgaben für öffentliche Güter im Volkswirtschaftlichen Sinne, für Umverteilung und anderen Konsum und welche Folgen die Einzelausgaben jeweils haben. Dabei steht eine Frage im Zentrum. Um welchen relativen Betrag vergrößert oder verkleinert die Ausgabe die volkswirtschaftliche Gesamtleistung der Nation? Erst bei Transparenz hier hinsichtlich, kann man vernünftig entscheiden, welche Leistungen man vom Staat und welche privatwirtschaftlich erbracht werden sollten. Aus der Antwort kann man erst bestimmen, welchen Steuerbetrag man braucht.

    Die "beste" Steuersystematik leitet sich aus einer anderen Frage ab. Welche Folgen haben unterschiedliche Steuern auf die wirtschaftliche Gesamtleistung? Welche sind schädlicher und welche weniger schädlich also? Auch hier ist Transparenz erforderlich.

    Ich sehe in den Medien keine Artikel, die dem Bürger diese Fragen beantworten.

  2. Dass Herr Schäuble aus Kostengründen sparen muss, ist mir bekannt. Dass aber die CDU das Versprechen die Steuern zu senken, nun nicht einhalten kann/will, das empfinde ich als Wählerbetrug.

    Lügen haben kurze Beine!

    • joG
    • 16.01.2010 um 14:49 Uhr

    Glauben Sie das wirklich oder gilt nicht vielmehr das Wort: Ist der Ruf erst ruiniert....

    • jamah
    • 16.01.2010 um 16:01 Uhr

    Habe gerade folgenden Beitrag auf SPON gelesen:

    http://www.spiegel.de/pol...

    Bislang war mir entgangen, weshalb die Hoteliers so wichtig für die Wirtschaft in Deutschland sind und deshalb von Steuersenkungen profitieren müssen -- zum Wohle aller, versteht sich. Aber der zitierte Beitrag hat da meine Wissenslücken geschlossen.

    Und wenn das stimmt, ist es für mich klar, weshalb die FDP auf weiteren Steuersenkungen beharrt. Dabei geht es nicht um Entlastungen derjenigen, die in Deutschland wirklich arbeiten und sich ihr kleine Bisschen Wohlstand selbst erarbeitet haben. Nein, es winken vielmehr weitere Millionen für die Parteikasse! Und ich möchte gar nicht daran denken, wer von den FDP-Steuersenkungen profitieren soll. Wieder so eine wichtige Gruppe wie die der Hoteliers? Z.B. große Pharma-Firmen? Steuerberater? Oder die armen Banker?

    Und da soll jetzt bitte niemand, aber wirklich niemand, mehr behaupten, die FDP habe ein Interesse am arbeitenden Mittelstand oder hätte ein Interesse am Wohlergehen der Bürger in Deutschland.
    Deren Motto "Arbeit muss sich lohnen" gilt offensichtlich nicht für jeden, sondern nur für diejenigen, die in die Parteikasse einzahlen.

  3. das deutsche steuersystem ist so kompliziert geworden (oder sagen wir mal: war es schon immer), dass nur noch die steuerberater durchblicken. und selbst die müssen sich ständig über die neuerungen auf dem laufenden halten ...

    was die steuern wem bringen, nicht bringen und warum es auf lange sicht gesehen eh um andere alternativen gehen KÖNNTE,
    finden neugierige, die sich für ETHISCHE gesichtspunkte von finanzpolitik interessieren unter

    http://www.kultkino.ch/ku...
    (gegen mitte des sehr langen und interessanten filmes)

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