Andrea Nahles lümmelt noch ein wenig in der Lobby herum. Die Klausursitzung ist vorbei. Anderthalb Stunden früher als geplant. Eigentlich sollte Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier am Freitag um zwei Uhr vor die Presse treten, da man aber schon um halb eins fertig ist, hat Steinmeier um zwei Uhr längst die Fraktionsebene im Deutschen Bundestag verlassen. Auch die meisten anderen Genossen sind schon im Wochenende. Nur Nahles, die tapfere SPD-Generalsekretärin, gibt noch ein paar Pressestatements und verabschiedet die letzten Besucher.

Frau Nahles, wie geht's denn? Haben Sie nichts mehr zu diskutieren, so kennt man die SPD ja gar nicht!

Gut geht's, sagt die Generalsekretärin. In ihrer Partei mache sich eine "neue Lust auf Opposition" bemerkbar. Was sie damit meint: Erstmals seit elf Jahren müssen sich die Sozialdemokraten nicht mehr täglich für Regierungskompromisse rechtfertigen. Erstmals seit elf Jahren kann man sich ein wenig zurücklehnen und über den chaotischen Start der schwarz-gelben Bundesregierung lästern. So tankt man "neues Selbstbewusstsein", sagt Frau Nahles.

Tatsächlich hat sich bei den Sozialdemokraten eine neue Entspanntheit breit gemacht. Anders als auf früheren Parteiveranstaltungen sieht man auf dem diesjährigen Neujahrsempfang keine verkniffenen Gesichter, keine Sorgenfalten. Dafür kursieren jede Menge Witze und Spötteleien über Schwarz-Gelb, über Westerwelle, über Niebel, über Seehofer. "Steinbrück und Steinmeier waren Titanen dagegen", sagt ein Genosse mit Pils in der Hand. Jetzt zeige sich, wie wichtig die SPD-Minister in den vergangenen elf Jahren gewesen seien.

Auch "Frank-Walter" habe wieder ganz neuen Mut gefasst, berichtet Nahles. Andere Sozialdemokraten erzählen ebenfalls, dass sie kurz nach dem Wahldebakel vom September Steinmeier lieber aus dem Weg gegangen sind, da er entweder gar nichts sagte oder sich beleidigt zeigte. Jetzt sei er aber im neuen Amt aufgeblüht.

Tatsächlich hat Steinmeier auch rhetorisch den Staatsmann inzwischen abgestreift. Kräftig holzte er am Donnerstagnachmittag gegen die Regierung. Launig machte er sich dann am Abend über sie lustig: "Morgens sagt Westerwelle etwas, abends Schäuble das Gegenteil, bis Seehofer am nächsten Morgen beiden widerspricht." Und die Kanzlerin? "Die schweigt zu allem", so Steinmeier über seine Ex-Regierungschefin.