Frank-Walter Steinmeier lässt sich Zeit, bevor er zur Generalabrechnung mit Schwarz-Gelb ansetzt. Für 13 Uhr hatte sich der SPD-Fraktionschef angekündigt. Die Klausurtagung der sozialdemokratischen Abgeordneten, die an diesem Morgen begonnen hat, ist schon seit ein paar Minuten zur Mittagspause unterbrochen. Man sieht Genossen auf den Fluren des Reichtags herumstehen, telefonieren und Würstchen kauen.

Es ist viertel nach eins, als der Fraktionschef um die Ecke biegt. Er gibt sich lässig: federnde Schritte, schiefes Lächeln, eine Hand in der Hosentasche. Doch dann wird er schnell ernst. Seine Botschaft, die er loswerden möchte, ist unmissverständlich: "Die weihnachtliche Schonzeit ist vorbei", sagt er, um gleich ganz ordentlich los zu bollern. So, wie man es von ihm, dem früheren Chefdiplomaten der Republik kaum gewohnt war, wie es aber nun seine neue Rolle als Oppositionsführer erfordert.

Und so lässt er gleich eine ganze Tirade ab. Selten habe eine Regierung eine so kräftige Opposition verdient wie diese, die sogar den eigenen Wählern und Mitgliedern längst "peinlich" sei, sagt er. "Täglich" höre man von Regierungsvertretern "widersprüchliche Statements". Es gebe "kaum ein zentrales Feld", wo Gemeinsamkeiten erkennbar wären. Nach noch nicht einmal 100 Tagen im Amt sei klar, dass diese angeblichen "Wunschpartner" kein Konzept hätten.

Aber wie sieht es eigentlich mit den Gemeinsamkeiten innerhalb der neuen SPD-Führung aus? Ist Steinmeier bereit, sich von den Hartz-Reformen zu distanzieren, wie es Parteichef Sigmar Gabriel am Vortag getan hat. Immerhin gilt Steinmeier als Architekt der rot-grünen Arbeitsmarkt-Politik, als Kanzlerkandidat hat er sie noch standhaft verteidigt.

Steinmeier hat die Frage erwartet. Er runzelt die Stirn und begründet einmal mehr, warum die Agenda-Politik richtig gewesen sei. Man habe durch die Zusammenlegung von Arbeits- und Sozialhilfe vor fünf Jahren viele Menschen "aus dem Schatten geholt". Aber sieht er nicht, wie Gabriel und auch die neue Arbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) heute Nachbesserungsbedarf?

Steinmeier antwortet ein wenig verschwurbelt: Er gehöre "nicht zu denen, die sagen, was die SPD entschieden hat," sei ein "ehernes Gesetz". Und natürlich müsse man überprüfen, ob die Arbeitsmarktregelungen "unerwünschte Nebenwirkungen" mit sich gebracht hätten. Bereits als Kanzlerkandidat habe er eingeräumt, dass man bei einigen Bereichen "nachkorrigieren" müsse. So müsse man verhindern, dass viele Firmen ihre Stammbelegschaften durch Leiharbeiter ersetzten. Und er sei auch für eine längere Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I für Über-50-Jährige, ebenso wie für eine Erhöhung des Schonvermögens.