Regierungsstart 100 Tage Chaos, mal wieder

Ohne Plan, dafür viel Streit: Schwarz-Gelb ist unglücklich und unter hämischen Kommentaren gestartet. Das hat in der Bundesrepublik schlechte Tradition.

Koalitions-Frust gehört dazu, wie Ex-Außenminister Joschka Fischer und Alt-Kanzler Gerhard Schröder wissen

Koalitions-Frust gehört dazu, wie Ex-Außenminister Joschka Fischer und Alt-Kanzler Gerhard Schröder wissen

Puh, ganz schön hart, die Urteile zur ersten Zwischenbilanz der neuen Bundesregierung. Über "100 Tage Trostlosigkeit" einer "Zoff-Koalition" klagt die Bild-Zeitung. Ähnlich klingt es bei Spiegel online ("Pannenserie"), beim Tagesspiegel ("Schwarz-Gelb zerbröselt"), der Süddeutschen ("Mehr als ein Fehlstart") oder bei ZEIT ONLINE ("Vom Fehlstart zum Neustart"). Allen Kommentaren und Analysen  ist gemein, dass der anhaltende Streit der Koalitionspartner und das offenkundige Fehlen eines stringenten Regierungskonzepts bemängelt wird. Chaotisch, kleingeistig, verbiestert, schlecht vorbereitet – so regiert also Schwarz-Gelb bislang, wenn man der allgemeinen Einschätzung folgt, die selbst nicht wenige in den Koalitionsparteien teilen.

Besonders originell ist das nicht. Tatsächlich gehört es in Deutschland zur Tradition, einer neuen Regierung ein möglichst schlechtes Erstzeugnis auszustellen. Egal, ob linke oder rechte Regierung – die Vorwürfe, die gegen sie erhoben werden, ähneln sich oft bis in den Wortlaut.

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Nicht nur die Medien, auch die jeweiligen Oppositionspolitiker bedienen sich dabei aus dem gleichen Arsenal an Empörungsvokabeln. So wetterte die damalige Oppositionschefin Angela Merkel 2003, 100 Tage nach Beginn des zweiten rot-grünen Kabinetts, über "hundert verlorene Tage". Ähnliches hielt ihr nun SPD-Chef Sigmar Gabriel vor. FDP-Chef Westerwelle, der immer schon ein Faible für Superlative, hatte, sagte 2003: Rot-Grün sei die "die schlechteste Regierung seit Bestehen der Bundesrepublik". Ähnlich vernichtend klingen seine Kritiker heute, wenn sie über den vermeintlichen Lobbyismus seiner "Mövenpick-Partei" spotten und das Gestolpere der gesamten schwarz-gelben Regierungstruppe.

Den Göttinger Parteienforscher Franz Walter ärgern diese negativen Pauschalurteile. Seit Jahrzehnten könne man lesen und hören, dass jede neue Regierung "lediglich Flickwerk" betreibe, dass ihr die "große politische Linie" fehle, dass der Kanzler (oder die Kanzlerin) "nicht konzeptionell" führe. Walter schüttelt den Kopf: "Merkwürdigerweise haben wir stets den Eindruck, immer in der je aktuellen Gegenwart besonders dilettantisch und visionslos regiert zu werden."

Dabei sei das Erratische und Unfertige tatsächlich ein notwendiger Dauerzustand. Schließlich sei die Politik in Deutschland nie die "große, kühne, ordnungspolitisch streng nach einem Masterplan agierende Vollstreckerin eines Volkswillens", sagt der Parteienforscher. Sondern "stets Krisenmanagement, die Suche nach dem kleinsten Nenner, das Vertagen des Problems". Anders als beispielsweise der britische Premierminister müsse ein deutscher Kanzler auf "viele mächtige Vetospieler" Rücksicht nehmen: auf den Koalitionspartner, den Bundesrat, die Ministerpräsidenten, auf das Bundesverfassungsgericht oder die Zentralbank. So sei in Deutschland eben immer nur eine "Politik der Trippelschritte" möglich.

Nur vergisst die deutsche Öffentlichkeit gern gerade nach Machtwechseln, wie mühsam Regieren hierzulande ist. Wozu auch die vollmundige Heils-Rhetorik vieler Kandidaten beiträgt, die in die obersten Ämter drängen: Angela Merkel kündigte einst an, mit scharfen Reformen "durchzuregieren", sobald sie erst mal an der Macht sei. Hernach pries sie die "Politik der kleinen Schritte". Gerhard Schröder wollte "vieles besser machen" als sein Vorgänger – was ihm gerade zu Anfang nicht gelangt. Helmut Kohl und Guido Westerwelle beschworen jeweils eine politische "Wende", die mit ihnen käme. Kein Wunder, dass sie später, als Regierende, an diesen Ansprüchen fortwährend – und besonders in der ersten Zeit – gemessen wurden.

Dass die ersten 100 Tage wenig aufschlussreich für die Gesamtbilanz sind, zeigte sich indes immer wieder. "Hundert Tage Zick-Zack" titelte die Welt zum Start des zweiten rot-grünen Kabinetts 2003. Der Kanzler Schröder stehe für das "Ewig-Kurzfristige". Drängende Zukunftsfragen zu den Gesundheits- und Sozialsystemen würden nicht angegangen, stattdessen streite die SPD über die Mehrwertsteuer auf Schnittblumen. Dieselbe Zeitung lobt heute, sieben Jahre später, Schröders Agenda-Politik; besonders, wenn sie den beiden Nachfolgerregierungen mangelnden Reformwillen vorhält.

Erst mit zeitlichem Abstand werden die Urteile über Regierungen milder und freundlicher. Viele Unionspolitiker verehren Helmut Kohl heute als den größten lebenden Staatsmann. Dabei war unter dem Langzeitkanzler "Krise ein Dauerzustand", sagt Franz Walter. Immer herrschte Streit zwischen den Koalitionspartnern, ständig gab es Unzufriedenheiten im eigenen Lager, Kohl galt als großer Aussitzer, der nur bei der Einheit entschlossen handelte. Kurz nach seiner letzter Wiederwahl 1994 griff ein junger CDU-Landesfürst die Regierung frontal an, indem er ihr "mangelnden Reformwillen, vielleicht sogar Reformunfähigkeit" attestierte. Sein Name: Christian Wulff.

Leser-Kommentare
  1. (winnermobil) Chaos lass ich mir nicht einreden. Gegenstimmen und eigene Meinungen ja, aber nicht regierungsschädlich.

  2. Sehr schön, vielen Dank für diesen treffenden Text

  3. 3. Chaos?

    Wie winnermobil schon schrieb.
    Nein, das war auf keinen Fall `Chaos`.

    Vielleicht sollte die ZEIT mal ihre Messlatte neu eichen.

  4. Na, dann machen wir halt so weiter:

    Koloniale Aufteilung der Welt - VERPENNT
    1. Weltkrieg gen Westen - VERLOREN
    2. Weltkrieg gen Osten und gen Westen - VERLOREN
    3. Weltkrieg mit den USA und der NATO gegen den Rest der Welt - NICHT ZU GEWINNEN

    ...

    Den Rest spare ich mir, denn es wiederholt sich alles im Leben und man trifft sich immer 2x!

    • upcno
    • 04.02.2010 um 12:43 Uhr
    5. aha

    "viele mächtige Vetospieler Rücksicht nehmen: auf den Koalitionspartner, den Bundesrat, die Ministerpräsidenten, auf das Bundesverfassungsgericht oder die Zentralbank. "

    -> also ne Menge Reformbedarf...
    Unsere Verfassung (ist eigentlich keine) ist ja genau darauf ausgelegt das Regieren möglichst schwer zu machen, damit man D nicht binnen 100 Tagen gleichschalten kann. Das war unter historischen Gesichtspunkten sicher sinnvoll, man hatte ja schlechte Erfahrungen mit deutscher Demokratie. Heute ist das etwas anders zu beurteilen!

    Wie wärs, einfach mal die alte Präambel des GG lesen und ne neue Verfassung auflegen, die lange überfällig ist.
    Da kann sich keiner entziehen und man könnte auch endlich eine angemessene Föderalismusreform durchziehen, da hier direkt das Volk abstimmt und nicht der Bundesrat, der eigentlich endlich in eine angemessene zweite Kammer umgewandelt werden sollte!!!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • bediko
    • 04.02.2010 um 13:12 Uhr

    Hören Sie mal, Sie sind mir ein Schelm. Wenn ich das recht verstehe, wollen Sie wohl die vielen Bundesländer stutzen und damit sehr viele Parlamentarier, Minister und Ministerpräsidenten von den Pfründen abschneiden, von den Nutznießern in 2. und 3. Reihe garnicht zu reden. Geben Sies auf! Ist hoffnungslos! Ohne ein neues 1945 nicht zu machen. Genial von den Alliierten!

    • bediko
    • 04.02.2010 um 13:12 Uhr

    Hören Sie mal, Sie sind mir ein Schelm. Wenn ich das recht verstehe, wollen Sie wohl die vielen Bundesländer stutzen und damit sehr viele Parlamentarier, Minister und Ministerpräsidenten von den Pfründen abschneiden, von den Nutznießern in 2. und 3. Reihe garnicht zu reden. Geben Sies auf! Ist hoffnungslos! Ohne ein neues 1945 nicht zu machen. Genial von den Alliierten!

  5. Die Regierung Merkel II hat dummerweise zu Beginn die Messlatte ihres Handelns so hoch gesetzt, dass es bereits zu Beginn klar war, dass sie scheitern würde. Eine Liebesbeziehung zwischen eher homogenen Partnern sieht anders aus. Zumindest haben sich CDU/CSU und FDP immer die größten Schnittmengen in der Parteienlandschaft zugesprochen.

    Man musste ja unbedingt innerhalb kürzester Zeit ein Regierungsprogramm zusammenzimmern und es hochbelogen, dass man es in so kurzer Zeit geschafft hat. Vielleicht hätte man sich einige Programmpunkte genauer anschauen sollen und intensiver diskutieren können, bevor man aus Machtgeilheit so schnell wie möglich zur Vereidigung übergehen möchte.

    Eine Regierung wird immer danach beurteilt, wie sie selbst die Messlatte legt. Und die lag mal wieder viel zu hoch, insbesondere dank den wahnwitzigen Versprechungen von Herrn Westerwelle.

  6. 7. Na ja.

    Was soll man von dem Artikel halten?

    Nun, man könnte beim ersten Durchlesen meinen, Herr Schlieben relativiert aus reinem Herzen den verpatzten Start der schwarzgelben Koalition. Tenor: Alles halb so schlimm. Die anderen sind auch nie besser aus den Startlöchern gekommen. Das wird schon.
    Schaut man etwas genauer hin, so darf man den Schliebenschen Artikel durchaus als kleine Ergebenheitsadresse an seinen früheren Arbeitgeber und dessen Direktor Prof. Walter, der ja immerhin viermal markant zitiert wird, interpretieren.

    Was ist also wirklich von dem vorliegenden Artikel zu halten? Mmmh, ich nehme ihn einfach mal als ein weiteres Beispiel für all diese seltsamen Verquickungen und Verbindungen in der Käseglocke Berlin. Da haben die Parteipolitiker nämlich kein Monopol drauf; all die drum herum tänzelnden stakeholder können das ebenfalls recht gut.

    • sudek
    • 04.02.2010 um 13:09 Uhr

    dieses Wort dürfte schon jetzt als Wort des Jahres 2010 feststehen.

    Google-Einträge von Oktober 2009 bis 4.2.2010 : 3.540.000!!!

    Google-Einträge Koalitionsvertrag 2005 bis 4.2.2010: 144.000 !!!

    Noch nie habe ich dieses Wort so häufig gehört wie seit dem
    Start der schwarz/gelben Hornisssen...

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