Neben den vielen innenpolitischen Streitpunkten, die dieser Tage den FDP-Vorsitzenden Guido Westerwelle beschäftigen, gesellt sich nun ein außenpolitischer.

Der frühere britische Nato-Generalsekretär George Robertson , verstärkt durch zwei ehemalige Mitarbeiter der Bush-Regierung, wirft in einer Veröffentlichung des Londoner Centers for European Reform Deutschland "unverantwortliches" Verhalten vor, weil Westerwelle auf die Beseitigung der rund 20 noch auf deutschem Boden lagernden taktischen Atomwaffen der US-Luftwaffe drängt. Und leider fällt es schwer, ihn gegen diesen Angriff überzeugend zu verteidigen.

Es war dies die einzige konkrete Forderung des neuen Außenministers, und er bestand darauf, sie im Koalitionsvertrag der schwarz-gelben Koalition festzuschreiben: Die Bundesregierung werde sich "im Bündnis sowie gegenüber den amerikanischen Verbündeten dafür einsetzen, dass die in Deutschland verbliebenen Atomwaffen abgezogen werden." Auf der jüngsten Münchener Sicherheitskonferenz hat er die Forderung wiederholt, dieses "Relikt des Kalten Krieges" endlich abzuschaffen.

Auf den ersten Blick klingt das einleuchtend. Deutschland ist nicht bedroht. Die Wahrscheinlichkeit eines neuen militärischen Konflikts in Europa , in den nukleare Waffen einbezogen würden, ist so gering, dass dieser praktisch ausgeschlossen werden kann. Die sogenannten taktischen Atomwaffen sind in der Tat Überbleibsel einer verflossenen Zeit und waren auch damals schon von zweifelhaftem strategischen Sinn. Und hat nicht Präsident Obama selbst als Ziel gesetzt, alle Atomwaffen abzuschaffen? Der Außenminister, könnte man meinen, ist bereit zu handeln, wo andere nur reden.

Auf den zweiten Blick sieht man jedoch besser, und dafür hat Westerwelle sich nicht Zeit gelassen. Denn zum einen berührt die deutsche Initiative nicht nur das eigene Land und die eigene Sicherheit, sondern auch andere Nato-Partner und deren Sicherheit, wenigstens wie diese sie verstehen. Zum anderen hat Russland das Vielfache derartiger Atom-Sprengköpfe in seinem Arsenal, hätte aber wenig Anreiz, deren Zahl zu vermindern, wenn der Westen auf seinen Bestand einseitig verzichten wollte.

Insgesamt gibt es taktische amerikanische Atomwaffen außer in Deutschland noch in Belgien , den Niederlanden , Italien und der Türkei . Die deutsche Forderung, so Robertson & Co, öffnet eine Büchse der Pandora, weil sie die Regierungen dieser Länder wachsender Kritik ihrer Bürger an der atomaren Teilhabe aussetzt und den amerikanischen nuklearen Schutzschirm über Europa schwächt, auf den auch Deutschland ja nicht gänzlich verzichten will.