Strategie der Regierung Westerwelle bewertet Afghanistan-Einsatz neu

Ganz so weit wie sein Kabinettskollege Guttenberg wollte Westerwelle nicht gehen. Doch auch er definiert den Bundeswehr-Einsatz neu: als einen "bewaffneten Konflikt".

Außenminister Guido Westerwelle (FDP) hat in seiner Regierungserklärung zum Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr eine rechtliche Neubewertung des Konflikts vorgenommen. Es handele sich um einen "bewaffneten Konflikt im Sinne des humanitären Völkerrechts", sagte er im Bundestag. "Ob uns das gefällt oder nicht, so ist die Lage."

Westerwelle wies ausdrücklich darauf hin, dass die Einstufung als "bewaffneter Konflikt" rechtliche Konsequenzen für das Handeln der deutschen Soldaten sowie auch für dessen mögliche strafrechtliche Bewertung habe. "Die Dinge beim Namen zu nennen, sind wir all denen schuldig, die sich vor Ort den Gefahren aussetzen", fügte er hinzu.

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Bislang hatte die Bundesregierung eine genaue Qualifizierung des Einsatzes vermieden. Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) hatte von einer kriegsähnlichen Situation gesprochen. Wie aus Koalitionskreisen verlautete, hat sich die Regierung in Abstimmung mit dem Verteidigungsministerium jetzt auf die Bewertung als bewaffneter Konflikt verständigt.

Vor dem Parlament warb Westerwelle für eine Zustimmung zum neuen Mandat für den Einsatz der Bundeswehr am Hindukusch, den das Kabinett am Dienstag beschlossen hatte. Ein einfaches "Weiter so" reiche nicht aus, um am Hindukusch voranzukommen, sagte der Vize-Kanzler und gab dabei ausdrücklich SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier Recht. Dieser hatte in einer früheren Erklärung dieselben Worte gefunden.

Offenbar kann die Regierung mit Unterstützung der Sozialdemokraten rechnen. Steinmeier nannte die Entscheidung der Regierung, mehr Ausbilder nach Afghanistan, "gut und richtig". Wenn Innenminister Thomas de Maizière diese Vorhaben "gut und richtig" umsetzen werde, habe er die "volle Unterstützung" der SPD, sagte Steinmeier vor dem Bundestag. 

Der frühere Außenminister warnte seinen Amtsnachfolger in puncto der geplanten zusätzlichen Reserve-Einheit jedoch vor "Tricks". Das Thema sei bei vielen Parlamentariern noch nicht durch, sagte Steinmeier. Viele befürchteten, dass auch die dafür vorgesehenen 350 Soldaten entgegen der Planungen dauerhaft am Hindukusch im Einsatz sein würden. "Da müssen Sie, Herr Westerwelle, noch viel Überzeugungsarbeit leisten."

Die Bundesregierung will 500 zusätzliche Soldaten dauerhaft nach Afghanistan schicken. Damit steigt der Gesamtumfang des Kontingents auf 5000 bis 5500 Soldaten. Deutlich verstärkt werden soll die Ausbildung afghanischer Sicherheitskräfte, für die künftig 1400 statt bisher 280 Soldaten zuständig sein sollen, sowie die deutsche Aufbauhilfe für Afghanistan. Dies steht im Einklang mit der Ende Januar auf der Afghanistan-Konferenz in London verabredeten Strategie der internationalen Gemeinschaft.

Das Kabinett hatte das neue Mandat für die Bundeswehr am Dienstag beschlossen. Noch vor Ende des Monats soll der Bundestag darüber abstimmen.

Die Verstärkung der Bundeswehrtruppe soll nur vorübergehend gelten. Ab Ende 2011 will die Bundesregierung die Verantwortung Schritt für Schritt an die afghanischen Sicherheitskräfte übergeben. "Wer die Übergabe der Verantwortung in den kommenden Jahren erreichen will, der muss heute seine Anstrengungen verstärken", sagte Westerwelle. Einen Termin für den vollständigen Abzug der Bundeswehr nannte der FDP-Chef nicht. Dies "wäre eine Ermutigung der Terroristen, also ein Fehler."

Zuvor plädierte Verteidigungsminister Guttenberg für mehr Realismus im Rahmen des Afghanistan-Einsatzes. "Jetzt mag man mir Zynismus vorwerfen, aber ich glaube, wir müssen diese Zielsetzungen auf ein realistisches Maß runterschrauben, um überhaupt über einen Erfolg sprechen zu können", sagte er. Aus Afghanistan eine Demokratie nach Westminster-Maßstäben zu schaffen, sei in seinen Augen eine Illusion. Ziel werde sein, ein Grundmaß an Stabilität zu schaffen und dafür zu sorgen, dass von Afghanistan keine Gefährdung für die internationale Sicherheit ausgehe.

 
Leser-Kommentare
  1. Wie Krieg aussieht, kann in Videos angeguckt und in Berichterstattungen nachgelesen werden. Also - am heutigen Tage meint der Herr Außenminister, im Gegensatz zu bisherigen Einlassungen, dass es so sein soll, wie es die Medien in ihrer Kriegsberichterstattung schreiben. Dann sollte er gleich weiteres vom Kriege lernen, z.B., dass Aufklärungsergebnisse immer lückenhaft sind, der Gegner kaum Uniform trägt und somit keine Unterscheidung zwischen unbeteiligten Zivilisten und Feinden getroffen werden kann, dass jedes Gefecht neu ist und Entscheidungen in Minutenschnelle getroffen werden müssen, dass man mindestens Offizier sein muss, um militärische Verschlussachen überhaupt verstehen zu können, dass es sich um eine weltweite Auseinandersetzung handelt und die Stabilisierung der "Heimatfront" als Flankierung der Einsätze zentral ist. Da nach allen Erfahrungen der letzten Zeit die Regierung zu erbitterten Kriegsgegnern mutiert, wenn dann tatsächlich geschossen wird, sollte es sich der Bundestag noch einige Male überlegen, ob er solche Abenteuer mit solchen Leitungsorganen wagen soll. So bleibt nur die Widersinnigkeit, dass Militärische Kommandeure kaltgestellt, entlassen und gemaßregelt werden, wenn sie das praktiziert haben, was jetzt durch Aufstockung des Truppenkontingentes in die Tat umgesetzt werden soll. Wir werden jetzt von Regierung und Bundestag dann wieder die nunmehr vertrauten Sowohl-Als-Auch-Reden hören, dass man dafür ist, weil man dagegen ist.

  2. 2.

    Ganz so weit will er nich tgehen? Er sagt "bewaffneten Konflikt im Sinne des humanitären Völkerrechts""

    VÖLKERRECHT! Deswegen nennen wir das doch nicht Krieg! JEtzt soll also das Völkerrecht greifen. Das sit eine völlig andre rechtliche lage.

  3. 3. ps

    Ich finde dieses neue Eingeständnis verdächtig. Hatte die FDP nicht gerade eine "kreisensitzung" um bis zur NRW wahl wieder beliebt zu sein? Das würde jedenfalls diese, vemrutlich populäre, kehrtwende erklären.

  4. Mich wundert die neue Vorsicht beim Wort Krieg.
    Der Kosovokrieg 1998 war auch ein innerer Konflikt des Staates Jugoslawien. Er ging genau mit der Bezeichnung Kosovokrieg in die Annalen ein.
    Wenn ein "Krieg" nach Völkerrecht nur ein bewaffneter Konflikt mehrerer Staaten ist, dann gibt es immer noch den Begriff "Bürgerkrieg", bei dem Gruppen innerhalb eine Staates einen bewaffneten Konflikt führen. Warum nennt man den Konflikt in Afghanistan nicht einen Bürgerkrieg und die NATO ist an diesem Bürgerkrieg gegen die Taliban beteiligt.

  5. Westerwelle hat wieder gezeigt, wie hilfreich juristische Spitzfindigkeiten alles wieder in Recht und Ordnung zurecht
    rücken.
    Man muss einen Weg finden um Oberst Klein entsprechende Rückendeckung zu geben, es kann doch nicht sein, daß man bei einem Bürgerkrieg in einem fremden Land einfach fremde Soldaten (USA) zur Luftunterstützung ruft, die dann den Auftrag erhalten in einem Bürgerkrieg feindliche Soldaten abzuschießen und damit dann auch noch in Kauf nimmt, daß Zivilisten - die man sicher beobachtet hat - mit umbringt.
    Wenn die fremden Armeen in einem Bürgerkrieg tätig werden, sollten sie Friedeneinsätze machen und nicht selber auch Krieg spielen. Oberst Klein hat jetzt nicht nur Rückendeckung von Guttenberg, sondern auch von Westerwelle.
    Aber die NATO scheint diesen Angriff doch ganz anders zu sehen?

    Man will ja auch gleichzeitig noch mehr Soldaten schicken, das ist Sinn und Fakt dieses Geredes. Das Ziel scheint erreicht, denn auch die SPD ist gerade dabei alle erwägten Widersprüche aufzugeben und alles "gut" zu heißen.

    Dieser Krieg kann nie gewonnen werden - Aussage Helmut Schmidt, Altkanzler - aber das kann Merkel, Westerwelle und Guttenberg nicht akzeptieren, man muß ohne Gesichtsverlust diesen Krieg weiterführen.
    An die weitere Gefährdung unserer Soldaten denkt man nicht mehr, sie haben zu dienen und die Entscheidungen den Politikern zu überlassen. Wieviele Soldaten sollen noch fallen, ehe man ein Umdenken der Politiker erwarten kann!

    Raus aus Afghanistan

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