Kommentar zum Urteil Das Ende der Willkür

Selten hat ein Urteil sozialpolitische Ignoranz so bloßgestellt wie der Richterspruch zu Hartz IV. Er ist ein Offenbarungseid für die Politik.

Die Berechnung der Hartz-IV-Regelsätze genüge dem Grundrecht auf eine menschenwürdige Existenz nicht, urteilten die Karlsruher Richter

Die Berechnung der Hartz-IV-Regelsätze genüge dem Grundrecht auf eine menschenwürdige Existenz nicht, urteilten die Karlsruher Richter

Dieses Urteil wird in die deutsche Geschichte eingehen: Das Bundesverfassungsgericht hat das Zustandekommen der Hartz-IV-Regelsätze als grundgesetzwidrig eingestuft. Es kippte damit einen wesentlichen Teil einer Reform, die Deutschland wie kaum eine andere verändert hat. Die Hartz-IV-Gesetzgebung, 2003 von Rot-Grün auf den Weg gebracht, spaltete das Land. Sie infizierte die Bevölkerung mit einem bis dahin vor allem in der Mittelschicht völlig unbekanntem Gefühl: der Furcht vor raschem sozialem Abstieg. Sie demütigt Monat für Monat Millionen Hilfsbedürftige. Und sie brachte die SPD an den Rand des Abgrundes.

Wird nun alles anders? Nein, nicht alles. Weder wird sich die SPD durch dieses Urteil erholen, auch wenn sie vielleicht davon träumt, noch wird der Bevölkerung die Angst vor dem Abstieg genommen. Denn die Karlsruher Richter haben nicht die Höhe der Hartz-IV-Regelsätze kritisiert. Sie haben auch keine explizite Erhöhung der Sätze verlangt. Sie haben mit ihrem Urteil einen viel wichtigeren Beitrag geleistet: Sie haben der Politik einen Spiegel vorgehalten. Einen Spiegel, der ungeschminkt die Fratze der Willkür zeigt.

Anzeige

Das war es, was die Beamten im Arbeitsministerium seinerzeit praktizierten. Willkürlich legten sie die Hartz-IV-Sätze fest. Ihr Leitmotiv war nicht der tatsächliche Bedarf der Langzeitarbeitslosen und deren Familien, ihr Kriterium war nicht das Existenzminimum, nicht die Menschenwürde. Die Basis ihrer Berechnungen war eine simple Zahl, vorgegeben von der Bundesregierung: 345 Euro im Monat sollten zur Grundsicherung ausreichen, das stand schon fest, bevor im Arbeitsministerium überhaupt damit begonnen wurde, über die tatsächlichen oder vermeintlichen Bedürfnisse der Betroffenen nachzudenken.

Die anschließenden Bedarfsberechnungen waren ein Hohn: Man zog Datensätze des statistischen Bundesamtes zu Rate, in denen aufgelistet war, für was die einkommensschwächsten 20 Prozent der Bevölkerung ihr Geld ausgeben. Man erkannte, dass einige wenige der dort aufgeführten Singles sich auch Pelze und Segelflugzeuge angeschafft hatten. Also zogen die Ministerialbeamten in den Rubriken Kleidung und Freizeit einige Euro ab, verschob ein paar Beträge – und landete am Ende exakt bei 345 Euro.

Noch unverfrorener und ignoranter ging man anschließend bei der Ermittlung der Kindersätze zu Werke, denn hier kam das Ministerium gänzlich ohne Berechnungen aus. Stattdessen wurde der Erwachsenensatz einfach pauschal gekürzt – mit absurden Folgen: Einem Baby steht rechnerisch Geld für Kneipenbesuche zur Verfügung, aber keines für Windeln. Und ein heranwachsender 17-Jähriger hat laut Gesetz exakt 80 Prozent so viel Hunger wie seine Mutter. Geld für Bildung war bei Erwachsenen nicht vorgesehen, also auch nicht für Kinder. Erst später wurde ein – wiederum pauschaler – Betrag für Schulhefte, Stifte und Bücher eingeführt.

Dieser Herrschaft der Willkür hat das Bundesverfassungsgericht heute einen Riegel vorgeschoben. Das ist das Signal dieses großen Urteils. Es hat allen Beteiligten vorgeführt, an welcher schändlichen, menschenverachtenden Politik sie sich beteiligt haben.

Deshalb sollten sich SPD und Grüne hüten, nun allzu laut zu jubeln. Denn sie waren es, die diese Willkürherrschaft nicht nur toleriert, sondern forciert hatten. Sie waren es, die die Hartz-IV-Sätze gegen alle Kritik von Sozialverbänden verteidigt haben. Das gilt im gleichen Maße für Union und FDP.

Nein, dieses Urteil fordert von der Politik vor allem eines ein: Demut. Demut vor dem Grundgesetz, Demut vor der Menschenwürde, Demut angesichts der beschämend langen fünf Jahre, in denen die jetzt kassierten Hartz-IV-Sätze Realität für Millionen Menschen waren.

Die Folgen des Urteils sind noch nicht absehbar. Ebenso, ob und um wie viel Zahlungen erhöht werden müssen. Der Staat muss nun endlich erst einmal den wirklichen Bedarf der Hilfsbedürftigen ermitteln. Klar scheint aber schon, dass die Hartz-IV-Sätze für Kinder dadurch um etwa 20 Prozent steigen könnten. Allein das wird den Bund Milliarden kosten.

Gleichzeitig muss die Bundesregierung aber auch das Lohnabstandsgebot einhalten: Jemand, der arbeitet, muss am Ende des Monats mehr auf dem Konto haben als ein Hartz-IV-Empfänger. Das könnte – ob Schwarz-Gelb will oder nicht – am Ende die Einführung eines allgemeinen Mindestlohns nötig machen. Denn der einfache Weg, den Regelsatz so festzulegen, dass er unter dem Einkommen von Geringverdienern liegt, ist nun versperrt.

Sicher ist in jedem Fall, dass Bund und Kommunen in diesem Jahr deutlich mehr Geld für Sozialleistungen ausgeben müssen als in den Etats vorgesehen. Denn das Bundesverfassungsgericht erlaubt es allen Hilfeempfängern, bis zur Neuregelung der Sätze zusätzlichen Bedarf anzumelden. Finanzminister Wolfgang Schäuble kann schon mal anfangen zu rechnen, was dann noch für eine Steuerreform übrig bleibt.

 
Leser-Kommentare
  1. Dieser Kommentar ist, wie das BVG-Urteil selbstverständlich auch, sehr sehr lesenswert. Die 2003 mit allgemeiner Zustimmung (die Union stimmte nicht nur zu, sondern bestimmte diese Gesetzgebung - mitsamt der FDP - über den Bundesrat wesentlich mit!)erfolgte Zusammenlegung von Arbeitslosen- und Sozialhilfegeldern hat innerhalb der deutschen Gesellschaft verheerende Folgen. Die Selbstgerechtigkeit, mit der Politiker der vier genannten Parteien gegen Lafontaine, Gysi und andere loszogen, wird in diesem Urteil derart demaskiert, dass es an der Zeit wäre, auch in den Medien endlich zur Kenntnis zu nehmen, dass nicht das, was "alle" gegen "die einen" sagen, deshalb automatisch oder "natürlich" rechtmässig sei, geschweige denn "wahr" oder dergleichen Behauptungen mehr.

    Ich will hier nur noch daran erinnern, wer damals der federführende Politiker von Rotgrün war: Der Ex-SPD-Arbeits- und Wirtschaftsminister Clemens. Seine ignorante Arroganz gegenüber Kritik, die bis heute anhält, ist Teil der Zustände, welche zu diesem bemerkenswerten Urteil des BVG geführt haben.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    viell. auch noch, dass sich Clement nicht auf ignorante Ignoranz gegenüber Kritikern beschränkt, sondern, wie diese Zeitung hier auch, konkrete Schritte unternommen hat, deren politischen Einfluss zu minimieren.

    Was wir hier seinerzeit zu den Wahlen in Hessen lesen durften - vom 'Stalin am Main' J. Joffes bis hin zu 'normalen' Bildunterschriften wie 'Fratze der Macht' (ein besonders unschmeichelhaftes Foto von Frau Ypsilanti) sprengte in meinen Augen den Rahmen des Erträglichen bei Weitem.

    Clements Intervention vor der Hessen-Wahl kostete die Hartz-Kritikerin dort vermutlich jene Stimmen, die gereicht hätten, eine Mehrheit ohne Linkspartei zu erringen, und ihm verdanken wir es wohl zu einem grossen Teil mit, dass Roland Koch seine Beschimpfungen von Arbeitslosen als Ministerpräsident von sich geben kann.

    Dass das Gericht die Würde des Menschen in seiner Begründung so hervorhebt, weist auch einen Weg aus der Krise: Statt eines Menschenbilds, das ihn wahlweise zum Kostenfaktor oder Konsumenten degradiert, bezieht sich das Gericht auf eine Stärke unserer Grundordnung: Ingenuität und Kreativität sind gegeignet, Schwierigkeiten zu überwinden, Freiräume, die viele Kommentatoren hier niemandem zugestehen wollen, können zu einer Erneuerung der Gesellschaft führen (und vermutlich auch wirtschaftlich gesehen neue Wege aufzeigen).

    Lohnsklaven, die mit Hartz4 zur Arbeit gepeitscht werden sollen und dort zu kuschen haben, haben zu wenig Chancen, ihre wahren Fähigkeiten einzubringen.

    viell. auch noch, dass sich Clement nicht auf ignorante Ignoranz gegenüber Kritikern beschränkt, sondern, wie diese Zeitung hier auch, konkrete Schritte unternommen hat, deren politischen Einfluss zu minimieren.

    Was wir hier seinerzeit zu den Wahlen in Hessen lesen durften - vom 'Stalin am Main' J. Joffes bis hin zu 'normalen' Bildunterschriften wie 'Fratze der Macht' (ein besonders unschmeichelhaftes Foto von Frau Ypsilanti) sprengte in meinen Augen den Rahmen des Erträglichen bei Weitem.

    Clements Intervention vor der Hessen-Wahl kostete die Hartz-Kritikerin dort vermutlich jene Stimmen, die gereicht hätten, eine Mehrheit ohne Linkspartei zu erringen, und ihm verdanken wir es wohl zu einem grossen Teil mit, dass Roland Koch seine Beschimpfungen von Arbeitslosen als Ministerpräsident von sich geben kann.

    Dass das Gericht die Würde des Menschen in seiner Begründung so hervorhebt, weist auch einen Weg aus der Krise: Statt eines Menschenbilds, das ihn wahlweise zum Kostenfaktor oder Konsumenten degradiert, bezieht sich das Gericht auf eine Stärke unserer Grundordnung: Ingenuität und Kreativität sind gegeignet, Schwierigkeiten zu überwinden, Freiräume, die viele Kommentatoren hier niemandem zugestehen wollen, können zu einer Erneuerung der Gesellschaft führen (und vermutlich auch wirtschaftlich gesehen neue Wege aufzeigen).

    Lohnsklaven, die mit Hartz4 zur Arbeit gepeitscht werden sollen und dort zu kuschen haben, haben zu wenig Chancen, ihre wahren Fähigkeiten einzubringen.

  2. Artikel 1 Punkt 1 im Grundgesetz sagt das die Würde des Menschen unantastbar ist. Sie zu achten und zu schützen ist
    Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.

    Es gibt nach dem World Wealth Report über 800,000 Millionäre in Deutschland.

    Man sollte sich schämen das es in Deutschland Suppenküchen GIBT, anstatt zu verlangen das man diese besucht, denn das ist Würdelos in diesem Land.

    Antwort auf "Sozialstaatsadel"
    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Was haben Sie gegen Suppenküchen? Ich engagiere mich seit langem in einer solchen. Das essen ist meist sehr gelungen.

    Vielen auf Irrwege geratenen Menschen ist auch wesentlich mehr damit geholfen, unter andere Menschen zu gehen/gehen zu müssen. Denn für viele ungelöste Alltagsprobleme konnte im Gespräch oft eine pragmatische Lösung gefunden werden. Auch kann man oft beobachten, dass unter Besuchern soziale Kontakte und ein "füreinander einstehen" entsteht, was im Interesse aller ist. Denn oft sind hilfsbedürftige sehr einsam.

    Man muss natürlich zusehen, dass "die Richtigen" die Trägerschaft übernehmen.

    Menschen, die in Suppenküchen gehen, haben zuvor etwas falsch gemacht. Bei veranwortungsvollem Umgang mit Hartz 4 ist es nicht nötig in die Suppenküche zu rennen.

    Wenn Menschen dieses Angebot nutzen, dann ist das okay. Doch das Millionäre für die sozialen Missstände verantwortlich sein sollen ist ungerecht und falsch.

    Das deutsche Sozialsystem belastet immer nur die Leistungsträger und bietet diesen keine Anreize für ihr Tun und Handeln in Form von Arbeit belohnt zu werden.

    Nicht die Gesunden werden gefördert, sondern die Kranken entlastet.

    Paradox

    • upcno
    • 10.02.2010 um 2:34 Uhr

    bedeckt das wesentliche, lässt aber vieles offen...
    800.000 Millionäre also, dass macht bei 82 Mio. Einwohnern knapp unter 1%. Soviel ist das jetzt auch nicht!

    Aber hauptsache große Zahlen, übrigens mein auto ist
    50.000W Motorleistung, bin ich ein Klimaferkel.

    Absolut wertlose Effekthascherei.

    Was haben Sie gegen Suppenküchen? Ich engagiere mich seit langem in einer solchen. Das essen ist meist sehr gelungen.

    Vielen auf Irrwege geratenen Menschen ist auch wesentlich mehr damit geholfen, unter andere Menschen zu gehen/gehen zu müssen. Denn für viele ungelöste Alltagsprobleme konnte im Gespräch oft eine pragmatische Lösung gefunden werden. Auch kann man oft beobachten, dass unter Besuchern soziale Kontakte und ein "füreinander einstehen" entsteht, was im Interesse aller ist. Denn oft sind hilfsbedürftige sehr einsam.

    Man muss natürlich zusehen, dass "die Richtigen" die Trägerschaft übernehmen.

    Menschen, die in Suppenküchen gehen, haben zuvor etwas falsch gemacht. Bei veranwortungsvollem Umgang mit Hartz 4 ist es nicht nötig in die Suppenküche zu rennen.

    Wenn Menschen dieses Angebot nutzen, dann ist das okay. Doch das Millionäre für die sozialen Missstände verantwortlich sein sollen ist ungerecht und falsch.

    Das deutsche Sozialsystem belastet immer nur die Leistungsträger und bietet diesen keine Anreize für ihr Tun und Handeln in Form von Arbeit belohnt zu werden.

    Nicht die Gesunden werden gefördert, sondern die Kranken entlastet.

    Paradox

    • upcno
    • 10.02.2010 um 2:34 Uhr

    bedeckt das wesentliche, lässt aber vieles offen...
    800.000 Millionäre also, dass macht bei 82 Mio. Einwohnern knapp unter 1%. Soviel ist das jetzt auch nicht!

    Aber hauptsache große Zahlen, übrigens mein auto ist
    50.000W Motorleistung, bin ich ein Klimaferkel.

    Absolut wertlose Effekthascherei.

    • dapeda
    • 09.02.2010 um 16:00 Uhr

    hatten wir in Österreich keine Wiedervereinigung zu verkraften. Gottseidank hat es etwas wir Hartz IV in dieser Ausprägung bei uns noch nicht gegeben und ist so etwas auch nicht geplant. Allen (besonders aber den neoliberalen) Regierungen sei ins Stammbuch geschrieben: Wenn man als Prämisse "Die Menschen zuerst" ansetzt, ist sogar ein arbeitsfreies Grundeinkommen machbar - man muss nur auf einen Teil der Kriegsvorbereitungen verzichten, die alle Länder ständig treffen. Denn was sonst sind "Verteidigungsausgaben" im Frieden.

    An Frau Julia09 sei noch der Aufruf gerichtet, doch bitte nicht den Unkenrufen der neoliberalen NLP-Schalmeien zu folgen. Das was die fordern und Sie nachbeten, hat Europa nicht das hohe ethische und materielle Wohl gebracht, das wir trotz allem immer noch haben. Nein, es war die ausgewogene Solidarität.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Unternehmen, die nur aufgrund von staatlicher Aufstockung der Löhne ihrer Arbeitnehmer im Markt bleiben, sind langfristig unwirtschaftlich und gehören eigentlich nach rein marktwirtschaftlichem Verständnis dort nicht hin. Liegt der (Mindest)Lohn über der Produktivität/Wertschöpfung, so rechnet sich das wiederum für den Unternehmer nicht. Der Unternehmer wird den Arbeitsplatz mittelfristig aus Kostengründen abbauen. So werden Arbeitsplätze vernichtet, gerade für Personen mit geringerer Produktivität.

    Mit Aufstockerlöhnen halten Unternehmer ihre unwirtschaftlichen Unternehmen am Markt und verdienen daran. Hartz vier begünstigt dies, weil es den freien Markt aushebelt und Unternehmen sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichern.

    Andererseits liegt die Produktivität/Wertschöpfung einzelner unter dem Existenzminimum, sei es selbstverschuldet (kein (Aus)Bildungsexistenzminimum) oder unverschuldet (Unfall, Krankheit, Behinderung). Insoweit besteht hier auch wieder die staalliche Fürsorgepflicht, den Lohn bis zu Exisstenzminimum aufzustocken. Geringqualifizierung sollte aber nicht dazu führen, von allem freigestellt zu werden und nur noch Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Sozialarbeiter und Erzieherinnen kümmern sich, Psychologen helfen, Polizisten schlichten, Rechtsanwälte führen Prozesse, Ärzte heilen.

    Wann ist Solidarität ausgewogen?

    Unternehmen, die nur aufgrund von staatlicher Aufstockung der Löhne ihrer Arbeitnehmer im Markt bleiben, sind langfristig unwirtschaftlich und gehören eigentlich nach rein marktwirtschaftlichem Verständnis dort nicht hin. Liegt der (Mindest)Lohn über der Produktivität/Wertschöpfung, so rechnet sich das wiederum für den Unternehmer nicht. Der Unternehmer wird den Arbeitsplatz mittelfristig aus Kostengründen abbauen. So werden Arbeitsplätze vernichtet, gerade für Personen mit geringerer Produktivität.

    Mit Aufstockerlöhnen halten Unternehmer ihre unwirtschaftlichen Unternehmen am Markt und verdienen daran. Hartz vier begünstigt dies, weil es den freien Markt aushebelt und Unternehmen sich auf Kosten der Allgemeinheit bereichern.

    Andererseits liegt die Produktivität/Wertschöpfung einzelner unter dem Existenzminimum, sei es selbstverschuldet (kein (Aus)Bildungsexistenzminimum) oder unverschuldet (Unfall, Krankheit, Behinderung). Insoweit besteht hier auch wieder die staalliche Fürsorgepflicht, den Lohn bis zu Exisstenzminimum aufzustocken. Geringqualifizierung sollte aber nicht dazu führen, von allem freigestellt zu werden und nur noch Dienstleistungen in Anspruch zu nehmen. Sozialarbeiter und Erzieherinnen kümmern sich, Psychologen helfen, Polizisten schlichten, Rechtsanwälte führen Prozesse, Ärzte heilen.

    Wann ist Solidarität ausgewogen?

  3. Ihre komplett am leben mit 359 € vorbeilaufende Paraderede [...] schweigt über die systemimmanten Gründe der Arbeitslosigkeit und ist faktisch falsch.Außer ihre Lohnvorstellungen für das "Segment geringqualifizierter" ist am asiatischen Lohnniveau orientiert .Wer heute Suppenküchen fordert wird morgen Mietzuschüsse zugunsten von "Heimen" anpreisen [...]

    Bitte verzichten Sie auf persönliche Beleidigungen. Danke. Die Redaktion/sh

    Antwort auf "Sozialstaatsadel"
    • LH
    • 09.02.2010 um 16:06 Uhr

    Solange Arbeitslose nicht die völlig freie Wahl haben, entweder Sozialleistungen in Anspruch zu nehmen oder zu einem (höheren) angebotenen Lohn zu arbeiten, ist die Annahme, die niedrigsten Löhne würden natürlich über dem Existenzminimum liegen, ziemlich unfundiert.
    Stattdessen ist es naheliegend anzunehmen, dass der Lohn eines unqualifizierten Arbeiters in der Regel im Bereich des Existenzminimums liegen wird, ganz egal wo man dieses Existenzminimum definiert.
    Das eigentlich perverse an Hartz4 ist, dass es dadurch möglich wurde die niedrigsten Löhne sogar unter das Existenzminimum zu drücken und der Staat so das Lohndumping von Unternehmen aus der Staatskasse fördert. Das war aber wohl der eigentliche Zweck der Reform (Schaffung eines Niedriglohnsektors).

    Antwort auf "Sozialstaatsadel"
  4. Wissen die Propagandisten von Mindestlöhnen eigentlich, worauf sie sich da einlassen? Die hohe französische Jungendarbeitslosigkeit ist eine direkte Folge von Mindestlöhnen. Will man solche Effekte?

    Es ist doch eigentlich ganz einfach: Liegt der Lohn über der Produktivität/Wertschöpfung, so rechnet sich das für den Unternehmer nicht. Der Unternehmer wird den Arbeitsplatz mittelfristig abbauen, da er sonst pleite geht. Arbeitsplätze werden vernichtet, gerade für Personen mit geringerer Produktivität.

    Liegt der Mindestlohn aber so niedrig, dass keine Arbeitsplätze vernichtet werden, dann kann man ihn sich auch sparen. Denn er verursacht dann keine Wirkung und kostet nur Bürokratie.

    Wie man es dreht und wendet, regulierte Kombilohnmodelle sind da für Niedrigverdiener auf dem 1. Arbeitsmarkt klüger.

    Es ist zudem ein Irrtum, dass es nicht genug Arbeit gibt. Es gibt unendlich viel Arbeit, es mangelt nur an Leuten, die den geforderten Lohn zu zahlen bereit sind. Gerade in kommunalen und sozialen Bereichen gibt es viel, was liegen bleibt, weil eben das Geld für den Lohn fehlt.

    Hier wäre es klüger, Erwerbsfähigen keinen Anspruch auf Geld fürs Nichts tun zu geben, sondern für Transferleistungsempfänger einen gemeinwohlorientierten 2. Arbeitsmarkt zu organisieren, indem eben der ALGII- Empfänger der Gesellschaft eine Gegenleistung für seinen Unterhalt erbringt.

    Sozialmissbrauch würde sich dann massiv verringern. Hilfe könnte präziser organisiert werden.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Zunaechst: Wie schoen, dass wir eine im Grunde funktionsfaehige Justiz haben, die den Ergebnissen der Politik-Wirtschafts-Verpflechtungen entgegenzutreten vermag. Das ist wirklich ein Grund, Respekt vor unseren Institutionen zu haben.

    Natuerlich ist das Problem dadurch nicht erledigt, das zu Hatz IV gefuehrt hat (Arbeitslosigkeit, in der Folge Transferleistungsanstieg). Noch weniger sind die Probleme geloest, die durch Hartz IV neu hinzugekommen sind (Abstiegsfurcht, Verarmung, Entsolidarisierung, Vermehrung von Niedriglohn- und Schwarzarbeit).

    Ziele? - Die Erwerbslosigkeit senken (denn Arbeit gibt es wirklich genug, aber zu wenig Zahlungsbereitschaft), dabei den Abstand von Transferleistungen zu den niedrigen Lohngruppen vergroessern. Zugleich Arbeitsmotivation erhoehen und die Neid-Ausgrenzungs-Tendenzen eindaemmen.

    Gut, dann gibt es vermutlich nur ein wirkungsvolles Mittel, allen Unkenrufen zum Trotze: ein bedingungsloses Grundeinkommen - fuer alle (inklusive Kinder...) - etwa auf Hoehe des jetzigen Hartz-IV-Satzes. Jede auch gering bezahlte Arbeitsstunde waere dann Zusatzeinkommen - entgegen der Situation mit Hartz IV, in der gering bezahlte Arbeit nicht lohnt.

    Der bekannten Kritik, dass dieses Modell zuviel koste, sei entgegengestellt, dass Schwarzarbeit uninteressant, Arbeitslosigkeit durch Erwerbsmotivation abgeloest und die Buerokratiekosten bei Hartz IV gespart wuerden. Bitte mal rechnen.

    Ich warte nicht OB, sondern WANN die Politik dieses Modell umsetzt...

    Jugendarbeitslosigkeit ist eine Folge von Mindestlöhnen?

    Zitat:> Vor allem in der Phase des Übergangs von der obligatorischen Schule zur Berufsbildung sind Jugendliche besonders anfällig für Arbeitslosigkeit. Eine weitere entscheidende Phase ist die Zeit nach der Berufsausbildung. Hier geht es darum den ersten Schritt in den Arbeitsmarkt zu schaffen. Vor allem zu Zeiten schlechter Wirtschaftslagen oder struktureller Veränderungen kommt es dazu, dass Betriebe bei den Lehrstellen sparen. ... beim Eintritt in den Arbeitsmarkt .... Muss sich ein Unternehmen zwischen einem erfahrenen Arbeitnehmer und einem gerade aus der Ausbildung kommenden entscheiden, wird oftmals dem berufserfahreneren der Vorzug gegeben.<

    Quelle:http://www.exika.de/Jugendarbeitslosigkeit

    und auch der Artikel:
    http://www.welt.de/print-...
    ist in dem Zusammenhang recht interessant
    Zitat: >Während die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland bei neun Prozent liegt, hat sie in Frankreich 25 Prozent erreicht. Den Grund für die große Differenz sahen die Teilnehmer der Pilotveranstaltung, deren Vorsitz der ehemalige französische Minister und Präsident der Kommission für deutsch-französische Zusammenarbeit André Bord sowie Generalleutnant a. D. Karl Erich Diedrichs übernommen hatten, im französischen Ausbildungssystem.<

    So viel zu nachgebetetem Propagandismus

    • 2eco
    • 09.02.2010 um 19:49 Uhr

    Ihrem Kommentar zu deuten sind Sie anscheinend ein "Leistungsträger" (ich liebe dieses Wort ;)).
    Wie wäre es wenn Sie den Buch einmal aus Ihrem VWL Buch mit den mathematischen Marktmodellen heben und mal die Realität beobachten.

    Haben Sie schon einmal recherchiert bei welchen Jobs man wie viel verdient?

    Sie werden sich wundern, da gehen Produktivität und Lohn meilenweit auseinander, natürlich zu Gunsten der Unternehmen.

    Ich drehe den Sachverhalt mal um:
    Wieso sollte ein Unternehmen (unterstellen wir eine MA-Produktivität von 15€ / Std.) einem Arbeitnehmer 10€ zahlen, wenn es doch genügend Leute gibt, die auch für 5€ arbeiten?

    Liebe Julia09,

    nur Frankreich zu Rate zu ziehen, greift zu kurz. Denn es gibt durchaus Mindestlöhne in vielen anderen Ländern - und dort sind die Arbeitslosenquoten (zumindest bis zur aktuellen Finanzkrise) deutlich niedriger.

    Ich kenne die französische Situation zu wenig, um zu urteilen, aber hohe Jugendarbeitslosigkeit hat oft etwas mit mangelhafter Bildung zu tun. Leider werden Einsparungen in diesem Bereich erst mit einer Verspätung von vielen Jahren, gar Jahrzehnten sichtbar, da anfangs noch eine gewisse Grundbildung im Lande besteht. Dafür dauert eine Wende leider auch sehr lange.

    Übrigens, die aktuelle Krise wurde NICHT von HartzIV-Empfängern und den wenigsten (nun) Arbeitslosen mit verursacht, sondern von Top-Gehaltsempfängern, die sich gern zugekokst als "Leistungsträger" euphemisieren.

    Gegenleistungen für ein Existenzminimum müssen sich am Tariflohn orientieren. Anderes ist eine Ausnutzung von Notsituationen, Wucher.

    Sie machen es sich zu einfach, die meisten Länder in der EU haben Mindestlöhne, auch so erfolgreiche wie Dänemark oder das bislang neoliberale England. Und Sie machen den nächsten Fehler, wenn Mindestlöhne schuld wären, wäre die Arbeitslosigkeit in allen Altersklassen hoch.
    Es kann nicht angehen, das die Unternehmer mit Hilfe von Aufstockern ihre Gewinne machen, es kann nicht angehen, das Menschen die 160 Std. und mehr arbeiten, Hartz IV brauchen. Und das Problem betrifft schon lange nicht mehr nur die Geringqualifizierten.
    Man sollte sich mit den Arbeitslosenzahlen schon mal genauer beschäftigen, ich lese immer wieder den gleichen Vergleich Arbeitslos=Minderqualifiziert und dumm. Wieviele über 50jährige bekommen nach 20 bis 30 Jahren Arbeit Hartz IV, weil sie durch Pleiten und Rationalisierungen keinen Job mehr finden oder Akademiker,Lehrer und so weiter Denn auf dem deutschen Arbeitsmarkt muss man eins sein: 20 Jahre, 15 Jahre Berufserfahrung und devot.

    Zunaechst: Wie schoen, dass wir eine im Grunde funktionsfaehige Justiz haben, die den Ergebnissen der Politik-Wirtschafts-Verpflechtungen entgegenzutreten vermag. Das ist wirklich ein Grund, Respekt vor unseren Institutionen zu haben.

    Natuerlich ist das Problem dadurch nicht erledigt, das zu Hatz IV gefuehrt hat (Arbeitslosigkeit, in der Folge Transferleistungsanstieg). Noch weniger sind die Probleme geloest, die durch Hartz IV neu hinzugekommen sind (Abstiegsfurcht, Verarmung, Entsolidarisierung, Vermehrung von Niedriglohn- und Schwarzarbeit).

    Ziele? - Die Erwerbslosigkeit senken (denn Arbeit gibt es wirklich genug, aber zu wenig Zahlungsbereitschaft), dabei den Abstand von Transferleistungen zu den niedrigen Lohngruppen vergroessern. Zugleich Arbeitsmotivation erhoehen und die Neid-Ausgrenzungs-Tendenzen eindaemmen.

    Gut, dann gibt es vermutlich nur ein wirkungsvolles Mittel, allen Unkenrufen zum Trotze: ein bedingungsloses Grundeinkommen - fuer alle (inklusive Kinder...) - etwa auf Hoehe des jetzigen Hartz-IV-Satzes. Jede auch gering bezahlte Arbeitsstunde waere dann Zusatzeinkommen - entgegen der Situation mit Hartz IV, in der gering bezahlte Arbeit nicht lohnt.

    Der bekannten Kritik, dass dieses Modell zuviel koste, sei entgegengestellt, dass Schwarzarbeit uninteressant, Arbeitslosigkeit durch Erwerbsmotivation abgeloest und die Buerokratiekosten bei Hartz IV gespart wuerden. Bitte mal rechnen.

    Ich warte nicht OB, sondern WANN die Politik dieses Modell umsetzt...

    Jugendarbeitslosigkeit ist eine Folge von Mindestlöhnen?

    Zitat:> Vor allem in der Phase des Übergangs von der obligatorischen Schule zur Berufsbildung sind Jugendliche besonders anfällig für Arbeitslosigkeit. Eine weitere entscheidende Phase ist die Zeit nach der Berufsausbildung. Hier geht es darum den ersten Schritt in den Arbeitsmarkt zu schaffen. Vor allem zu Zeiten schlechter Wirtschaftslagen oder struktureller Veränderungen kommt es dazu, dass Betriebe bei den Lehrstellen sparen. ... beim Eintritt in den Arbeitsmarkt .... Muss sich ein Unternehmen zwischen einem erfahrenen Arbeitnehmer und einem gerade aus der Ausbildung kommenden entscheiden, wird oftmals dem berufserfahreneren der Vorzug gegeben.<

    Quelle:http://www.exika.de/Jugendarbeitslosigkeit

    und auch der Artikel:
    http://www.welt.de/print-...
    ist in dem Zusammenhang recht interessant
    Zitat: >Während die Jugendarbeitslosigkeit in Deutschland bei neun Prozent liegt, hat sie in Frankreich 25 Prozent erreicht. Den Grund für die große Differenz sahen die Teilnehmer der Pilotveranstaltung, deren Vorsitz der ehemalige französische Minister und Präsident der Kommission für deutsch-französische Zusammenarbeit André Bord sowie Generalleutnant a. D. Karl Erich Diedrichs übernommen hatten, im französischen Ausbildungssystem.<

    So viel zu nachgebetetem Propagandismus

    • 2eco
    • 09.02.2010 um 19:49 Uhr

    Ihrem Kommentar zu deuten sind Sie anscheinend ein "Leistungsträger" (ich liebe dieses Wort ;)).
    Wie wäre es wenn Sie den Buch einmal aus Ihrem VWL Buch mit den mathematischen Marktmodellen heben und mal die Realität beobachten.

    Haben Sie schon einmal recherchiert bei welchen Jobs man wie viel verdient?

    Sie werden sich wundern, da gehen Produktivität und Lohn meilenweit auseinander, natürlich zu Gunsten der Unternehmen.

    Ich drehe den Sachverhalt mal um:
    Wieso sollte ein Unternehmen (unterstellen wir eine MA-Produktivität von 15€ / Std.) einem Arbeitnehmer 10€ zahlen, wenn es doch genügend Leute gibt, die auch für 5€ arbeiten?

    Liebe Julia09,

    nur Frankreich zu Rate zu ziehen, greift zu kurz. Denn es gibt durchaus Mindestlöhne in vielen anderen Ländern - und dort sind die Arbeitslosenquoten (zumindest bis zur aktuellen Finanzkrise) deutlich niedriger.

    Ich kenne die französische Situation zu wenig, um zu urteilen, aber hohe Jugendarbeitslosigkeit hat oft etwas mit mangelhafter Bildung zu tun. Leider werden Einsparungen in diesem Bereich erst mit einer Verspätung von vielen Jahren, gar Jahrzehnten sichtbar, da anfangs noch eine gewisse Grundbildung im Lande besteht. Dafür dauert eine Wende leider auch sehr lange.

    Übrigens, die aktuelle Krise wurde NICHT von HartzIV-Empfängern und den wenigsten (nun) Arbeitslosen mit verursacht, sondern von Top-Gehaltsempfängern, die sich gern zugekokst als "Leistungsträger" euphemisieren.

    Gegenleistungen für ein Existenzminimum müssen sich am Tariflohn orientieren. Anderes ist eine Ausnutzung von Notsituationen, Wucher.

    Sie machen es sich zu einfach, die meisten Länder in der EU haben Mindestlöhne, auch so erfolgreiche wie Dänemark oder das bislang neoliberale England. Und Sie machen den nächsten Fehler, wenn Mindestlöhne schuld wären, wäre die Arbeitslosigkeit in allen Altersklassen hoch.
    Es kann nicht angehen, das die Unternehmer mit Hilfe von Aufstockern ihre Gewinne machen, es kann nicht angehen, das Menschen die 160 Std. und mehr arbeiten, Hartz IV brauchen. Und das Problem betrifft schon lange nicht mehr nur die Geringqualifizierten.
    Man sollte sich mit den Arbeitslosenzahlen schon mal genauer beschäftigen, ich lese immer wieder den gleichen Vergleich Arbeitslos=Minderqualifiziert und dumm. Wieviele über 50jährige bekommen nach 20 bis 30 Jahren Arbeit Hartz IV, weil sie durch Pleiten und Rationalisierungen keinen Job mehr finden oder Akademiker,Lehrer und so weiter Denn auf dem deutschen Arbeitsmarkt muss man eins sein: 20 Jahre, 15 Jahre Berufserfahrung und devot.

  5. Das sehe ich entschieden anders. Das Problem ist nicht, dass die Transferleistungen zu hoch sind, sondern dass die Löhne im Niedriglohnsektor zu niedrig sind - viel zu niedrig. Es ist nicht nur deswegen ein Hohn für weniger als 7 EUR die Stunde zu arbeiten, weil man ohne Arbeit mehr hätte, sondern weil es einfach ein menschenverachtend-niedriger Lohn ist. Wir brauchen dringend einen branchen-übergreifenden Mindestlohn, der über dem Hartz4-Leistungen liegt. Unternehmen, die sich nur mit Hungerlöhnen am Markt behaupten können, sind unwirtschaftlich und gehören nach meinem marktwirtschaftlichen Verständnis weg vom Markt.

    Ich zahle meine Steuern und Abgaben lieber für Hartz4, als für Aufstockerlöhnen, mit denen Unternehmer ihre unwirtschaftlichen Unternehmen am Markt behaupten und daran noch gut verdienen.

    Antwort auf "Sozialstaatsadel"

Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren

Service