Gedenktag in DresdenEin Bollwerk gegen die Ewiggestrigen

Linke Demonstranten feiern ihren Erfolg: Sie haben den Nazimarsch durch Dresden friedlich verhindert. Sie hoffen nun, dass die Rechtsextremisten daraus eine Lehre ziehen. von 

Friedliche Blockade: Zum Teil verkleidete linke Demonstranten auf Tuchfühlung mit der Polizei

Friedliche Blockade: Zum Teil verkleidete linke Demonstranten auf Tuchfühlung mit der Polizei  |  © Jan Woitas/dpa

Ein Jahr gezielte Vorbereitung und stundenlanges Sitzen bei Minusgraden auf der Straße – das Bündnis „Dresden Nazifrei“ hat das geschafft, was bislang kaum jemand für möglich gehalten hat: Der alljährlich größte Naziaufmarsch in Europa am Jahrestag der Bombardierung Dresdens wurde erstmals erfolgreich blockiert. Das schreckliche Ritual der Rechtsextremisten, diesen Gedenktag mit ihren braunen Parolen zu missbrauchen, wurde durchbrochen. Vielleicht auf Dauer.



Kaum sind die Türen der 32 Busse aufgegangen, eilen die rund 1500 Berliner Nazigegner am Samstagmorgen auf die Straße. Viele können es gar nicht glauben, dass der riesige Konvoi ohne Kontrollen bis in die Dresdner Neustadt, dem angekündigten Aufmarschgebiet der Nazis, fahren konnte. „Wir hatten eigentlich befürchtet, dass wir auf der Autobahn für Stunden festgesetzt werden“, sagt ein junger Mann mit einer Ver.di-Fahne. Jetzt muss alles ganz schnell gehen. So wurde es auf der Fahrt erklärt: Zügig und vor allem friedlich zum Blockadepunkt laufen. Der ist rund 1,5 Kilometer entfernt.

 Blitzschnell teilen sich die 1500 Menschen in zwei Gruppen auf. Die einen laufen schnellen Schrittes geradeaus, die anderen biegen in eine Seitenstraße ab. Die Polizei ist völlig überfordert. Beamte in Kampfmontur bilden eilig eine Kette, versuchen, die Nazigegner mit Schlagstöcken aufzuhalten. Doch immer mehr Menschen gelingt es, durch die Lücken zu rennen. Nach zehn Minuten gibt die Polizei auf und lässt alle Übrigen ebenfalls durch.

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Es ist kurz vor 10 Uhr. Die erste der insgesamt fünf Blockaden um den Neustädter Bahnhof steht. Sieben Stunden lang werden die Menschen hier auf der Straße sitzen, bis der geplante Marsch der Neonazis endgültig verhindert ist, ohne dass diese sich auch nur einen Meter in Bewegung setzen konnten. Als am späten Nachmittag die Nachricht über den Lautsprecher durchgesagt wird, dass die Polizei die Nazis nach Hause schickt, bricht Jubel aus. Hunderte tanzen und singen. „Ich bin unglaublich müde, kaputt und durchgefroren“, sagt eine Frau, die auf einer Isomatte im Schnee sitzt. „Aber dafür, dass die Rassisten nicht laufen konnten, hat es sich gelohnt.“



„Es ist ein großer Erfolg für alle, die sich aktiv den Neonazis in den Weg gestellt haben“, sagt Lena Roth, Sprecherin des Bündnisses „Dresden-Nazifrei“. Ein Jahr haben Hunderte Initiativen gegen Rechts, Antifagruppen und Einzelpersonen das ausgeklügelte Blockadekonzept organisiert. Unterstützt wurde das Bündnis auch von Politikern von SPD, Grünen, der Linken und Künstlern wie Konstantin Wecker und den Toten Hosen. Rund 15.000 Menschen folgten dem Aufruf und beteiligen sich an den Sitzblockaden. Mit mehr als 120 Bussen aus ganz Deutschland waren die Aktivisten angereist. 



Erfolgreich war das Bündnis nicht nur, weil der Aufmarsch tatsächlich zum ersten Mal gestoppt wurde, sondern auch weil die verabredete Gewaltfreiheit bei allen Blockadepunkten eingehalten wurde. Außer einigen Schneebällen, die in Richtung Polizei flogen, blieb es den ganzen Tag weitgehend friedlich. Diejenigen Linksradikalen, die brennende Barrikaden bauten und Autos von Neonazis umkippten, konnten dies nur weitab von den friedlichen Protesten tun. Dabei wurden nach Angaben der Polizei 27 Menschen verletzt, darunter 15 Beamte. 29 Demonstranten kamen vorübergehend in Gewahrsam. Acht Personen wurden wegen Sachbeschädigung festgenommen.



Dass Bürgermeisterin Helma Orosz und Ministerpräsident Stanislav Tillich (beide CDU) die Niederlage der aus halb Europa angereisten Rechtsextremisten als Erfolg der von der Stadt organisierten Menschenkette mit 10.000 Teilnehmern in der Altstadt beschrieben, ärgert an diesem Tag viele der linken Demonstranten. „Es ist doch absurd: Die Menschenkette war auf der anderen Seite der Elbe. Die haben nicht einen einzigen Nazi zu Gesicht bekommen“, sagt ein Blockierer. „Hätten wir hier nicht stundenlang in der Kälte gesessen, wären die Nazis ganz normal losgelaufen“, fügt ein älterer Mann aus Potsdam hinzu.

Gegen Abend ziehen dann rund 10.000 Menschen auf die andere Seite der Elbe, um mit ihren Reisebussen nach Hause zu fahren. Weil im Dunkeln Übergriffe wütender Neonazis befürchtet werden, hat man allen eingeschärft, nur in großen Gruppen durch die Stadt zu gehen. Auf der Kundgebung der Rechtsextremisten hatte Thomas Wulff, einer ihrer Anführer, zuvor gedroht: „Um 18 Uhr fahren unsere Busse ab. Wenn man uns nicht zu ihnen durchlässt, werden unsere Kameraden ausschwärmen und dafür sorgen, dass die Polizei hier in Dresden heute Nacht keine Ruhe hat.“

Leserkommentare
  1. Wie schön, dass es Ihnen doch noch gelungen ist, die gestrigen Geschehnisse um den geplanten "Trauerzug" Rechtsextremer in Dresden angemessen darzustellen. Warum nicht gleich so?

    Ich frage mich, warum es selbst der ZEIT so schwer fällt, sich vom Extremismus-Schema zu lösen, und warum andererseits selbst die ZEIT so lange braucht, die dreiste Selbstinszenierung einer Frau Orosz und eines Herrn Tillich zu hinterschauen?

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    • sasu
    • 15. Februar 2010 0:46 Uhr

    Dem kann ich nur zustimmen. 7 Stunden Kälte haben sich wahrlich gelohnt. Neben der klasse Unterstützung von von außerhalbt seien aber auch die großartigen Bewohner der Neustadt nicht zu vergessen- in wohl keinem anderem Stadtteil hätte es so wirksamen Widerstand gegeben wie hier. Und ich will noch mal unterstreichen, dass tatsächlich die Blockierer (links-)politisch und sogar alterstechnisch recht buntgemischt waren.

    Es ist dreist und verlogen, wenn aus CDU-Reihen die Menschenkette fernab vom eigentlichen Geschehen als Hinderniss für die Nazis dargestellt wird. Das ist doppelt empörend, wenn man bedenkt, dass zuvor das nazi.frei Bündnis von der Dresdner Staatsanwaltschaft verboten wurden war.

    • neu85
    • 14. Februar 2010 18:08 Uhr

    Hinzuzufügen wäre noch die unglaublich gute Koordinierung der Blockaden durch Twitter. Sollte das mal schule machen, sollten sich einige warm anziehen.

    Diesen Menschen zolle ich meinen größten Respekt. Im Gegensatz zu den (CDU)Polit-Marionetten.

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    • TDU
    • 14. Februar 2010 19:15 Uhr

    Es waren doch mehrere tausend Menschen. Wären es nur 1500gewesen, wären die Demos anders ausgegangen. Vermutlich wie in Köln, als dei Staatsgewalt resigniert hat.

    Und wenn Sie CDU Wähler oder deren Politkiker in die Nähe von Neonazis rücken, bitte schön. Dann wird vermutlich auch dieser Thread wegen Polarisierung bald wieder geschlossen. Träumen Sie eigentlich von Strassenschlachten wie in der Weimarer Republik?

    • thammbe
    • 14. Februar 2010 18:58 Uhr

    Ihr habt es den Kölnern nachgemacht. Kein Fußbreit Demonstrationsmarsch für rechtsradikale hohlraumversiegelte Glatzköpfe bei uns in Deutschland. Darauf kann die demokratische deutsche Mehrheit zu Recht Stolz sein. Weiter so!

    • TDU
    • 14. Februar 2010 19:04 Uhr

    Wunderbar. Jetzt noch anständig und die unglaublich hilfreichen und differenzierten Aufkleber sind hergestellt.

    • TDU
    • 14. Februar 2010 19:15 Uhr

    Es waren doch mehrere tausend Menschen. Wären es nur 1500gewesen, wären die Demos anders ausgegangen. Vermutlich wie in Köln, als dei Staatsgewalt resigniert hat.

    Und wenn Sie CDU Wähler oder deren Politkiker in die Nähe von Neonazis rücken, bitte schön. Dann wird vermutlich auch dieser Thread wegen Polarisierung bald wieder geschlossen. Träumen Sie eigentlich von Strassenschlachten wie in der Weimarer Republik?

    Antwort auf "Twitter"
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    • neu85
    • 14. Februar 2010 19:36 Uhr

    Jeder klar denkende Mensch sollte doch erkennen können, dass nicht hohle Phrasen die Nazis gestoppt haben sondern (gewaltfreier) Aktionismus. Diesen Menschen zolle ich nach wie vor meinen Respekt.

    Hat die Ansprache dieser Polit-Marionetten etwas bewirkt? Ich denke nicht. Der Erfolg gebührt einzig und allein denen die bei Minusgraden auf den Straßen waren und studenlang ausgeharrt haben. Gut, man muss diesen Marionetten auch den Erfolg gönnen, schöne Fotos sinds geworden (mehr nicht).

    Vom bloßen daheim sitzen verändert sich die Welt nicht. Sie verschlechtert sich zusehends!

    • Neelix
    • 15. Februar 2010 11:01 Uhr

    Die Welt verschlechtert sich zusehends. Da bin ich ganz bei Ihnen.

    Aber die Nazis wurden doch verhindert!? Alles ist auf Antifaschismus ausgerichtet, schauen sie ins Kino, Zeitschriften, Veranstaltungen oder Merkel-Reden. Nazi-Parteien sind verboten oder liegen am Boden. – UND DOCH verschlechtert sich alles zusehends.

    SInd das vielleicht Nazis in den Banken? In den Lobbys? In den Großkonzernen?
    Gut, dann lassen sie uns gegen diese mächtigen Nazis protestieren - da haben wir zwar was zu befürchten, aber das ist im ehrlichen Widerstand nunmal so. Aber auf ein paar arbeitslosen Ossis und einer Pleitepartei rumzuhacken ist zu leicht und verbessert auch unsere Probleme nicht.

    • neu85
    • 14. Februar 2010 19:36 Uhr

    Jeder klar denkende Mensch sollte doch erkennen können, dass nicht hohle Phrasen die Nazis gestoppt haben sondern (gewaltfreier) Aktionismus. Diesen Menschen zolle ich nach wie vor meinen Respekt.

    Hat die Ansprache dieser Polit-Marionetten etwas bewirkt? Ich denke nicht. Der Erfolg gebührt einzig und allein denen die bei Minusgraden auf den Straßen waren und studenlang ausgeharrt haben. Gut, man muss diesen Marionetten auch den Erfolg gönnen, schöne Fotos sinds geworden (mehr nicht).

    Vom bloßen daheim sitzen verändert sich die Welt nicht. Sie verschlechtert sich zusehends!

    Antwort auf "Es waren"
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    • TDU
    • 14. Februar 2010 20:24 Uhr

    Habe ich gestern sinngemäß geschrieben. Claudia Roth war übrigens auch abgebildet, wenn ich richtig gesehen habe. Der Thread wurde geschlossen.

    Es geht nur darum daraugf hinzuweisen , dass nicht jeder, der nicht "links" ist, gedanklich ein Neonazi ist. Der Inhalt des Begriffs "anständig" hat sich auch schon in 50 Jahren sehr verändert.

    Den mag ich nicht, denn in meiner Kinderzeit war man verheiratet, hatte eine ordentlichen Haarschnitt und jeder Strassenbahnfahrer war Audruck staatlicher Autorität.

    Die Weimarer Republik ist u. a. an Polarisierung gescheitert, denn damals hatten die Radikalen die Herrschaft über die Strasse.

    Ich brauch das nicht bei einem Wahlergebnis für Neonazis unter 5%. Sollten es mal signifikant mehr werden, kommen Sie mit den Linken nicht hin. Dann brauchen Sie auch welche, die in keine Schubladen passen. Oder werden die zwangsrekrutiert?.

  2. Solange der Staat Bundesrepublik in seiner "demokratischen" Struktur weiter so dilettantisch gegen "Rechts" vorgeht, solange wird dieser Erfolg ein Einzelerfolg bleiben.

  3. Und in Hindukusch rollen deutsche Panzer für Deutsche Interessen.

    Blöd, wa?

    Hey, in 20 Jahren machen da aber unsere Kinder ne schöne Lichterkette dafür. Mit Gedenkreden und Kirchengeläut und allem was sonst dazugehört.

    #k.

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    Für deutsche Interessen rollen dort keine Panzer - und der Vergleich hinkt sowieso ;-)

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  • Schlagworte CDU | Grüne | SPD | Ver.di | Helma Orosz | Konstantin Wecker
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