Nordrhein-Westfalen Die SPD schöpft neue Hoffnung im Stammland
Die Sozialdemokraten setzen auf einen Regierungswechsel in NRW – dank der Fehler von Schwarz-Gelb. Ihre Spitzenkandidatin Kraft tut sich jedoch noch schwer.
© dpa

Hoffnungsträger der SPD im Jahr 2010: Parteichef Sigmar Gabriel und die nordrhein-westfälische Spitzenkandidatin Hannelore Kraft (hier beim politischen Aschermittwoch in Schwerte)
Derzeit läuft es für die nordrhein-westfälische SPD richtig gut, fast ganz ohne eigenes Zutun. Die Sponsoring-Affäre der regierenden CDU, die Ministerpräsident Jürgen Rüttgers in arge Erklärungsnot bringt und den Rücktritt des Generalsekretärs Hendrik Wüst zur Folge hatte, kommt für die SPD genau zum richtigen Zeitpunkt: Zu Beginn der heißen Wahlkampf-Phase. In den kommenden zehn Wochen bis zur Landtagswahl am 9. Mai wird man an Rhein und Ruhr wohl kaum eine sozialdemokratische Wahlkampf-Rede hören, in der nicht von der vermeintlichen "Käuflichkeit" Rüttgers' die Rede sein wird. Auch beim heute beginnenden Landesparteitag wird es ein großes Thema sein.
Hannelore Kraft, die sozialdemokratische Spitzenkandidatin, hat keinen Moment gezögert, Rüttgers' Rücktritt zu fordern. Für sie kommt die Affäre wie gerufen, um an dem Bild zu kratzen, das Rüttgers von sich in den vergangenen Jahren gemalt hat: Das eines auf sozialen Ausgleich bedachten Landesvaters in der Tradition von Johannes Rau. Als "Arbeiterführer" ließ er sich gerne bezeichnen, als einer, der sich um die Sorgen der kleinen Leute kümmere – und damit kräftig im Wählerreservoir der SPD wilderte.
Dieses Bild ist nun kräftig beschädigt. Die Leute spürten, dass Rüttgers ein "Sozialschauspieler" sei, sagt Kraft.
Auch die Hartz-IV-Kampagne der FDP hofft die SPD für sich nutzen zu können. Die von Außenminister Guido Westerwelle losgetretene und vom Landesparteichef Andreas Pinkwart unterstützte Debatte verschafft ihr endlich ein Aufreger-Thema, das polarisiert.
Man spürt: Kraft, die sich bislang schwer tat, eigene Themen zu setzen, glaubt wieder an einen Sieg und einen Regierungswechsel in NRW, der lange Zeit ausgeschlossen schien. Nach vier Jahrzehnten war die SPD 2005 von der Macht im größten Bundesland vertrieben worden – eine Quittung für die innere Auszehrung in der langen Regierungszeit, aber auch für Sozialreformen der damaligen rot-grünen Bundesregierung. Danach ging es für die Sozialdemokraten in ihrem einstigen Stammland immer weiter bergab.
Doch in den Umfragen hat die SPD nun wieder aufgeholt. Sie liegt nun bei 32 Prozent, nur noch vier Prozentpunkte hinter der CDU, allerdings auch immer noch fünf Prozentpunkte unter ihrem schlechten Ergebnis vor fünf Jahren. Rot-Grün, Krafts bevorzugte Regierungskoalition, ist sogar bis auf einen Prozentpunkt an Schwarz-Gelb herangerückt. "Das ist zu schaffen", sagt Kraft.
Der gefühlte Aufschwung beruht jedoch vor allem auf der Schwäche von Schwarz-Gelb in Berlin und Düsseldorf, nicht auf wiedergewonnener eigener Stärke. Kraft reklamiert jedoch für sich, unter ihrer Führung habe sich die Partei erneuert. Nach der Niederlage 2005 habe man die Basis wieder stärker einbezogen, gründlich über das Programm diskutiert und den Kontakt zu den Gewerkschaften wieder intensiviert.
Der hatte unter den letzten sozialdemokratischen Ministerpräsidenten Peer Steinbrück und Wolfgang Clement kräftig gelitten. Beide galten als energische Vertreter des Reformkurses, der auch die SPD in NRW spaltete und viele Wähler vertrieb. Kraft stellt sich deshalb bewusst nicht in eine Linie mit den beiden. Stattdessen kokettiert die frühere Wissenschaftsministerin damit, in einem "Arbeiterviertel" in Mülheim an der Ruhr groß geworden zu sein.
An der Basis kommt die neue Diskussionskultur durchaus an. Die Stimmung sei "viel besser als noch zu Regierungszeiten", sagt ein altgedienter Genosse aus Düsseldorf. Hierher hat die SPD an diesem Abend geladen. Einen Tag lang haben die örtlichen Kandidaten für die Landtagswahl in Betrieben und Sozialeinrichtungen hospitiert, um die Probleme der Lebens- und Arbeitswelt hautnah zu erleben und um mit potentiellen Wählern ins Gespräch zu kommen. Kraft war bei der Lebensmittelausgabe der Diakonie. Sie habe "schon schlucken" müssen, angesichts der Not und Hilflosigkeit, die ihr dort begegnet seien, erzählt sie hinterher.
All das klingt durchaus engagiert. Aber wofür steht ihre Partei, wofür steht sie selbst, außer für einen allgemeinen Mindestlohn und bessere Bildungschancen, was Linke und Grüne genauso fordern?
Kraft setzt an zu einem komplizierten Referat über kommunale Finanzen und volkswirtschaftliche Fehlplanungen. Zusammengefasst: Sie möchte weniger prekäre Beschäftigungsverhältnisse, ein Bildungssystem, das gebührenfrei ist von der Kita bis zum Studium und das unabhängig vom Geldbeutel der Eltern funktioniert. Sie fordert eine Ausbildungsplatzgarantie und möchte die Kopfnoten in den Schulen abschaffen.
Eine große Linie aber findet sie nicht. Schwer tut Kraft sich auch, wenn man nach ihrem Verhältnis zur Linkspartei fragt. Das Thema mag sie nicht. "Die Linke hat viel bei uns abgeschrieben", sagt sie genervt. Sie suche "die Auseinandersetzung, nicht die Zusammenarbeit". Sie unterstellt der Linken, "nicht regierungs- und koalitionsfähig" zu sein. Dennoch schließt sie eine Koalition mit ihr nach der Wahl nicht gänzlich aus.
Kraft möchte die Linkspartei aus dem Landtag halten. Denn nur dann hätte Rot-Grün wohl die Chance auf eine Mehrheit. Gelänge ihr das, wäre es das erste Mal seit Langem, dass die SPD wieder ein großes Land zurückgewönne, zudem das größte Bundesland und wenn irgend möglich ohne die linke Konkurrenz. Kraft, die auch stellvertretende Bundesvorsitzende der SPD ist, stünde als Heldin da.
In der Diskussionsrunde später fällt ihr es jedoch schwer, prägnant zu sagen, wofür sie nun eigentlich gewählt werden möchte. Als der Moderator sie bittet, in wenigen Sätzen zusammenzufassen, warum er diesmal für die SPD stimmen sollte, sagt sie: "Wir sind die Richtigen", und: "Wir sind die Kümmerer-Partei".
Ein Juso unter den Zuhörern nickt und sagt, es sei gut, wieder offen für die Sorgen der Gesellschaft zu sein. In den letzten Jahren als Regierungspartei habe die SPD den Menschen oft apodiktisch diktiert, wie sie zu leben hätten. Ihm sei es lieber, wenn man noch keine klaren Antworten auf alle Fragen habe als die unumstößliche Reform-Orientierung der Agenda-Jahre.
Offenbar funktioniert das, was die SPD in NRW lange versäumt hat und was sie letztlich die Macht gekostet hat, nun unter Frau Kraft tatsächlich wieder besser. Sie sucht die Rückkopplung und horcht wieder in die Gesellschaft hinein. Die Veranstaltungen sind gut besucht, die sozialdemokratische Basis im alten Stammland scheint reaktivierbar zu sein. Kraft möchte keinen verprellen, sondern möglichst viele integrieren.
Allerdings führt das auch zu einer programmatischen Unbestimmtheit. Anders als ihre Parteifreundin Andrea Ypsilanti 2008 in Hessen sucht Kraft nicht die große Linie oder totale Zuspitzung. Für sie reicht es erstmal, als kompetent und freundlich wahrgenommen zu werden. Die Fehler machen im Moment die anderen.
- Datum 26.02.2010 - 15:42 Uhr
- Seite 1 | 2 | Auf mehreren Seiten lesen
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 16
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






da hospitiert man einen Tag in Betrieben und sozialen Einrichtungen, und Kraft muß schlucken, als sie die Fütterung des Prekariats bei der Diakonie erlebt.
Mein Gott, das alles hat man ja gar nicht gewußt, woher denn auch?
Richtig ist: CDU und FDP haben in NRW keinen guten Job gemacht. Dazu kommen noch diese medialen Patzer, die zwar schlagzeilenträchtig sind, über die Politik jedoch wenig aussagen.
Richtig ist aber auch: SPD und Grüne wären nichts besser.
Es ist zudem höchst interessant, dass in NRW die SPD eine konservativere Politik betrieben hat, als die CDU. Liegt das vielleicht an der historisch verursachten Verwobenheit der SPD mit quasi NRW-Staatskonzernen (RWE, Ruhrkohle, öffentlich rechtlicher Bankensektor, etc.)?
Auch Frau Kraft hat ja ihre persönlichen Skandale, die ursächlich ihre Entstehungsgeschichte im "ganz normalen" SPD-Klüngel und der in NRW üblichen staatlichen Korruption haben.
Komisch, dass da seitens von schwarz-gelb nach der Regierungsübernahme nicht aufgeräumt wurde. Hat man etwa die "neuen Herren" im Land angemessen am Korruptionskuchen beteiligt?
....Es ist unvorstellbar, dass die Volksparteien dort zusammen über 60% sind, nachdem sie das Land so schlecht geführt haben. Hat die Bevölkerung denn gar kein Gedächtnis?
....Es ist unvorstellbar, dass die Volksparteien dort zusammen über 60% sind, nachdem sie das Land so schlecht geführt haben. Hat die Bevölkerung denn gar kein Gedächtnis?
Die SPD ist die Partei, die Hartz IV erfunden hat, den Einsatz der Bundeswehr in Afghanistan beschloßen und die Vorratsdatenspeicherung verabschiedet hat. Mit der Agenda 2010 und der sog. Hartz Reform hat die SPD maßgeblich zur aktuellen Misere beigetragen. Statt sich auf die Schultern zu klopfen und mit dem Finger auf die Affären anderer zu zeigen, täte ein selbstkritischer Blick auf die eigene Vergangenheit der letzten Jahre not. Ob nun Rüttgers sich selbst verkauft, oder Peter Hartz Treffen mit Prostituierten arrangiert hat. Auch bei der SPD ist Korruption und Kriminalität in den eigenen Reihen längst geduldet. Solange dies dem Wähler grinsend vorgelebt wird, sind keine Änderungen in der politischen Landschaft zu erwarten. Egal aus welchem Lager. Der Politik sind menschliche Tugenden abhanden gekommen. Über die Jahre hat sich ein affektiertes, dilletantisches und verantwortungsloses Pack an die Macht gelogen, dem es nur darum geht die erworbenen politischen Ämter zum eigenen Vorteil zu nutzen. Jeder Hartz-IV Empfänger zeigt mehr soziale Kompetenz, als diese Politiker.
weil pseudo links arrangiert, angeblich für die Menschen und caritativ ans eigene Wohl bedacht!
Wieso sollten eigentlich SPD-Anhänger nicht mal als Wechselwähler für die FDP stimmen?
Damit die GRÜNEN vor einem historischen Fehler bewahrt werden und die SPD selber nicht zum stillstand in der Republik beitragen kann.
Wir haben immerhin ca. 120 Tage großes KINO gehabt, weil Willy und Biene Maja mit ihrer WUNSCHKONSTELLATION überhaupt nicht gerechnet haben.
Und wenn sie die Mehrheit im Bundesrat nicht verlieren, dann zeigen sie hoffentlichendlich mal zu was sie in der Lage sind.
Wenn aber die CDU wieder keinen Arsch in der Hose hat, weil sie es seit Adenauer und Erhardt nicht mehr hatte, ja dann kriegen wir zwar leider nicht kostenlos, aber immerhin weiter großes KINO!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Diesen FILM will ich jedenfalls nur zu gerne SEHEN.............; den Tietel gabs zwar schon, aber trotzdem würde ich ihn ``FACKELN IM STURM`` nennen.
weil pseudo links arrangiert, angeblich für die Menschen und caritativ ans eigene Wohl bedacht!
Wieso sollten eigentlich SPD-Anhänger nicht mal als Wechselwähler für die FDP stimmen?
Damit die GRÜNEN vor einem historischen Fehler bewahrt werden und die SPD selber nicht zum stillstand in der Republik beitragen kann.
Wir haben immerhin ca. 120 Tage großes KINO gehabt, weil Willy und Biene Maja mit ihrer WUNSCHKONSTELLATION überhaupt nicht gerechnet haben.
Und wenn sie die Mehrheit im Bundesrat nicht verlieren, dann zeigen sie hoffentlichendlich mal zu was sie in der Lage sind.
Wenn aber die CDU wieder keinen Arsch in der Hose hat, weil sie es seit Adenauer und Erhardt nicht mehr hatte, ja dann kriegen wir zwar leider nicht kostenlos, aber immerhin weiter großes KINO!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!!
Diesen FILM will ich jedenfalls nur zu gerne SEHEN.............; den Tietel gabs zwar schon, aber trotzdem würde ich ihn ``FACKELN IM STURM`` nennen.
die Gelegenheit scheint günstig. Schaue ich mir aber das Bild von der Spitzenkandidatin Hannelore Kraft an, so ist die Wahl leider fast für die SPD schon verloren.
....Es ist unvorstellbar, dass die Volksparteien dort zusammen über 60% sind, nachdem sie das Land so schlecht geführt haben. Hat die Bevölkerung denn gar kein Gedächtnis?
Also das muß man anerkennen, obige Bezeichnung paßt sehr gut zu Rüttgers.
Korruption betrifft sicher auch die SPD, es war nie gut wenn eine Partei zu lange an der Regierung war.
Gegen FDPCDUCSU sind sie, Korruption betreffend, allerdings Waisenknaben.
Bei den Grünen erkennt man auch erste Ansätze sich von den Wählern zu entfernen.
Ja, es bleiben nur die Linken...
Sonst geht der Neo faschistische oder hieß das mal liberal? Majazug in Berlin ungebremst ab,
Keine Partei in Deutschland ist zur Zeit am Volkswillen ernsthaft interessiert, was aber auch daran liegt das sich das Volk für die Partei nicht mehr interessiert.
Solange man die Politiker unbegleitet machen lässt kann da nichts bei rumkommen, daher setzt Euch ein und bloggt nicht nur hier rum.
Kaum schaut es für den Ex-Zukunftsminister und seine Koalition mit der Mövenpick-Partei in Nordrhein-Westfalen etwas schlechter aus, wird sofort (z.B. heute in "Zeit" und "Süddeutscher") die SPD-Spitzenkandidatin klein geschrieben. Ich hoffe, die WählerInnen an Rhein und Ruhr werden dessenungeachtet am 9. Mai bei der Stimmabgabe Verstand, Herz und Gewissen einschalten und der Wespenplage in Düsseldorf und Berlin ein Ende setzen.
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren