Politischer Aschermittwoch Seehofers Schmerz
Der CSU-Chef poltert, die Anhänger jubeln – doch etwas ist anders an diesem Aschermittwoch: Westerwelle hat Seehofer die Schau gestohlen.
Es soll alles sein wie immer. Das Bier in den Liter-Maßkrügen. Die Kellnerinnen mit Dirndl und üppigem, wie man hier landläufig sagt, Holz vor der Hütt'n. Die Plakatsprüche an der Wand der Dreiländerhalle. "Horst, wir glauben an dich" steht da oder "CSU Ministerpräsident – das schönste Amt der Welt". Und der Unverdrossene mit dem Trachten-Filzhut ist natürlich da. Jedes Jahr zum politischen Aschermittwoch in Passau bringt seine Truppe ein Plakat mit, auf dem der aktuelle CSU-Liebling zum nächsten Bundeskanzler ausgerufen wird; eine fast rührende Zuversicht angesichts der historischen Tatsachen. Der aktuelle Favorit der Filzhuttruppe für 2013 heißt übrigens Karl-Theodor zu Guttenberg. Schon mal nicht ganz in Horst Seehofers Sinn, vermutlich. Aber das ist heute die geringste Sorge des CSU-Chefs. Es schmerzt viel mehr, dass es gar nicht ist wie immer. Das Problem liegt in einer kleinen Ortschaft eine halbe Autostunde donauaufwärts. "Wo ist dieses Straubing", fragt einer aus der CSU-Führung. Das soll ironisch sein. Es klingt aber unfroh.
Das kleine niederbayerische Städtchen Straubing ist an diesem Mittwoch der Ort, an dem der Mann beklatscht wird, der die politische Republik gegen sich aufgebracht hat.
Als FDP-Chef Guido Westerwelle sich kurz nach zehn Uhr morgens mit seinem Pulk einen Weg durch die Tischreihen seiner Parteifreunde in der Joseph-von-Fraunhofer-Halle bahnt, streckt ihm aus der Menge vor der Bühne gar einer die Hand entgegen und ruft: "Weiter so!"
Der Vizekanzler ergreift die Hand, versteht aber im Lärm des bayerischen Defiliermarsches die Botschaft nicht. "Wie bitte?", fragt er betont höflich in den von allen Seiten heranbrandenden Begrüßungsapplaus hinein. "Weiter so!", ruft Ignatz Bauer da nochmal. Der 76-Jährige kommt aus Burghausen und ist seit 25 Jahren Liberaler. Da wird das Lächeln des FDP-Chefs noch strahlender, er drückt sein Kreuz durch und schreitet weiter.
Seit Tagen bestimmt er mit seiner Kritik an den Hartz-IV-Leistungen die Debatte, ein Großteil der Union und sogar die Bundeskanzlerin sind deutlich von ihm abgerückt. Nun testet er die Wirkung seiner wieder gewonnenen Radikalität und Aggressivität zum ersten Mal vor Publikum. So groß war der Andrang, dass die Bayern-FDP am Abend zuvor zu den 550 Stühlen in der modernen Halle noch mal 150 dazustellen ließ, damit alle Platz haben. Und das, wo man doch bisher, also zu Oppositionszeiten, Aschermittwochsreden in eher kleinen Gaststätten zelebrierte.
Gleich in den ersten Sätzen macht der im September zur Macht Gekommene klar, dass er keine Silbe seiner Hartz-Sätze zurücknehmen will: "Ich blei-be da-bei", ruft er in den Saal: "Leis-tung muss sich loh-nen. Und wer ar-bei-tet, muss mehr ha-ben als der, der nicht ar-bei-tet."
Drüben in Passau ist da der Herr Ministerpräsident und CSU-Parteivorsitzende Seehofer auch längst in die wie immer große Halle gezogen. Die Kapelle spielt auch hier den bayerischen Defiliermarsch, der Saal klatscht rhythmisch, der Herr Ministerpräsident nickt ein wenig steif nach rechts und links. "Reden, was Sache ist", steht auf der Wand hinter dem Podium. "Am größten Stammtisch der Welt."
Der niederbayerische Bezirkschef Manfred Weber als Anheiz-Redner schüttet denn auch den rituellen Spott über die anderen aus: 105 Zuhörer bei den Grünen, 350 bei der SPD, in diesem Straubing der auf 500 Plätze ausgelegte Saal, na schön, "einigermaßen gefüllt". Hier im Saal sind vielleicht 4000 ältere Damen und Herren. Seehofer verleiht später den Polit-Touristen aus dem niedersächsischen Peine für 35 Jahre Passau-Treue die bayerische Staatsbürgerschaft ehrenhalber. Aber weh tut ihm trotzdem etwas: Über dem größten Stammtisch der Welt macht der CSU erstmals ein anderer die Lufthoheit streitig.
"Genau so isses!", rufen da 75 Kilometer entfernt schon die ersten an Straubinger Tischen, auf denen blaugelbe Fähnchen und Bier stehen. Als Westerwelle seine Rolle als einsamer Mahner in einer angeblich abgrundtief unehrlichen politischen Welt ausbaut, johlen sie vor Begeisterung. Der Zuspruch zeige, sagt Westerwelle, dass nicht die Leitartikler in Deutschland Politik machten, sondern, dass es "immer noch darum geht, was die Bürgerinnen und Bürger in ihrer Mehrheit entschieden haben, was sie fühlen und was notwendig ist".
Nach sechs Minuten ist Westerwelle schon bei der gefährdeten Mittelschicht, als deren einziger Fürsprecher er sich präsentiert: "Ich spreche nur aus, was in Wahrheit alle Politiker wissen. Aber sie trauen es sich nicht auszusprechen, weil sie fürchten, das Volk verträgt die Wahrheit nicht." Den Bezug zur Realität "ziemlich verloren" hätten "die in Berlin". Auch in seiner Rolle als Antipolitiker erntet der Vizekanzler in Straubing begeisterten Applaus.
- Datum 17.02.2010 - 19:24 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE, Tagesspiegel
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"Ich erwarte, dass man mich in dieser Runde ernst nimmt!" Lol, das ist ja mal ein echter Brüller.
"Ich blei-be da-bei", ruft er in den Saal: "Leis-tung muss sich loh-nen. Und wer ar-bei-tet, muss mehr ha-ben als der, der nicht ar-bei-tet."
Ganz genau. Und deshalb Schluss mit sittenwidrigen Niedriglöhnen. Faire Löhne für faire Leistung.
http://www.tarifregister....
Videounterschrift:
"Vor allem Seehofer und Westerwelle fielen durch kräftige Reden am politischen Aschermittwoch auf."
Bei den beiden ist doch das ganze Jahr über politischer Aschermittwoch.
Warum wird eigentlich so ausführlich über diesen bierseligen (Grüne: milchselig) und selbstbeweihräucherten Pomp & Circumstance berichtet?
MfG
AoM
Wieder eine Veranstaltung, die der Steuerzahler zahlt, damit die Volksvertreter ihre heiße Luft ablassen können--Könnte man in der (Dienst) Zeit nichts Besseres tun...
Peinlich finde ich diese Auftritte.
(winnermobil) Die schätzen Klartext und vor allem die Absage an die Praktiken, die Geld ohne Gegenleistung verschenken.
Herr Westerwell müsste in der Innenpolitik behutsamer vorgehen, und in der Außenpolitik härter und klarer agieren. Für beides und in beiden Fällen braucht man aber erstmal ein klares und stimmiges Gesamtkonzept.
Prost
Mahlzeit.
Seehofer kopiert Strauß und der hatte ja auch schon genug
Dreck am Stecken. Seinen Anhängern gebührt aufrichtiges Mitleid für so viel Dummheit.Also Seehofer multipliziert mit Westerwelle ergibt gleich S. Palin. Genau !
"Ich blei-be da-bei", ruft er in den Saal: "Leis-tung muss sich loh-nen. Und wer ar-bei-tet, muss mehr ha-ben als der, der nicht ar-bei-tet."
Wo er recht hat, hat er recht!
Der Fehler im Betriebssystem von Westerwelles Hirnkasterl ist aber, dass er wohl nur eine Möglichkeit dazu sieht: Denen, die sowieso schon praktsich nichts mehr haben, auch noch das letzte bischen zu nehmen.
Dann hat - logisch - jeder, der für seine Arbeit überhaupt noch Geld bekommt, mehr. Auch wenn man davon nicht leben kann.
Primärauftrag erfüllt und der Folgeauftrag, Niedriglöhne weiter in Richtung Null Euro absenken, kann angegangen werden.
Der andere grundlegende Ansatz, sich für mehr Arbeitsplätze einzusetzen, die Arbeitenden einen Lohn oberhalb des Armutsniveaus ermöglichen, kommt in einer Guido-Welt nicht vor: Die wachsende Zahl Billiglöhner spricht für sich und ist nach FDP-Denke ein Erfolg.
Und damit auch zukünftig keine markgerechten, armutssicheren Löhne gezahlt werden müssen, muss der Beitrags- und Steuerzahler das von SPD/Grüne eingeführte, aufstockende Hartz IV finanzieren, mit dem "kluge" Unternehmen sich subventionieren lassen.
Westerwelle hat gejubelt, als die deutschen Löhne durch Hartz IV noch einmal beschleunigt in Richtung abwärts gedrückt wurden. Ausserdem wettert er gegen Mindestlöhne, die Beitrags- und Steuerzahler entlasten würden - und hat auch gemeinsam mit den CDU/CSU/SPD-Abgeordneten dagegen gestimmt.
Der Mann hat eben ein Ziel.
Alles Gute
Kai Hamann
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