Energiepolitik Röttgen empört Partei- und Koalitionsfreunde
Mit seinem Vorstoß für einen schnellen Atomausstieg stößt Umweltminister Röttgen auf Kritik in den eigenen Reihen. Union und FDP zürnen – selbst die Grünen jubeln nicht.
© Boris Roessler dpa

Ablehnung in der Bevölkerung, Streit in der Koalition: Die Kernenergie sorgt für Ärger bei Union und FDP
CDU-Umweltminister Norbert Röttgen steht mit seinem Vorstoß für eine nur geringfügig längere Atomkraftnutzung und damit für eine möglichst rasche Abkehr von der Kernenergie allein – und gegen den Rest von Union und FDP. Gleich mehrere Mitglieder der Bundesregierung, von Fraktionen und Landesministerien erinnerten den Minister an den Koalitionsvertrag.
Grund für die Empörung im konservativen und liberalen Lager ist ein Interview Röttgens mit der Süddeutschen Zeitung. Darin mahnte er seine Partei, sich "gut zu überlegen, ob sie gerade die Kernenergie zu einem Alleinstellungsmerkmal machen will". Atomenergie habe auch nach vierzig Jahren keine hinreichende Akzeptanz in der Bevölkerung, die gesellschaftlichen Widerstände gegen Atomkraft seien in Deutschland zu groß. Deshalb dürfe die Union ihren Erfolg nicht davon abhängig machen, dass Atomkraftwerke störungsfrei laufen.
Zugleich warnte der CDU-Minister davor, die Zusatzgewinne der Unternehmen mit einer Sonderabgabe abzuschöpfen. Der Staat müsse den Anschein vermeiden, er schöpfe Gewinne ab und mache dafür Zugeständnisse bei der Sicherheit. Dies sei auch verfassungsrechtlich schwierig. Damit stellt sich Röttgen gegen Bundeswirtschaftsminister Rainer Brüderle von der FDP, der kürzlich erklärt hatte, "mindestens die Hälfte" der Sondergewinne abschöpfen zu wollen.
Für Vizekanzler Guido Westerwelle wäre es "ein absolut schwerer Fehler", jetzt aus der Kerntechnik auszusteigen. "Was der Umweltminister gesagt hat, ist nicht die Auffassung der Bundesregierung", sagte der Außenminister und FDP-Vorsitzende. Der Generalsekretär der Partei, Christian Lindner, kritisierte, dass die energiepolitische "Linie der Koalition verunklart worden" sei. "Es macht keinen Sinn unsere sicheren Kernkraftwerke jetzt schneller abzuschalten als bisher vereinbart."
Der stellvertretende Unions-Fraktionsvorsitzende im Bundestag, Michael Fuchs, sagte: "Im Koalitionsvertrag gibt es eine klare Vereinbarung, die auch für den Umweltminister gilt. Wir können unsere Umweltziele ohne Kernkraft nicht erreichen." Fuchs verwies damit auf das Ziel von CDU/CSU und FDP, die Laufzeiten der deutschen Atomkraftwerke zu verlängern. Details soll ein Energiekonzept klären, das das Wirtschafts- und das Umweltministerium im Herbst vorlegen wollen. Das Konzept sollen Röttgen und Brüderle gemeinsam erarbeiten.
Fuchs kritisierte, Röttgen spreche "von Zugeständnissen an Kraftwerksbetreiber, diese sind jedoch nie gemacht worden." Zwar müssten unsichere Atomkraftwerke abgeschaltet werden. "Sichere Kraftwerke können weiterlaufen, und zwar nicht nur vierzig Jahre, wie Herr Röttgen willkürlich festlegen will, sondern sechzig Jahre wie in den USA oder noch länger." Es bedeute volkswirtschaftlich "einen enormen Schaden, gut funktionierende Kernkraftwerke abzuschalten, die weder durch Vogelschredderanlagen (Windkraft) noch durch Subventionsgräber (Solarzellen) ersetzbar sind".
Auch Michael Kretschmer, ebenfalls stellvertretender Union-Fraktionsvorsitzender, kritisierte: "Ich bin selbst Ingenieur und sprachlos über so viel Unfug in der Debatte. Wollen wir tatsächlich die sichersten AKWs der Welt abschalten, um dann Strom aus weniger sicheren, ausländischen AKWs zu importieren?" Es werde gewünscht, aus der Kernenergie auszusteigen, außerdem aus der Braunkohle und aus der Steinkohle – "aber mit erneuerbarer Energie allein, lässt sich ein Industrieland wie Deutschland nicht betreiben", sagte Kretschmer.
Die Umweltministerinnen von Baden-Württemberg und Hessen, Tanja Gönner und Silke Lautenschläger (beide CDU) erklärten: "Wir werden auch weiterhin für das Programm der Union und für den Koalitionsvertrag eintreten, die beide die Verlängerung der Laufzeiten der Kernkraftwerke in Deutschland vorsehen." Die Atomenergie sei zwar eine Brückentechnologie, man dürfe sie aber nicht vorzeitig auslaufen lassen, sondern werde sie sicher noch über das Jahr 2022 hinaus brauchen.
Auch Bayerns Umweltminister Markus Söder (CSU) griff seinen Unionskollegen an. Röttgen müsse "darauf achten, dass er nicht falsche Signale sendet", sagte er. "Man kann nicht gleichzeitig die Solarförderung kürzen und einen übereilten Ausstieg aus der Kernenergie verkünden. Das ist wenig glaubwürdig." Nach Söders Ansicht kann die Atomenergie "auf absehbare Zeit nicht durch natürliche Energien ersetzt werden".
Selbst die Grünen konnte der Umweltminister mit seinem Vorstoß nicht gewinnen. Die Grünen-Vorsitzende Claudia Roth warf Röttgen vor, er versuche "den Menschen Sand in die Augen zu streuen, während Schwarz-Gelb im Hinterzimmer den Ausstieg aus dem Atomausstieg festzurrt und die Solarförderung kappt". Grünen-Fraktionschefin Renate Künast bezeichnete Röttgens Werben für einen Atomausstieg als unglaubwürdig. Es sei nur wahltaktisch motiviert, sein Handeln etwa in der Personalpolitik des Ministeriums spreche eine andere Sprache. "Röttgen ist der Wolf im grünen Schafspelz."
Mehrere mit SPD oder Grünen regierende CDU-Ministerpräsidenten dagegen unterstützten Röttgen. Sie könne ihm "voll und ganz zustimmen", sagte die Thüringerin Christine Lieberknecht. Die von Röttgen genannte Laufzeit von 40 Jahren sei bereits "eine sehr, sehr lange Periode". Der Saarländer Peter Müller hielt seinem Koalitionsvertrag mit Grünen und FDP entsprechend am Atomausstieg fest: "Änderungen, die das Ziel haben, die Laufzeiten zu verlängern, wird das Saarland im Bundesrat nicht zustimmen." Das CDU-Vorstandsmitglied Friedbert Pflüger sagte: "Röttgen hat Recht."
- Datum 08.02.2010 - 08:51 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa, Reuters, AFP
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Diese FDP wird immer unerträglicher. Mit blindem Eifer sollen die Mittel des Staates gekürzt werden und so die Schulden bleiben oder über Kürzungen sozialisiert werden. Damit nicht genug will die FDP weiter Gesellschftskosten durch die Kernenergie produzieren. Keiner weiß was aus dem Atommüll werden soll, aber die FDP will noch mehr vom Falschen. Noch mehr Müll und Schulden für die jetzigen und kommenden Generationen. Was ist nur aus dieser Partei geworden. Früher waren es die Extremparteien, die regierungsunfähig waren.
Jetzt ist es augenscheinlich auch die FDP, die der Realitätsverlust ereilt hat.
Eine neue Rollenverteilung:
Atomkraftwerks-Laufzeiten-Verlängerung
FDP dafür.
Umweltminister dagegen.
CDU dafür und dagegen
Regierung dafür.
Damit wird ein mögliches Feindbild unscharf.
Die plötzlichen Umarmungsattacken und die Übernahmen von klassischen Positionen der Opposition ist ein bewährtes Mittel von Merkel's Regierungsstil. Nicht bekämpfen und polarisieren, sondern ganz einfach überholen. Damit sind die klassischen Lagerkämpfer total überfordert. "If you can't beat them, join them." Ein amerikanisches pragmatisches Motto, es zählt das Ziel und das ist die Mehrheit in der jeweils nächsten Mitte.
"Es werde gewünscht, aus der Kernenergie auszusteigen, außerdem aus der Braunkohle und aus der Steinkohle – "aber mit erneuerbarer Energie allein, lässt sich ein Industrieland wie Deutschland nicht betreiben", sagte Kretschmer."
http://www.zdf.de/ZDFmedi...
Der Wechsel zu den erneuerbaren Energien ist sehr wohl möglich, aber statt die Energienetze auszubauen und werden eher alte Vorstellungen von der Sicherheit der Kernenergie gepflegt.
Entweder hat dieser Mensch einen seltsamen Humor oder weiß tatsächlich nicht wie ein Windrad funktioniert.
Diese drehen sich meistens so langsam...
Und auch wenn sie sich schneller drehen sollten - Vögel sehen sie - und werden wohl kaum in sie hineinfliegen - und im Gegensatz zu Flugzeugen sind Windräder statisch.
Subventionsgrab - Solarzellen - na ja - schon eher, obschon sich diese nach 20 Jahren "oder so" auch rentieren.
Immer wieder schön, wie sich Leute wie dieser Fuchs mit Ihrer Wortwahl als Klientelpolitiker, Lobbyisten und ewig gestrige entlarven.
Toshiba will einen eigenen Mini-Reaktor bauen, mit 10 Megawatt Leistung. Der Reaktor hat den Namen "4S" bekommen - "super-safe, small, and simple". Dieser Reaktor soll sogar 30 - 40 Jahre vollkommen autark arbeiten können. Eine Testversion des Reaktors soll 2012 in Alaska in einem Dorf namens Galena ans Netz gehen.
Das Problem mit den AKWs ist dass sie sicher laufen, bis etwas passiert. Tötet ein normales Kraftwerk bei einem Unfall vielleicht 100 Personen (USA), so sind die Ausmasse eines Unfalls bei einem AKW ganz anderer Art, da geht es über die Jahrzehnte in die Millionen.
Aber wen interessiert das schon? Die Betreiber sowieso nicht, die halten ihre Kraftwerkssicherheiten nur im Rahmen des gesetzlich vorgeschriebenen. Sollte mal etwas passieren, dann sind sie aus dem Schneider, denn ihre Haftung ist begrenzt.
Deshalb sollten die Politiker eigentlich die moralische Haftung für AKWs tragen und der kommt ein Politiker wie Fuchs garantiert nicht nach.
Die Frage Lage der Laufzeitverlängerung der AKW ist im puncto Sicherheit doch eine der Abwägung. Sind mir die Profite der Kraftwerkbetreiber wirklich die potentielle Gefährdung von Millionen von Menschen wert?
Manche (Fuchs) sagen ja, andere (Röttgen) sagen jein und einige wenige sagen klar nein.
Fuchs jedoch will die normative Frage der AKWs in die Sphäre der wissenschaftlichen Scheinsicherheiten abdrängen. Und man kann ihm soweit zustimmen: Die AKWs sind sicher - bis mal was passiert.
Ich bin froh um jeden Konflikt innerhalb dieser Regierung. Ich bin auch der FDP dankbar, daß sie mit Vollgas weiter ihren aggressiven Konfrontationskurs fährt und sich so deutlich für möglichst ewige Laufzeiten äußert, das wird ihren Absturz weiter beschleunigen.
Möge dies dazu führen, daß die Koaltion schnellstmöglich zerbricht. Und zwar bevor die wirklich beginnen am Atomausstiegsgesetz rumzufingern. Und noch mehr Unheil auf anderen politischen Gebieten anrichten.
Ich bin mir bewußt, daß diese Chance leider ziemlich klein ist, aber es ist meiner Meinung nach die einzig realistische zur Rettung des Atomausstiegs und Deutschlands.
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