Saarland Leichte Wolken über Jamaika

Seit 100 Tagen regiert im Saarland das neuartige Bündnis aus CDU, FDP und Grüne. Die Leistung der Jamaika-Koalition: ziemlich dürftig.

Zwei parlamentarische Untersuchungsausschüsse in den ersten 100 Tagen – einen guten Start für die Jamaika-Regierung kann man das kaum nennen. Auf Antrag der Oppositionsparteien SPD und Linke wird der saarländische Landtag die Ansiedlung eines Dinosaurier-Freizeitparks auf einem ehemaligen Bergwerksgelände untersuchen, bei der der Landesrechnungshof in einem Sonderbericht von der Verschwendung von Steuergeldern in zweistelliger Millionenhöhe spricht. Das richtet sich gegen Politik der CDU-Alleinregierung in den vergangenen Jahren. Im zweiten Fall geht es um die Rolle des FDP-Politikers Hartmut Ostermann, den der Spiegel als "Paten von der Saar" bezeichnete.

Ostermann ist Deutschlands größter Altenheimbetreiber und Eigentümer einer Hotelkette, hat den Vorsitz im FDP-Kreisverband Saarbrücken, sitzt im Jamaika-Koalitionsausschuss und pflegt beste Kontakte zu den drei Jamaika-Fraktionsvorsitzenden: Klaus Meiser (CDU) war jahrelang in verantwortlicher Position bei Ostermann beschäftigt, Hubert Ulrich (Grüne) stand noch während der Koalitionsgespräche auf der Gehaltsliste einer IT-Firma, an der Ostermann beteiligt ist. Und Horst Hinschberger (FDP) ist Präsident des 1. FC Saarbrücken, bei dem Ostermann als Hauptsponsor fungiert. Als bekannt wurde, dass gleich fünf Steuerverfahren gegen seine Firmen im Oktober, also zeitgleich zu den Sondierungsverhandlungen von CDU, FDP und Grünen, eingestellt wurden, war für die Opposition klar: So viel Zufall kann nicht sein. Die SPD spricht von einer Regierung "von Ostermanns Gnaden".

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Selbst wenn nichts dran ist an diesen Verdächtigungen, wie CDU, FDP und Grüne behaupten – Jamaika steht unter massivem Druck. Aus sich selbst heraus hat die Koalition in den ersten 100 Tagen heraus zwei Gesetze verabschiedet, die auf die Initiative der Grünen zurückgehen: die Abschaffung der Studiengebühren (das fehlende Geld – mehr als zehn Millionen Euro – sollen die Universitäten aus dem Landeshaushalt bekommen und ein absolutes Rauchverbot in Gaststätten.

Im Koalitionsvertrag steht darüber hinaus ein Ausbau von Gemeinschaftsschulen mit fünf Grundschuljahren. Dass der CDU das alles nicht so recht passt, kann sie nur schwer verbergen. Auch die FDP hat noch nicht richtig Tritt gefasst. Hier macht sich Unmut gegen den Landesvorsitzenden Christoph Hartmann breit, weil er offenbar nicht genügend Posten für "verdiente" Parteimitglieder gefunden hat.

Nicht im Griff hat die Regierung die nach wie vor desolate Finanzlage. In diesem Jahr soll die Neuverschuldung um rund eine Milliarde Euro steigen – bei einem Haushaltsvolumen von rund 3,5 Milliarden und Altschulden von zwölf Milliarden Euro. Der Lackmustest für die neue Regierung wird die Verabschiedung des Haushalts für 2010 im Mai. Ministerpräsident Peter Müller kündigte an, bei Neueinstellungen für den öffentlichen Dienst auf die Bremse zu treten, außer bei Polizeibeamten und im Bildungsbereich. Damit hat die Jamaika-Regierung die Gewerkschaften auf die Barrikaden gebracht. Auch die Unternehmerverbände sind mit den ersten 100 Tagen nicht zufrieden.

Von dem Anspruch der "Jamaikaner", eine Chance fürs Saarland und ein Modell für den Bund sein zu wollen, ist noch nicht viel zu spüren.

 
Leser-Kommentare
  1. ...die geistig-moralische Wende, dass nun der Filz öffentlich wie eine Monstranz vor sich her getragen wird und nicht mehr klammheimlich?

    Wenn ich nun hier meiner Empörung darüber freien Lauf ließe, wäre mein Beitrag sicherlich in nullkommanix gelöscht:

    "Ostermann ist Deutschlands größter Altenheimbetreiber und Eigentümer einer Hotelkette, hat den Vorsitz im FDP-Kreisverband Saarbrücken, sitzt im Jamaika-Koalitionsausschuss und pflegt beste Kontakte zu den drei Jamaika-Fraktionsvorsitzenden: Klaus Meiser (CDU) war jahrelang in verantwortlicher Position bei Ostermann beschäftigt, Hubert Ulrich (Grüne) stand noch während der Koalitionsgespräche auf der Gehaltsliste einer IT-Firma, an der Ostermann beteiligt ist. Und Horst Hinschberger (FDP) ist Präsident des 1. FC Saarbrücken, bei dem Ostermann als Hauptsponsor fungiert."

    • TDU
    • 16.02.2010 um 19:41 Uhr

    Eben noch anständige Arbeit im Saarland beim Artikel über NRW und jetzt dürftig. Das ist für mich Freiheit einer Zeitung. Nur bei brisanteren Theman vielleicht mal die Zusammenführung der Threads. Da kann man dann besser diskutieren.

  2. .. unn mir sinn zufrieden."
    So die Mundart an der Saar.

    Und?

    Sind wir das?

    Nutloses Studiengebührenmodell nach Scheitern an den eigenen (CDU) Ansprüchen wieder abgeschafft.

    Ein Nichtraucherschutzgesetz in einem Land der kleinen Eck- und Stammkneipen, welches ähnlich wie das letzte dieser Art vor allem auf Ignoranz oder unbeabsichtige Folgen wie Arbeistplatzverluste stossen wird.

    "Sin mir's oder sin mir's nitt?"

    Schon meint Peter Stefan Herbst im Zeit-Artikel:

    http://www.zeit.de/politi...

    Und wer wills ihm übelnehmen!

    Schließlich ist Herr Ostermann neben Politiker, saarländischem Unternehmer und sportbegeistertem Schwergewicht vor allem eins:

    Anzeigenkunde der Regionalzeitung.

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