Westerwelle und Hartz IV Halbherzige Hilfe aus der Union

Die Union distanziert sich von den harten Sprüchen des FDP-Chefs in der Hartz-IV-Debatte. Inhaltlich geben ihm führende Christdemokraten aber durchaus recht.

Guido Westerwelle kann zufrieden sein. Seit Tagen beschäftigt er die Öffentlichkeit mit seinen immer schärferen Polemiken gegen Hartz-IV-Empfänger und seiner Forderung nach einer Generaldebatte über den Sozialstaat. Opposition und Medien sind begierig aufgesprungen. SPD, Grüne und Linke werfen dem FDP-Chef vor, die Gesellschaft zu spalten und Langzeitjoblose als arbeitsscheu hinzustellen.

Selbst CDU-Politiker halten zunehmend Abstand zu ihrem lautstarken Koalitionspartner. So sagte Karl Schiewerling, sozialpolitischer Sprecher der Unions-Fraktion, ZEIT ONLINE: "Es ist vollkommen kontraproduktiv, von spätrömischer Dekadenz zu reden. Und es hilft überhaupt nicht weiter, jetzt alle Empfänger von Hartz IV pauschal in die Ecke zu stellen." Die CDU-Vorsitzende und Kanzlerin Angela Merkel hatte sich schon vergangene Woche von der Wortwahl ihres Vizes distanziert. Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen machte am Wochenende ebenfalls deutlich, dass sie die von Westerwelle angestoßene Debatte für überflüssig hält.

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Von der Leyen ist für die vom Bundesverfassungsgericht erzwungene Neufassung der Hartz-IV-Regelsätze zuständig, die der FDP-Chef als Ausgangspunkt seiner Polemiken nutzte. Und sie kann kein Interesse daran haben, diese ohnehin schwierige Aufgabe nun noch mit einer Grundsatzdebatte über die Grenzen des Sozialstaats aufzuladen. Deshalb stellte sie klar: "Das Bundesverfassungsgericht hat klar gemacht: Das Existenzminimum muss in unserem Sozialstaat gesichert sein, denn es geht um die Würde des Menschen." Die Ministerin möchte vor allem vermeiden, dass der Eindruck entsteht, die schwarz-gelbe Koalition plane als Konsequenz aus dem Urteil womöglich eine Absenkung der Hartz-IV-Leistungen. Daher soll es keine Vorfestlegung geben, bevor sich die Beamten des Ministeriums und Experten an die Arbeit gemacht haben.

Ähnlich sieht es auch Schiewerling. "Ich halte es nicht für hilfreich, jetzt schon festzulegen, dass die Sätze nicht steigen dürfen", sage er. Man müssen jetzt erst einmal den tatsächlichen Bedarf der Hartz-IV-Empfänger nach den Vorgaben der Karlsruher Richter genau berechnen. Während die Sozialpolitiker der Union betonen, dass auch eine Anhebung der Regelsätze möglich sei, nicht nur für Kinder, warnen Wirtschaftspolitiker der Partei davor, falsche Erwartungen zu wecken. "Das Urteil des Bundesverfassungsgerichts bedeutet nicht, dass die Sätze automatisch steigen werden", sagte Michael Fuchs, Vizefraktionschef der Union, ZEIT ONLINE.

Auch Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble gab am Wochenende zu erkennen, dass die Leistungen für die Langzeitarbeitslosen nicht steigen sollen. Und von der Leyen hatte schon unmittelbar nach dem Urteil angekündigt, dass sie verstärkte Hilfen insbesondere für die Kinder vor allem in Form von Sachleistungen gewähren möchte.

Neben diesen unterschiedlichen Sichtweisen zur künftigen Höhe der Hartz-IV-Sätze gibt es in der Union auch Differenzen über Westerwelles Grundsatzkritik an der Sozialpolitik, etwa seine Bemerkung, in Deutschland scheine es "nur noch Bezieher von Steuergeld zu geben". Schiewerling sieht darin eine zu pauschale Diskreditierung der Langzeitarbeitslosen. "Sozialen Missbrauch gibt es sowohl bei Sozialhilfeempfängern als auch am anderen Ende, bei den Vermögenden und gut Verdienenden, die sich der Steuer entziehen. Beides muss gleichermaßen bekämpft werden." Die 6,5 Millionen Bezieher von Hartz IV seien auch "kein monolithischer Block. Die meisten wollen aus der Abhängigkeit von staatlichen Zahlungen heraus."

Der Wirtschaftspolitiker Fuchs dagegen hält die Kritik an Westerwelle für zu einseitig: "Es muss doch möglich sein zu sagen, dass wir in Deutschland Leute brauchen, die Geld verdienen und helfen, andere zu alimentieren." Bundesinnenminister Thomas de Maizière ließ ebenfalls seine grundsätzliche Sympathie für die Position des FDP-Chefs erkennen: "Was wir brauchen, ist eine neue Aufstiegsmentalität, sonst wird die Solidarität der Steuer- und Abgabenzahler zerstört, die das System finanzieren", sagte er der Bild-Zeitung.

Leser-Kommentare
  1. Das Gericht sagte:
    "Die Regelleistungen sowohl des Arbeitslosengeldes II für Erwachsene als auch des Sozialgeldes für Kinder bis zur Vollendung des 14. Lebensjahres genügen dem Grundrecht auf Gewährleistung eines menschenwürdigen Existenzminimums nicht. Die einschlägigen Regelungen des Hartz-IV-Gesetzes sind daher verfassungswidrig"

    Welcher [...] Verstand kann daraus ableiten, dass der bisherige Satz gerecht, geschweige denn zu hoch ist? Wie verblendet muss man sein, um nach diesem Urteil alle ALG 2 Empfänger als dekadent zu bezeichnen, wenn sie mehr Geld fordern? Das Urteil ist für mich klar und mehr als nur ein Auftrag neu zu rechnen. Der Auftrag ist viel mehr, den Satz zu erhöhen und weitere Bereiche, wie das kulturelle leben mit ein zu beziehen.

    [Gekürzt, bitte formulieren Sie Kritik sachlich. Danke. /Die Redaktion pt.]

  2. @deftone:
    Nicht aufregen, diese Gestalten sind es nicht wert, sich ein Magengeschwür zu holen.

    Seite 2 dieses Artikels zeigt eigentlich genau das, was ich mir dachte. Guido macht den Schreihals, Merkel nickt und lässt ausrichten, dass sie lediglich eine andere Ausdrucksweise verwendet hätte (Frage mich wie die Medien darauf kamen, dass sich Mutti distanziert?).
    Die Union will in die gleiche Richtung, wie die FDP, aber beide fischen in unterschiedlichen Bereichen. Nur um in NRW wieder Schwarz-Gelb zu bekommen wird die Gesellschaft gespalten, wie es vor der BTW mit dem "Generationenkonflikt" gemacht wurde. Verachtenswerte Kreaturen, die sich für die politische Elite halten. Ich spucke ihnen vor die Füße.

    MfG
    AoM

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    zittiert : ``es ist bzw. wäre nicht meine Wortwahl``

    was halt eben keine Aussage darüber ist wie sie darüber denkt bzw. was sie will;

    es kann auch ein Hinweis sein, das sie das Selbe will aber nur mit anderen Worten

    zittiert : ``es ist bzw. wäre nicht meine Wortwahl``

    was halt eben keine Aussage darüber ist wie sie darüber denkt bzw. was sie will;

    es kann auch ein Hinweis sein, das sie das Selbe will aber nur mit anderen Worten

    • Herr-M
    • 15.02.2010 um 19:13 Uhr
    3. mies

    Wie mies Westerwelles demagogisches Argumentieren ist, kann man gut an diesem Faz-Artikel herauslesen.

    http://www.faz.net/s/Rub5...

    Es ist zwar richtig, dass „Arbeit und Soziales“ 45% der Gesamtausgaben des Bundes betragen.Aber so zu tun, als wenn das alles Ausgaben für hartz4-Empfänger sind, ist schon reichlich unverschämt. Es sind ca 12% davon!!!.
    Kann sich jeder selbst ergoogeln.
    Klartext: Darin sind natürlich auch die Ausgaben „Kindergeld“ enthalten. Kindergeld bekommt bekanntlich jeder, der Kinder hat und nicht nur Hartz4-Bezieher.
    Dann noch die Ausgaben Zinstilgung in toto einfach mal den Sozialausgaben und den Hartzern unterzuschieben, ist schon krass unverschämt und grenzt für mich an Volksverhetzung.

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Yadgar
    • 15.02.2010 um 19:57 Uhr

    12 Prozent oder 12 Prozentpunkte von 45 % des Bundeshaushalts? In ersterem Fall wären es real nur 5,4 % des Bundeshaushalts!

    • Yadgar
    • 15.02.2010 um 19:57 Uhr

    12 Prozent oder 12 Prozentpunkte von 45 % des Bundeshaushalts? In ersterem Fall wären es real nur 5,4 % des Bundeshaushalts!

  3. Politisch inkompetent und völlig zerfahren sucht man nun vom eigenen Versagen abzulenken, indem man wider besseres Wissen auf die Schwächsten der Gesellschaft einschlägt, sie zur Wurzel allen Übels und beinahe schon für vogelfrei erklärt. Man arbeitet ganz bewusst mit den niederen Instinkten des Menschen, dem Neid, und nimmt für billigen Stimmenfang in Kauf, den sozialen Frieden langfristig zu gefährden. Dieses Vorgehen erfüllt den Tatbestand der Volksverhetzung. Wenn sich die CDU/CSU und Frau Merkel nicht eindeutig von dem demagogischen Verhalten Westerwelles distanzieren, haben auch sie alle Glaubwürdigkeit verspielt und als politische Entscheidungsträger unhaltbar!

  4. Speiübel wird mir von der Person.

    Absägen - jetzt!

    Mir scheint, die Union hält sich in letzter Zeit mehr für Schwarz/Grün offen. Wenn das mal soweit kommt, kommt in Sachen Sozialstaat hoffentlich mal die Grüne Grundsicherung oder eine andere Form von BGE auf den Tisch. Vielleicht hilft ja offenbar geplante Generaldebatte auch.

    • Yadgar
    • 15.02.2010 um 19:57 Uhr

    12 Prozent oder 12 Prozentpunkte von 45 % des Bundeshaushalts? In ersterem Fall wären es real nur 5,4 % des Bundeshaushalts!

    Antwort auf "mies"
  5. Ich finde es witzig, daß sich alle über den "Ton" von Westerwelles Äußerungen erregen. Die deutsche Öffentlichkeit gleicht nachgerade einem Heim für alte Jungfern, die in Ohnmacht fallen, sobald jemand einen gewissen Körperteil erwähnt.

  6. zittiert : ``es ist bzw. wäre nicht meine Wortwahl``

    was halt eben keine Aussage darüber ist wie sie darüber denkt bzw. was sie will;

    es kann auch ein Hinweis sein, das sie das Selbe will aber nur mit anderen Worten

    Antwort auf "Verachtenswerte Wespen"

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