Hartz-IV-Debatte Westerwelle fordert seine Gegner heraus

Politiker aus Union und Opposition kritisieren den FDP-Chef für seine sozialpolitischen Äußerungen. Der ruft seine Gegner nun zur Bundestagsdebatte.

Seit Tagen polemisiert der FDP-Chef und Außenminister gegen angebliche Auswüchse des Sozialstaats. Damit hat er eine Debatte ausgelöst, in der sich politische Gegner und Verbündete über Inhalt, Form und strategisches Ziel seiner Beiträge entzweien. "Jeder hat seinen eigenen Stil", legte Guido Westerwelle nun nach. "Ich will gestalten, und deswegen will ich unserem Volk auch die Wahrheit sagen. Das Herumreden um den heißen Brei führt doch nur zu noch mehr Politikverdrossenheit." 45 Prozent des Bundeshaushalts gebe der Staat mittlerweile für Sozialleistungen aus, rechnete Westerwelle in der Bild-Zeitung vor. Zusammen mit den Zinsen für die Schulden seien es sogar 60 Prozent. "Wenn das so weitergeht, wird durch diese Umverteilungspolitik der ganz normale Steuerzahler zum Sozialfall."

Der kampfentschlossene Liberale will die Auseinandersetzung nun im Parlament führen. "Ich fordere meine Kritiker auf, sich im Bundestag einer Generaldebatte zur sozialen Gerechtigkeit zu stellen." Seine Kritiker, sagte der Vizekanzler, agierten mit Beleidigungen, weil "es ihnen an Wahrheit und Argumenten fehlt." Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) zeigte grundsätzlich offen für eine Generaldebatte. Die Tagesordnung des Parlaments werde vom Bundestag selbst festgelegt, sagte der stellvertretende Regierungssprecher Christoph Steegmans.

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Am vergangenen Wochenende hatten sich mehrere Unionspolitiker von Westerwelle abgegrenzt. Während sich Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) von seiner Wortwahl distanzierte, machte Bundesarbeitsministerin Ursula von der Leyen (CDU) in der Bild am Sonntag deutlich, dass sie die ganze Debatte für überflüssig hält. Man soll sich nicht in solche Diskussionen "verbeißen". Das Bundesverfassungsgericht habe in seinen Entscheidungen zur Sozialpolitik klar gemacht: "Das Existenzminimum muss in unserem Sozialstaat gesichert sein, denn es geht um die Würde des Menschen." Sachsens Ministerpräsident Stanislaw Tillich (CDU) warf Westerwelle vor, Menschen pauschal zu beschimpfen, die sich ernsthaft und immer wieder bemühten, Arbeit zu finden. Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach forderte ihn am Montag in der ARD zu einer "hundertprozentigen Konzentration auf die Sacharbeit" auf. "Wenn etwas ganz ruhig und sachlich diskutiert
werden sollte, dann gerade dieses sensible Thema."

Andere wählten noch deutlichere Worte. Der frühere CDU-Generalsekretär Heiner Geißler griff Westerwelles Warnung vor "spätrömischer Dekadenz" auf: "Kaiser Caligula hat einen Esel zum Konsul ernannt und das Volk damit verhöhnt. Wir haben einen Esel als Außenminister, der das deutsche Volk verhöhnt." Spätrömische Dekadenz sei in Rom nicht unter den Sklaven und dem einfachen Volk verbreitet gewesen, sondern unter einer Luxuselite und einer Oberschicht von Reichen.

"Wir haben einen Esel als Außenminister, der das deutsche Volk verhöhnt."

Ex-CDU-Generalsekretär Heiner Geißler

Auch die Opposition griff Westerwelle an. SPD-Chef Frank-Walter Steinmeier warf ihm "unglaublichen Zynismus" vor. Grünen-Fraktionschefin Renate Künast nannte ihn einen "Politrowdy". Linken Fraktionsvize Klaus Ernst hatte Westerwelle schon vor dem Wochenende als "obersten sozialen Brandstifter der Nation" bezeichnet.

Liberalen-Spitzenvertreter, die sich erst vor wenigen Tagen darauf geeinigt hatten, ihre Positionen in der schwarz-gelben Koalition offensiver zu benennen, reagierten gereizt auf die Angriffe gegen Westerwelle. Der hessische FDP-Vorsitzende Jörg-Uwe Hahn forderte die Kanzlerin auf, ihren Vizekanzler gegen Angriffe aus der CDU in Schutz zu nehmen. "Ich erwarte ein Machtwort von Angela Merkel", sagte Hahn der Frankfurter Rundschau. Der Financial Times Deutschland sagte er: "Wenn Frau Merkel sich von Westerwelles Äußerungen jetzt distanziert, dann hat sie offensichtlich noch nicht verstanden, dass sie nicht mehr in der großen Koalition mit der SPD regiert."

Auch der Vorsitzende der FDP-Fraktion im nordrhein-westfälischen Landtag, Gerhard Papke, kritisierte Merkel. "Seit wann ist die Kanzlerin die Oberlehrerin der Nation?" Merkels Vorgehen müsse die FDP aber nicht bekümmern. Die Partei werde sich von der versammelten politischen Linken keine Denkverbote erteilen lassen.

Auch andere offene Fragen in der schwarz-gelben Bundesregierung wie Steuersenkungen und Gesundheitsreform heizen den Streit in der Koalition weiter an. Merkel müsse endlich Führung beweisen und ihrem Laden sagen, wo es lang gehe, sagte Bayerns Wirtschaftsminister und stellvertretender FDP-Landesvorsitzender Martin Zeil der Financial Times Deutschland. Stattdessen ergehe sich die Kanzlerin in machttaktischen Spielchen und flirte zusammen mit NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) mit den Grünen. Dies sei eine "Unverschämtheit". NRW wählt im Mai einen neuen Landtag. Laut Umfragen fehlt der derzeitigen schwarz-gelben Koalition die Mehrheit, was eine Koalition der CDU mit den Grünen in den Bereich des Denkbaren rückt.

Während die FDP sich in der Frage der Hartz-IV-Sätze nach außen geschlossen gibt, bleibt die Diskussion über ihre Führung in Gang. Parteivize Andreas Pinkwart hatte Westerwelle am Wochenende aufgefordert, die Führung zu teilen. Auch Fraktionsvize Ulrike Flach hatte den Parteivorsitzenden kritisiert. Generalsekretär Christian Lindner und der stellvertretende FDP-Vorsitzenden Cornelia Pieper wiesen die Angriffe als unbegründet zurück. Auch der Bundesvorsitzende der Jungen Liberalen, Johannes Vogel, reagierte ablehnend. "Wir haben mittlerweile genügend Personen in der ersten Reihe."
 

 
Leser-Kommentare
  1. Der BDA forderte, den "Hinzuverdienst" voll auf das Arbeitslosengeld II anzurechnen.

    oder

    wie schaffe ich es, die Motivation völlig zu zerstören.

    nur so als Hinweis: Wir haben nicht 500 000 ofene Stellen
    sondern rund 380 000. Darunter binden sich bei der Arbeitsagentur auch Minijobs, Karteileichen und Doppelmeldungen von Leihfirmen.

    Echte Stellen: naja, vielleicht 150 000 darunter viele mit absurdem Anforderungsprofil : Facharbeiter mit Ingenieurkenntnissen für Verleihertarife.

    Poltiker wacht auf: Sonst trägt man Euch eines Tages aus dem Bundestag. Gemeint sind auch SPD und GRüne.

  2. Von einem Pyromanen kann man nicht erwarten, dass er Feuer löscht, er schürt sie.

    Für das Geld, was ein Hartzer im Monat dazu verdienen darf, stehen diese überversorgten Wohlstandsschmarotzer, denen Leistung so fremd ist wie Ehrlichkeit, Menschenachtung und Gewissen nicht einmal früh auf. Geschweige denn dass sie dafür hart arbeiten würden.

    Im Bezug auf solche überflüssigen Kostenposten sagte Urban Priol in der Anstalt so schön:
    "An Stammtischen kursiert schon wieder die Frage, was macht eigentlich grade die RAF?"

    MfG
    AoM

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    aber inhaltsentsprechende Aussagen hört man in letzter Zeit immer wieder, nicht nur an Stammtischen. Die Politiker haben keine Ahnung von der Stimmung im Lande.

    aber inhaltsentsprechende Aussagen hört man in letzter Zeit immer wieder, nicht nur an Stammtischen. Die Politiker haben keine Ahnung von der Stimmung im Lande.

  3. aber inhaltsentsprechende Aussagen hört man in letzter Zeit immer wieder, nicht nur an Stammtischen. Die Politiker haben keine Ahnung von der Stimmung im Lande.

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    gaaaanz kleinen Adolf abgelöst.
    Kennen Sie auch die,sehr schwarze, Begründung dazu: Die RAF hat die Richtigen erwischt.

    gaaaanz kleinen Adolf abgelöst.
    Kennen Sie auch die,sehr schwarze, Begründung dazu: Die RAF hat die Richtigen erwischt.

  4. ... ist das Problem relativ einfach zu formulieren (was die Tragik der persönlichen Schicksale keinesfalls mindert). Wir haben aus demographischen (die geburtenstarken Jahrgänge sind ja noch nicht in Rente), wirtschaftlichen (steigende Automatisierung) und politischen (Wiedervereinigung) Gründen zu viele Menschen für die Art und Weise, wie wir Arbeit in unserer Gesellschaft verteilen. Das ist insofern dekadent, als dass wir einen Teil unserer Gesellschaft als 'nutzlos' ausgliedern und Ihnen Arbeit verweigern. Auch der Guido kann die Frage nicht bentworten, wo denn die 3 Mio Arbeitsplätze sind, die die von ihm so schändlich diffarmierten Sozialschmarotzer anzunehmen ja anscheinend massenhaft verweigern. Antwort: sie sind einfach nicht da! Und weil sie nicht da sind, muss sich unsere Gesellschaft fragen, wie wir mit den Menschen, die aus dem Erwerbsleben rausgefallen sind, menschenwürdig umgehen. Diese Frage ist wahrlich nicht einfach und sie verdient bessere Antworten als das Westerwellesche Dummgeschwätze. Wünschen wir uns, dass es bald wieder da geäußert wird, wo es noch ein gewisses folkloristisches Amusement hervorrief: in der Opposition! In der Regierung entwickeln sich die Guido-Boys jedenfalls zum Staatsrisiko. Bitte keine ganze Legislaturpeiode! So schnell wie möglich aufhören!

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    tja, irgendwer muss die "Jungs" wohl gewählt haben, frag ich mich, obgleich jetzt alle ächzen und stöhnen. Welcher politische Kurs dabei herausspringen würde war doch auch vorher klar. Mich überrascht Westerwelles gesellschaftsfernes Gebubbel nicht im geringsten, und wer jetzt überrascht tut, war entweder blind oder verlogen.
    Bei demokratischer Wahl kriegt eben jedes Volk die Regierung, die es verdient. Herzlichen Glückwunsch.

    tja, irgendwer muss die "Jungs" wohl gewählt haben, frag ich mich, obgleich jetzt alle ächzen und stöhnen. Welcher politische Kurs dabei herausspringen würde war doch auch vorher klar. Mich überrascht Westerwelles gesellschaftsfernes Gebubbel nicht im geringsten, und wer jetzt überrascht tut, war entweder blind oder verlogen.
    Bei demokratischer Wahl kriegt eben jedes Volk die Regierung, die es verdient. Herzlichen Glückwunsch.

  5. Vielleicht hätte Herr Westerwelle im Geschichtsunterricht besser aufpassen sollen. Oder doch mal die zehn Minuten zu Fuß vom Abgeordnetenhaus nach Kreuzberg downtown laufen und mit den Menschen reden, die dort der "spätrömischen Dekadenz" frönen. Ein Besuch bei einer Ausgabestelle der "Tafel" hätte es notfalls auch getan.

    (Und nein, mcharlie, bitte vereinbaren Sie jetzt *keinen* Pressetermin von Herrn Westerwelle bei der Berliner "Tafel". Lesen Sie stattdessen den brillanten Kommentar auf SPIEGEL Online zum Thema:)

    http://www.spiegel.de/kul...

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    "Und nein, mcharlie, bitte vereinbaren Sie jetzt *keinen* Pressetermin von Herrn Westerwelle bei der Berliner "Tafel"."

    wie darf ich das verstehen?

    ;-)

    "Und nein, mcharlie, bitte vereinbaren Sie jetzt *keinen* Pressetermin von Herrn Westerwelle bei der Berliner "Tafel"."

    wie darf ich das verstehen?

    ;-)

  6. 6 Millionen die Arbeit suchen wollen 20% in Wirklichkeit gar keine Stelle. Also 120 000
    Zwinge ich jetzt diese 120 000 einen Job anzunehmen, so werden 120 000 Andere die dringend einen Job suchen keinen Job mehr finden. Was erreiche ich also?
    120 000 sind unglücklich weil sie arbeiten müssen
    120 000 sind unglücklich weil sie keine Arbeit finden.
    Dass sind 240 000 Unzufriedene. Hätte ich auf den Druck verzichtet, hätte ich 240 000 Zufriedene. Den ganzen Reprässalienapparat kann mir also sparen. Im Gegenteil einen Großteil der Verwaltungskosten könnte ich für die Schuldenreduzierung (Steuersenkung) verwenden.
    Ein bedingungsloses Bürgergeld wäre wohl die beste Lösung.

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    1 200 000 und nicht 120 000

    Was das Bürgergeld angeht, stimme ich Ihnen zu.

    Was die 20% angeht: nun ja, 20 Prozent von 6 Millionen sind 1,2 Millionen...was bedeuten würde, dass 4,8 Millionen arbeiten wollen, aber keinen Job finden. Und selbst wenn die Relation umgekehrt wäre...80 Prozent wollten nicht arbeiten, 20 Prozent aber schon...gibt es 1,2 Millionen offene Stellen in Deutschland?!

    Und sage bitte niemand, dass die Zahl von 6 Millionen nicht der offiziellen Statistik der Arbeitsagentur entnommen wurde - die ist gefälscht. (Wie sagte ein Arbeitsagentur-Mitarbeiter so schön: "Wir fälschen keine Lebensläufe von schwervermittelbaren Arbeitslosen, wir optimieren sie nur" - Ähnliches gilt für die Arbeitsweise der Gesamtbehörde.)

    1 200 000 und nicht 120 000

    Was das Bürgergeld angeht, stimme ich Ihnen zu.

    Was die 20% angeht: nun ja, 20 Prozent von 6 Millionen sind 1,2 Millionen...was bedeuten würde, dass 4,8 Millionen arbeiten wollen, aber keinen Job finden. Und selbst wenn die Relation umgekehrt wäre...80 Prozent wollten nicht arbeiten, 20 Prozent aber schon...gibt es 1,2 Millionen offene Stellen in Deutschland?!

    Und sage bitte niemand, dass die Zahl von 6 Millionen nicht der offiziellen Statistik der Arbeitsagentur entnommen wurde - die ist gefälscht. (Wie sagte ein Arbeitsagentur-Mitarbeiter so schön: "Wir fälschen keine Lebensläufe von schwervermittelbaren Arbeitslosen, wir optimieren sie nur" - Ähnliches gilt für die Arbeitsweise der Gesamtbehörde.)

  7. ganz unsere Torch of Liberty vergessen. Fackel, noch etwas das mit Feuer und zündeln zu tun hat.

    "Anstrengungsloser Wohlstand"

    Ich glaube den Begriff kennen nur diejenigen, die einzig ihr Geld für sich arbeiten lassen ohne sich an irgendeiner Wertschöpfung selbst zu beteiligen. Er meinte wohl eher "anstrengungslose Grundsicherung".
    Soll Guido doch mal einen Antrag auf ALG II stellen. Gerade er in einer Lebensgemeinschaft mit seinem Partner.

    Und bei "Spätrömischer Dekadenz" muss er wohl gerade in den Spiegel geschaut haben, denn Leute wie er leben spätrömische Dekadenz. Überversorgte Legaten, die Freiheit rufen, aber nur sich selbst meinen.

    MfG
    AoM

  8. 1 200 000 und nicht 120 000

    Antwort auf "nehmen wir an, von den"
  • Quelle ZEIT ONLINE. dpa, Reuters
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  • Schlagworte Hartz IV | Guido Westerwelle | FDP | Steuerreform
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