Bundestagsdebatte zu Hartz IV Westerwelle lässt nicht locker
In der Hartz-IV-Debatte im Bundestag gibt sich der FDP-Chef von der Schelte der Kanzlerin unbeeindruckt. Die Union hält sich mit Unterstützung auffallend zurück.
Der Platz der Kanzlerin auf der Regierungsbank bleibt an diesem Morgen leer. Dennoch nimmt auch sie indirekt an der Bundestagsdebatte teil, die sich den Folgen des Karlsruher Hartz-IV-Urteils und der von Guido Westerwelle im Gefolge angefeuerten Diskussion widmet. Denn auch Angela Merkel ist gemeint, als ihr Vizekanzler im Stakkato die Sätze wiederholt, die ihm in den vergangenen Wochen so viel Kritik eingebracht haben: "Was verteilt werden soll, muss erst erwirtschaftet werden" und: "Wer arbeitet, muss mehr haben, als der, der nicht arbeitet." Und er kündigt an, dass er seine Kritik an der Sozialpolitik weiterhin vorbringen werde.
Davon kann ihn offensichtlich auch die Kanzlerin nicht abhalten, die Westerwelle in der FAZ unmissverständlich mitgeteilt hatte, was sie von dessen Äußerungen zu Hartz IV und dem Sozialstaat im Allgemeinen hält. Der Vizekanzler erschwere die Debatte, indem er so tue, als überschreite er Tabus, wo er doch nur von Selbstverständlichkeiten rede. Man kann diese Aussage so verstehen, dass Merkel der Opposition in dem Vorwurf zustimmt, Westerwelle betreibe eine populistische Kampagne.
Natürlich milderte Westerwelle seine Thesen nicht ab. Das wäre auch einem Gesichtsverlust gleichgekommen, nachdem er zwei Wochen lang die deutsche Öffentlichkeit mit seiner Rede von "spätrömischer Dekadenz" und Leistungsfeindlichkeit des Sozialstaats polarisiert hatte. Doch möglicherweise haben ihn Merkels Kritik und das Dreiertreffen mit ihr und CSU-Chef Horst Seehofer am Vorabend dazu bewogen, zumindest nicht noch einmal nachzulegen.
Westerwelle, der sich in den letzten Tagen immer wieder als Anwalt der schweigenden Masse inszenierte hatte, verteidigte sich. Er habe nie Menschen kritisiert, die ein "schweres Schicksal" trügen, sondern nur jene Politiker, die bereits am Tag nach dem Bundesverfassungsgerichtsurteil zu Hartz IV Steuersenkungen ausgeschlossen hätten, weil dafür nun keine Gelder mehr da seien. Die schwarz-gelbe Koalition habe mit ihren Kindergelderhöhungen und der Erhöhung des Schonvermögens für die Empfänger von Arbeitslosengeld II mehr "soziale Sensibilität" bewiesen als SPD in den elf Jahren ihrer Regierungszugehörigkeit, betont der FDP-Chef. Immer wieder verweist er auf die Koalitonsvertrag und gemeinsame Beschlüsse. Die Kanzlerin ist, wie gesagt, nicht da. Sonst hätte er sie wohl bei dieser Passage angeschaut.
Der Vizekanzler hatte sich in den vergangenen Tagen beklagt, die Union unterstütze ihn in der Sozialstaatsdiskussion nicht ausreichend. Das dürfte er auch nach der Bundestagsdebatte so sehen. Die Redner der Union gehen zwar nicht ostentativ auf Distanz, aber sie verkneifen sich auch nicht kleine Nadelstiche. Der sozialpolitische Sprecher der Unionsfraktion, Karl Schiewerling, etwa definiert die Prioritäten für die Christdemokraten so: Erstens solle kein Mensch in Armut leben müssen. Zweitens müsse der Staat Brücken bauen, um Hartz-IV-Empfänger wieder in Arbeit zu bringen. Erst an dritter Stelle nennt er eine Pflicht jedes Einzelnen, sich um eigenes Geld zu bemühen. "Es gibt vielfältige Lebenssituationen, deswegen brauchen wir differenzierte Antworten", sagt er.
Als Paul Lehrieder, CDU-Obmann im Ausschuss für Arbeit und Soziales, von einem Oppositionsabgeordneten gefragt wird, ob er die Wortwahl Westerwelles nicht auch unerträglich fände, hätte er einfach "Nein" sagen können. Doch Lehrieder preist stattdessen die Meinungsfreiheit als hohes Gut. Er brauche Außenminister nicht in Schutz zu nehmen. Eine Rückendeckung für den Koalitionspartner hört sich anders an.
Einfacher hat es die Opposition. Einen allgemeinen Mindestlohn und eine Erhöhung der Hartz-IV-Regelsätze fordern SPD, Grüne und Linkspartei unisono als Konsequenz des Karlsruher Urteils. Wobei die beiden früheren Regierungsparteien auf den unangenehmen Hinweis aus der Koalition reagieren müssen, die betreffenden Gesetze selbst beschlossen zu haben. Sie tun das, indem sie zurückgeben, Union und FDP hätten seinerzeit über den Bundesrat schließlich daran ebenfalls mitgewirkt.
Anders als Westerwelle bemüht sich die Opposition um Schärfe. Die SPD-Abgeordnete Anette Kramme schimpft, die FDP informiere sich "bei RTL über die Realität der Hartz-IV-Empfänger". Der Grüne Markus Kurth ruft Westerwelle zu: "Hören Sie auf, arme Eltern unter den Verdacht zu stellen, dass sie ihre Kinder als Schnapslieferanten missbrauchen." Die Linke Katja Kipping warnt gar, Westerwelle fache einen "Nützlichkeitsrassimus" an.
Westerwelle schaute währenddessen mal spöttisch, mal nachdenklich von der Regierungsbank. Nicht einmal von den Grünen lässt er sich provozieren, als deren Abgeordneter Fritz Kuhn listig fragte, ob er nicht auch eine Senkung der Lohnnebenkosten für Geringverdiener unterstütze, wie es die Grünen forderten. Da sei man einer Meinung, reagierte Westerwelle gelassen.
Nur einmal schwingt sich Westerwelle noch zur gewohnten Schärfe auf. Doch nicht arbeitsscheue Hartz-IV-Empfänger oder Steuersenkungsgegner sind diesmal sein Ziel, sondern die Bildungspolitik des rot-roten Berliner Senats. Ein unfassbarer Skandal sei die Verlosung von Gymnasialplätzen in der Hauptstadt. Dann setzt sich Westerwelle wieder und lässt sich die Sonne ins Gesicht scheinen. Die nächste Attacke findet an einem anderen Tag statt.
- Datum 25.02.2010 - 16:46 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE
- Kommentare 58
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Vom Inhalt des Streits abgesehen:
Ist der Mann nicht eigentlich Außenminister? Wann beschäftigt er eigentlich noch mit seiner Hauptaufgabe?
Oder werden Hartz-IV-Empfänger demnächst des Landes verwiesen?
Es wäre in der Tat wünschenswert, dass sich Westerwelle wieder mehr auf sein Amt als Außenminister konzentriert, damit er innenpolitisch nicht mehr so viel Schaden anrichten kann.
Das ist die letzten Tage auch mein Gedanke gewesen und mich gefragt, ob er schon seinen Antrittsbesuch in Nordkorea absolviert hat. Oder in der Antarktis, auf dem Mond?
Es wäre in der Tat wünschenswert, dass sich Westerwelle wieder mehr auf sein Amt als Außenminister konzentriert, damit er innenpolitisch nicht mehr so viel Schaden anrichten kann.
Das ist die letzten Tage auch mein Gedanke gewesen und mich gefragt, ob er schon seinen Antrittsbesuch in Nordkorea absolviert hat. Oder in der Antarktis, auf dem Mond?
Es wäre in der Tat wünschenswert, dass sich Westerwelle wieder mehr auf sein Amt als Außenminister konzentriert, damit er innenpolitisch nicht mehr so viel Schaden anrichten kann.
wenn der seine eigentliche Arbeit machen soll, als Aussenminister, dann sind wir aussen vor im Ausland. Besser
wäre es, man schiebt ihn nach Brüssel ab, da kann er nicht
allzuviel Schaden anrichten. Machen wir doch sonst auch so.
da haben wir uns in letzter Zeit mit unseren Personalien schon genug blamiert!
Staatsbesuch auf der Osterinsel. Anreise im Schlauchboot...
wenn der seine eigentliche Arbeit machen soll, als Aussenminister, dann sind wir aussen vor im Ausland. Besser
wäre es, man schiebt ihn nach Brüssel ab, da kann er nicht
allzuviel Schaden anrichten. Machen wir doch sonst auch so.
da haben wir uns in letzter Zeit mit unseren Personalien schon genug blamiert!
Staatsbesuch auf der Osterinsel. Anreise im Schlauchboot...
Das ist die letzten Tage auch mein Gedanke gewesen und mich gefragt, ob er schon seinen Antrittsbesuch in Nordkorea absolviert hat. Oder in der Antarktis, auf dem Mond?
Hey Guido,
stimm Deine Partei mal darauf ein, dass sie Arbeitsplätze schafft - d.h. mach mal Deine Arbeit, bevor Du auf andere zeigst !!!
Anstatt den "Hartzern" das Geld zusammenstreichen zu wollen, soll er sich doch mal dafür einsetzten, dass die durch die damalige Schröder- Regierung gedrückten Löhne wieder steigen. Es kann nicht sein, dass jemand bei einer 40 Std. Woche oder noch mehr von 1400,- EUR netto keine Familie mehr allein ernähren kann. Was sich hier seit der Einführung des Euro wirtschaftspolitisch und unter dem Deckmantel Globalisierung entwickelt hat, ist mittlerweile unerträglich! Die FDP hat doch dem allem zugestimmt, entweder in der Verantwortung oder als Opposition! Was die Niedriglohngruppen braucht sind höhere Bruttoeinkommen, der Wegfall von steuerlichen Erleichterung ab Jahreseinkommen von mehr als 250.000 EUR. Nur das spült den Kommunen mehr Geld in die leeren Kassen, damit der Aufgaben wieder vernünftig erfüllt werden. Hieran schließt sich indirekt das Thema Bildung an. Wir können nur vernünftig ausbilden, wenn das benötigte Material vorhanden ist! Nur so schaffen wir den den nächsten potentiellen Steuerzahler und keinen Hartz IV Empfänger.
Anstatt den "Hartzern" das Geld zusammenstreichen zu wollen, soll er sich doch mal dafür einsetzten, dass die durch die damalige Schröder- Regierung gedrückten Löhne wieder steigen. Es kann nicht sein, dass jemand bei einer 40 Std. Woche oder noch mehr von 1400,- EUR netto keine Familie mehr allein ernähren kann. Was sich hier seit der Einführung des Euro wirtschaftspolitisch und unter dem Deckmantel Globalisierung entwickelt hat, ist mittlerweile unerträglich! Die FDP hat doch dem allem zugestimmt, entweder in der Verantwortung oder als Opposition! Was die Niedriglohngruppen braucht sind höhere Bruttoeinkommen, der Wegfall von steuerlichen Erleichterung ab Jahreseinkommen von mehr als 250.000 EUR. Nur das spült den Kommunen mehr Geld in die leeren Kassen, damit der Aufgaben wieder vernünftig erfüllt werden. Hieran schließt sich indirekt das Thema Bildung an. Wir können nur vernünftig ausbilden, wenn das benötigte Material vorhanden ist! Nur so schaffen wir den den nächsten potentiellen Steuerzahler und keinen Hartz IV Empfänger.
"Der Vizekanzler erschwere die Debatte, indem er so tue, als überschreite er Tabus, wo er doch nur von Selbstverständlichkeiten rede. Man kann diese Aussage so verstehen, dass Merkel der Opposition in dem Vorwurf zustimmt, Westerwelle betreibe eine populistische Kampagne."
Tja, wie das mit den Merkelschen Lautäußerungen so ist. Man kann das vielleicht im Sinne des Autors so deuten. Vielleicht aber auch nicht. Vielleicht geht ja auch die Vermutung, es handele sich um eine "Aussage", schon zu weit. Man weiß es nicht...
Es gibt, ausser den Stimmen der FDP, keinen Grund, sich vor Westerwelle zu stellen und sich von ihm einen Kampf gegen einen Sozialstaat und den Großteil der Bürger aufzwingen zu lassen.
Seit sogar eine Frau Schickedanz öffentlich gemacht hat, beim Discounter einkaufen zu müssen, wissen wir, es kann jeden treffen und Westerwelle muss sich fragen lassen, für wen er eigentlich Politik macht.
Das sind nach den Jahren des von ihm vertretenen "der Markt wird es schon regeln" nicht mehr richtig viele, aber bestimmt die Richtigen.
Alles Gute
Kai Hamann
Was die Regierung in ihrer Anfangsphase gezeigt hat, ist ein einziges Trauerspiel. Man ge-
winnt immer mehr den Eindruck, als würden die drei den Karren ziehenden Pferde ( CDU,
CSU u. FDP) in unterschiedliche Richtungen und in unterschiedlicher Geschwindigkeit da-
vonziehen, und dass der Kutscher auf dem Bock, Frau Merkel,nicht in der Lage ist, den drei
Pferden eine bindende Richtung vorzugeben.So bewegt sich der Wagen kaum vom Fleck. Sie ist nicht Wagenlenkerin; ohne Leine und Peitsche funktioniert das nicht.
Ich sehe schon, wie nach einem für die FDP und die CDU desaströsen Wahlausgang im Mai
in NRW der Wagen umkippt und die Fahrt ein frühes Ende findet.
Die älteren von Ihnen werden sich sicher noch an die Floskel erinnern, daß die Presse die "vierte" Gewalt in unserem Staate verkörpere. Wäre es also zuviel verlangt, wenn Sie sich jetzt mal auf Ihre Allerwertesten setzen würden und sich einmal durch die Vita unseres Außenministerdarstellers hindurchrecherchieren.
Wenn Sie dann auch nur einen Hauch von irgendwelcher Kompetenz, sei es Soziales oder Auswärtiges, entdecken, dürfen Sie gerne auch weiterhin den Einlassungen unseres "Spaßmobils" Platz in Ihrer Zeitung einräumen.
Wenn aber nicht, dann erwarte ich, daß Sie genügend A... in der Hose haben, um aus diesem Herrn die Luft herauszulassen. Einfach so, wie bei Frau Ypsilanti, wo Sie doch auch keine Manschetten hatten, den "Aufklärer" Koch an die Macht zurückzuschreiben. Oder sind Sie nach dem Ausflug ins Gestalterische wieder zur Hofberichterstattung zurückgekehrt?
MfG
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