Afghanistan Der Krieg um die Worte geht zu Ende

Die Regierung nähert sich der Realität in Afghanistan und spricht von einem bewaffneten Konflikt. Für die Soldaten bedeutet das mehr Rechtssicherheit.

Sie kämpfen nun auch offiziell in einem "bewaffneten Konflikt": deutsche Soldaten in Afghanistan

Sie kämpfen nun auch offiziell in einem "bewaffneten Konflikt": deutsche Soldaten in Afghanistan

Er sprach ruhig, getragen, ohne Pathos. Und dennoch steht seine Rede für eine Kehrtwende in der deutschen Außen- und Verteidigungspolitik. Das Wort "Krieg" kam Guido Westerwelle bei seiner Regierungserklärung zu Afghanistan im Bundestag zwar nicht über die Lippen. Aber der Außenminister sprach von einem "bewaffneten Konflikt". Zwei Wörter, die mit der bisherigen Linie der Bundesregierung brechen. Zwei Wörter, für die acht Jahre verstreichen mussten, bevor sie ganz offiziell ausgesprochen wurden.

"Die Intensität der mit Waffengewalt ausgetragenen Auseinandersetzung mit Aufständischen und deren militärische Organisation führen uns zur Bewertung, die Einsatzsituation von Isaf auch im Norden Afghanistans als bewaffneten Konflikt im Sinne des humanitären Völkerrechts zu qualifizieren", sagte Westerwelle. "Ob uns das politisch gefällt oder nicht: So ist die Lage." Die Situation beim Namen zu nennen, das sei die Politik den Soldaten schuldig.

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Damit vollzieht die Bundesregierung nicht nur eine sprachliche Kehrtwende: Im Völkerrecht stehen die Termini "nicht international bewaffneter Konflikt" und "internationaler bewaffneter Konflikt" für Bürgerkrieg und zwischenstaatlichen Krieg. Da Afghanistan den Isaf-Einsatz 2001 offiziell erbeten hatte, nimmt Deutschland demnach zusammen mit den anderen Isaf-Ländern auf Seiten der afghanischen Regierung an einem Bürgerkrieg gegen die Taliban teil.

Dennoch wurden die Bundeswehrsoldaten von deutschen Staatsanwälten bisher so behandelt wie Polizisten in Deutschland. Bei jedem Waffeneinsatz in kritischen Situationen mussten sie damit rechnen, dass Ermittlungen gegen sie aufgenommen würden. Für die deutschen Soldaten in Afghanistan bedeutet die Neubewertung der Regierung deshalb viel.

Wer in einem bewaffneten Konflikt kämpft, für den können die auf Deutschland zugeschnittenen Maßstäbe des Strafgesetzbuches kaum noch gelten, wenn Zivilisten zu Schaden kommen. Vielmehr gilt für die Soldaten dann das Völkerstrafrecht. Es geht aber nicht nur um Rechtssicherheit, sondern auch um die Anerkennung einer gefährlichen Mission, die Soldaten selber lange schon und zu Recht als Krieg bezeichnen.

Aus Versicherungsgründen scheut die Regierung den Begriff Krieg. Vermutlich auch, weil das Grundgesetz vorsieht, dass im Verteidigungsfall die Bundeskanzlerin den Oberbefehl über die Streitkräfte übernimmt. Denn einen anderen Krieg als den Verteidigungsfall kennt die Verfassung nicht. Politiker aus der Opposition fordern dennoch, dass Angela Merkel mehr Verantwortung übernimmt. Doch für den in Deutschland äußerst unpopulären Einsatz mehr Einsatz zu zeigen, scheint nicht in Merkels Interesse zu liegen.

So weit wie Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg ging Westerwelle in seiner Regierungserklärung nicht. Der CSU-Politiker hatte am Dienstag bekannt, dass sich die Bundeswehr in Afghanistan in einem Konflikt befände, der umgangssprachlich als Krieg bezeichnet werde. Schon kurz nach seinem Amtsantritt hatte Guttenberg von "kriegsähnlichen Zuständen" gesprochen.

Ob Krieg oder Konflikt, dass mehr Soldaten in Afghanistan gebraucht werden, scheint im Bundeskabinett inzwischen Konsens zu sein. Westerwelle unterstrich, dass die Soldatenzahl erhöht werden müsse, damit in der nahen Zukunft ein Abzug möglich werde. Deutschland wolle nun jährlich 5000 afghanische Polizisten ausbilden. Auch das Training der afghanischen Armee werde intensiviert. Momentan seien 280 deutsche Soldaten als Ausbilder eingesetzt, künftig sollen es 1400 Mann sein. Das sei mit einer Erhöhung des Mandats um 500 Soldaten und einer Umstrukturierung in Afghanistan möglich. Eine noch viel einschneidendere Veränderung wird für die Bundeswehr jedoch sein, dass die Soldaten nun wieder verstärkt die Feldlager verlassen sollen.

Nachdem 2004 drei Soldaten beim Einkauf auf einem lokalen Basar von einem Selbstmordattentäter ermordet wurden, verließen die Männer und Frauen der Bundeswehr die Camps fast nur noch in gepanzerten Fahrzeugen.

Leser-Kommentare
  1. Und wieder einmal wird deutlich, wer sich um die Wirklichkeit herumdrückt.
    Denn einen bewaffneten Konflikt will die SPD rechtlich nicht festgestellt wissen.
    Letztlich wird damit deutlich, wer bisher an der Undurchsichtigkeit des Mandates festgehalten hat und warum es erst nach Beendigung der großen Koalition zu einer Neubewertung kommen konnte.
    Doch "Wasch mich, aber mach mich nicht nass" ist naiv, aber keine verantwortliche Politik.

    H.

    • k2
    • 10.02.2010 um 18:14 Uhr

    völkerrechtlichen adäquaten, im Sinne des internationalen Rechts von sprachlichen Verschmutzungen gereinigten,
    semantischen Manöver von Westerwelle
    steckt Richard Holbrooke, welchen Westerwelle meiden sollte, weil Richard Holbrooke im rechtlichen Sinne am Geo-TV von Pakistan zum Beispiel als jene Figur der U.S. entlarvt wurde, welcher am wenigsten Vertrauen von Freund und Feind entgegengebracht werden kann, da der
    US-Sonderbeauftragte für Afghanistan, Richard Holbrooke, bereits bei Radovan Karadžić eine lange Reihe von rechtlichen Vereinbarungen nicht eingehalten hat. Von daher ist der Vorschlag von Holbrooke, nach mehr deutschen Soldaten in diesem Konflikt, zu bewerten.

    • Jokus
    • 10.02.2010 um 18:21 Uhr
    3. Gut so

    Unseren allseits so "beliebten" Westerwelle dafür zu loben,dass zum Thema "Krieg" milde ausgesprochen hat, was der aktuelle Verteidigungsminister längst deutlicher getan hat, ist höchstens mit dem Amtsbonus des Außenministers zu erklären.
    Doch gut, wenn der Mann das braucht. Und wenn es für die Geschichtsbücher wichtig ist: geschenkt.
    Genauso geschenkt, wie das herrliche Wort von der neuen Afghanistan-Strategie der Deutschen. In Wahrheit folgen sie da nur den US-Amerikanern...
    Gut so. denn diese "Obama-Strategie" : Erst Klotzen, um in absehbarer Zeit raus zu kommen, war (ist) wirklich eine neue und erstmals auch eher sinnvolle Strategie in Afghanistgan.

  2. ist der moderne Terminus für Kriegsvölkerrecht. Klingt halt weniger martialisch und impliziert, dass es womöglich doch um die Menschen in Afghanistan gehen könnte? Vielleicht ein kleines bischen?
    Afghanistan soll also nie wieder Rückzugsgebiet für Terroristen sein? Das klingt wie, Vietnam solle nie an die Kommunisten fallen. Etwa 4 Millionen tote Vietnamesen und ca. 58.000 tote Amerikaner später,... Naja, da ist noch genug Freiraum in Afghanistan.

    "Steinmeier, der als Oppositionsführer..."
    Huch, habe ich da etwas verpasst. Glaube kaum, dass Grüne und Linke diese Aussage unterschreiben würden, da die SPD der Erweiterung des Mandats zustimmen wird, während Grüne und Linke mehrheitlich dagegen stimmen werden.

    MfG
    AoM

  3. (kallewestrich) Dann wissen wir jetzt, wie wir das Kind taufen können. Die Soldaten sind auch auf einem klaren Kurs, zumindest klarer als vorher. Jetzt brauchen wir nur noch eine schlagkräftige afghanische Armee auszubilden, dann haben wir's erledigt.

  4. Warum benutzt Herr Friedrichs hier den Begriff des "humanitären Völkerrechts", also nur den Teil des Kriegsvölkerrechts, der das Recht im Krieg beschreibt?

    Ehrlicher wäre, den korrekten Begriff des Kriegsvölkerrechts zu benutzen, denn ius in bello ohne ius ad bellum erscheint mir etwas verlogen.

    Oder will man die verschleiernde Wortklauberei fortsetzen? So nach dem Motto: Wer Krieg sagt, hat verloren!?

  5. ...mit "völkerrechtsähnlichen Zuständen"?
    Und für das Inland (siehe Hartz 4) könnte man adaptieren: "Verfassungsähnliche Zustände".

  6. vom Parlament für einen bewaffneten Konflikt und hat sich nicht mit dem Angriff auf die Tanklastwagen etwas grundsätzlich geändert?

    Sagt man jetzt einfach "bewaffneter Konflikt" und geht zur Tagesordnung über?

    Es ist doch ein großer Unterschied ob ich als Schutztruppe in Afghanistan bin oder als Talibanjäger mit allem was dazu gehört.

    Hat das Parlament denn diesem Strategiewechsel zugestimmt?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    Es ist doch völlig irrelevant, ob das Parlament dem zustimmt oder nicht. Letztlich sind die Fakten von den Taliban geschaffen worden, nicht von unserem Parlament oder der Bundeswehr und nicht mal von den Amerikanern.

    Schröder und die Grünen haben uns in dieses, vielleicht notwenige, Abenteuer geschickt. Das Parlament kann da nur weiter machen, wie es kommt, in der Hoffnung ein Austiegsfenster zu schaffen.

    Die ständige Lamentiererei an Fakten, die man nicht ändern kann, an Herausforderungen die man nur so nehmen kann wie sie sind, kommt mir manchmal vor wie das Greinen eines Kindes, das sich nicht mit dem Verlust des Räppelchens abfinden kann.
    Man mag vielleicht zu Recht bedauern, das wir dort engagiert sind, doch ist diese nutzlose Herumnörgelei letztlich keine Lösung und moralisch gegenüber unseren Soldaten höchst verwerflich und illoyal.

    H.

    Es ist doch völlig irrelevant, ob das Parlament dem zustimmt oder nicht. Letztlich sind die Fakten von den Taliban geschaffen worden, nicht von unserem Parlament oder der Bundeswehr und nicht mal von den Amerikanern.

    Schröder und die Grünen haben uns in dieses, vielleicht notwenige, Abenteuer geschickt. Das Parlament kann da nur weiter machen, wie es kommt, in der Hoffnung ein Austiegsfenster zu schaffen.

    Die ständige Lamentiererei an Fakten, die man nicht ändern kann, an Herausforderungen die man nur so nehmen kann wie sie sind, kommt mir manchmal vor wie das Greinen eines Kindes, das sich nicht mit dem Verlust des Räppelchens abfinden kann.
    Man mag vielleicht zu Recht bedauern, das wir dort engagiert sind, doch ist diese nutzlose Herumnörgelei letztlich keine Lösung und moralisch gegenüber unseren Soldaten höchst verwerflich und illoyal.

    H.

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