Sponsoring-Affäre Absturz einer Nachwuchshoffnung

Der CDU-Generalsekretär in NRW, Hendrik Wüst, tritt wegen der Sponsoring-Affäre zurück. Die West-CDU verliert damit einen wichtigen Vertreter ihres konservativen Flügels.

Es ist das vorläufige Ende einer Karriere, die sehr hoffnungsvoll begann: Am Montag ist der jugendliche Generalsekretär der NRW-CDU, Hendrick Wüst, zurückgetreten. Der erst 34-Jährige übernimmt damit die Verantwortung in der sogenannten Sponsoring-Affäre. Am Wochenende war bekannt geworden, dass die Partei Unternehmen Einzelgespräche mit dem Ministerpräsidenten angeboten hatte, sofern diese auf dem Parteitag einen Stand mit einer bestimmten Größe buchten.

Die Werbebriefe hatten CDU-Landeschef Jürgen Rüttgers den Vorwurf der Käuflichkeit eingebracht. Dies hatte Rüttgers am vergangenen Sonntag als "absurde und völlig unzutreffende" Unterstellungen bezeichnet. Er habe von den Briefen nichts gewusst und Wüst aufgefordert, diese Praxis zu beenden, als er davon erfahren habe. Die CDU hatte allerdings eingeräumt, Sponsoren des Parteitags für 6000 Euro Gespräche mit Rüttgers angeboten zu haben.

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Noch am Sonntag hatte Wüst, der seit April 2006 Generalsekretär war, versucht abzuwiegeln. Mitglieder der Landesgeschäftsstelle hätten in den Schreiben "unglückliche Formulierungen" gewählt, hieß es. Doch nur einen Tag später stand für die Spitze der NRW-CDU offenbar fest, dass der Vorgang Rüttgers im Wahlkampf nachhaltig schaden könnte. Tragen muss die Konsequenzen nun der Generalsekretär, der bisher in seiner Partei als Nachwuchshoffnung gehandelt wurde.

Schon mit 15 Jahren war Wüst der Jungen Union beigetreten, mit 17 wurde er CDU-Mitglied. Acht Jahre später, im Jahr 2000, übernahm er den Vorsitz der Jungen Union in Nordrhein-Westfalen, seit 2002 ist er Mitglied im Bundesvorstand der CDU. Als Generalsekretär des größten Landesverbandes der Partei gehört er seit 2006 zu den einflussreicheren Kreisen.

Innerparteilich feilte Wüst an seinem konservativen Profil. Zusammen mit dem heutigen baden-württembergischen Ministerpräsidenten Stefan Mappus und Ex-CSU-Generalsekretär Markus Söder gehörte er 2007 zu den Autoren des Positionspapiers "Moderner bürgerlicher Konservatismus".

In seiner Laufbahn als General erwies sich Wüst nicht nur als jugendlicher Durchstarter, sondern zumindest in seinem Landesverband als Mann, der sich Gehör zu verschaffen wusste. Die Abteilung Attacke lag ihm, gerne übernahm er die Rolle, Rüttgers' Mann fürs Grobe zu sein. Für die SPD-Landeschefin Hannelore Kraft etwa prägte er den Begriff Kraftilanti, in Anspielung auf die ehemalige hessische SPD-Vorsitzende Andrea Ypsilanti und ihr gescheitertes rot-rot-grünes Projekt. Dass die Opposition ihn als "Rüttgers Halbbstarker im Nadelstreifen" oder "schwarzen Hilfssheriff" verspottete, dürfte er wohl eher als Auszeichnung denn als Beschimpfung verstanden haben.

Dabei schoss Wüst gern auch mal übers Ziel hinaus: So plante er im Sommer 2009, die SPD-Landesvorsitzende Hannelore Kraft im Bundestagswahlkampf systematisch mit einem Video-Team beobachten zu lassen. Ministerpräsident Rüttgers musste seinen General zurückpfeifen und distanzierte sich von der Aktion.

Doch auch andere Patzer störten das Image vom talentierten Jungpolitiker. Erst kurz vor Weihnachten beispielsweise musste Wüst sich dafür rechtfertigen, dass er jahrelang doppelte Zuschüsse zu seiner Krankenversicherung bezogen hatte, einmal aus der Partei-, einmal aus der Landtagskasse. Ihm sei das nicht bewusst gewesen, rechtfertigte sich der Generalsekretär damals und zahlte 6000 Euro an die Parlamentskasse zurück.

Aller Pannen zum Trotz schien Wüsts Aufstieg nach oben unaufhaltsam. Er wurde bereits als Minister in Rüttgers neuem Kabinett nach der Wahl gehandelt.

Dieser Plan ist nun etwas unrealistischer geworden. Die Entscheidung für Wüsts Rücktritt sei nach einem Gespräch mit Rüttgers gefallen, teilte ein Parteisprecher mit. Der Generalsekretär der Bundes-CDU, Hermann Gröhe, bezeichnete Wüsts Rücktritt als "honorig".

SPD-Spitzenkandidatin Hannelore Kraft forderte derweil eine Überprüfung der Sponsoring-Affäre durch den Bundestag. "Was dort passiert ist, bedeutet einen großen Schaden für die politische Kultur in diesem Land", sagte Kraft. "Geklärt werden muss: Welche Form von Sponsoring liegt hier eigentlich zugrunde?" Neben der Methode "Gespräch gegen Geld" ist auch umstritten, ob Parteien solche Zahlungen als Einnahmen verbuchen dürfen oder ob es sich dabei eigentlich um Sponsorengeld handelt, das auch klar als solches öffentlich auszuweisen wäre.

Praxis

Das in der Kultur oder im Sport längst übliche Sponsoring wird nach Ansicht von Fachleuten immer mehr zum "neuen Königsweg" der Parteienfinanzierung. In allen Parteien gehören Verträge mit der Wirtschaft zur gängigen Praxis. Weil die Mitgliederzahlen sinken und Ausgaben steigen, suchen die Parteien neue Geldquellen.

Parteitage

Vor allem bei Delegiertenkonferenzen der Parteien sind Unternehmen präsent. Beim FDP-Kongress 2003 in Bremen ließ sich Parteichef Guido Westerwelle mit Managern am Audi-Stand ablichten. Als sich die Delegierten der SPD 2009 in Dresden trafen, waren unter anderem der Apotheker-Verband, die Deutsche Post, EADS, der Pharmafirma Pfizer und der Energiekonzern Vattenfall dabei. Auch die Grünen, die auf ihren Parteitagen 120 bis 220 Euro pro Quadratmeter verlangen, wollen auf solche Aussteller nicht verzichten. Bei ihrem Berliner Kongress 2009 waren ebenfalls die Apotheker anwesend, ebenso der Verband der Privaten Krankenversicherung oder die Deutsche Bahn. Immerhin 76.000 Euro kamen so zusammen.

Rechtslage

Das Sponsoring wird durch das Parteiengesetz bislang nicht erfasst, es besteht also keine Transparenzpflicht. Anders als Unternehmensspenden sind die Leistungen eines Sponsors steuerlich absetzbar.

Forderungen

Führende Staatsrechtler fordern, diese Grauzone zu beseitigen. Sponsoring sei inzwischen zur "bedeutsamen Form der Parteienfinanzierung" geworden, sagt der Parteienforscher Martin Morlok. Andere Staatsrechtler schließen sich an. Sponsor-Verträge könnten durchaus verdeckte Spenden sein, wenn damit keine "messbaren Gegenleistungen" verknüpft seien, die vonseiten der Parteien ohnehin verboten seien, schrieb der frühere Referatsleiter für die Parteienfinanzierung des Bundestags, Johannes Becher. Erfolge das Sponsoring aber ohne eine Gegenleistung, handele es sich um Spenden, die nicht steuerlich geltend gemacht werden dürften. Deshalb müssten auch die Sponsoring-Einnahmen in den Finanzberichten der Parteien ausgewiesen werden.

Die Grünen nannten den Rücktritt Wüsts "höchst überfällig". Rüttgers bleibe aber als Parteivorsitzender politisch verantwortlich für die skandalösen Sponsorenbriefe, sagten die Landesvorsitzenden Daniela Schneckenburger und Arndt Klocke. Die Partei will den Fall vor den Landtag bringen.

 
Leser-Kommentare
  1. viereggtext - Dieser Frage müssen alle im öffentlichen Rampenlicht verstärkt nachgehen, denn es wird alles verwendet. Hätten Sie's gewusst? Ministerpräsidenten müssen gratis Rede und Antwort stehen? Im Geschäftsleben gibt es nichts Vergleichbares. Der Dalai Lama spricht für schlappe 20.000 ... Auch abgedankte politische Größen ....

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    Am Ende behauptet Rüttgers noch, er habe nicht gewusst mit wem er da spricht und warum. Ein wirklich selten offensichtliches Bauernopfer.

    Am Ende behauptet Rüttgers noch, er habe nicht gewusst mit wem er da spricht und warum. Ein wirklich selten offensichtliches Bauernopfer.

  2. Welch ein Landeschef in einer konservativen Partei die, gewisse hierachische Strukturen aufweist will eigentlich dem Souverän glaubwürdig vermitteln, daß die rechte Hand nicht weiß was die linke Hand macht; vorallem es ist sein Generalsekretär und möchtegern Kaiser von NRW will nicht wissen was sein General macht.

    Pfui billige ausrede!

  3. "Der Mann fürs Grobe" wirft, so kurz vor der Landtagswahl in NRW, ein denkbar schlechtes Bild auf die CDU/FDP Regierung. Dazu gesellt sich noch der Demagoge Westerwelle. hoffentlich bleiben uns in Zukunft Politiker wie Wüst und Westerwelle erspart.

  4. und zeigen Sie mal exemplarisch auf, wo Menschen landen, die öffentlichkeitswirksam "die Verantwortung übernehmen" (damit andere, meist über ihnen angeordnete dies nicht müssen).
    Es verblasst sonst nur zu gern das Medieninteresse, wenn besagte Schuld abgewälzt und der vermeintlich Schuldige ein wenig aus dem Kameralicht gerückt wurde, um sorglos, ohne Einbußen und einfach einem anderen Verantwortungsbereich sein Dasein als braver Parteisoldat zu fristen. Grüße an Franz Josef Jung an dieser Stelle.

    Dieses so einsichtig präsentierte Bewusstsein für Verantwortung im öffentlichen Bereich hat - wenn es jemals Glaubwürdigkeit besessen hätte - schon zu sehr gelitten und ist darauf eingestellt, dass ein Medieninteresse immer nur temporär ausgerichtet und fokussiert ist.

    Der Wähler dankt das, indem er die großen Namen kaum mit Skandalen und Skandälchen verbindet und die Signatur der Schuldträger alsbald vergisst.

    Also, Herr Wüst, auf zum Bürowechsel und weiterhin viel Erfolg. Sie sind - genau wie ihre Partei - keine Ausnahme in der (deutschen?) Politiklandschaft.

  5. Allerdings opfert er einen Läufer satt einem Bauern. Wahrscheinlich, damit er nach der NRW Wahl die Rochade hinbekommt.

    Der Wüst ist schon schlimm, aber leider funktioniert es in der Politk wie mit Kopierfehlern, die sich verstärken, wenn man die jeweilige Kopie wieder kopiert.
    Wer auch immer Wüst nachfolgt, es kann nur noch schlimmer werden.
    Man kann es also auch als politisch inzestösen Gendefekt bezeichnen.
    Prominente Beispiele:
    Adenauer - Kohl - Merkel - ?
    Brandt - Müntefering - Gabriel - ?

    MfG
    AoM

  6. Am Ende behauptet Rüttgers noch, er habe nicht gewusst mit wem er da spricht und warum. Ein wirklich selten offensichtliches Bauernopfer.

  7. Seine naßforsche Art taugte nichts für eine Volkspartei. Einnahmemaximierung ist kein Hauptziel von Parteien. Wenn der Wüst so wüst war, dass er es dennoch versucht hat, dann muß die Kasse der CDU-NRW ziemlich klamm aussehen.

    Auswahlaspekt: Das Rüttgers ihn ausgewählt und gefördert hat, spricht auch gegen Rütgers. An sich sollte Rütgers einen Repräsentanten der Wählerschaft zum Generalsekretär machen. Dann käme ein älterer gestandener Mann zum Zuge. Aber nein, Rütgers verfällt auch dem Jugendwahn - so wie viele Unternehmer auch.

  8. Herr Rüttgers läßt einen Bauern opfern, und hat mal wieder von nichts gewußt...im Moment...warscheinlich lesen wir dann
    bald von einem neuen Bauern: Er hat es nicht so gemeint...

    Was sind das nur für Leute in der CDU.

    Bleibt zu hoffen, daß die Wähler in NRW den Ministerpräsidenten auf der geschmierten Wahl ausrutschen lasse.

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