Wir lesen Schlagzeilen vom Dauerstreit in der Koalition, von unlauteren Dienstreisen und populistischen Hartz-IV-Debatten. Wir empören uns über Parteispenden, Lobbyismus und unkluge Formulierungen. Oft geht dabei der politische Inhalt – der eigentliche Zweck von Politik – verschüttet. Wer ist daran schuld? Die Politiker? Die Medien? Wir, die Konsumenten?  

Alle ein bisschen. Das Geschäft des Politikers besteht nun einmal darin, Unterstützung zu organisieren, Mehrheiten zu schaffen und Konsens zu stiften. Politik in parlamentarischen Regierungssystemen erfordert wesentlich – und dies gilt besonders für Deutschland mit seiner Vielzahl institutioneller Vetospieler, der Permanenz von Wahlkämpfen und dem Koalitionszwang bei Regierungsbildungen – die Kunst des Zuhörens, die Beschaffung sowie Verarbeitung von Informationen, die Bündelung von Interessen und die Herstellung von Kompromissen, kurz: Kommunikation, Moderation, Vermittlung.

Doch an eben dieser Vermittlung mangelt es. Politische Entscheidungsträger und Bevölkerung, Staat und Gesellschaft haben sich in den letzten Jahren voneinander entfernt. Die "politische Klasse" scheint sich mittlerweile von ihrem gesellschaftlichen Wurzelgrund mehr und mehr abgelöst zu haben. In weiten Teilen der Gesellschaft wiederum wachsen – sagen wir es deutlich – Ahnungslosigkeit und Unkenntnis über die Realität des komplexen politischen Prozesses.

Auf Dauer kann ein demokratischer Staat indes nur ein begrenztes Maß von Demokratieunverständnis ertragen. Denn je mehr es grassiert, desto geringer ist die aktive und passive Beteiligung bei Wahlen, desto weniger Bürger beteiligen sich durch eigenes Engagement und Meinungsäußerungen. Es liegt daher im Selbsterhaltungsinteresse von Demokratien, die Parteien- und Politikverachtung zu bekämpfen. Ansonsten droht, so der niederländische Politologe Ruud Koole, ein Schwund an "konstitutionellen Werten" zugunsten der "antipolitischen Momente" einer Erregungs- und Empörungsgesellschaft.

Jedenfalls: Mit der Entfremdung gegenüber dem Politischen ist in Teilen der Gesellschaft eine generelle Deaktivierung einhergegangen. Das Institut TNS-Infratest Sozialforschung zur Gesellschaft im Reformprozess hat gezeigt, dass politisches Interesse und ehrenamtliches Engagement miteinander eng korrespondieren. Wo dieser Konnex nicht mehr gegeben ist – übrigens gesellschaftlich ganz unten wie in einem Teil der jungen Kohorte sozial ganz oben –, da wächst eine aggressive Antipolitik, eine Staats- und Parteiverachtung, ein negativer misanthropischer Individualismus, der von Engagement, Solidarität und Partizipation nichts mehr wissen will. In dieser Kultur gedeihen diffuse plebiszitäre Stimmungen, der ungeduldige Ruf nach dem problemlösenden Charismatiker. Kurzum: In die Repräsentanzlosigkeit nistet sich die Versuchung des Populismus.

Die Ursachen der Entkoppelung von Politik und Gesellschaft sind leicht auszumachen und vielfach diagnostiziert. Die zunehmende Komplexität und Interdependenz politischer Probleme macht deren sachkundige Beurteilung immer schwerer. Gleichzeitig anonymisieren mit den Schlagworten Globalisierung, Europäisierung und Internationalisierung gekennzeichnete transnationale Verflechtungen die Verantwortlichkeiten für politische Beschlüsse, wodurch sich bei zahlreichen Bürgern das Gefühl verstärkt, die Politik sei eine ihnen fremde, abgeschottete Welt. Diese Entkoppelung wird ebenfalls befördert durch gesellschaftliche Großtrends wie Säkularisierung und Entheimatung der Individuen, in deren Folge homogene Lebenslagen sich zu diffusen Lebensstilen und lebenslange Bindungen in beliebig kündbare Beziehungen auflösen. Diese Auflösungserscheinungen treffen nicht zuletzt die Parteien, die einstmals als "politische Aktionsausschüsse" (M. Rainer Lepsius) sozialmoralischer Milieus fungierten, inzwischen aber ihre Funktion als wichtigste Bindeglieder zwischen Staat und Gesellschaft weit weniger auszufüllen vermögen.

Offenkundig sind ebenfalls die Folgen – für die Demokratie im Allgemeinen wie die Parteien im Speziellen. Letztere sehen sich vor das Problem gestellt, sich immer weniger auf die Loyalität ihrer Wähler verlassen zu können. Dadurch stehen sie vor einem Dilemma. Einerseits sind sie aufgrund tiefgreifender Umbrüche und elementarer Unsicherheit mit einem verbreiteten Bedürfnis nach geschlossenen Konzeptionen, klaren Bekenntnissen und langfristigen Zielvorgaben konfrontiert. Andererseits haben sie durch die Milieuerosion und ihre abnehmende Bindungskraft viel an Orientierungsfähigkeit verloren, sind also strukturell viel weniger als früher dazu in der Lage, konzise Strategien einzuschlagen, was beinahe zwangsläufig enttäuschte Erwartungen produziert. Die Frustration steigt, je verständnisloser und uninformierter die Bürger der Politik gegenüberstehen.