Familien-Pflege FDP gegen Schröders Pflegezeit-Pläne
Mit ihren Plänen für eine verbindliche Pflegezeit stößt Familienministerin Schröder den Koalitionspartner vor den Kopf. Auch Opposition und Wirtschaft halten wenig davon.
Seit 13 Wochen ist die neue Familienministerin Kristina Schröder im Amt. Nun hat sie sich mit einem ersten konkreten politischen Projekt an die Öffentlichkeit gewagt. In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung kündigte Schröder die Einführung einer Pflegezeit an.
Angehörige von pflegebedürftigen Menschen sollen demnach einen Rechtsanspruch darauf erhalten, bis zu zwei Jahren ihre Arbeitszeit zu halbieren. In diesem Zeitraum würden die Beschäftigten dennoch 75 Prozent ihres Gehalts bekommen. Wenn sie dann wieder voll arbeiten, bleibt der Lohn solange reduziert, wie zuvor Teilzeit gearbeitet wurde.
Allerdings: Die CDU-Ministerin hat die Rechnung ohne den Koalitionspartner gemacht. Die FDP erteilt den Plänen prompt eine Absage. "Wir setzen auf freiwillige Vereinbarungen mit der Wirtschaft", sagte die Fraktionsvorsitzende Birgit Homburger. Auch der pflegepolitische Sprecher der FDP-Fraktion, Heinz Lanfermann, betonte im Gespräch mit ZEIT ONLINE, seiner Partei gehe es darum, gemeinsam mit der Wirtschaft Lösungen zu entwickeln. Einen automatischen Rechtsanspruch, der an die Feststellung der Pflegebedürftigkeit gebunden sei, dürfe es nicht geben.
Die Ministerin hätte sich besser mit den anderen Ressorts und mit den Koalitionsfraktionen abstimmen müssen, kritisierte Lanfermann. Bei dem jetzigen Vorschlag handele es sich um einen Schnellschuss. Insbesondere sei die Frage nicht geklärt, was passiere, wenn ein Arbeitnehmer nach der Pflegezeit kündige. Dann bleibe das Unternehmen auf den Kosten sitzen.
Dies hatte Schröder allerdings selbst eingeräumt. Für dieses Problem werde noch nach Lösungen gesucht, sagte sie. Die von ihr angedachte Absicherung der Arbeitgeber durch eine Versicherung nannte Lanfermann "umständlich und bürokratisch".
Kritik kam auch aus der Wirtschaft. Arbeitgeberpräsident Dieter Hundt lehnte weitere Belastungen der Unternehmen ab. "Es entsteht ein Kostenrisiko für Betriebe", sagte er. Die deutsche Wirtschaft setze "auf flexible Arbeitszeitmodelle und nicht auf gesetzliche Regulierung".
Grüne und SPD äußerten Verständnis für diese Bedenken der Wirtschaft. Gerade für kleinere Unternehmen könne daraus eine zu große Belastung entstehen, sagte die grüne Pflegeexpertin Elisabetz Scharfenberg ZEIT ONLNE. Darüber hinaus kritisierte sie, die Ministerin wolle die Pflege "wieder auf den billigsten Pflegedienst abwälzen, nämlich die Familien, im Zweifel die weiblichen Angehörigen. Damit werden alte Rollenbilder zementiert". Zudem helfe die von Schröder geplante Regelung nur den Angehörigen, die am gleichen Ort lebten wie die Pflegebedürftigen. Dies sei heutzutage aber häufig nicht mehr der Fall.
Die sozialpolitische Sprecherin der SPD, Annette Kramme, nannte den Vorschlag prüfenswert, gab aber zu bedenken, dass diejenigen, die die Pflegezeit in Anspruch nähmen gegen Kündigung geschützt werden müssten. Im übrigen sei unverständlich, wieso die Union nun so vorpresche, wo sie doch in der vergangenen Legislaturperiode nicht einmal bereit gewesen sei, Angehörige für einen kurzen Zeitraum – allerdings bei vollem Lohnausgleich – freizustellen, damit sie in dieser Zeit die Pflege regeln könnten. Auch die Grünen setzen sich für eine derartige auf drei Monate beschränkte Freistellung ein.
Den Linken geht der Vorstoß dagegen nicht weit genug. Angehörige müssten die Möglichkeit haben, zeitlich befristet ihre Berufstätigkeit gänzlich ruhen zu lassen, sagte die pflegepolitische Sprecherin der Linken, Kathrin Senger-Schäfer. Zudem müsse es einen Anspruch auf Lohnersatzleistungen geben.
Lob kam dagegen vom Paritätischen Wohlfahrtsverband für die "ganz wichtige Initiative" der Familienministerin. Der Verband mahnte jedoch an, pflegende Angehörige nicht schlechter zu stellen als Erziehende in der Elternzeit. Eltern erhalten vom Staat maximal 14 Monate lang 67 Prozent ihres letzten Gehalts.
Auch die Deutsche Hospiz Stiftung begrüßte die Pläne zur Stärkung der häuslichen Pflege. "Derzeit werden 1,5 Million Menschen zu Hause gepflegt, eine Million von ihnen ausschließlich von Angehörigen." Diese dürfe man "nicht länger alleinlassen", sagte Vorstandschef Eugen Brysch.
- Datum 03.03.2010 - 16:48 Uhr
- Quelle ZEIT ONLINE, dpa
- Kommentare 5
- Versenden E-Mail verschicken
- Empfehlen Facebook, Twitter, Google+
- Artikel Drucken Druckversion | PDF
-
Artikel-Tools präsentiert von:






Also, jemand kann (bis zu) zwei Jahre nur die Hälfte arbeiten, bei 75% des Gehalts und muß dann wiederum zwei Jahre für dieselben 75% Vollzeit arbeiten? Kommt das nicht rechnerisch auf dasselbe hinaus als ob er für 50% die Hälfte arbeitet und dann wieder für 100% Vollzeit? Klingt irgendwie nach einem Nullsummenspiel mit riesigem Aufwand und etlichen Stolperfallen.
Davon abgesehen ist die Begrenzung auf zwei Jahre geradezu zynisch.
Was alles nichts daran ändert, dass Teilzeitarbeit aus vielen Gründen selbstverständlicher werden muß (man vergleiche das mal mit der Situation in Frankreich, wo das selbstverständlich ist). Andererseits, bei vielen Jobs wäre man hierzulande mit Teilzeit sofort unter dem Hartz-IV-Satz...
Alles wäre anders, bekäme der pflegende Angehörige das gleiche Pflegegeld wie eine pflegende Organisation: heute bekommt man als pflegender Angehöriger nur die Hälfte dessen, was eine Firme bekommt, die gerade mal morgens und abends für kurze Zeit ins Haus kommt. Die Pflegefirma kann erheblich weniger tun, bekommt aber das doppelte.
Einem gut Verdienenden kann ich nur raten, möglichst viel Geld zurück zu legen für eventuelle spätere Pflege auf privater Basis. Ist man auf wohlwollende Politiker und Angehörige angewiesen, kann das böse enden.
Es zeigt sich aber hier einmal mehr, daß viele soziale Probleme nicht in der Form existieren würden, lebten wir in Großfamilien. Dann gäbe es wie in früheren Zeiten eine moralische Verpflichtung zur Pflege. Dann könnten z.B. Frührentner oder Menschen ab 65 ihre Eltern pflegen, die dann Mitte bis Ende 80 wären, was heute keine Seltenheit mehr ist. Das Problem mit der Karriere hätte sich erübrigt. Aber dafür ist der Egoismus wohl zu meist groß!
Alle heißen irgendwie Schröder oder Köhler in der Deutschen
Politik
heißt unsere familienministerin nicht köhler??
welche assoziationen!!
''Darüber hinaus kritisierte sie, die Ministerin wolle die Pflege "wieder auf den billigsten Pflegedienst abwälzen, nämlich die Familien, im Zweifel die weiblichen Angehörigen. Damit werden alte Rollenbilder zementiert".''
Ich finde diesen Einwand sehr seltsam. Das ist doch faktisch das, was im Moment passiert: entweder man arbeitet weiter und lässt irgendwelche professionellen, sauteuren Pflegedienste die Sache übernehmen - oder es bleibt an den nicht berufstätigen oder schlechter verdienenden Mitgliedern der Familie, also oftmals den Frauen, hängen.
Mit dieser Regelung könnte man dagegen dafür sorgen, dass sich auch diejenigen um ihre Angehörigen kümmern können, die sonst Vollzeit arbeiten und das Geld heranschaffen.
Die Wirtschaft muss insgesamt viel flexibler mit derlei Situationen umgehen. Es kann nicht sein, dass man sich zwischen Karriere und einem verantwortungsvollen Umgang mit der Familie entscheiden muss. Das fördert die verantwortungslosen Einzelgänger ohne Familie und Kinder - und führt so beispielsweise in die nächste Wirtschaftskrise.
""Wir setzen auf freiwillige Vereinbarungen mit der Wirtschaft", sagte die Fraktionsvorsitzende Birgit Homburger."
Jawoll, das sind doch keine HartzIV-Empfaenger, die man zwingen kann !
Bitte melden Sie sich an, um zu kommentieren