Interview mit Christian Lindner "Wir wollen niemanden aufgeben"

Die Umfragewerte sinken, die Vorwürfe gegen Westerwelle ob seiner Reise-Entourage wachsen. FDP-General Lindner spricht aber lieber über das soziale Gewissen seiner Partei.

"Wir machen sozial verantwortliche Politik": Christian Lindner, seit Dezember Generalsekretär der FDP

"Wir machen sozial verantwortliche Politik": Christian Lindner, seit Dezember Generalsekretär der FDP

Frage: Herr Lindner, ist die FDP eine Klientelpartei, die Hoteliers zu Steuererleichterungen verhilft und deren Chef Günstlinge und Sponsoren als Außenminister mit auf Weltreise nimmt?

Christian Lindner: Endlich mal eine Frage, die ohne Vorurteile auskommt. Inklusive der Linkspartei wollten alle Parteien die reduzierte Umsatzsteuer, weil in der Beherbergung Arbeitsplätze gefährdet waren und Investitionen fehlten. Das war ein Vorgriff auf die ohnehin vorgesehene Neuordnung des Umsatzsteuersystems. Und Guido Westerwelle hat sich an alle Regeln und Gepflogenheiten gehalten.

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Frage: Auch wenn alles legal ist: Darf ein Außenminister den Anschein zulassen, er begünstige Unternehmer, an denen mittelbar oder unmittelbar seine Familie und sein Lebensgefährte beteiligt sind?

Lindner: Es fällt auf, dass an die FDP nicht die üblichen Maßstäbe angelegt werden. Steinmeier hat einen befreundeten Verleger zu elf Reisen eingeladen. Gabriel hat als Politiker das VW-Gesetz verteidigt und als privater Berater von VW 130.000 Euro Honorar erhalten. Ich will daraus keine Vorwürfe ableiten, denn die politische Kultur wird beschädigt, wenn sich die Parteien mit Vorwurf und Gegenvorwurf beharken. Es ist eben eine Realität, dass Spitzenpolitiker persönliche Netzwerke haben. Das muss man akzeptieren. Wir sollten uns alle zusammen besser über Sachfragen streiten.

Frage: In der FDP erklärt man die Vorwürfe gegen Westerwelle als Retourkutsche für seine Hartz-Kampagne. Breitet sich in der FDP ein Klima der sozialen Kälte aus?

Lindner: Wie kommen Sie darauf?

Frage: Der Berliner FDP-Abgeordnete Rainer-Michael Lehmann hat damit in dieser Woche seinen Übertritt von der FDP zur SPD begründet. 

Lindner: Nach meinem Eindruck hat der Schritt von Herrn Lehmann nichts mit der Programmatik der FDP, sondern vielmehr mit seinen individuellen Karriereerwartungen zu tun. Und für die FDP stelle ich fest: Wir machen sozial verantwortliche Politik.

Frage: Warum nehmen die Menschen das nicht wahr?

Lindner: Ihre These bezweifle ich. Wir haben zur Bundestagswahl fast 15 Prozent der Menschen für unser politisches Konzept der Balance zwischen Leistungsgebern und Leistungsempfängern gewonnen. Natürlich ist die Mitte der Gesellschaft solidarisch. Aber sie darf nicht überfordert werden. Und deshalb wollen wir dafür sorgen, dass die Menschen in Arbeit kommen.

Frage: Indem Sie den Druck auf Arbeitslose erhöhen und die Leistungen kürzen wollen?

Lindner: Sie haben unser Konzept offenbar nicht gelesen. Wir haben eine sich verfestigende Arbeitslosigkeit und jedes Jahr wieder junge Leute, die die Schule ohne Chance auf dem Arbeitsmarkt verlassen. Gleichzeitig haben sich die Sozialbudgets seit 1990 erheblich ausgeweitet. Ein Drittel der Wirtschaftsleistung wendet der Staat für Sozialleistungen auf, aber die Ergebnisse befriedigen immer weniger. Unser Ansatz ist es, die Chancen der Menschen zu erhöhen, statt sie mit immer mehr Sozialleistungen abzuspeisen.

Frage: Das klingt toll. Allerdings glaubt jeder, dass die FDP aus dem "teuren Schwächling", wie Sie den wenig effizienten Staat nennen, lediglich einen für die Reichen "billigen Schwächling" machen will?

Leser-Kommentare
  1. kallewestrich: Nachdem die erwarteten Zahlen auftauchten, war schon zu Beginn der Reg.zeit klar, dass das nicht geht. Tapfer aus PR-Gründen festgehalten, jetzt verschoben. Wahlversprechen gleich mit ... Es fehlt die Kohle. Irrsinnsneuverschuldung, null Luft für Steuersenkungen: Allein der Staat braucht 60 % der eingenommenen Gelder, um sich selbst zu finanzieren, vom Autobahnschild bis zum Kanzler. Viele ehrgeizige Pläne, nur nicht das Projekt "Armut durch Arbeit reduzieren".

  2. Als wäre die Zeit stehen geblieben wird von Politikern der Freidemokraten westdeutsche Marktwirtschaft von Anno Dazumal beschrieben. Die Realität eines globalisierten Arbeitsmarktes wird nicht wahrgenommen, weil die Stimmung des selbstverschuldeten Versagerdaseins der Arbeitslosen ins Kalkül passt - denn es soll umfunktioniert werden und diese längere Zeit verdeckte Absicht der FDP-Oberen ist wie in einem Trojanischen Pferd daher gekommen und wird jetzt mit Paukenschlägen durchgezogen - zumindest gewinnt man als Leser von Verlautbarungen der FDP-Politiker diesen Eindruck. Manch Bürger wird aller sittlichen Identität beraubt - denn in den Augen vieler Menschen stellt es keine Bagatelle dar, dass ein männlicher Partner eines Ministers wie ein Ehegatte im Ausland agiert und somit eben mal Freunde und Bekannte zu "Traumreisen" mitgenommen werden. Während den Arbeitslosen die einzelnen Cents vorgerechnet werden, sollen dann Verhältnisse normal sein, wo der jetzige Aussenminister Stundenlöhne von achttausend Euro abrechnet und die anderen, um ihren Mindestlohn zu kämpfen haben. So wird einfach von den konkreten, gegenwärtigen Verhältnissen per rethorischer Bemühung marktwirtschaftlicher Phrasen abgelenkt. Ökonomische Vokabeln sollen vermutlich die Driftbewegung von Teilen der Bevölkerung in Richtung Sozialer Rand verdecken - was die FDP da bietet, ist nicht nur Soziale Kälte, sondern Gefrierschrank.

  3. Dass die FDP keine gute Presse hat ist wenig verwunderlich. Ein Interview aber mit so zynischen Fragen zu führen ist schlicht schlechter Journalismus. Die Dreistigkeit zu besitzen das Interview mit "Lindner spricht aber lieber über das soziale Gewissen seiner Partei" zu betiteln, nachdem man den jungen Lindner mit dummfrechen Fragen auf dieses Thema festnagelt, ist für einen der Unabhängigkeit verpflichteten Journalisten disqualifizierend.

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