FDP-Parteitag Liberale WagenburgSeite 2/2

Auch Guido Westerwelle wurde in Siegen treu verteidigt. Viele in der FDP verknüpfen den Erfolg der Vergangenheit maßgeblich mit seiner Person. Nun, da er bisweilen als Hulk-Verschnitt auf den Titelblättern deutscher Nachrichtenmagazine erscheint, regt sich an der Basis der Schützerinstinkt: "Man hat Westerwelle als Brunnenvergifter, Demagogen und Volksverhetzer beschimpft", diese Anschuldigungen habe sie "absolut" hinter ihn geschweißt, sagt Helga Daub vom Kreisverband Siegen. Sie spricht stellvertretend für viele. In Siegen erhielt Westerwelle Standing Ovations und reichlich Jubel.

Selbst die Liberalen, die vor ein paar Wochen noch bereitwillig auf die schwarz-gelbe Regierung in Berlin schimpften (nicht zuletzt auf die eigenen Minister und unpopuläre Reformen wie die gesenkte Hotelmehrwertsteuer), sind inzwischen verstummt. Dabei stört sie nach wie vor, dass über manche Inhalte kaum gesprochen wird, wie über das jüngst vorgestellte Sozialpolitik-Papier. Hinter vorgehaltener Hand übt der ein oder andere durchaus Kritik an Westerwelles Verständnis der Amtsführung, an seinen Auslandsreisen oder  Hartz-IV-Debatten. Aber eben nicht öffentlich. Das Gefühl des Angegriffenwerdens überlagert die innerparteiliche Diskursbereitschaft.

Natürlich hängt diese Wagenburg-Mentalität auch mit der nahenden NRW-Wahl zusammen. Die kräftige Rhetorik zeugt von der Furcht, in Düsseldorf die schwarz-gelbe Mehrheit – und somit die Macht – zu verlieren. Ein mögliches schwarz-grünes Bündnis in NRW wäre für die FDP ein Desaster. Zum einen könnte sich dadurch längerfristig auch die Union auf Bundesebene für die Grünen als Koalitionspartner interessieren. Zum anderen wäre die schwarz-gelbe Mehrheit im Bundesrat futsch – und damit wohl auch etliche der liberalen Reformvorhaben.

Für die verbleibenden acht Wochen haben die lokalen Parteifunktionäre an Rhein und Ruhr deshalb das "Prinzip Folgsamkeit" angeordnet. Kritik an Berlin ist bis Anfang Mai tabu. Dass der Unmut bei vielen einfachen Mitgliedern und Wählern aber nach wie vor vorhanden ist, bestätigt eine FDP-Mitarbeiterin auf Bundesebene. Sie berichtet zwar von Solidarität mit Westerwelle, aber auch von "zornigen E-Mails und Anrufen in bisher unbekanntem Ausmaß".

Im Wahlkampf setzt die FDP nun auf eine totale Polarisierung: hier die Regierungsparteien, dort das linke Lager. Hier Fortschritt und Leistung, da Chaos und Einheitsschule. Originell ist das nicht, aber nachvollziehbar, angesichts ihrer dilemmatischen Situation. Als Außenseiterin im Düsseldorfer Parteispektrum hat sie ohnehin keine andere Alternative. Womöglich hilft's ja: Zuletzt ist sie in den Umfragen nach zwischenzeitlichem Absturz wieder etwas hinaufgeklettert.

Allerdings könnte die innerparteiliche Debatte über den richtigen Weg nach der NRW-Wahl umso lauter geführt werden. Sollte Düsseldorf verloren gehen, könnte der Ruf nach einem Sündenbock laut werden. Ob Pinkwart sich dann halten kann, ist fraglich. Seine Kritik am Wachstumsbeschleunigungsgesetz der Bundesregierung hat viele irritiert. Seine Forderung, die FDP brauche mehr Führungspersönlichkeiten, werten viele, wohl zu Recht, als gescheiterten Profilierungsversuch gegen Westerwelle. Aber nicht nur bundespolitisch hat Pinkwart Ärger, auch seine Ankündigung, die Hauptschule zugunsten einer Mittelschule abschaffen zu wollen, wird ihm verübelt. Er selbst sieht sich wohl auch nicht als Oppositionschef im Landtag.

Und Westerwelle? Er wird bleiben. Ihm wurde bereits geraten, seine Ämter zu teilen, das Ministerium zu wechseln oder sich einfach nur ein wenig zurückzuhalten. All das ist unwahrscheinlich. Westerwelle hat in den letzten zehn Jahren kontinuierlich Macht angehäuft, nie welche abgegeben. Nun, im Zenit, will er liefern. Er will in die Geschichtsbücher – und irgendwann vielleicht doch auch ein bisschen gemocht werden.

 
Leser-Kommentare
  1. Dieses Bild präsentiert die NRW-FDP gern, vor allem der Kreis um Westerwelle. Dabei wird öffentlich unterschlagen, dass es durchaus viele Kritiker in der Partei gibt, die aber auch gern aus dem Führungskreis ferngehalten werden. Innerparteilich gibt es leider nur verhalten und hinter geschlossenen Türen geäußerte Kritik an den Führungs- und Politikstil der Parteiführung.

    • CM
    • 15.03.2010 um 11:13 Uhr

    An den Stühlen von Westerwelle und Brüderle wird schon lange gesägt - erinnern wir uns einmal an das öffentliche Zurückrudern von Pinkwart vor ein paar Wochen:

    http://www.zeit.de/politi...

    Innerhalb der FDP muß es sich anfühlen als wäre man in einem Shakespeare-Drama - kaum dreht man sich um muß man in Versform das Messer im Rücken beklagen.

  2. ...keine Partei.

    Lediglich eine Ansammlung von bedenkenlosen Egoisten, die gern für sich persönlich alle Regeln außer Kraft setzen möchten.

    Immer nach dem Motto: Jeder denkt an sich, nur ICH, ICH denk an MICH.

    Mit Liberalismus a la Lord Dahrendorf hat das schon lange nichts mehr zu tun.

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    Ja, es gab vor über 30 Jahren, bevor die Wirtschaftsliberalen die FDP übernahmen, noch eine liberale FDP. Sogar mit einem wirtschaftsliberalen Denker und Soziologen wie Sir Dahrendorf.

    Ja, es gab vor über 30 Jahren, bevor die Wirtschaftsliberalen die FDP übernahmen, noch eine liberale FDP. Sogar mit einem wirtschaftsliberalen Denker und Soziologen wie Sir Dahrendorf.

    • xtc
    • 15.03.2010 um 11:18 Uhr

    "Die FDP fühlt sich umzingelt von "Gegnern", wie es auf dem Parteitag öfters heißt. Damit sind die drei linken Parteien gemeint, außerdem: die Medien und neuerdings auch die CDU, die in Düsseldorf mit den Grünen "schmust"..."
    Das erinnert doch an den Geisterfahrer auf der Autobahn, der sich angesichts "seiner" Meldung in den Verkehrsnachrichten, verständnislos umschaut und bemerkt: "Ein Falschfahrer...? Hunderte!"

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    Neben den "linken" Parteien, Medien und der CDU wurde eine Gruppe übersehen... wie öfter mal und gern...

    Die Mehrheit der Bundesbürger. :)

    • CM
    • 15.03.2010 um 11:31 Uhr

    So muß man wohl die Frage stellen, wie hoch der Anteil der Wahlberechtigten ist, die entgegen allen offensichtlichen Verirrungen des Großen Vorsitzenden, gegen den kaum wegzuleugnenden Mief der Korruption und gegen jede Vernunft doch noch einmal die FDP wählen würden - sind es die berühmten "fast drei Prozent"?

    Die nächsten Umfragen vor der NRW-Wahl werden erweisen, daß jeder, der noch einmal FDP wählt, seine Stimme nicht nur an eine Partei verschenkt, die keinen Wählerauftrag mehr verdient hat, sondern auch an eine, die nicht mal mehr in den Landtag einziehen wird.

    Neben den "linken" Parteien, Medien und der CDU wurde eine Gruppe übersehen... wie öfter mal und gern...

    Die Mehrheit der Bundesbürger. :)

    • CM
    • 15.03.2010 um 11:31 Uhr

    So muß man wohl die Frage stellen, wie hoch der Anteil der Wahlberechtigten ist, die entgegen allen offensichtlichen Verirrungen des Großen Vorsitzenden, gegen den kaum wegzuleugnenden Mief der Korruption und gegen jede Vernunft doch noch einmal die FDP wählen würden - sind es die berühmten "fast drei Prozent"?

    Die nächsten Umfragen vor der NRW-Wahl werden erweisen, daß jeder, der noch einmal FDP wählt, seine Stimme nicht nur an eine Partei verschenkt, die keinen Wählerauftrag mehr verdient hat, sondern auch an eine, die nicht mal mehr in den Landtag einziehen wird.

  3. Neben den "linken" Parteien, Medien und der CDU wurde eine Gruppe übersehen... wie öfter mal und gern...

    Die Mehrheit der Bundesbürger. :)

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    Moin,
    die angeführte Mehrheit zieht es meist vor, sich nicht zu engagieren, immer mehr Bürger nehmen nicht einmal ihr Recht in Anspruch zu wählen. Glücklicherweise haben Sie nicht auch noch "schweigende Mehrheit" geschrieben, aber letztlich kommt es genau darauf hinaus. Wer also dann, wenn es darauf ankommt, lieber keinen Einfluss nimmt, hat ein Stück weit auch das Recht verwirkt, Ansprüche an die Marschrichtung zu stellen. Und wer immer nur unzufrieden ist, wer zur Wahl gestellt wird und welche Wahl- und Grundsatzprogramme bei den Parteien zu finden sind, der sollte vielleicht erst einmal im Stillen überlegen, was er selber dazu beigetragen hat, hier Einfluss zu nehmen. Die Chance zur Mitwirkung besteht, trotz häufiger Behauptungen des Gegenteils, übrigens gerade aus den Reihen der (hier richtigerweise) schweigenden Mehrheit.

    Beste Grüße
    Grabert

    Moin,
    die angeführte Mehrheit zieht es meist vor, sich nicht zu engagieren, immer mehr Bürger nehmen nicht einmal ihr Recht in Anspruch zu wählen. Glücklicherweise haben Sie nicht auch noch "schweigende Mehrheit" geschrieben, aber letztlich kommt es genau darauf hinaus. Wer also dann, wenn es darauf ankommt, lieber keinen Einfluss nimmt, hat ein Stück weit auch das Recht verwirkt, Ansprüche an die Marschrichtung zu stellen. Und wer immer nur unzufrieden ist, wer zur Wahl gestellt wird und welche Wahl- und Grundsatzprogramme bei den Parteien zu finden sind, der sollte vielleicht erst einmal im Stillen überlegen, was er selber dazu beigetragen hat, hier Einfluss zu nehmen. Die Chance zur Mitwirkung besteht, trotz häufiger Behauptungen des Gegenteils, übrigens gerade aus den Reihen der (hier richtigerweise) schweigenden Mehrheit.

    Beste Grüße
    Grabert

    • CM
    • 15.03.2010 um 11:31 Uhr

    So muß man wohl die Frage stellen, wie hoch der Anteil der Wahlberechtigten ist, die entgegen allen offensichtlichen Verirrungen des Großen Vorsitzenden, gegen den kaum wegzuleugnenden Mief der Korruption und gegen jede Vernunft doch noch einmal die FDP wählen würden - sind es die berühmten "fast drei Prozent"?

    Die nächsten Umfragen vor der NRW-Wahl werden erweisen, daß jeder, der noch einmal FDP wählt, seine Stimme nicht nur an eine Partei verschenkt, die keinen Wählerauftrag mehr verdient hat, sondern auch an eine, die nicht mal mehr in den Landtag einziehen wird.

    • eluutz
    • 15.03.2010 um 11:39 Uhr

    Die FDP verteidigt ihre Politik inzwischen nur noch, indem sie auf Angriffe der "Linken" oder der "Neider" hinweist. Es geht um Polarisierung, Lagermentalität und letztlich Außenwahrnehmung (=Medienberichte).

    Ich habe von der FDP noch eine Verteidigung des verminderten Mehrwertsteuersatzes für bestimmte Branchen gehört. Seitdem werden die politischen Konzepte von den meisten Medien als persönliche Kränkungen (Westerwelle) verkauft. Interessanterweise schlagen die Angegriffenen auf der Beziehungsebene zurück.

    Es mag sein, dass Wahlentscheidungen großteils emotional geprägt sind. Das ist aber keine Stärke der FDP, weil mit den von dieser Partei vertretenen Themen (relativ singulär: "Wir zahlen zuviele Steuern, weil alle die Hand aufhalten")eine Mehrheit schwierig zu erreichen ist.

    Andere wichtige Themen (Bürgerrechte, Rechtssicherheit) hat die FDP in der Wahrnehmung der letzten Monate nebensächlich behandelt, bei vielen Wählern ist die FPD durch das Mittragen bzw. Nicht-rückgängig-machen von bestimmten Gesetzen inzwischen gleichsam mit den meisten anderen Parteien unglaubwürdig.

    Dadurch errodiert die Wählerbasis der FDP.

  4. Ja, das kann schon mal vorkommen, dass eine Partei, die massiv in der Kritik steht, sich erst einmal in ihre Wagenburg zurückzieht. Im Wahlkampf kann das sogar sehr schnell geschehen.

    Die FDP sollte sich trotzdem fragen, ob sie gut beraten ist, sich so massiv an eine Einzelperson zu ketten. Zumal es sich bei GW um jemanden handelt, der zwar im Gezänk der Parteien ordentlich Lautstärke und Rabulistik mitbringt, aber bislang noch nicht den Beweis erbracht hat, ein Amt verantwortlich zu führen und Lösungen auf den Weg zu bringen.

    Zumal es nicht danach aussieht, als könnte Letzteres in absehbarer Zukunft der Fall sein. Der permanente Lärmpegel aus dem AA verhärtet die Fronten - auch in der Koalition - und erschwert den sowieso nur mit viel Skepsis erteilten Gestaltungsauftrag. Und Lösungen werden in vielen Fragen (Afghanistan, Bankensektor, Gesundheitswesen, Steuergesetzgebung...) dringend gebraucht.

    Will also die FDP wirklich weiterhin in Nibelungentreue hinter einem sich in Pubertätsposen gefallenden und allmählich überdrehenden Ego-Shooter hinterher laufen? Man sollte sich mal parteiintern fragen, was eigentlich mit der FDP passieren wird, wenn diese Koalition in den nächsten Monaten auseinanderbricht. Da käme das Totenglöcklein, oft als Metapher in den Zeiten von Genscher und Lambsdorff bemüht, wohl tatsächlich zum Einsatz. Und dieses Land würde wohl endgültig ins vordergründig muckelig-wohlige Biedermeier abdriften, was ich mir zumindest nicht wünsche.

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