Geringverdiener Arbeit lohnt sich
Wer arbeitet, muss mehr haben als Hartz IV, fordert FDP-Chef Westerwelle. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hält nun dagegen: Dies sei längst erfüllt.
© Sean Gallup/Getty Images

Lohnt sich das Arbeiten noch für eine Kellnerin? FDP-Chef Westerwelle hatte dies infrage gestellt, der Paritätische Wohlfahrtsverband widerspricht
Ist die Forderung, dass Arbeit sich auch für Geringverdiener lohnen müsse, nun ein Tabubruch, wie FDP-Chef Guido Westerwelle zu glauben scheint, oder eine Selbstverständlichkeit, wie Bundeskanzlerin Angela Merkel ihrem Vizekanzler öffentlich bedeutete? Nach Ansicht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist sie vor allem eins: Realität.
In jenem Gastbeitrag für Die Welt, in dem Westerwelle vor "spätrömischer Dekadenz" warnte und mit dem er die seither andauernde Sozialstaatsdebatte lostrat, verwendete er zur Veranschaulichung seiner These das Beispiel einer Kellnerin. "Wer kellnert, verheiratet ist und zwei Kinder hat, bekommt im Schnitt 109 Euro weniger im Monat, als wenn er oder sie Hartz IV bezöge", behauptete der FDP-Chef damals.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat das nachgerechnet und stellte fest: Der Familie der Kellnerin stehen – selbst wenn die Frau allein verdient – im Monat 374 Euro mehr zur Verfügung als wenn sie Hartz IV bezöge. Auch wenn die Kellnerin alleinerziehend wäre, hätte sie immer noch 341 Euro mehr Einkommen.
"Wer in Deutschland Vollzeit arbeitet, hat mehr als der, der nicht arbeitet", sagt der Hauptgeschäftsführer der Verbands, Ulrich Schneider. Dass derzeit so viele falsche Zahlen im Umlauf seien, habe vor allem damit zu tun, dass bei den Vergleichen ignoriert werde, dass Niedrigverdiener auch Anspruch auf staatliches Wohngeld und den Kinderzuschlag hätten. Dies müsse aber einbezogen werden, schließlich gehe es um den Vergleich von Haushaltseinkommen. "Es drängt sich der Verdacht auf, dass hier mit falschen, weil unvollständigen Berechnungen Politik gemacht werden soll", kritisiert Schneider.
Guido Westerwelle ist allerdings nicht der einzige, der in letzter Zeit derartige Rechenbeispiele publik gemacht hat. Ähnliche Zahlen wurden auch vom Bund der Steuerzahler und vom Kieler Institut für Weltwirtschaft verbreitet. Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat es deswegen nicht bei einer Einzelberechnung belassen sondern 196 Beispiele durchgerechnet. Diese ergäben ein "systematisches Abbild der unteren Lohngruppen bis tief in den Niedriglohnsektor hinein". So habe man bewusst jene Berufe herangezogen, die immer wieder genannt werden: Verkäuferinnen, Wachleute und Zeitarbeiter zum Beispiel.
Dabei habe man festgestellt, dass bei all diesen Personen das Lohnabstandsgebot gewahrt sei. Bei Vollzeit arbeitenden Singles betrage der Unterschied zu einem Hartz-IV-Empfänger zwischen 300 und 900 Euro pro Monat, bei Alleinerziehenden zwischen 300 und 500 Euro, bei Paaren mit Kindern bis zu 600 Euro und bei Paaren ohne Kinder 280 Euro.
Allerdings: In die Berechnung einbezogen wurden nur Personen, die mindestens einen Stundenlohn von 5,90 erhalten. Löhne, die darunter lägen, seien sittenwidrig, begründete Schneider diese Einschränkung. Menschen mit so niedrigem Gehalt stellten zudem nur eine sehr kleine Minderheit dar. Aus der Existenz dieser Gruppe könne man nicht schließen, dass das Lohnabstandsgebot in Deutschland generell in Gefahr sei.
- Datum 01.03.2010 - 16:21 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Wer ordentlich bezahlt wird braucht keinen Anspruch auf staatliche Hilfe.
Solange der Staat - also wir - auch nur einen Cent zuzahlen muß(Wohngeld) geht die Rechnung nie auf.
Wieso hat das vor 15 Jahren funktioniert und heute nicht mehr?
...schwieriger als vor 15 Jahren? Vielleicht weil heute viele Menschen mit uns konkurrieren, die damals nicht im Markt einbezogen waren, die Wiedervereinigung bezahlt werden musste und wir im Euro sind.
@Gerry10
Meine Stadt in Zahlen:
1993 23qm Wohnung 115 DM Kaltmiete
2009 22qm Wohnung 215 EUR Kaltmiete
Über die Ursachen kann man sich streiten.
...schwieriger als vor 15 Jahren? Vielleicht weil heute viele Menschen mit uns konkurrieren, die damals nicht im Markt einbezogen waren, die Wiedervereinigung bezahlt werden musste und wir im Euro sind.
@Gerry10
Meine Stadt in Zahlen:
1993 23qm Wohnung 115 DM Kaltmiete
2009 22qm Wohnung 215 EUR Kaltmiete
Über die Ursachen kann man sich streiten.
Der Paritätische Wohlfahrtsverband hat das nachgerechnet
Solche Berechnungen sind ja so komplex nicht und würden in wenigen Zeilen nachzuvollziehen sein. Vor allen Dingen könnte man den Daumen auf die Unterschiede der verschiedenen Berechnungen legen.
Dass dies nicht geschieht, sondern dass einfach "Aussage gegen Aussage" steht, ist unbefriedigend.
Kritischer (sehr! viel kritischer) zu sehen ist die am Rande gemachte Bemerkung, der Staat müsse darauf dann mit "kluger Lohnpolitik" reagieren.
"Lohnpolitik" in dem angedeuteten Sinne ist nicht die Aufgabe des Staates. Der paritätische Wohlfahrtsverband liebäugelt natürlich nur zu gerne mit solchen Vorstellungen. (Er hat den betreuten und weniger den selbständigen Menschen im Blick.)
Herzlichst Crest
Die Rechnung des paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist hier zu finden: http://www.der-paritaetis...
Wo allerdings die Rechnung des guten Herrn Außenministers zu finden ist, dass wüsste ich dann auch gerne...
...es ist sehr unbefriedigend, diese Informationspolitik. Dabei muss man fragen ob sie bewusst so ist, oder ob die Politiker, Beamte und Medien lediglich faul sind. Unverantwortlich ist jedenfalls es Politik zu gestalten aufgrund eines solchen Wirrwarrs. Wie soll der Wähler sich entscheiden?!
Die Rechnung des paritätischen Wohlfahrtsverbandes ist hier zu finden: http://www.der-paritaetis...
Wo allerdings die Rechnung des guten Herrn Außenministers zu finden ist, dass wüsste ich dann auch gerne...
...es ist sehr unbefriedigend, diese Informationspolitik. Dabei muss man fragen ob sie bewusst so ist, oder ob die Politiker, Beamte und Medien lediglich faul sind. Unverantwortlich ist jedenfalls es Politik zu gestalten aufgrund eines solchen Wirrwarrs. Wie soll der Wähler sich entscheiden?!
Sie sagen Arbeit muss sich lohnen. Die die den ganzen Tag arbeiten gehen müssen mehr haben, als die die nicht arbeiten.
Haben sie schon mal über Mindestlöhne nachgedacht Herr Westerwelle?? Denn jeder der zu einem gerechten Lohn arbeitet hat mit Sicherheit mehr Geld in der Tasche. Aber Arbeit bei einem Stundenlohn von 5 € lohnt sich nicht, auch nicht wenn man mehr Netto vom Brutto hat!
Es ist doch völlig egal, wie der Sozialtransfer nun heißt, ob HartzIV, Wohngeld oder Kinderzuschlag. All dies sind Kosten, die entweder durch Steuern oder Sozialbeiträge von anderen Bürgern aufgebracht werden müssen. Wenn der Paritätische nun diese Beträge außen vor lässt, spielt er genauso mit unvollständigen Zahlen, wie die, dem er vorwirft zu tricksen! So bringt das auch alles nichts.
Vielleicht sollte Herr Schneider mal auf den Ausgabenkostenblock des Sozialen schauen. Wer soll das noch alles zahlen? Ich habe von diesen Leuten noch nie brauchbare, und vor allem realistische Ansätze vernommen, wie die Einkommenssituation des Staates verbessert werden kann. Immer nur das gleiche Lamento von Vermögenssteuern, utopischen Kindergrundsicherungen und Mindestlöhnen, die mit 8.50-10€ weit über der Produktivität der (potentiellen) Arbeitnehmer liegen.
"Diese Grenze solle fallen, forderte Schneider. Statt wie bisher 300.000 Kinder hätte dann wohl die doppelte Zahl Anspruch auf den Zuschlag. Allerdings entstünden dem Staat daraus nach Berechnungen des Verbandes Mehrkosten von etwa zwei Milliarden Euro."
Am Ende ist für die Staatsausgaben einzig relevant wie viel eingenommen wurde, und wie viel ausgegeben wurde, und nicht in welche Rubrik diese Kosten fallen. Daran sieht man auch wie wenig solche Verbände an das Gemeinwohl denken, denn das Gemeinwohl ist mehr als die Anzahl der Sozialkostenempfänger. Was hier ausgegeben wird, wird woanders gespart.
Nun - wenn der Haarschnitt 7 EUR kostet, dann ist es ggf. nicht produktiv, einer Friseurin 10 EUR Stundenlohn zu zahlen. Wenn aber alle Friseure ihren Mitarbeitern diesen Stundenlohn zahlen müssen, werden die Preise für die Haarschnitte auf ein angemessenes Niveau steigen - und damit ist die Friseuse wieder produktiv.
Ähnlich bei allen anderen relevanten Berufsgruppen, da die Mindestlohnproblematik hierzulande wohl eher ein Binnenproblem der Dienstleistungen und des Handels nicht ein Problem des produzierenden Gewerbes (mal abgesehen von der Zeitarbeit, in der aber die Arbeit eben durch die Verleihfirmen verteuert wird) ist.
Nun - wenn der Haarschnitt 7 EUR kostet, dann ist es ggf. nicht produktiv, einer Friseurin 10 EUR Stundenlohn zu zahlen. Wenn aber alle Friseure ihren Mitarbeitern diesen Stundenlohn zahlen müssen, werden die Preise für die Haarschnitte auf ein angemessenes Niveau steigen - und damit ist die Friseuse wieder produktiv.
Ähnlich bei allen anderen relevanten Berufsgruppen, da die Mindestlohnproblematik hierzulande wohl eher ein Binnenproblem der Dienstleistungen und des Handels nicht ein Problem des produzierenden Gewerbes (mal abgesehen von der Zeitarbeit, in der aber die Arbeit eben durch die Verleihfirmen verteuert wird) ist.
Ich glaube weniger, dass es Westerwelle darum geht aufzuzeigen, dass zu niedrige Löhne gezahlt werden. Leider interpretieren viele aber genau so seine Aussage "Arbeit muss sich lohnen" und geben ihm Recht.
Die anderen wiederum interpretieren seine Aussage als "es wird zu viel Harz4 gezahlt" und geben ihm Recht, obwohl er es nicht so sagt, aber meiner Meinung nach bezweckt.
Somit erntet er damit Zustimmung beider Gruppen. Wobei die erste Aussage durch diesen Artikel revidiert wird. Zu der Zweiten Aussage möchte ich erwähnen, dass die Ausgaben für Arbeitslosigkeit nur etwa 7% der Sozialausgaben ausmachen, über 50% werden z.B. für Alter und Krankheit verwendet.
Also wir weniger Harz4 nicht die Sozialkassen retten... Was bezweckt Westerwelle damit wirklich? Ich denke, damit schürrt er noch mehr Angst vor Harz4 unter den Arbeitnehmern, so dass sie auf noch mehr Rechte als Arbeitnehmer verzichten.
Somit nutzt diese Debatte allein den Arbeitgebern, unterstützt wird sie aber von den Arbeitnehmern. Wirklich geschickt eingefädelt von der FDP, dass muss man anerkennen.
leider zu wahr, um schön zu sein.
Sie haben's durchschaut und mit Ihnen viele andere in diesen Foren hier.
Ganz so "geschickt" kann Herr Dr. Westerwelle also nicht sein. Jetzt hat er sich sogar einen öffentlich Rüffel von Frau Merkel eingefangen, wie es ihn in der neueren deutschen Politik nicht gegeben hat.
Dazu legt der paritätische Wohlfahrtsverband Zahlen vor, die zeigen, dass Herr Dr. Westerwelle bestenfalls keine Ahnung von dem hat, worüber er so gerne mit Pathos schwafelt.
Aber Herr Dr. Westerwelle macht sich Kritik ja nicht zu eigen, seine Worte. Nur, wer die eigenen Fehler nicht anerkennen kann, der lernt auch nicht, der ist ein Auslaufmodell, ohne es zu ahnen.
Die Wahl in NRW wird zeigen, ob die Menschen dieses Landes sich für dumm verkaufen und gegeneinander aufhetzen lassen.
leider zu wahr, um schön zu sein.
Sie haben's durchschaut und mit Ihnen viele andere in diesen Foren hier.
Ganz so "geschickt" kann Herr Dr. Westerwelle also nicht sein. Jetzt hat er sich sogar einen öffentlich Rüffel von Frau Merkel eingefangen, wie es ihn in der neueren deutschen Politik nicht gegeben hat.
Dazu legt der paritätische Wohlfahrtsverband Zahlen vor, die zeigen, dass Herr Dr. Westerwelle bestenfalls keine Ahnung von dem hat, worüber er so gerne mit Pathos schwafelt.
Aber Herr Dr. Westerwelle macht sich Kritik ja nicht zu eigen, seine Worte. Nur, wer die eigenen Fehler nicht anerkennen kann, der lernt auch nicht, der ist ein Auslaufmodell, ohne es zu ahnen.
Die Wahl in NRW wird zeigen, ob die Menschen dieses Landes sich für dumm verkaufen und gegeneinander aufhetzen lassen.
Zitat Katharina Schuler:
"Auch eine OECD-Studie war unlängst zu dem Schluss gekommen, in Deutschland gebe es zu geringe Anreize zur Arbeitsaufnahme.
Schneider widersprach dem.
Bei niedrigen Haushaltseinkommen seien Unterschiede von 300 bis 900 Euro im Vergleich zu den Sozialtranfers durchaus geeignet, Menschen zu motivieren, eine Vollzeitstelle anzunehmen."
In Deutschland gibt es zu geringe Anreize zur Arbeitsaufnahme, weil es die dafür notwendigen Jobs schlicht und einfach NICHT gibt !
374 Euro Unterschied bei 40 oder 50 Wochenstunden Arbeit oder Null Arbeit ist gar nicht so groß, wie es der gute Wohlfahrtsverband hätte...
... wenn die ein Drittel davon draufgeht in die Arbeit und wieder nach Hause zu kommen.
... wenn die ein Drittel davon draufgeht in die Arbeit und wieder nach Hause zu kommen.
Begriffe wie "ordentlich", "fair", "angemessen", "unanständig" usw. usf. kommen in Diskussionen über Lohnhöhen nur zu leicht über die Lippen.
Sie sind in einem wichtigen Sinne aber irrelevant, wenn man eine Marktwirtschaft (mit welchem Bindestrichattribut auch immer) erhalten möchte. Die Alternative wäre ein Staat, der sich einbildete, über den Wert und die Bedürfnisse des Einzelnen entscheiden zu können.
Dazu brauchte es dann Ausschüsse, z.B. einen Wohlfahrtsausschuss (und alles was dazugehört(e)).
Herzlichst Crest
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