Pharma-Sparkonzept Röslers Pläne zwischen Sympathie und Ablehnung

Kassen und Ärztekammer beurteilen den Pharma-Sparplan Röslers überwiegend positiv. In seiner eigenen Partei stößt der Minister dagegen auf Kritik.

Bundesgesundheitsminister Philipp Rösler (FDP) stößt mit seinen Plänen zur Senkung der Arzneimittelpreise auf grundsätzliche Zustimmung. "Es sind gute Ideen dabei", sagte der Vorstandsvorsitzende des AOK-Bundesverbands, Herbert Reichelt, der Passauer Neuen Presse. In Deutschland könnten die Pharma-Hersteller bei patentgeschützten Arzneien ihre Preise, anders als in anderen Ländern, frei gestalten – deshalb sei es richtig, an dieser Stelle Regulierungen einzubauen, "insbesondere dann, wenn neu auf den Markt gebrachte Mittel keinen echten Zusatznutzen bringen", sagte der AOK-Chef.

Schnelle Erfolge seien jedoch nicht zu erwarten. "Bis der Gesetzgebungsprozess beendet ist und die ersten Einsparungen erzielt werden, dauert es", sagte er und nannte einen Zeitraum von zwei bis drei Jahren. "Deshalb benötigen wir kurzfristige, zusätzliche Maßnahmen." Im laufenden Jahr wird für die gesetzlichen Kassen nach Abzug der Steuerzuschüsse immer noch mit einem Defizit von vier Milliarden Euro gerechnet.

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Rösler will den Pharma-Firmen Vertragsverhandlungen mit den Krankenkassen aufzwingen, um Kostensenkungen bei den Arzneimitteln zu erreichen. Davon erhofft er sich Einsparungen bis zu zwei Milliarden Euro im Jahr. Dabei müsse allerdings sichergestellt sein, "dass die Erstattungshöchstgrenzen kassenübergreifend verhandelt werden, damit Pharma-Firmen nicht einzelne Kassen gegeneinander ausspielen können", sagte Reichelt.

Auch der Vizepräsident der Bundesärztekammer, Frank Ulrich Montgomery, begrüßte den Vorstoß Röslers. "Bei innovativen Medikamenten kann die Industrie die Preise diktieren – und sie nutzt dieses Monopol ungeniert", sagte Montgomery der Thüringer Allgemeinen. Dies betreffe auch Medikamente, die "lediglich eine Neuauflage existierender Arznei darstellen, aber keinerlei Zusatznutzen für die Patienten bieten."

Die Barmer GEK begrüßte den geplanten Einstieg in die Preisregulierung, forderte jedoch zugleich eine unabhängige Bewertung von patentgeschützten Arzneimitteln. Das Problem sei, dass die Industrie bei der Nutzen-Bewertung eines neuen Präparates immer einen Wissensvorsprung haben werde, sagte Barmer-Vizevorstandschef Rolf-Ulrich Schlenker der Neuen Presse. Deshalb könnten Preisverhandlungen auch niemals gleichberechtigt stattfinden. "Wir brauchen ein unabhängiges Sachverständigengremium, das den Nutzen eines neuen Wirkstoffs ermittelt. Auf dieser Basis müsste dann ein angemessener Preis festgelegt werden", sagte Schlenker. Ein entsprechendes Gremium existiere bereits in Form des Instituts für Qualität und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen, das man weiterentwickeln könne.

Rösler verwahrte sich aber dagegen: "Ich halte es für falsch, das Preismonopol der Industrie gleichsam dann durch ein staatliches Monopol zu ersetzen", sagte er in den ARD-Tagesthemen.

Für das Mitglied des Sachverständigenrates für das Gesundheitswesen, Gerd Glaeske, sind Röslers Pläne "völlig unzulänglich". Er verlangte in der Frankfurter Rundschau eine verpflichtende Kosten-Nutzen-Bewertung. Außerdem sollte nach seinen Vorstellungen nach zwei bis drei Jahren eine Wirkungsbilanz gezogen werden, die bei negativem Ergebnis auch zu Rückzahlungen des Herstellers führen soll.  

Die Industriegewerkschaft Bergbau, Chemie, Energie (IG BCE), die die Pharma-Arbeitnehmer vertritt, warf Rösler vor, es sich zu leicht zu machen, "fast ausschließlich die Pharma-Hersteller anzugehen ­ als wenn es im großen Spektrum der Anbieter von Gesundheitsleistungen nur dort Probleme gäbe". Der Hannoverschen Allgemeinen Zeitung sagte der IG-BCE-Vorsitzende Michael Vassiliadis, es sei "schon überraschend, wenn ausgerechnet ein FDP-Minister Unternehmen mit Zwangsmaßnahmen droht".

Kritik an den Plänen kam auch aus Röslers eigener Partei. Der bayerische Wirtschaftsminister Martin Zeil (FDP) sagte dem Tagesspiegel, er würde freiwilligen Regelungen den Vorzug vor Zwangsrabatten geben. Auch Christoph Hartmann, liberaler Wirtschaftsminister im Saarland, ist skeptisch. Er kritisierte ebenfalls die "Hersteller-Zwangsrabatte" und den vom Gesundheitsminister geplanten Wegfall der Re-Importqote. Bei Re-Importen handelt es sich um Medikamente, die in Deutschland produziert aber im Ausland billiger verkauft werden als hierzulande. Diese werden dann, nachdem sie exportiert wurden, wieder (re-)importiert. Dies ist bisher aber nur begrenzt möglich.

Der Wegfall der Quote, die derzeit bei sechs Prozent liegt, könnte allein im Saarland 700 Arbeitsplätze kosten, sagte Hartmann. "Es ist natürlich prinzipiell richtig, in alle Richtungen zu denken, die Frage ist aber, wie nachhaltig das Ganze ist", sagte Hartmann.
 

 
Leser-Kommentare
    • etiam
    • 11.03.2010 um 8:17 Uhr

    Was ein kongeniales Konzept, bei dem die Kassen mit den Herstellern über den zu zahlenden Preis eines Medikaments diskutieren sollen, ohne dessen Nutzen objektiviert zu haben. Im Endeffekt bedeutet das, dass zum einen echte Innovationen womöglich an der Bockbeinigkeit der Kassen scheitern, einen angemessenen Preis dafür zu zahlen, oder aber dass eine schon Jahrzehnte existierende Arzneimittelgruppe um weiterhin um Pseudoinnovationen erweitert werden wird, weil die Marketingbroschüre des Herstellers unrealistische Vorteile ausweist.
    Kaufen Sie sich zu Hause auch Haushaltsgeräte und verhandeln über den Preis, ohne zu wissen ob man damit Kaffee kochen, Geschirrspülen oder Rasenmähen kann?

    • Eiseob
    • 11.03.2010 um 8:29 Uhr

    Im Artikel wurde treffend beschrieben, was man noch besser machen könnte.

    Trotzden gebührt Rössler Respekt dafür, den ersten Schritt gemacht zu haben. In all den letzten Jahren und Jahrzehnten wurde nichts in diese Richtung unternommen.
    Eiseob (jetzt auch auf Twitter)

  1. ..., ob sich der vollmundig vorgetragene Plan gegen die Pharmalobby, aber auch gegen die Gegner in den eigenen Reihen durchsetzen laesst. Ich behaupte: Nein und werde die Diskussion interesiert verfolgen. Alle bisherigen Gesundheitsminister der letzten 20 Jahre haben den Versuch unternommen, die Pharmaindustrie und ihre Preispolitik in den Griff zu bekommen. Sie sind allesamt gescheitert. Das wird auch Roesler passieren, obwohl er mit dem Backen ganz kleiner Broetchen beginnt. Soll heissen, die Einsparmoeglichkeit bei den Preisen fuer Medikamente wird von Gutachtern auf 7-9 Mrd. Euro geschaetzt. Roesler will aber nur ca. 2 Mrd einsparen. Trotzdem, ob sich die Lobby der Pharmaindustrie und die marktradikalen Gegner einer Preisregulierung damit abfinden, ist sehr zweifelhaft.

  2. Lauterbach bringt das Teppichhändlerargument. Rabatt-Schlachten kennt jedes Kind. Deshalb war es naiv, darauf hinzuweisen, dass die Pharma-Industrie sich so verhält.

    Der Ansatz, dass dem Angebotsmonopol ein Nachfragemonopol entgegen gesetzt werden muss, ist richtig. Die Stimmen aus der CSU mit dem Ruf nach sog. Notopfern zeigen, dass diese Stimmen verhindern wollen, dass die Kassen eine Nachfragemacht aufbauen. Jedenfalls haben die bisherigen Konstruktionen von Rot-Grün oder von Rot-Schwarz nicht geholfen, die Arzneimittelumsätze nachhaltig zu beeinträchtigen.

    Letzte Frage: Warum bauen die Kassen nicht ein eigenes Institut auf, das Wertanalysen von Medikamenten macht? Jedenfalls ist es dümmlich zu sagen, wir haben kein Know How, wenn es das Preis-/Leistungsverhältnis geht.

    Die Wertanalyse dient der Entwicklung und Verbesserung von Produkten, technischen Abläufen und anderen Vorgängen in allen Bereichen von Wirtschaft, Wissenschaft und Verwaltung.

  3. Ist/war das IQWiG nicht ein sinnvolles Instrument zur Objektivierung des Nutzens von Medikamenten? Ich glaube Rösler kein Wort, wenn er behauptet wirklich ein Interesse daran zu haben, die Kosten für Arzneimittel im Sinne der Verbraucher zu senken. Das ist schon sehr merkwürdig was hier passiert:

    http://www.wdr.de/tv/moni...

  4. Die Wirkstoffanalyse beispielsweise für nur 10 bedeutsame Medikamente setzt eine umfangreiche Feldforschung voraus, um an biologischem Material die Wirkung des Medikaments nachzuweisen. Darauf ist aber IQWiG nie vorbereitet gewesen. Hier müsste von Universitäten zugearbeitet werden. Was wiederum viel, viel Geld kostet. Man merkt: IQWiG ist bislang überfordert worden!

    Die internationalen Preisvergleiche hinken etwas, weil beim Preis für Medikamente Ab- und Zuschläge nach den Lebenshaltungskosten in den jeweiligen Ländern erfolgen.

    Ein Rheuma-Mittel in Kenia kostet 1/10 dessen, was es in der BRD kostet. In Wirklichkeit erfolgt also eine Mischkalkulation der Preise.

    Der deutsche Patient subventioniert also den Patienten z.B. in Kenia mit! Dass die Wirkstoffherstellung in China oder anderswo nur Pfennige kostet, ist eine Binse.

    Auch ein Auto ohne Forschungs- und Entwicklungsaufwand kostet nur 50% des Ladenpreises! Also hilft nur eine Wertanalyse durch die Krankenkassen selbst! Warum machen die das nicht? Greift hier das Krähen-Beispiel?

  5. hier ist doch mal endlich ein Loch in die Bresche geschlagen auch wenns von der Hornberger Schieß Partei FDP kommt.

    Schlagt nicht alle wild darauf ein. Ist doch gut nehmt den Pharmbossen das fette Essen (sehr berhöhte Preise) vom Tisch.

    Der größte SPD Schreier, Verzeihung, SPD-Gesundheitsexperten Karl Lauterbach und Pharmolobbyist, ist natürlich dagegen.

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