Arbeitsmarktreform Gabriel distanziert sich von Hartz IV

Die SPD rückt von ihrer rot-grünen Kern-Reform ab. Das ALG I soll länger ausgezahlt, die Vermögensprüfung abgeschafft werden. Kritiker sprechen von einem Zickzack-Kurs.

Das SPD-Bundespräsidium hat ein Papier vorgelegt, das eine Abkehr von der Zeit in der Regierung markiert. Von heute an hat die SPD offiziell eine kritische Haltung gegenüber der Reform, die sie selbst einführte und die sie so viele Mitglieder und Wähler kostete. Das Konzept legte das SPD-Präsidium ziemlich genau sieben Jahre nach Verkündung der Reform-Agenda 2010 durch den früheren SPD-Kanzler Gerhard Schröder vor.

Im Detail sieht der Beschluss vor, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes I (ALG I) zu verlängern, den Übergang von ALG I zu Hartz IV finanziell stärker abzufedern und die Vermögensprüfung abzuschaffen. Außerdem fordert die SPD von nun an die Einführung eines Mindestlohns von 8,50 Euro und die Schaffung eines "sozialen Arbeitsmarkts". Damit unterstützt das Präsidium einen entsprechenden Vorschlag der nordrhein-westfälischen Landeschefin Hannelore Kraft.

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Parteichef Sigmar Gabriel, der das Papier in Berlin auf einer Pressekonferenz vorstellte, begründete die Maßnahmen mit der veränderten Lage auf dem Arbeitsmarkt und mit einem veränderten Gerechtigkeitsempfinden der SPD. Die größte Gefahr für die deutsche Wirtschaft bestehe im zunehmenden Fachkräftemangel bei steigender Zahl unqualifizierter Arbeitsloser. Um dieser Gefahr zu begegnen sieht das Papier vor, die Bezugsdauer von Arbeitslosengeld um sechs bis zwölf Monate zu erhöhen, falls diese Zeit für Fortbildungsmaßnahmen genutzt wird. Die Maximaldauer der ALG I-Unterstützung beliefe sich dann auf 36 Monate.

Auch der Übergang von Arbeitslosengeld I zu Hartz IV soll neu gestaltet werden. Arbeitnehmer, die lange Zeit einen Job hatten, sollen in den ersten Jahren, in denen sie Hartz IV erhalten, einen höheren Zuschlag erhalten. Damit sollen laut dem Papier die "Arbeits- und Lebensleistung der Arbeitnehmer" gewürdigt und die finanziellen Einschnitte abgefedert werden. Bisher erhalten langjährige Arbeitnehmer beim Übergang zu Hartz IV einen monatlichen Aufschlag von maximal 160 Euro im ersten und 80 Euro im zweiten Jahr.

Gleiches gilt für die Vermögensprüfung bei der Beantragung von Hartz IV. Die derzeitige Regelung sieht vor, dass Hartz IV-Empfänger angespartes Vermögen aufbrauchen müssen, bevor sie unterstützungsberechtigt sind. Ob der Betreffende Vermögen angesammelt hat, wird im Zweifel von Behörden überprüft. Das Verfahren verursache nicht nur viel Bürokratie, sagte Gabriel, es sei auch ungerecht. Vor allem, da Vermögenswerte wie Immobilien nicht von der Regelung betroffen seien. Die unterschiedliche Behandlung von Erspartem und Immobilien verstoße gegen den Gleichheitsgrundsatz des Grundgesetzes und sei damit verfassungswidrig. Ein ausgearbeitetes Modell beinhaltet das Papier nicht. Es soll jedoch nachgeliefert werden.

Unter dem Slogan "Leistung muss sich lohnen" will die SPD einen Mindestlohn von 8.50 Euro einführen. Ohne Mindestlohn, sagte Gabriel, würde der Wettbewerb zwischen den Arbeitnehmern in Zukunft "nicht über Qualifikation, sondern über Dumpinglöhne" ausgetragen. Ferner soll ein "sozialer Arbeitsmarkt" geschaffen werden. Dieser soll 200.000 Arbeitsplätze für schwer vermittelbare Langzeitarbeitslose im sozialen Bereich schaffen. Die Idee geht zurück auf Hannelore Kraft: Menschen mit geringen Qualifikationen sollen Jobs in Altenheimen oder in der Stadtpflege gegen eine geringe Aufwandsentschädigung verrichten. Dies soll sie aus der Untätigkeit holen.

Die geschaffenen Jobs sollen, im Unterschied zu bestehenden Ein-Euro-Jobs, sozialversicherungspflichtig sein. Um zu garantieren, dass die neu geschaffenen Stellen keine vollwertigen Arbeitsplätze verdrängen, soll das Programm gemeinsam mit den Gewerkschaften realisiert werden. Für das Projekt müsste die Regierung zusätzlich drei Milliarden Euro zur Verfügung stellen. Laut Gabriel seien dies jedoch "Peanuts" im Vergleich zu den milliardenschweren Steuerentlastungen, die die derzeitige Regierung plant.

Leser-Kommentare
  1. ...will nun die SPD sein. Nur wem soll das nutzen? Ein "linkes Bündnis" wird so im Leben nie eine Mehrheit bekommen.

    • exi2
    • 15.03.2010 um 20:30 Uhr

    Gabriel distanziert sich nihct vom Hartzmurks. Er betont sogar, daß der Kern des Murkses unverändert bleibt. Und daraus folgt zwangsläufig, daß alle Änderungen nur oberflächliche Kosmetik sind. Alle Änderungen gelten nicht für die jetzigen Betroffenen (10 Millionen), sondern frühestens für die 1 bis 2 Mio. die in den kommenden Jahren vielleicht arbeitslos werden. Die Änderungen lassen sich auch leicht auf der Ebene der ARGEn/Jobcenter aushebeln. Und die Kosten lassen sich leicht über eine Verschärfung der Sanktionspraxis wieder einsparen (eigentlich: zurück geizen).
    Besser wäre ein Verzicht auf den Sanktionsparagraphen. Denn die Mehrheit der Opfer des hartzmurkses schimpfen nicht über zu wenig Geld, sondern über zuviel Schikane.
    Am besten wäre allerdings ein vollständiger Verzicht auf den Hartzmurks. Ein zurück auf das frühere zweigleisige System.

  2. dann darf die SPD auch nicht umschwenken.
    Aber, liebe Kritiker, Ihr könnt unbesorgt sein.
    Derartige Forderungen werden von der SPD nur zur Täuschung der Wähler aufgemacht.
    Falls sie wieder in die Regierung kommt (was Gott verhüte), passiert genau das Gegenteil - wie wir wissen.
    Dann können FDP und CDU die SPD wieder loben.
    Und alle sind zufrieden.

  3. Diese geringfügigen Änderungen bei Hartz IV motivieren keinen enttäuschten ehemaligen SPD Wähler, wieder die SPD zu wählen.
    Die oberflächliche Kosmetik ist zu durchsichtig und darüber hinaus nützt sie keinem einzigen Hartz IV-Empfänger, seine Situation zu verbessern oder in Arbeit zu kommen.
    Hartz IV muss komplett weg!

    • sudek
    • 15.03.2010 um 21:11 Uhr

    Diese Änderungen bei Hartz IV motivieren mit Sicherheit viele ehemalige SPD Wähler/innen, wieder die SPD zu wählen, besonders die aus Dortmund und Umgebung..wo die Schwatten nun endlich wieder in die Tonne getreten werden..Glück auf!!NRW!!

  4. DIE LINKE ist die einzige im Bundestag vertretene Partei, die an der Armut per Gesetz, sprich Hartz IV, nicht beteiligt war und somit die zurzeit einzig und allein wählbare Partei für alle Geringverdiener sowie Rentner und Arbeitslosen.
    Alle anderen Parteien versuchen nur die Wähler vor der NRW-Landtagswahl zu verdummen und ihre eigene Schuld an dem Fiasko "Hartz IV" zu verschleiern.

  5. "Weg mit ..."- Kommentare erinnern mich sehr an die Flugblätter (überwiegend der K-Gruppen) vor über 30 Jahren in der Unimensa. Das ist mir zu dürftig.
    Ob ein flächendeckendes bedingungsloses Grundeinkommen funktionieren würde, weiß ich nicht. Aber man könnte ja ein Projekt mit 1.000 Personen einer bestimmten Region für 2 Jahre starten. Dabei sollte untersucht werden, ob dieses bedingungslose Grundeinkommen (wie ich annehme) Kreativität freisetzt und die einzige Bedingung wäre, dass diese 1.000 Personen sich einmal im Vierteljahr zu einem Gespräch mit einem Mitarbeiter/einer Mitarbeiterin eines das Projekt begleitenden wissenschaftlichen Teams bereit hält, um über seine Erfahrungen (anonymisiert)zu berichten.

  6. Von einem Politikwechsel kann keine Rede sein.

    Hier wird an den Instrumenten rumgedoktert. Vom eigentlichen Paradigmenwechsel wird doch nichts zurückgenommen. Dem Individuum obliegt noch immer die soziale Pflicht, sein eigenes Dasein so kostengünstig wie möglich zu gestalten, um den vermeintlich legitimen Gemeinwohlinteressen gerecht zu werden.

    Das heißt nach wie vor: Kohle nur gegen Gegenleistung (Workfare). Jede Arbeit ist besser als keine (Zumutbarkeit). Kontrahierungszwang (Eingliederungsvereinbarung). Sanktionsandrohnung (Nachweis von "Eigenbemühungen").

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