FDP-Ideologie Der Bürger, wie ihn Westerwelle sich wünscht

Der FDP-Chef hat ein merkwürdiges Verständnis vom Bürgertum. Wer nicht zu seiner Klientel gehört, verdient es nicht, dazu gezählt zu werden. Ein Irrglaube! Von T. Dückers

Die FDP ist eine äußerst ambitionierte Partei: Sie ist nicht nur mit einem Parteiprogramm angetreten, sondern auch mit dem Anspruch auf einen umfassenden Mentalitäts- und Geschmackswandel. Im Zentrum dieses neuen liberalen Selbstverständnisses steht der Bürger – wie die FDP sich ihn wünscht. Mit dem von ihr mitinitiierten Diskurs um "neue Bürgerlichkeit" hat die FDP versucht, eine sehr einflussreiche – und eigentlich recht heterogene – Bevölkerungsgruppe für sich zu vereinnahmen.

Ein Teil der Vereinnahmungsstrategie besteht darin, den auratischen Begriff "Bürgertum" in erster Linie materiell zu definieren. Ein Hartz-IV-Empfänger könnte nach Ansicht von Guido Westerwelle sicher keinen Anspruch auf Teilhabe am Bürgertum haben.

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Bürgerlichkeit galt bislang – bei allen Bedeutungsverschiebungen im sozialgeschichtlichen Wandel – in erster Linie als Gesinnungs- und nicht als eine Geldfrage. Bildung, Werteorientierung, demokratisches Staatsverständnis und Gemeinsinn waren integrale Bestandteile. Das "Bürgerliche" hat seine Ausstrahlungskraft gerade aufgrund einer gewissen begrifflichen Durchlässigkeit erhalten: Denn das Diffuse des Begriffs erlaubt es vielen, sich als Bürger zu empfinden, auch wenn sie vielleicht aus Sicht ihrer Nachbarn nicht dazu gehören.

Der Erfolg des Bürgertums ist auf seinen inklusiven, nicht auf seinen exklusiven Charakter zurückzuführen. Dass die meisten antibürgerlichen Reflexe aus dem bürgerlichen Lager selbst stammen, verdeutlicht diesen inklusiven Charakter und hat dem Bürgertum die Möglichkeit gegeben, wandlungsfähig zu bleiben, mit der Zeit zu gehen, nicht zu erstarren. Mit dem Antritt der FDP, die den Bürger jetzt schlechthin zum gut situierten FDP-Wähler erklären will, droht nun vielen der Ausschluss aus der gesellschaftlichen Gruppe, der sie sich zugehörig fühlen.

Mit seinem Verhalten als Außenminister und meinungsstarker Chef einer Regierungspartei befördert Westerwelle die Aushöhlung der bürgerlichen Mittelschicht als identitätsstiftenden gesellschaftlichen Ort. Denn bisher hat das Bürgertum seine Stärke stets aus der Balance zwischen Allgemeinwohl und Partikularinteresse bezogen. Der persönliche Vorteil ist mit den Interessen der Gemeinschaft, vertreten durch den Staat, in eine stets neu auszutarierende Übereinstimmung zu bringen.

Marx bezeichnete in Anlehnung an Hegel diese beiden Seelen in der Brust des Bürgers einst als Citoyen und Bourgeois. Wie kein anderer in Deutschland repräsentiert Guido Westerwelle derzeit diesen Zwiespalt. Denn das Amt des Außenministers erfreut sich in der Bevölkerung traditionell deswegen so großer Beliebtheit, weil sein Träger im Ausland für "ganz Deutschland" steht. Der Außenminister sollte folglich nicht als Vertreter einer spezifischen gesellschaftlichen Gruppe auftreten, ob nun der sogenannten Besserverdiener oder der Hotelbesitzer, sondern als Repräsentant aller Staatsbürger. 

Leser-Kommentare
  1. Vielleicht sollte die Zeit diese Erkenntnis zum Anlaß nehmen, wie bei Lafontaine den "Linkspopulist" und bei Geert Wilders den "Rechtspopulist" auch bei Westerwelle zum inoffiziellen Namensbestandteil zu machen.

    Ich wette, das traut sie sich nicht, weil es dann Ärger mit ganz oben gibt.

  2. Es ist doch erstaunlich, wie die Autorin hier einen völlig unbekannten Westerwelle entdeckt. Nichts von dem, was sie ihm unterstellt, hat er je gesagt oder geschrieben. Psychologen würden hier von "Projektion" reden, der Volksmund nennt so etwas "Von-sich-auf-Andere-schließen".

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    was wurde denn hier wiedergegeben, was der saubere Herr Außenminister (oder Innenpopulist) nicht von sich gegeben haben soll?

    Schon in der Mittelstufe würde Ihr Kommentar ohne Zeilenvermerk als bloße Behauptung mit Null Punkten abgestraft werden.

    kann es sein, dass sich eine ganze Nation in dem irrt, was man aus den Reden des Herrn Aussenministers heraushört?

    Wenn er gegen anstrengungslosen Wohlstand wettert, schimpft er eben nicht gegen das süsse Nichtstun drekt. Nicht gegen jene mit schweizer Nummerkonto, die wegen einer Erbschaft, wegen kluger Abschreibungsmöglichkeiten oder weil man andere arbeiten lässt nicht leistet. Nicht gegen jene, die dank kluger Steuerberater Geld aus dem Staat holen. Er will, und tut es auch, die Abgehängten des Arbeitsmarktes treffen. Die, die nicht haben und was wollen. Nicht die, die alles haben und mehr wollen.

    Aber gut: wir haben die FDP in die Regierung gewählt. Dort kann sie jetzt (und ist auch schon fleissig dabei)
    den Staat ausbeinen und die Filetstücke an Freunde und Gönner verteilen. In 3.5 Jahren wird von der Substanz nicht mehr viel übrig sein. So oder so wird es sich für die FDP nicht lohnen erneut anzutreten. Doch wohn soll eine Partei wandern, die sich wie eine Heuschrecke verhält?

    Entfernt. Bitte tragen Sie mit sachlichen Kommentaren zur Diskussion bei. Die Redaktion/sh

    was wurde denn hier wiedergegeben, was der saubere Herr Außenminister (oder Innenpopulist) nicht von sich gegeben haben soll?

    Schon in der Mittelstufe würde Ihr Kommentar ohne Zeilenvermerk als bloße Behauptung mit Null Punkten abgestraft werden.

    kann es sein, dass sich eine ganze Nation in dem irrt, was man aus den Reden des Herrn Aussenministers heraushört?

    Wenn er gegen anstrengungslosen Wohlstand wettert, schimpft er eben nicht gegen das süsse Nichtstun drekt. Nicht gegen jene mit schweizer Nummerkonto, die wegen einer Erbschaft, wegen kluger Abschreibungsmöglichkeiten oder weil man andere arbeiten lässt nicht leistet. Nicht gegen jene, die dank kluger Steuerberater Geld aus dem Staat holen. Er will, und tut es auch, die Abgehängten des Arbeitsmarktes treffen. Die, die nicht haben und was wollen. Nicht die, die alles haben und mehr wollen.

    Aber gut: wir haben die FDP in die Regierung gewählt. Dort kann sie jetzt (und ist auch schon fleissig dabei)
    den Staat ausbeinen und die Filetstücke an Freunde und Gönner verteilen. In 3.5 Jahren wird von der Substanz nicht mehr viel übrig sein. So oder so wird es sich für die FDP nicht lohnen erneut anzutreten. Doch wohn soll eine Partei wandern, die sich wie eine Heuschrecke verhält?

    Entfernt. Bitte tragen Sie mit sachlichen Kommentaren zur Diskussion bei. Die Redaktion/sh

    • atride
    • 24.03.2010 um 15:35 Uhr

    die fpd hat keine einzige antwort auf fragen des wertewandels der post-konsum-gesellschaft und der zeit nach dem wachstumsdogma. die fpd verteidigt die privilegien einzelner, und egal, wie weit sich westerwelle noch aufbläst - die fpd wird wieder in der bedeutungslosigkeit versinken. eigentlich ist es westerwelle nicht wert, persönlich angesprochen zu werden, aber von einem citoyen sprich weltbürger ist unser eindimensionaler, bonner streber unendlich weit entfernt.

  3. "Ein Hartz-IV-Empfänger könnte nach Ansicht von Guido Westerwelle sicher keinen Anspruch auf Teilhabe am Bürgertum haben."
    Ach richtig, die FDP ist ja die wirtschaftlsliberale Partei der Besserverdienenden. Danke, liebe ZEIT, ich haette es beinahe vergessen. Und danke auch, ueberkommene Klischees zu pflegen.

    Ich teile Ihre Ansicht, die FDP vertrete eine rein materialistische Sichtweise von Bürgertum, nicht. Und ich weiss nicht, wo Sie das hernehmen. Ein Aussenminister, der und eine Debatte über Sozialstaat und Eigenverantwortung beginnt, macht noch lange keinen unqualifizierten Populisten. Sind Sie vielleicht nur debattenunfaehig oder -unwillig?

    Solch "Lagerberichterstattung", unfundiert wie bei Sarah Palin, sollte in der ZEIT eigentlich nicht vorkommen.

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    dass die Wahrheit weh tut. Getretene Hunde bellen doch nicht etwa?

    • joG
    • 24.03.2010 um 16:22 Uhr

    ....Ihnen, wenn Sie annehmen, die FDP vertrete einen materialistischen Angang zum Bürgertum. Vielmehr vertritt sie da einen Begriff von Allgemeinwohl, wie sie in der Wirtschaftswissenschaft aus der effizienten Produktionskurve und der Wohlfahrtsfunktion ein Optimum bestimmt. Dieses Optimum ist so, dass es keinem besser gehen kann, ohne einem Anderen etwas wegzunehmen.
    Diese Anschauung ermöglicht es unter den Prämissen eine beste gesellschaftliche Lösung zu finden. Ob das die beste Lösung ist, wenn man ua abnehmende Grenznutzen der Individuen oder die Tatsache, dass Maßnahmen über die Zeit erst wirken und etliche Bürger die Vorteile hierdurch unterschiedlich betroffen sind, ist dabei außen vor.

    • bivi
    • 24.03.2010 um 17:54 Uhr

    Nicht das 'daß', sondern das 'wie' war populistisch!
    Übrigens waren G.W's Ausfälle - bzgl. 'spätrömischer Dekadenz' usw. - eine verärgerte Reaktion auf Stellungnahmen einzelner Politiker zu den Konsequenzen aus dem 'Hartz IV'-Urteil des BVG - Herr Westerwelle hat dies selbst, in beinahe entschuldigendem Ton, später beiläufig angemerkt.
    Die 'Debatte' kam also aus dem Bauch, war inhaltsleer und keineswegs zielführend. Solche, die Großhirnrinde umgehenden Verbaleruptionen sollte ein Politiker tunlichst vermeiden.

    dass die Wahrheit weh tut. Getretene Hunde bellen doch nicht etwa?

    • joG
    • 24.03.2010 um 16:22 Uhr

    ....Ihnen, wenn Sie annehmen, die FDP vertrete einen materialistischen Angang zum Bürgertum. Vielmehr vertritt sie da einen Begriff von Allgemeinwohl, wie sie in der Wirtschaftswissenschaft aus der effizienten Produktionskurve und der Wohlfahrtsfunktion ein Optimum bestimmt. Dieses Optimum ist so, dass es keinem besser gehen kann, ohne einem Anderen etwas wegzunehmen.
    Diese Anschauung ermöglicht es unter den Prämissen eine beste gesellschaftliche Lösung zu finden. Ob das die beste Lösung ist, wenn man ua abnehmende Grenznutzen der Individuen oder die Tatsache, dass Maßnahmen über die Zeit erst wirken und etliche Bürger die Vorteile hierdurch unterschiedlich betroffen sind, ist dabei außen vor.

    • bivi
    • 24.03.2010 um 17:54 Uhr

    Nicht das 'daß', sondern das 'wie' war populistisch!
    Übrigens waren G.W's Ausfälle - bzgl. 'spätrömischer Dekadenz' usw. - eine verärgerte Reaktion auf Stellungnahmen einzelner Politiker zu den Konsequenzen aus dem 'Hartz IV'-Urteil des BVG - Herr Westerwelle hat dies selbst, in beinahe entschuldigendem Ton, später beiläufig angemerkt.
    Die 'Debatte' kam also aus dem Bauch, war inhaltsleer und keineswegs zielführend. Solche, die Großhirnrinde umgehenden Verbaleruptionen sollte ein Politiker tunlichst vermeiden.

  4. was wurde denn hier wiedergegeben, was der saubere Herr Außenminister (oder Innenpopulist) nicht von sich gegeben haben soll?

    Schon in der Mittelstufe würde Ihr Kommentar ohne Zeilenvermerk als bloße Behauptung mit Null Punkten abgestraft werden.

    Antwort auf "Gedankenlesen"
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    "Ein Teil der Vereinnahmungsstrategie besteht darin, den auratischen Begriff "Bürgertum" in erster Linie materiell zu definieren. Ein Hartz-IV-Empfänger könnte nach Ansicht von Guido Westerwelle sicher keinen Anspruch auf Teilhabe am Bürgertum haben."
    Das zum Beispiel hat der Herr Außenminister nie gesagt, es wird ihm vielmehr von der Schreiberin des obigen Artikels schlicht unterstellt. Sie ist es, die mit 0 Punkten abgestraft gehört.

    "Ein Teil der Vereinnahmungsstrategie besteht darin, den auratischen Begriff "Bürgertum" in erster Linie materiell zu definieren. Ein Hartz-IV-Empfänger könnte nach Ansicht von Guido Westerwelle sicher keinen Anspruch auf Teilhabe am Bürgertum haben."
    Das zum Beispiel hat der Herr Außenminister nie gesagt, es wird ihm vielmehr von der Schreiberin des obigen Artikels schlicht unterstellt. Sie ist es, die mit 0 Punkten abgestraft gehört.

  5. dass die Wahrheit weh tut. Getretene Hunde bellen doch nicht etwa?

    Antwort auf "Keine Klischees bitte"
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    lächerlich. Das ist ja Kindergartenrethorik.

    lächerlich. Das ist ja Kindergartenrethorik.

  6. Um mal bei Westerwelles Klassenkampfrhetorik zu bleiben: Mit "Bürgertum" meint er selbstverständlich nicht den "Citoyen", sondern die "Bourgeoisie", also das Besitzbürgertum.

  7. sieht wahrscheinlich auch anders aus...

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