Zukunft der Demokratie Akademiker, geht in die Politik!
Eine prekäre Beziehung: Wissenschaftler und Politiker pflegen ihre gegenseitigen Vorurteile und Animositäten. Die gilt es zu überwinden, fordert Franz Walter.
© dpa

Wissenschaftler fürchten die Politikberatung - das ist ein Fehler
Wissenschaftliche Politikberatung war schon mal wieder out. Seine erste Blütephase hatte das Genre in Deutschland in den späten 1960er und frühen 1970er Jahren, zur Zeit des Planungsgrundvertrauens der Großen und der sozialliberalen Koalition. Da allerdings nur wenig von dem umgesetzt wurde, was die jungen professoralen Planer seinerzeit ausheckten, flaute der erste Boom ab. In den folgenden zwanzig Jahren stagnierte das Gewerbe.
Doch spätestens mit dem Umzug der Bundesregierung nach Berlin kehrte das große Versprechen der Politikberatung zurück. Angeblich befinden sich derzeit rund 600 wissenschaftliche Beratungsunternehmen in der Hauptstadt. Der Markt ist heiß umkämpft; die exekutiven Aufträge bringen viel Geld. Und es ist hier wie in solchen Fällen stets: Neben seriösen Anbietern, nicht nur aus dem universitären Sektor, tummeln sich windige Gestalten. Insgesamt aber steht der Nutzen oder gar die Notwendigkeit der Politikberatung nicht zur Debatte. Im Gegenteil. Die Zeiten und gesellschaftlichen Verhältnisse seien hochkomplex geworden, so die übliche Begründung für den gestiegenen Beratungsbedarf. Die Politik allein könne das Wissen nicht mehr überschauen und bewerten.
Aber leicht ist die Verständigung nicht. "Zwei Welten" würden aufeinander prallen, lautet das Stichwort: Hier die "Macher", da die "Theoretiker", oder noch schärfer: Die einen sind die Machtopportunisten, die anderen die weltfremden Elfenbeinturmbewohner. Man spricht eine andere Sprache, denkt in anderen Kategorien, handelt in anderen Zeitstrukturen. Es ist in der Tat nicht schwer, Politiker zu finden, die sich abfällig über Professoren äußern. Derzeit ist der Hohn über prognostisch irrende Ökonomen wohlfeil. Ebenso leicht hat man etliche Wissenschaftler zusammen, die sich über "beratungsresistente" Politiker beklagen.
So legitimieren viele Wissenschaftler ihren Abstand zur Politik. Doch muss man diesen, gelegentlich mit dem Soziologen Niklas Luhmann begründeten Systemaphorismen nicht folgen. Denn natürlich geht es auch in der Universität handfest und brutal um Interessen, Renommee, auch um Macht, nicht nur um Wahrheit. Auch an Universitäten werden Intrigen gesponnen, Netzwerke geknüpft, Denunziationen lanciert, Verteilungskämpfe ausgefochten. Mit Wahrheit hat das wenig zu tun, mit Einfluss hingegen eine Menge.
Die Annahme indes, dass man durch die Produktion von Mehrwissen eine höhere Rationalität in der Politik herstellen kann, ist trügerisch. Die Politik ist durch den Ausbau ihres wissenschaftlichen Beratungsapparates nicht sicherer und im Handeln nicht zielstrebiger geworden, sondern ängstlicher, oft auch entscheidungsärmer. Denn jedem Experten antwortet stets ein Gegenexperte; jedem Vorschlag folgt der Alternativvorschlag – alles im Gewande strenger Wissenschaftlichkeit.
Schließlich gibt es die eine Wahrheit nicht. Was den einen klugen Köpfen einsichtig erscheint, finden die anderen trotz gleichermaßen hoher Intelligenz unbegreiflich. Denn natürlich leben wir nicht in einer sozial und normativ unstrittigen "Rationalität". Unterschiedliche Menschen mit unterschiedlichen Erfahrungen haben unterschiedliche Rationalitäten, besonders wenn es sich um gesellschaftliche Entwürfe handelt. Wirklichkeiten werden konstruiert – und das keineswegs emotionsfrei. Im Übrigen gibt es nicht die geringste rationale Begründung dafür, dass allein Rationalität Gesellschaften voranbringt, sie humaner, friedlicher, gerechter, tüchtiger oder auch: poetischer, leidenschaftlicher, nachsichtiger macht. Die Geschichte kennt genügend Beispiele barbarischer Rationalität.
Also bleibt die Frage, inwiefern überhaupt Wissenschaft Politik anleiten kann und soll. Den zentralen Steuerungsort, von dem aus die Gesellschaft "durchregiert" wird, gibt es ohnehin nicht (mehr). Im Jargon der Politologie pflegt man von Akteuren in Verhandlungssystemen zu sprechen. Etliche Vetospieler tummeln sich in der Arena; und man bewirkt meist nur etwas, wenn man sie von Fall zu Fall zusammenbringt. Gezielt geht da wenig; generalstabsmäßig steuern lässt sich nichts. Zwar lieben Kommentatoren das Geraune über „Strategie“, doch geht es kaum irgendwo so unstrategisch zu wie in der Politik. Auch das ist ein Grund, warum Politiker den Professoren, ob nun aus Heidelberg oder sonst woher, misstrauisch gegenüber stehen: Politiker verlassen sich auf ihre Intuition, ihren Gefahreninstinkt, ihren Möglichkeitssinn. Sie handeln als Situationisten, nicht wie Konzeptionalisten.
- Datum 23.04.2010 - 13:14 Uhr
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- Serie Zukunft der Demokratie
- Quelle ZEIT ONLINE
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Meinen Sie hauptsächlich Juristen,Politologen und Pädagogen?
Ich dachte immer mittlerweile haben wir genug von ihnen im Parlament, vorallem von denen die mit ihren Abstimmunggen im Bundestag und-rat anschließen, nachdem teilweise großer murks damit verursacht wurde auch noch politisch und privat an der Behebung der entstandenen Probleme, die diese eben selber verursacht haben, sehr gut verdienen.
So jetzt aber ertmal den Artikel lesen um ggf. die Kritik noch auszubauen!
Die Realtität lehrt für Naturwissenschaftler im Bezug zur Politik:
1. Für Politiker ist Rechtssichheit und Schutz vor entsprechender Verfolgung Primärziel. Rest egal.
2. Du bist mit deinem Fachwissen nur gefragt, wenn sich dieses passend instrumentalisieren läßt.
3. Du darfst Keinen durch Hintergundinformationen verstören.
4. Egal wozu Du dich äußerst, schreibe allgemein gehalten (werde ev. weiterbeschäftigt)oder politikerinterpretationsfest (suche dir andere Arbeit).
MfG
Karl Müller
Die Realtität lehrt für Naturwissenschaftler im Bezug zur Politik:
1. Für Politiker ist Rechtssichheit und Schutz vor entsprechender Verfolgung Primärziel. Rest egal.
2. Du bist mit deinem Fachwissen nur gefragt, wenn sich dieses passend instrumentalisieren läßt.
3. Du darfst Keinen durch Hintergundinformationen verstören.
4. Egal wozu Du dich äußerst, schreibe allgemein gehalten (werde ev. weiterbeschäftigt)oder politikerinterpretationsfest (suche dir andere Arbeit).
MfG
Karl Müller
... ganz guter Artikel, beim Aufmacher war ich noch etwas sekptisch. Leider bietet er letztlich auch nicht viel mehr als eine Situationsbeschreibung, verbunden mit der ziemlich albernen Aufforderung, Politikwissenschaftler sollten sich mehr mit realer Politik beschäftigen (zumindest kam das bei mir so an).
Als ob das was verbessern würde, als ob Politikwissenschaftler bessere Antworten auf die dringenden gesellschaftlichen Fragen haben und deren Anwesenheit irgendeinen Politiker dazu bewegen würde weniger populistisch, opportunistisch und korrupt zu handeln.
Das ist auch nicht ein Problem von Deutschland. Das Problem liegt in der Eigendynamik jeder repr. "Demokratie", die politische Klasse bildet darin eigene Milieus, eigene Sachzwänge, eigene Vorstellungen von politischer Karriere und "guter" Politik. Das allein ist schon schlimm genug, verstärkt wird das durch den Fettring an interessengeleiteten "Beratern" jeder Art, die mittlerweile ganz selbstverständliche Korruption (Sitz in x verschiedenen Aufsichtsräten und Gremien, lukrative Berater und Vortragsvereinbareungen etc). unserer Mandatsträger.
Das einzige was dieses System nachhaltig verbessern könnte ist daher eine basisdemokratische "Erdung" per Volksentscheid. Sozusagen eine Rückkopplung, ob die (angebliche) demokratische Legitimation durch die Wahl sich in der Realität auch in abstimmungsfähigen bürgernahen Gesetzen niederschlägt, statt sich in Aktionismus, Selbstbedienung und Mediengeilheit zu erschöpfen.
... das diese beiden Bereiche gut zusammenpassen. Die Politik ist doch nicht an objektiven Fakten interessiert, sondern eher an solchen, die Wahlen gewinnen. Und solange sich die Politik lieber der Wirtschaft anbiedert, weil dort hoch dotierte Positionen winken, wird man lange darauf warten können, dass hier mit der Wissenschaft - wohl allen voran den Sozio- und Politologen - gearbeitet wird.
Beim zweiten dann die Frage: Wie stellt sich Herr Walter das konkret vor? Stellt er doch schon in der einleitenden Beschreibung fest, das ein entsprechender (und zudem heiß umkämpfter) Markt bereits existiert. Was soll dann seiner Meinung nach geändert werden? Soll das Angebot noch breiter werden (ironisch gesagt: auf dass sich noch mehr akademisches Prekariat in Berlin herumtreibe)? Oder ist der Artikel eher als eine getarnte Werbung für junge Akademiker zur Mitarbeit innerhalb der Parteien zu verstehen? Das wäre einleuchtender; doch genau hierfür zeigt Herr Walter keine Perspektiven auf. Das kann er also eigentlich auch nicht gemeint haben?
Aber: Was dann?
haben wir doch nun sattsam genug in politischen Positionen -vor allem Juristen, die immer dafür sorgen, daß in Gesetzen auch die Schlupflöcher sind. - Akademiker sind nicht als solche schon gereifte Menschen. - Ich habe den Eindruck, daß sich in der Politik überwiegend die Menschen tummeln, die ansonsten in einem Beruf nicht allzuviel geschafft hätten und somit die Hilfe von Seilschaften und Rhetorik um der Rhetorik willen nutzen.
Die Realtität lehrt für Naturwissenschaftler im Bezug zur Politik:
1. Für Politiker ist Rechtssichheit und Schutz vor entsprechender Verfolgung Primärziel. Rest egal.
2. Du bist mit deinem Fachwissen nur gefragt, wenn sich dieses passend instrumentalisieren läßt.
3. Du darfst Keinen durch Hintergundinformationen verstören.
4. Egal wozu Du dich äußerst, schreibe allgemein gehalten (werde ev. weiterbeschäftigt)oder politikerinterpretationsfest (suche dir andere Arbeit).
MfG
Karl Müller
Ich persönlich denke, dass Wissenschaft und Politik nur schwer harmonieren. Politik ist an sogfältigen, differenzierten Betrachtungsweisen nicht interessiert. Eher geht es darum, sich von Wissenschaftlern das Mäntelchen der unanfechtbaren wissenschaftlichen Autorität umhängen zu lassen. Aus Meinungen und Positionen werden Naturgesetze. Sobald die Medien mitspielen wird es noch verstrickter. Wissenschaft überlebt unter diesen Bedingungen nicht.
Jedoch ist es auch nicht mehr nötig, Politiker in Geheimratsmanier zu beraten und den Medien freie Hand zu lassen, beim verstümmeln der eigenen Ergebnisse. Stattdessen sollte Wissenschaft sowohl Politik und die traditionellen Medien umgehen und sich in Bestrebungen für Transparenz und freien Zugang zu Wissen und Daten engagieren. Warum denn Politiker XY mit Wissen ausstatten und nicht die Bevölkerung selbst? Warum denn mit schlechten Artikeln leben anstatt die eigene Forschung frei zugänglich zu Veröffentlichen?
Das Volk muss wieder lernen selbst zu sehen, denken und zu entscheiden. Wissenschaftler können hier entweder eine Vorreiterrolle einnehmen oder sich an das sinkende Schiff des opportunistischen Politik-Medien-Komplexes zu ketten.
...gut gebrüllt.
"Stattdessen sollte Wissenschaft sowohl Politik und die traditionellen Medien umgehen und sich in Bestrebungen für Transparenz und freien Zugang zu Wissen und Daten engagieren."
Zustimmung, nur: ist Wissenschaft nicht auch zunehmend kommerziell durchorganisiert und abhängig? Picken sich die Medien nicht ohnehin nur das raus, was ihnen passt?
"Warum denn Politiker XY mit Wissen ausstatten und nicht die Bevölkerung selbst?"
Weil wir nicht in einer Demokratie leben, das Volk hat in D nichts zu melden. Man darf sich hier lediglich zwischen mehreren Machtblöcken entscheiden, deren wahre Ziele maximal flexibel sind und bestens verschleiert. Was nützt es z.B. gegen den Euro zu sein, oder gegen den Afg.krieg, wenn man dann nicht gefragt wird und das Thema in der Wahl (noch) keine Rolle spielte?
"Das Volk muss wieder lernen selbst zu sehen, denken und zu entscheiden."
"Das Volk" trifft täglich millionenfach Entscheidungen, nur bei den eigenen Gesetzen darf es nicht mitreden, da darf es nur schweigen und zahlen und im Extremfall sich mal auf der Straße Luft machen, in der vagen Hoffnung die Adressaten verstehen die Botschaft.
Deine Vision ist ja durchweg positiv, nur fürchte ich, wirklich realistisch ist sie nicht.
...gut gebrüllt.
"Stattdessen sollte Wissenschaft sowohl Politik und die traditionellen Medien umgehen und sich in Bestrebungen für Transparenz und freien Zugang zu Wissen und Daten engagieren."
Zustimmung, nur: ist Wissenschaft nicht auch zunehmend kommerziell durchorganisiert und abhängig? Picken sich die Medien nicht ohnehin nur das raus, was ihnen passt?
"Warum denn Politiker XY mit Wissen ausstatten und nicht die Bevölkerung selbst?"
Weil wir nicht in einer Demokratie leben, das Volk hat in D nichts zu melden. Man darf sich hier lediglich zwischen mehreren Machtblöcken entscheiden, deren wahre Ziele maximal flexibel sind und bestens verschleiert. Was nützt es z.B. gegen den Euro zu sein, oder gegen den Afg.krieg, wenn man dann nicht gefragt wird und das Thema in der Wahl (noch) keine Rolle spielte?
"Das Volk muss wieder lernen selbst zu sehen, denken und zu entscheiden."
"Das Volk" trifft täglich millionenfach Entscheidungen, nur bei den eigenen Gesetzen darf es nicht mitreden, da darf es nur schweigen und zahlen und im Extremfall sich mal auf der Straße Luft machen, in der vagen Hoffnung die Adressaten verstehen die Botschaft.
Deine Vision ist ja durchweg positiv, nur fürchte ich, wirklich realistisch ist sie nicht.
Das Juristenmonopol in der deutschen Verwaltung ist ja nun gemein bekannt.
Um für frischen Wind zu sorgen und die Brücke zwischen Politik und Wissenschaft zu schließen, treten neue Studiengänge in Deutschland an. Zu nennen sind insbesondere Public Policy Studiengänge, wie zum Beispiel an der Willy Brandt School der Universität Erfurt. Deren Ziel ist es, neben der Befähigung zur Arbeit in politischen oder internationalen Organisationen, Studenten an das Berufsfeld der Politikberatung heranzuführen.
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