In seinem ersten großen Interview seit einigen Monaten hat Helmut Kohl erneut Enttäuschung über den Umgang mit ihm nach Bekanntwerden der CDU-Spendenaffäre vor gut zehn Jahren geäußert. Er habe nach dem Bruch zwischen ihm und der Partei vor allem mit den Menschen gehadert, die sich plötzlich gegen ihn gestellt hätten, weil er einen Fehler gemacht habe, sagte er der Bild-Zeitung.

Der CDU-Ehrenvorsitz ist für Kohl kein Thema. Die Frage stelle sich für ihn "im Moment nicht". Anlässlich seines 80. Geburtstags hatte unter anderem die einflussreiche Senioren-Union gefordert, dem Altkanzler den CDU-Ehrenvorsitz erneut anzubieten. Kohl hatte auf diesen Titel im Jahr 2000 wegen seiner Rolle in der CDU-Spendenaffäre verzichtet.

Der Altkanzler äußerte sich insgesamt wenig zufrieden mit dem Gesamtzustand des Landes. Es ärgere ihn, "wenn ich sehe, wie Deutschland seine Chancen so offenkundig verspielt", sagte Kohl. Er meine damit nicht nur die Politik, sondern die Gesellschaft insgesamt. "Wir Deutschen haben alle Ressourcen und Möglichkeiten, wir haben bewiesen, dass wir leistungsfähig sind – und verlieren uns heute doch vor allem in einem Lamento und Klein-Klein, das ich nicht nachvollziehen kann", sagte Kohl.

Auf sein eigenes Leben blicke er an seinem 80. Geburtstag "mit Dankbarkeit und Glück" zurück, sagte Kohl weiter. "Mein Leben hat einen Sinn gehabt. Die wichtigsten Entscheidungen würde ich alle wieder so treffen."

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) attestierte Kohl zu seinem 80. Geburtstag, er habe "Herausragendes geleistet". In einem Schreiben der CDU-Chefin hieß es weiter: "Ihr leidenschaftlicher persönlicher Einsatz und Ihr unumstößlicher Glaube an eine Zukunft Deutschlands und Europas in Einheit und Freiheit haben Sie zum Wegbereiter der friedlichen Wiedervereinigung Deutschlands wie auch zu einem der wichtigsten Motoren des europäischen Einigungsprozesses gemacht."

Merkel bedankte sich in dem Glückwunschschreiben auch ganz persönlich bei ihrem einstigen Förderer: "Ohne Ihre Entschlossenheit und Unerschütterlichkeit wäre das Leben von Millionen Menschen, die wie ich bis 1990 in der DDR gelebt haben, völlig anders verlaufen." Dass sie wie viele andere Menschen aus der DDR nach 1990 "so viele neue Möglichkeiten und Chancen in meinem persönlichen wie auch in meinem beruflichen Leben erfahren durfte", sei untrennbar mit Kohls politischer Überzeugung verbunden, "an der Einheit Deutschlands in Frieden und Freiheit festzuhalten". "Nicht umsonst sind Sie heute Ehrenbürger Europas und Sie werden als großer Staatsmann in die Geschichte des 20. Jahrhunderts eingehen", erklärt Merkel im Namen der Partei in einer Online-Videobotschaft.

Diese soll ab dem 3. April – Kohls Geburtstag – auf der von der CDU geschalteten Sonderseite im Internet zu sehen. Seit Montag kann man Kohl dort persönliche Glückwünsche übermitteln. Bisher trugen sich nach CDU-Angaben 5800 Menschen ein.

Auch Außenminister Guido Westerwelle (FDP) würdigte Kohls Verdienste um die deutsche Einheit und die europäische Einigung: "Sie haben das Angesicht der Bundesrepublik Deutschland durch Ihre Politik gestaltet und unser Ansehen weltweit gestärkt."

Der hessische Ministerpräsident Roland Koch zeigte sich in einem Beitrag für das Hamburger Abendblatt überzeugt, dass schon "in einigen Jahren mit großer Selbstverständlichkeit Straßen und Plätze nach Helmut Kohl benannt sein" werden.

Seinen runden Geburtstag wollte Kohl am Karsamstag im kleinen Kreis in seiner Heimatstadt Ludwigshafen feiern. Eine offizielle Feierstunde ist Anfang Mai geplant.