Die Veranstalter sprechen von einem vollen Erfolg: Es sei gelungen, eine mittlerweile 120 Kilometer lange Menschenkette vom Kernkraftwerk Brunsbüttel bis zum Meiler Krümmel in Geesthacht zu bilden. Die Aktion unter dem Motto "Kettenreaktion – Atomkraft abschalten" ist damit eine der größten Anti-Atom-Demonstrationen der vergangenen Jahre. Zuletzt hatten im September 2009 rund 50 000 Menschen in Berlin für einen raschen Atomausstieg protestiert.

Mit ihrer Menschenkette wollen die Protestler zwei Tage vor dem 24. Jahrestag des Reaktorunglücks von Tschernobyl ein Zeichen gegen die Atompolitik der schwarz-gelben Bundesregierung setzen. Sie wenden sich vor allem gegen den Plan, die Kraftwerkslaufzeiten zu verlängern. "Heute wird ein Tag der Anti-Atom-Bewegung", sagte der Sprecher des Trägerkreises, Jochen Stay. "Wir sind wieder da, bunter und vielfältiger als jemals zuvor." In den Bahnhof Elmshorn waren nach Angaben der Bundespolizei zwei Sonderzüge mit etwa 1200 Demonstranten eingefahren. 240 Busse aus ganz Deutschland sind nach Angaben der Veranstalter zu den 124 Sammelpunkten entlang der Strecke durch das südliche Schleswig-Holstein und die Hansestadt gefahren.

Die Sorge der Atomkraftgegner ist berechtigt: Derzeit erwägt die schwarz-gelben Koalition, den Ausstiegsbeschluss zu kippen und nun doch auch nach 2022 weiter Strom aus Kernenergie zu gewinnen.

Auch im hessischen Biblis haben mehr als 8000 Menschen gegen Atomkraft demonstriert. Sowohl die Polizei als auch die Organisatoren rechneten noch mit weiteren Teilnehmern. Der Block A in Biblis ist Deutschlands ältester noch laufender Atommeiler. Die Initiatoren wollen damit zwei Wochen vor der Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen ein Zeichen setzen. Die Atomgegner befürchten, dass sich die Bundesregierung nach der Landtagswahl mit der Energiebranche auf längere Laufzeiten einigen wird.

Die Demonstrationen gelten auch als Nagelprobe dafür, wie stark die Anti-Atombewegung noch ist. Die Proteste etwa gegen die Atommülltransporte ins Zwischenlager Gorleben sind in der Vergangenheit deutlich schwächer geworden.

Prominenz aus Politik, Gewerkschaften und Umweltverbänden will sich in die Menschenkette eingliedern. Auf einer Wiese zwischen Elmshorn und Glücksstadt trafen sich SPD-Chef Siegmar Gabriel und die Grünen-Spitzenpolitiker Jürgen Trittin und Renate Künast, um sich gemeinsam in die 120 Kilometer lange Menschenkette einzureihen.

Gabriel sagte im Vorfeld der Proteste: "Es kann niemanden überraschen, dass wir Widerstand dagegen leisten, wenn die neue Bundesregierung den Ausstieg aus der Atomenergie rückgängig machen will – gegen die große Mehrheit in der Bevölkerung", sagte Gabriel der Zeitung Bild am Sonntag laut Vorabbericht.

Zugleich erklärte er die Landtagswahl in Nordrhein-Westfalen in zwei Wochen zur entscheidenden Abstimmung über den Atomausstieg: "Klar ist: Wenn Schwarz-Gelb in NRW abgewählt wird, gibt es im Bundesrat keine Mehrheit für einen Ausstieg aus dem Atomausstieg."

Wer die Laufzeiten auch der ältesten und störanfälligsten Atomkraftwerke um acht Jahre verlängern wolle, der wolle in Wahrheit gar keinen Ausstieg, sagte Gabriel. "Die Bundesregierung vertritt hier die Interessen von vier Atom-Konzernen und nicht das Gemeinwohl."

Schon die Debatte über eine Laufzeitverlängerung behindere den Ausbau der erneuerbaren Energien und damit das Entstehen neuer Jobs. "Niemand investiert eine Milliarde Euro in einen Windpark vor der Küste, wenn er keine Gewissheit hat, dass er den Strom ins Netz einspeisen kann", sagte Gabriel.