Es ist das übliche Nachwahl-Ritual, das sich am Montagmittag im Foyer des Berliner Konrad-Adenauer-Hauses abspielt. Der Spitzenkandidat ist zu Besuch in der Parteizentrale, gemeinsam tritt die CDU-Chefin und Kanzlerin mit ihm vor die Presse.

Hat man es mit einem Wahlsieger zu tun, wird üblicherweise ein Blumenstrauß überreicht. Darauf allerdings hat die CDU-Chefin diesmal verzichtet. Und das, obwohl der Mann neben ihr am Ende einer langen Wahlnacht immerhin doch noch als Erster ins Ziel gegangen ist. 6200 Stimmen oder 0,1 Prozent mehr als die SPD-Frau Hannelore Kraft hat Ministerpräsident Jürgen Rüttgers errungen.

Das Gesicht der Kanzlerin allerdings erzählt viel darüber, wie weit dieses Ergebnis von einem Sieg entfernt ist. Merkels berühmte Mundwinkel scheinen an diesem Tag noch ein wenig tiefer zu hängen als sonst, ernst, fast ausdruckslos schaut die Kanzlerin in die Runde.

Und dann kommt sie gleich zur Sache: Eine herbe Niederlage habe man erlebt, das Wahlziel nicht erreicht. Umstandslos übernimmt sie dafür einen gehörigen Teil der Verantwortung. "Aus Berlin kam kein Rückenwind, sondern oft sogar Gegenwind", sagt sie.

Schonungslos wischt sie zugleich die wichtigste Illusion weg, der sich die schwarz-gelbe Koalition mit ihrer Zustimmung ein halbes Jahr hingegeben hat. "Auf absehbare Zeit wird es keine Steuersenkungen geben", sagt Merkel.

Es ist ein klarer, kühler Satz mit dem die schwarz-gelbe Koalition nach der Landtagswahl in der Realität ankommt. Zumindest die Schwesterpartei CSU hat Merkel zu diesem Zeitpunkt bereits von der Notwendigkeit dieses Schrittes überzeugt. Wortgleich wiederholt der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer wenig später diese Ankündigung in München.

Die CDU hat Merkel ohnehin auf ihrer Seite. Schon am Morgen hatten sich gleich mehrere schwarz-gelbe Länderchefs erneut von Steuersenkungen distanziert. Und in der Vorstandssitzung am Vormittag wollte sich nur noch der Wirtschaftsvertreter Josef Schlarmann dafür aussprechen, dass die Steuerpolitik doch wenigstens Teil der Wachstumspolitik bleiben müsse. "Ich bin der letzte Mohikaner an der Steuerfront", sagte Schlarmann hinterher ironisch.

Einen Schönheitsfehler hat die neue Ehrlichkeit allerdings. Denn warum sie mit der zentralen Lebenslüge der schwarz-gelben Koalition gerade am Tag nach der Landtagswahl und nicht etwa schon davor in dieser Deutlichkeit aufräumt, kann Merkel nicht wirklich gut begründen.

Die Steuerschätzung habe ja erst zwei Tage vor der Wahl vorgelegen, verteidigt sich die Kanzlerin. Im Übrigen hätten sowohl die Griechenlandkrise als auch die jetzigen Bemühungen zur Rettung des Euro deutlich gemacht, wie dringend notwendig Haushaltskonsolidierung sei.

Einen direkten Zusammenhang zur Wahl in Nordrhein-Westfalen gebe es dagegen nicht, behauptet Merkel. Dabei liegt eben der überdeutlich auf der Hand: Weil die Regierung ihre Mehrheit im Bundesrat verloren hat, gibt es auch keine Mehrheit für Steuersenkungen mehr. Vor allem für die FDP ist dies ein dankbares Argument, sich nun von dem Vorhaben endgültig zu verabschieden. "Dass auch wir wissen, dass die Mehrheitsverhältnisse im Bundesrat sich verändert haben, ist doch offensichtlich", teilte FDP-Parteichef Guido Westerwelle bereits am Morgen im Hinblick auf künftige Steuersenkungen mit. Die Formel von dem einfachen, niedrigen und gerechten Steuersystem reduzierte er im Laufe des Tages auf "ein faires Steuersystem".