Koalitionsdebatte Kochs umstrittene Sparvorschläge

Hessens Ministerpräsident Roland Koch will in der Bildungspolitik sparen und sorgt damit für Unruhe in der Union. Worum geht es wirklich? Die Hintergründe des Streits

Roland Koch hat noch selten ein Problem damit gehabt, sich unbeliebt zu machen, wenn ihm eine Sache wichtig erscheint. Und so ist es der hessische Ministerpräsident, der der Kanzlerin unter die Nase reibt, dass ein ehrgeiziges bildungspolitisches Ziel nicht wie vereinbart erreicht werden könne. Wobei Koch dabei billigend in Kauf nimmt, dass Angela Merkels Führungsrolle geschmälert wird.

Der CDU-Politiker hält den Plan, ab dem Jahr 2015 zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) für Bildung und Forschung auszugeben und dafür in den staatlichen Haushalten einen zusätzlichen Betrag von 13 Milliarden Euro zu mobilisieren, angesichts der massiven Neuverschuldung infolge der weltweiten Finanzkrise für illusorisch. Und die meisten Ministerpräsidenten der Union denken genauso.

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Vor gut einer Woche haben sie sich kurzfristig während einer Bundesratssitzung zurückgezogen, um darüber zu reden. Dabei haben sie sich offenbar locker auf mehr Sparmaßnahmen nach dem "Rasenmäherprinzip" verständigt – also quer über alle Bereiche hinweg. Damit ist auch die Bildung als einer der größten Posten vor allem in den Landesetats betroffen. Daneben hat Koch auch den Personennahverkehr, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen und Industriesubventionen angesprochen.

Was hatte Angela Merkel in der Bildungspolitik vor?

Ihr Zehn-Prozent-Plan ist ein sehr ehrgeiziges Ziel. Er bedeutet nahezu eine Verdopplung der Ausgaben für Bildung und Forschung bis 2015. Deutschland – bislang mit einem Mittelplatz unter den Industrieländern – läge einsam an der Spitze (vor Island mit derzeit acht Prozent).

Schon beim "Gipfel" der Kanzlerin mit den Ministerpräsidenten im Oktober 2008 – nachdem Angela Merkel die "Bildungsrepublik" ausgerufen hatte, um das Thema wahlkampftauglich zu besetzen und der SPD Wind aus den Segeln zu nehmen – ließen die Länderchefs ihre Zweifel am Realitätsgehalt dieser Forderung und dieser Form von Politik erkennen. Denn im Grunde versucht Merkel hierbei zu wiederholen, was sie auch in der Umweltpolitik tut: mit hohen Zielvorgaben Druck auf die Beteiligten zu machen. Das aber weckt Erwartungen, die nicht immer so einfach zu erfüllen sind.

Woran liegt das?

Die Ausgaben für Bildung fallen weniger beim Bund denn bei Ländern und Kommunen an. Zwar kam Merkel den Ministerpräsidenten im Dezember entgegen und sagte vage einen höheren Anteil des Bundes zu. Aber den Länderchefs genügte das nicht. Bis zum nächsten Treffen am 10. Juni ist daher ein hartes Ringen angesagt. Und das vor dem Hintergrund, dass praktisch kein Geld mehr für Mehrausgaben da ist.

Zumal sich das hehre Ziel der Ausgabenverdopplung in der Bildung mit einem anderen hehren Ziel beißt: dem Einhalten der doppelten Schuldengrenze, der im Grundgesetz nämlich – erst 2009 beschlossen – und der in der Euro-Zone. Die Euro-Kriterien (Neuverschuldung maximal drei Prozent, Gesamtschuldenstand höchstens 60 Prozent des BIP) kann Deutschland wie die meisten anderen Euro-Länder derzeit nicht einhalten; und das Ziel der grundgesetzlichen Schuldenbremse, die ab 2011 wirken und zu ausgeglichenen Haushalten ohne neue Schulden führen soll, ist ohne massive Ausgabenkürzungen oder Steuererhöhungen wohl kaum zu erfüllen. Die Politik und allen voran die Kanzlerin stecken in einer Zwickmühle.

Gibt es weitere Probleme?

Wenn die Ministerpräsidenten am 10. Juni mit Merkel und Forschungsministerin Annette Schavan (CDU) über die bisherigen Fortschritte bei der Umsetzung des Zehn-Prozent-Plans sprechen, gilt es noch mehr zu berücksichtigen. Da ist einerseits der Geburtenrückgang, der zumindest in den Ostländern bedeutet, dass Bildungsausgaben durchaus gekürzt werden könnten. Denn warum soll man für deutlich weniger Kinder mehr Geld ausgeben?

Andererseits sind da die wachsenden Pensionslasten vor allem in den westdeutschen Ländern. Lehrerpensionen sind nichts anderes als nachgelagerte Arbeitskosten: Was die Länder sich bei den Beamten in der aktiven Zeit an Vorsorgezahlungen sparen, kommt eben nach der Pensionierung auf sie zu. Und zwar mächtig. Streng genommen müssten die Personalkosten für Pensionäre also zu den Bildungsinvestitionen gerechnet werden, aber als die Finanzminister dies im Vorjahr antesteten, erhob sich schnell vehementer Widerspruch. Die unterschiedliche Interessenlage der Länder dürfte die Gespräche nicht einfacher machen.

Leser-Kommentare
    • ludna
    • 17.05.2010 um 14:14 Uhr

    Hatte ich schon mal am 14.05. gepostet, aber mach es gern noch mal. Steht jetzt sogar in der FAZ (hoffe der Verweis ist erlaubt :-)):

    Willkommen in der Rentner Republik.
    Lieber sichere Renten/Pensionen fuer die kinderlosen Babyboomer als Ausbildung und soziale Massnahmen fuer Kinder.

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    ...auf allen Ebenen und jederzeit: Eine Folge zu geringer Bildungsausgaben. Gesellschafts-(politische) Erziehung schon im Kindesalter ist zu fordern um das Interesse an Staat und Gesellschaft zu fördern, Politikernachwuchs hoher Qualität zu generieren um damit das Land zukunftsfähiger zu gestalten: Damit dumme sächsische Sprüche eine Herrn Tillich künftig unterbleiben.

    Die Rentnergeneration hat Deutschland mit den Händen aufgebaut und jetzt reist sie es mit dem A… wieder ein!

    Aber, die Mehrheit entscheidet.

    ...auf allen Ebenen und jederzeit: Eine Folge zu geringer Bildungsausgaben. Gesellschafts-(politische) Erziehung schon im Kindesalter ist zu fordern um das Interesse an Staat und Gesellschaft zu fördern, Politikernachwuchs hoher Qualität zu generieren um damit das Land zukunftsfähiger zu gestalten: Damit dumme sächsische Sprüche eine Herrn Tillich künftig unterbleiben.

    Die Rentnergeneration hat Deutschland mit den Händen aufgebaut und jetzt reist sie es mit dem A… wieder ein!

    Aber, die Mehrheit entscheidet.

  1. Die Ausgaben für Bildung fallen weniger beim Bund denn bei Ländern und Kommunen an ...
    Wenn's nur das wäre, gäbe es eine ganz einfache Lösung: Sollen doch die 16 Provinzfürsten die "föderale Kultushoheit" einfach an den Bund abgeben ...
    Es ist sowieso nicht einzusehen, warum wir 16 unterschiedliche Kultusbürokratien und 2500 unterschiedliche Lehrpläne in deutschland haben. Und von diesen Superklugs ist doch keiner im Stande, mir zu erklären, was die Physik von Schleswig-Holstein von der in Sachsen unterscheidet, was die Physik in Mecklenburg-Vorpommern von der in Saarland unterscheidet, die Biologie von Niedersachsen von der in Baden-Württemberg, die Chemie von Thüringen von der in Nordrheinwestfalen, aber vielleicht ist in Hessen ja alles ganz anders.
    Und wenn Herr Tillich feststellt, dass mehr Geld auch nicht klüger mache, stimmt, sage ich, man sieht's ja an den Politikern.

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    ...da mag Tillich ja recht haben. Aber es verhindert in manchen Fällen Dummheit: Rechtzeitig und bei den richtigen Personen eingesetzt.

    ...da mag Tillich ja recht haben. Aber es verhindert in manchen Fällen Dummheit: Rechtzeitig und bei den richtigen Personen eingesetzt.

  2. ihn wohl gebildet hat? Die mittlerweile auf 225 millionen €uro für den Ausbau von Kassel-Calden angestiegenen Kosten würden der Bildung und den Schulgebäuden in Hessen sehr gut tun. Kinder und Schüler generieren nun mal keine Parteispenden! Wohl aber in den Ausbau involvierte Firmeninhaber mit schwarzem Parteibuch! Im Übrigen kann ich NicolaiP nur zustimmen, 16 Landesbildungsdeppen plus 1 Oberbildungsdepp in Berlin, ein jeder mit Ministeriumsanhang verschlingen schon die Hälfte der Bildungskosten.

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    Nachlässigkeiten der K S vergessen, die ungehindert Salzlauge in die Umwelt pumpen und lächerliche Beiträge zur Beseitigung leisten. Das juckt Herrn Koch herzlich wenig.
    Und wenn man dann noch in der Steuerfahndung Leute krank schreibt, weil sie ungemütliche Fragen stellen, ja dann, Herr Koch, kann man doch wirklich mal in der Bildung sparen.

    Moin,
    das Motiv für Koch kann auch an ganz anderer Stelle liegen, er hat im Gegensatz zur Kohl-Ära oder der Kanzlerschaft Schröders, vielleicht sogar unter Einbeziehung der großen Koalition, keine Chance (mehr) Merkel auf "natürliche" Art, also quasi in Erbfolge, im Amt zu beerben. Dieser Zug ist für Koch abgefahren. Dies gelänge vielleicht noch über den Umweg als Finanzminister, der aber auch verbaut sein dürfte. Hier steht wohl in Kürze eine Rochade ins Haus, wenn Schäuble abtritt, de Maizière ins Finanzministerium wechselt und ggf. Rüttgers Innenminister wird (Spekulation).
    Für Koch bedeutet dies eine Sackgasse, zumal es in Hessen alles andere als rosig für ihn läuft, er quasi zur "Lame Duck" Hessens geworden ist. Übrigens macht das Kultusministerium Hessens in dieser Legislaturperiode eine ähnlich schlechte Figur wie in der letzten.
    Solch Gepolter kann ich also nur als verzweifelten Versuch werten, deutlicher wahrgenommen zu werden. Und zwar abseits der hessischen Probleme.
    Beste Grüße
    Grabert

    Nachlässigkeiten der K S vergessen, die ungehindert Salzlauge in die Umwelt pumpen und lächerliche Beiträge zur Beseitigung leisten. Das juckt Herrn Koch herzlich wenig.
    Und wenn man dann noch in der Steuerfahndung Leute krank schreibt, weil sie ungemütliche Fragen stellen, ja dann, Herr Koch, kann man doch wirklich mal in der Bildung sparen.

    Moin,
    das Motiv für Koch kann auch an ganz anderer Stelle liegen, er hat im Gegensatz zur Kohl-Ära oder der Kanzlerschaft Schröders, vielleicht sogar unter Einbeziehung der großen Koalition, keine Chance (mehr) Merkel auf "natürliche" Art, also quasi in Erbfolge, im Amt zu beerben. Dieser Zug ist für Koch abgefahren. Dies gelänge vielleicht noch über den Umweg als Finanzminister, der aber auch verbaut sein dürfte. Hier steht wohl in Kürze eine Rochade ins Haus, wenn Schäuble abtritt, de Maizière ins Finanzministerium wechselt und ggf. Rüttgers Innenminister wird (Spekulation).
    Für Koch bedeutet dies eine Sackgasse, zumal es in Hessen alles andere als rosig für ihn läuft, er quasi zur "Lame Duck" Hessens geworden ist. Übrigens macht das Kultusministerium Hessens in dieser Legislaturperiode eine ähnlich schlechte Figur wie in der letzten.
    Solch Gepolter kann ich also nur als verzweifelten Versuch werten, deutlicher wahrgenommen zu werden. Und zwar abseits der hessischen Probleme.
    Beste Grüße
    Grabert

  3. ...auf allen Ebenen und jederzeit: Eine Folge zu geringer Bildungsausgaben. Gesellschafts-(politische) Erziehung schon im Kindesalter ist zu fordern um das Interesse an Staat und Gesellschaft zu fördern, Politikernachwuchs hoher Qualität zu generieren um damit das Land zukunftsfähiger zu gestalten: Damit dumme sächsische Sprüche eine Herrn Tillich künftig unterbleiben.

    Antwort auf "Rentnerrepublik"
  4. relativieren sich ein ganzes Stück weit, wenn man die Statistiktricks der Regierung ausblendet und Heizkosten für Schulgebäude nicht pauschal als "Bildungskosten" einsortiert.

    In realen Summen tut sich neben dem Inflationsverlust recht wenig im Punkt Bildung und jede Abwrackprämie fraß unnütz mehr Geld als nun diskutiert und - Dank Herrn Koch auch zielgruppengerecht - verneint wird.

    Noch dazu ist man von jeglichen Strukturmaßnahmen weit entfernt, ungefähr so weit wie die Bevölkerungsschichten in Hauptschule und Gymnasium und wieder mal ein Schelm, wer Böses dabei denkt.

    Von effizienzoptimierten G8-Schülern und dann Studenten sollte man sich nicht zu viel versprechen, aber das juckt absehbar niemanden, der den eigenen Habitus einfach nur sichern möchte.

    Wenn wir dem Stumpfsinn in Persona also eines anrechnen können, dann ist es das Gespür für eine Schicht, die "schon immer" schwarz gewählt hat und sich um die Zukunft ihrer selbst bildungstechnisch keine Sorgen mehr machen muss.
    Diese Schicht ist es auch, die - trotz stetig steigender Nichtwählerzahlen - brav dem Aufruf folgt und das für Industrieinteressen mehr als ausreichend und für Zukunftsfragen nur vordergründig sensibilisierte Milieu noch eine Weile stützt.

    "Zukunft", das sind in diesen Kreisen meist Dinge wie Nachlässigkeit (Steuerfahnder in Hessen?), Subvention (Abwrackprämie & Co.) und Verweise auf Arbeitsplatzverlust (Nachtflugverbot Frankfurt).

    Wer hier wählt, gehört dazu oder geht unwissend unter.

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    ...ist im GG verankert: Als sogenanntes "Grundrecht" im Artikel 7 unserer Verfassung hat der Staat die Aufsicht über das Schulwesen. Ob unter dieser Bedingung der mündige, kritische Staatsbürger entstehen kann möge sich jeder selbst beantworten.

    ...ist im GG verankert: Als sogenanntes "Grundrecht" im Artikel 7 unserer Verfassung hat der Staat die Aufsicht über das Schulwesen. Ob unter dieser Bedingung der mündige, kritische Staatsbürger entstehen kann möge sich jeder selbst beantworten.

  5. Nachlässigkeiten der K S vergessen, die ungehindert Salzlauge in die Umwelt pumpen und lächerliche Beiträge zur Beseitigung leisten. Das juckt Herrn Koch herzlich wenig.
    Und wenn man dann noch in der Steuerfahndung Leute krank schreibt, weil sie ungemütliche Fragen stellen, ja dann, Herr Koch, kann man doch wirklich mal in der Bildung sparen.

  6. ...ist im GG verankert: Als sogenanntes "Grundrecht" im Artikel 7 unserer Verfassung hat der Staat die Aufsicht über das Schulwesen. Ob unter dieser Bedingung der mündige, kritische Staatsbürger entstehen kann möge sich jeder selbst beantworten.

  7. ...da mag Tillich ja recht haben. Aber es verhindert in manchen Fällen Dummheit: Rechtzeitig und bei den richtigen Personen eingesetzt.

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    die Klugheit bei einigen Politikern wirklich gesteigert werden kann. Es gibt in diesen Kreisen anscheinend neben großer Unfähigkeit auch sehr große Bildungsresistenzen.

    die Klugheit bei einigen Politikern wirklich gesteigert werden kann. Es gibt in diesen Kreisen anscheinend neben großer Unfähigkeit auch sehr große Bildungsresistenzen.

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