Das strittige Interview Köhlers im Deutschlandradio stammt bereits vom vergangenen Pfingstwochenende. Nach einem Besuch im Bundeswehrfeldlager in Masar-i-Scharif sprach der Bundespräsident darin zunächst von Altbekanntem: Er forderte mehr Akzeptanz für die Arbeit der Bundeswehr-Soldaten in Afghanistan und betonte, diese kämpften auch für Deutschlands Sicherheit.

Köhlers anschließende Aussage sorgt nun für Irritationen: " Meine Einschätzung ist aber, dass insgesamt wir auf dem Wege sind, doch auch in der Breite der Gesellschaft zu verstehen, dass ein Land unserer Größe mit dieser Außenhandelsorientierung und damit auch Außenhandelsabhängigkeit auch wissen muss, dass im Zweifel, im Notfall auch militärischer Einsatz notwendig ist, um unsere Interessen zu wahren, zum Beispiel freie Handelswege, zum Beispiel ganze regionale Instabilitäten zu verhindern, die mit Sicherheit dann auch auf unsere Chancen zurückschlagen negativ durch Handel, Arbeitsplätze und Einkommen. Alles das soll diskutiert werden und ich glaube, wir sind auf einem nicht so schlechten Weg. "

Das könnte man so verstehen, als ob der Bundeswehr-Einsatz in Afghanistan auch dazu dienen könnte, deutsche Wirtschaftsinteressen zu wahren. Jedenfalls sieht das die Opposition so und ist empört.

"Köhler schadet der Akzeptanz der Auslandseinsätze der Bundeswehr", sagte der parlamentarische Geschäftsführer der SPD-Fraktion, Thomas Oppermann, Spiegel Online . Deutschland führe in Afghanistan "keinen Krieg um Wirtschaftsinteressen, sondern es geht um unsere Sicherheit". Wer anderes behaupte oder fordere, "redet der Linkspartei das Wort. Wir wollen keine Wirtschaftskriege".

Grünen-Fraktionschef Jürgen Trittin forderte, Köhler müsse seine Aussagen zurücknehmen. Der Bundespräsident habe sich hoffentlich nur vergaloppiert. Andernfalls stünde er nicht mehr auf dem Boden des Grundgesetzes."Die Äußerungen von Bundespräsident Köhler sind brandgefährlich", erregte sich Grünen-Fraktions-Vize Frithjof Schmidt. "Sie offenbaren ein für das Präsidentenamt inakzeptables Verständnis von Verteidigungs- und Sicherheitspolitik."

Linkspartei-Chef Klaus Ernst forderte eine Neuabstimmung des Bundestags über den Afghanistan-Einsatz der Bundeswehr. Weder die Mandate noch die Verfassung deckten Wirtschaftskriege ab, argumentierte Ernst. "Köhler hat offen gesagt, was nicht zu leugnen ist. In Afghanistan riskieren Bundeswehr-Soldaten Gesundheit und Leben für die Exportinteressen riesiger Konzerne." Seine Amtskollegin Gesine Lötzsch sagte: "Herr Köhler hat ganz einfach die Katze aus dem Sack gelassen". Dass es im Afghanistan-Einsatz um wirtschaftspolitische Interessen gehe, habe der Bundespräsident "bewusst oder unbewusst ausgeplaudert."

Der Berliner Verfassungsrechtler Ulrich Preuß sagte, bei Köhlers Äußerungen handele es sich um eine "durch das Grundgesetz schwerlich gedeckte Erweiterung der zulässigen Gründe für einen Bundeswehreinsatz um wirtschaftliche Interessen".

CDU-Außenexperte Ruprecht Polenz hingegen nahm Köhler in Schutz. "Ich glaube, der Bundespräsident hat sich hier etwas missverständlich ausgedrückt", sagte er. Köhler habe keine neue Militärdoktrin für Deutschland verkünden wollen. Vielmehr habe er deutlich machen wollen, dass Deutschland mit seinem Beitrag in Afghanistan einen Beitrag zur internationalen Sicherheit und Stabilität leiste. Deutschland habe ein Interesse am freien Zugang zu Rohstoffen. Dies stehe aber in keinem Zusammenhang mit Militäreinsätzen, unterstrich Polenz. Bei Köhlers Äußerungen habe es sich um "keine besonders glückliche Formulierung" gehandelt.

Auch FDP-Verteidigungsexpertin Elke Hoff stellte sich auf die Seite des Bundespräsidenten. Sie sagte, Köhler sei absichtlich oder unabsichtlich missverstanden worden. Schon im Weißbuch der Regierung von 2006 sei festgehalten, dass der Schutz der Transportwege für eine außenhandelsorientierte Nation zwingend notwendig sei. Als Beispiel führte Hoff die Anti-Piraterie-Mission vor der Küste Somalias an. Sie verstehe daher die Aufregung nicht.

Das Bundespräsidialamt teilte auf Anfrage von ZEIT ONLINE mit, Köhler habe in dem Interview "als Beispiele für die Begründung militärischer Einsätze auch die Verhinderung regionaler Instabilität und den Schutz freier Handelswege genannt." Diese Äußerungen des Bundespräsidenten hätten sich nicht direkt auf Afghanistan, sondern "auf die vom Deutschen Bundestag beschlossenen aktuellen Einsätze der Bundeswehr wie zum Beispiel die Operation Atalanta gegen Piraterie " bezogen.