"Es macht keinen Sinn." Hannelore Kraft seufzt. Hinter der SPD-Chefin liegt ein fünfstündiger Gesprächsmarathon in einem muffigen Tagungsraum in einem Düsseldorfer Hotel. Am Donnerstagabend um 18:35 Uhr, teilt sie den Journalisten in der Lobby mit, dass die Verhandlungen gescheitert sind. Rot-Rot-Grün wird es in NRW nicht geben . Krafts letzte Chance, Ministerpräsidentin zu werden, ist damit vertan. Die Einladung an die CDU zu Sondierungsgesprächen ist bereits verschickt. Ihren Führungsanspruch in einer möglichen Großen Koalition hält sie nicht mehr aufrecht.

Die Sondierung habe sie in ihrem Eindruck bestätigt, dass die Linke "nicht regierungsfähig" sei, begründet Kraft ihre Entscheidung. Sie habe Zweifel an deren "Demokratieverständnis" und "Verfassungsfestigkeit". Kurz: "Vertrauen" konnte nicht aufgebaut werden. "Verlässlichkeit" sei nicht zu erwarten.

Neben Kraft steht die Fraktionschefin der Grünen, Sylvia Löhrmann, ebenfalls sichtlich geknickt. Auch ihr Traum ist gerade geplatzt. Sie wird nicht Bildungsministerin. Die Grünen, die größten Gewinner der Landtagswahl, müssen in die Opposition. Und das aus freien Stücken: Ihr Verhandlungsteam votierte ebenfalls für den sofortigen Abbruch der Sondierungsgespräche. Einstimmig, genau wie das der SPD. Ihre Partei halte es für inakzeptabel, dass die Linke sich weigere, die DDR als "Unrechtsstaat" zu bezeichnen, sagt Löhrmann. Später im Gespräch sagt sie, dass die Atmosphäre "furchtbar" gewesen sei und sie schnell gemerkt habe, dass es nicht funktioniert.

Wenige Meter hinter Kraft und Löhrmann stehen die, über die hier gerade so unvorteilhaft gesprochen wird. Die Delegationsmitglieder der Linken schauen grimmig drein. Einige haben die Arme verschränkt. Andere kommentieren die Ausführungen mit einem spöttischen Grinsen. Die Linken sind völlig perplex. Erst wenige Minuten vorher hat Kraft ihnen mitgeteilt, dass die Verhandlungen gescheitert sind. Sie hatten fest mit einer zweiten Sondierungsrunde gerechnet.

Ihr Chef Wolfgang Zimmermann weiß deshalb nicht, ob er wüten oder sich wundern soll, als er nach Kraft und Löhrmann vor die Mikrofone tritt. Die SPD habe heute die "große Chance" für einen "grundsätzlichen Politikwechsel" vertan, entscheidet er sich fürs erste. Tatsächlich wäre seine Partei bereit, die DDR als "Diktatur" anzuerkennen. Aber er hätte lieber über Inhalte gesprochen; die seien jedoch kaum thematisiert worden. Offenbar sei man zu "Schau-Verhandlungen" eingeladen worden. Die SPD habe nur einen Vorwand  gesucht, um sich in die Große Koalition abzuseilen. Ihr Wahlkampf entpuppe sich so als "leere Versprechung", sagt er. Studiengebühren abschaffen, mehr Mitbestimmung, eine Schule für alle – all das sei nur mit der Linken, nicht aber mit der CDU möglich.

Kein Zweifel, das rot-rot-grüne Tischtuch ist zerschnitten. Nach den Pressestatements stehen die 36 Politiker, die eben noch miteinander verhandelt haben, in der Hotel-Lobby und schimpfen übereinander. Es wird gehadert, nachgeäfft und mit dem Kopf geschüttelt. Die Geschehnisse in dem Hotelsaal mit dem Namen Passion werden leidenschaftlich aufgearbeitet.

Nicht das "geringste Verständnis" habe die Linke für die rot-grünen Skrupel hinsichtlich der Unrechtsstaats-Frage entgegen gebracht, heißt es aus SPD-Kreisen. Ist die Koalition wirklich an der DDR gescheitert? Nicht nur, versichern die Genossen. Die Linken hätten sich generell amateurhaft angestellt. Sie hätten nicht garantieren können, dass ihre Parteibasis der Fraktion nicht in den Rücken fällt und Entscheidungen des Koalitionsausschusses in Frage stellt. Die wussten nicht mal, "was ein Koalitionsausschuss überhaupt" sei, sagt einer. Selbst Ulrich Maurer, den die Berliner Parteispitze als Berater aus dem Karl-Liebknecht-Haus nach Düsseldorf entsandt hat, soll mehrfach die Augen verdreht haben.

Maurer bestreitet das. Er raucht vor der Lobby und fletscht dabei die Zähne. "Mutwillig" habe Rot-Grün eine Chance vertan. Die DDR-Frage sei doch ein billiger Vorwand. Die SPD habe das Einladungsschreiben an die CDU "noch während der Besprechung mit uns getippt". Auch andere Delegierte der Linken wittern eine "vorgefertigte Dramaturgie".