Sondierungsgespräche NRW Kraft pokert, Rüttgers wirbt

Scheitert die Sondierung zur Großen Koalition? Die CDU beharrt auf Rüttgers, die SPD denkt bereits an eine rot-grüne Minderheitsregierung. Von Michael Schlieben

Dass die schwächere Partei in einer Koalition den Regierungschef stellt, ist unüblich. Vorgekommen ist es dennoch schon: Wolfgang Schüssel wurde Kanzler in Österreich, obwohl seine ÖVP aus der Nationalratswahl nur drittstärkste Kraft wurde. In Niedersachen amtierte Mitte der fünfziger Jahre Heinrich Hellwege als Ministerpräsident. Er war Chef der Deutschen Partei, die es heute nur noch im Promillebereich gibt und damals auch schon nur 15 Prozent holte.

Auf diese Beispiele könnte die SPD in Nordrhein-Westfalen verweisen, wenn sie mit der CDU demnächst zum zweiten Sondierungsgespräch zusammentrifft. Schließlich möchte sie Ähnliches: Dass Hannelore Kraft Ministerpräsidentin wird, obwohl die CDU nur ein paar Tausend Stimmen mehr holte als die SPD. Generalsekretärin Andrea Nahles erhob diese Forderung heute noch mal im Vorfeld des Treffens. Ihre Argumentation: Der CDU-Chef Jürgen Rüttgers, der einen zweistelligen Verlust bei der Wahl zu verantworten hat, könne einen Politikwechsel nicht repräsentieren.

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Diese Argumentation ist wackelig. Das wissen die Genossen in NRW. Wenn man genau hinhört, stellt man fest: Sie selbst fordern das Ministerpräsidenten-Amt gar nicht mehr. Seitdem die Sondierungsrunde mit der Linkspartei platzte, hat Hannelore Kraft den Posten nicht mehr explizit bekräftigt. Ihr Fraktionsstellvertreter Ralf Jäger sagte im Gespräch mit ZEIT ONLINE wenige Stunden vor der ersten Sondierung: "Wir fordern Rüttgers' Rückzug nicht. Uns geht es um Inhalte."

Die SPD will ihren guten Ruf nicht verlieren, den sich Kraft in Düsseldorf erarbeitet hat, seitdem sie Rot-Rot-Grün beerdigt hat. Weil sie nicht tat, was man ihr unterstellte, nämlich das Linksbündnis schmieden, sprechen derzeit sogar konservative Zeitungen und Politiker recht freundlich über sie. Die SPD möchte nicht als machtgierig dargestellt werden. Sie kennt natürlich die demokratischen Spielregeln, nach denen die stärkste Partei den Regierungschef stellt, mögen es auch nur ein paar Tausend Stimmen mehr sein.

Selbst Schüssel und Hellwege kannten diese Usancen. Sie landeten nur deshalb im Chefsessel, weil die FPÖ beziehungsweise die CDU damals freiwillig verzichteten. Das heißt: Die einzige Chance der SPD auf die Führungsrolle in einer Großen Koalition bestünde darin, dass die CDU sie abgibt.

Danach sieht es aber derzeit nicht aus. Aus deren Parteizentrale hört man seit Tagen: Am Chefposten für Rüttgers werde man festhalten. Gleichzeitig halten sich aber hartnäckig die Gerüchte, dass Rüttgers am Ende doch seinem Generalsekretärs Krautscheid oder seinem Integrationsminister Laschet den Vortritt lässt. Es gab bereits ein Strategietreffen der mächtigen CDU-Männer, auf dem die neue Rollenverteilung geklärt worden sein soll. Sehr zum Ärger der zweiten Führungsriege, die sich ausgeschlossen fühlt und fürchtet, vor vollendete Tatsachen gestellt zu werden. "So nicht", zitiert die Süddeutsche Zeitung die nicht eingeladene Wirtschaftsministerin Christa Thoben.

Aber auch die CDU wollte in erster Linie über Inhalte, nicht über das Spitzenpersonal einer möglichen Großen Koalition sprechen. Der SPD wurde bereits signalisiert, dass man generell kompromissbereit sei, dass man sich etwa in der Schulpolitik auf die SPD zubewegen und sich vom dreigliedrigen System lösen könnte. Die CDU möchte unbedingt verhindern, dass die Sondierungsgespräche scheitern. Sie will der SPD zumindest keinen Grund liefern, diese vorzeitig abzubrechen. Bewegung der Christdemokraten sei gut und bitter nötig, sagt SPD-Vize Jäger. Schließlich gebe es in fast allen Politikfeldern Differenzen.

Leser-Kommentare
  1. Die einzige Moeglichkeit, die ich sehe, wie sowohl CDU als auch SPD erhobenen Hauptes aus den Verhandlungen gehen koennen ist, dass die SPD der CDU den Ministerpraesidentenposten zugesteht (wegen der 6000 Stimmen mehr) und gleichzeitig die CDU eingesteht, dass die Waehler Ruettgers als Ministerpraesidenten abgewaehlt haben.

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    Ein Eingeständnis ohne Taten hätte wohl einen äußerst fahlen Beigeschmack. In meinen Augen überzeugend wäre es, eine der im Artikel genannten Personen als Rüttgers Nachfolger zu benennen. Alles unter der Prämisse einer gangbaren, an Inhalten ausgerichteten Lösung .....

    M.K.

    Ein Eingeständnis ohne Taten hätte wohl einen äußerst fahlen Beigeschmack. In meinen Augen überzeugend wäre es, eine der im Artikel genannten Personen als Rüttgers Nachfolger zu benennen. Alles unter der Prämisse einer gangbaren, an Inhalten ausgerichteten Lösung .....

    M.K.

  2. Herr gib Hannelore unter ihrer CDU die Kraft und Weitsichtigkeit, baldmöglichst Neuwahlen zu fordern.

    Alles andere ist doch nur eine Quälerei!

    Die Wähler in NW haben keinesfalls gewollt, dass die CDU wieder in die Regierungsverantwortung kommt.

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    Nun bin ich doch ein wenig verwundert. Wenn die "Wähler" schon nicht die prozentual stärkste Partei gewollt haben, wen denn dann?

    M.K. ;)

    Nun bin ich doch ein wenig verwundert. Wenn die "Wähler" schon nicht die prozentual stärkste Partei gewollt haben, wen denn dann?

    M.K. ;)

  3. Ein Eingeständnis ohne Taten hätte wohl einen äußerst fahlen Beigeschmack. In meinen Augen überzeugend wäre es, eine der im Artikel genannten Personen als Rüttgers Nachfolger zu benennen. Alles unter der Prämisse einer gangbaren, an Inhalten ausgerichteten Lösung .....

    M.K.

    Antwort auf "Kompromiss"
  4. Nun bin ich doch ein wenig verwundert. Wenn die "Wähler" schon nicht die prozentual stärkste Partei gewollt haben, wen denn dann?

    M.K. ;)

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    • Buh
    • 27.05.2010 um 20:07 Uhr

    In einem 5-Parteien-System, in der eine Partei lächerlich wenig vorsprung hat, ist es egal wer stärkste partei ist. Am ende zählt was im Parlament beschlossen wird, und dort liegen SPD und Schwarze gleich auf. Sich an diese kleine Stimmenzahl zu klammern ist dümmlich.

    Große Koalition geht nur auf Augenhöhe oder mit führung der SPD. Alles andere würde der SPD sehr schaden. Dem Land würden neuwahlen alelrdings helfen. Linke würden mehr stimmen bekommen. Es wird aber am ende die gleiche situation sein und dann m üssen SPD und Grüne auf Linke zu. Dann hätten wir eine sinnvolle, moralische und wünschenswerte Links-Regierung.

    • Buh
    • 27.05.2010 um 20:07 Uhr

    In einem 5-Parteien-System, in der eine Partei lächerlich wenig vorsprung hat, ist es egal wer stärkste partei ist. Am ende zählt was im Parlament beschlossen wird, und dort liegen SPD und Schwarze gleich auf. Sich an diese kleine Stimmenzahl zu klammern ist dümmlich.

    Große Koalition geht nur auf Augenhöhe oder mit führung der SPD. Alles andere würde der SPD sehr schaden. Dem Land würden neuwahlen alelrdings helfen. Linke würden mehr stimmen bekommen. Es wird aber am ende die gleiche situation sein und dann m üssen SPD und Grüne auf Linke zu. Dann hätten wir eine sinnvolle, moralische und wünschenswerte Links-Regierung.

  5. Übrigens, wie ich finde, ein ausgewogener und sachlicher Beitrag. Eigentlich nicht erwähnenswert .... wäre nicht an anderer Stelle von manchen so laut gebellt worden ;)

    M.K.

    • TDU
    • 27.05.2010 um 17:33 Uhr

    Die CDU 6000 Stimmen mehr und die SPD das schlechteste Ergebnis seit 1954 in NRW. Also beides Wahlverlierer Nach dieser Logik wollen die Wähler die Zunehmer, also die Gewinner und damit die Grünen in Koalition mit der Linke.

    Rüttgers Werbung sehe ich eigentlich nicht. Und ob Frau Kraft wirklich eine Minderheitenregierung will?. Ins Amt kommen ist die eine, im Amt bleiben die andere Sache. Kurzfristig werden dann alle Stellen im Unterbau unter Vorbehalt neu besetzt oder wie soll man sich das vorstellen?

    Aber Geld für Experimente sollte eben immer da sein.

  6. Das die NRW-Linke nicht regierungsfähig ist, war schon vor der Wahl bekannt. Die Sondierungsgespräche mit den Linken waren Unfug.

    Jetzt gibt es folgende 3 demokratischen Alternativen:
    Große Koalition
    Jamaika
    Ampel

    Der größte Vorwurf geht an Hrn. Rüttgers. Als Parteichef mit den meisten Stimmen hätte er in der ersten Woche nach der Wahl SPD, FDP und Grüne zu Sondierungsgesprächen einladen müssen. Stattdessen hat er sich Asche aufs Haupt gestreut und ist untergetaucht.

    Die nächsten Vorwürfe gehen an die FDP und die Grünen, die bei den beiden Möglichkeiten mit ihrer Beteiligung bocken. Diese Parteien führen sich wie in einem Kindergarten auf.

    Eine Minderheitenregierung wäre mal ein Versuch in Deutschland. In Skandinavien ist sie möglich, weil die Nicht-Regierungsparteien dort keine Fundamentalopposition betreiben. Die Regierungsparteien müssen von Mal zu Mal immer noch einen weiteren Partner finden, der mit ihnen für ein Gesetz stimmt. Es wäre schön, wenn so etwas auch in Deutschland ginge. Aber es entspricht nicht der deutschen Mentalität.

  7. Zitat:
    "Und zweitens, weil fast alle Parteien befürchten, diesmal noch schlechter abzuschneiden. Linke und FDP müssten um einen erneuten Parlamentseinzug bangen. Die CDU weiß, dass ihr der Bundestrend derzeit nicht gewogen ist."

    Bei ihrer Aufzählung haben sie die SPD und die Grünen vergessen und die können mit einfacher Mehrheit den Landtag auflösen und somit Neuwahlen herbeiführen. Vor allem die Grünen könnten von den Neuwahlen profitieren. Für die anderen kleinen Parteien und die CDU sieht es da nicht so rosig aus! Und warum soll es daher dieses Mal nicht für Rot-Grün reichen? Es fehlt doch nur noch eine Stimme!

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