Wie viel Nähe darf es geben zwischen Politik und Medien? Wie sollen Journalisten damit umgehen, dass sie ihren Lesern einerseits exklusive Informationen von Politikern bieten wollen, andererseits aber ihre Unabhängigkeit ihr größtes Kapital ist? Heute Vormittag ab 11 Uhr wollen die Autoren des folgenden Textes mit Ihnen, liebe Leser, darüber diskutieren. Was zeichnet guten Journalismus aus? Schreiben Sie Ihre Fragen und Anmerkungen schon jetzt in die Kommentare.

Das Vertrauensverhältnis zwischen Politikern und Journalisten ist begrenzt: Der Politiker kämpft um Mehrheiten, der Journalist für die Wahrheit. Journalisten decken politische Sauereien auf, Politiker vertuschen diese. Berlins Senatssprecher Richard Meng, der beide Lager aus eigener Anschauung kennt, möchte aber nicht von einem vergifteten Vertrauensverhältnis sprechen, sondern lieber von einer "Atmosphäre der Halboffenheit", die den professionellen Umgang zwischen Medien und Politik präge: Vor allem im persönlichen Hintergrundgespräch gibt jeder das preis, das ihm nützt – und am wenigsten schadet. Meng war während seiner Karriere bei der Frankfurter Rundschau in Bonn und Berlin selbst zehn Jahre lang Mitglied in zwei der legendenschwersten Hintergrundkreise: der "Gelben Karte" und dem "Wohnzimmerkreis".

Auch heute sind beide Kreise Inbegriff für Vertraulichkeit und Exklusivität. Aufgenommen wird nur, wer sich einem strengen Verschwiegenheitsritual unterwirft, das schon damit beginnt, dass Anwärter nur von Mitgliedern empfohlen werden können. Einer der ältesten Kreise ist die "Gelbe Karte", bekannt für ihre linksliberale Ausrichtung. Er formierte sich 1971 als Kontra-Bewegung zu konservativen Kreisen rund um Willy Brandts ehemaligen Pressereferenten und jetzigen Chefredakteur des SPD-Parteiblatts Vorwärts, Uwe-Karsten Heye, und Helmut Hohrmann, den Bonner Korrespondenten der mittlerweile eingestellten US-amerikanischen Rundfunkanstalt RIAS in Berlin, sowie den Agenturjournalisten Holger Quiring von der dpa.

Ihr Ziel war, in gemeinsamer Anstrengung den Zugang zu hochrangigen Politikern zu erleichtern. Zu den bekanntesten Mitgliedern gehören heute unter anderem Tissy Bruns (Der Tagesspiegel), Nico Fried (Süddeutsche Zeitung) und Jens König (Stern). Die Mitgliederzahl der "Gelben Karte" ist streng auf 30 Journalisten begrenzt. Umso wichtiger ist allen Beteiligten das kompromisslose Vertrauensverhältnis. Der Name des Kreises wurde dem Gründungskongress der SPD-Arbeitsgemeinschaft für Arbeitnehmerfragen entlehnt, bei dem Journalisten gelbe Akkreditierungskarten erhielten. Heute steht seine symbolische Bedeutung für weitaus mehr: Bei Vertrauensbruch wird dem Judas unter den Mitgliedern nicht nur die gelbe, sondern gleich auch die rote Karte gezeigt – der Ausschluss wird so zu einem Stigma.

Noch stärker mystifiziert ist der "Wohnzimmerkreis", in dem zehn leitende Redakteure der größten Hauptstadtmedien vertreten sind. Mitglieder sind unter anderem: Sabine Adler (Deutschlandfunk) als Nachfolgerin von Richard Meng, Christoph Schwennicke (Der Spiegel) und auch in diesem Kreis: Tissy Bruns und Nico Fried. Die Geschichte des elitären Zirkels begann unspektakulär als Neugründung einiger frustrierter Bonner Jungjournalisten unter dem Namen "Wespennestkreis". Doch der pragmatische Charme der frühen Jahre ist nach dem Regierungsumzug einem beinahe okkultischen Gewese gewichen.

Geleitet von FAZ-Büroleiter Günter Bannas, treffen sich dessen Mitglieder im monatlichen Reihum zum Abendessen im Wohnzimmer eines der Kollegen – und die Granden der Politik stehen Schlange. Ob Merkel, Steinmeier, Müntefering, Steinbrück, Schäuble: Sie alle wurden schon mehrmals in den Wohnstuben der Journalisten bewirtet und lernten deren Familien kennen. Was in der Politik Rang und Namen hat, kommt jedoch nicht, um Hummercremesuppe zu löffeln oder teuren Bordeaux zu verkosten, sondern weil sich die Spitzenpolitiker von der versammelten Journalistenrunde mehr Sympathien für ihr politisches Handeln erhoffen. Je exklusiver die Runde, desto besser. Nur dann scheint halbwegs sicher, dass das Gesagte im Raume bleibt – und die Schere im Kopf, so die Hoffnung, verschwindet.

Trotz des guten Rufs dieser Hintergrundkreise fällt Mengs Fazit nach etlichen vertraulichen Treffen mit den Lenkern der Republik zwiespältig aus: Erfahren hat er in diesen Runden häufig nichts Substanzielles. Auch Bannas kommt zu einem ähnlichen Schluss: "Es wird zwar gefragt, aber dann sagt der Befragte: 'Sage ich nicht'. Auch operative Planungen und Personalgeschichten unter dem Motto: 'Ich werde nächste Woche diesen oder jenen Minister entlassen' werden nicht verraten – oder doch eher selten. Manchmal gilt das Gegenteil: Es gibt Fälle, in denen den ganzen Abend über geredet wird, und am nächsten Tag geschieht Unerwartetes." Trotzdem seien Hintergrundkreise unverzichtbar. Aber stimmt das wirklich?

Zumindest teilweise. Der Hauptstadtrummel erschwert es vielen Korrespondenten, hinter die Tarnung des Politikers zu blicken, die bei offiziellen Presseterminen so penibel gepflegt wird. Würde man den Menschen hinter der Politikmaschine auf Grundlage seines Images in den Boulevardmedien beurteilen, wäre der Aufklärung kaum geholfen. Nie also waren Hintergrundkreise wichtiger, als in einer Zeit, in der das oberflächliche Spiel von Licht und Schatten alles zu dominieren scheint.