Der Mann entzieht sich den meisten gängigen Rastern. Als "linken, liberalen Konservativen" hat sich Joachim Gauck vor einiger Zeit selber eingestuft, auf einer Podiumsdiskussion zu seinem 70. Geburtstag im Januar. Ein Nicht-Politiker, der sich in der Politik immer wieder zu Wort meldet; ein geschliffener, bisweilen auch scharfzüngiger Redner; ein sehr bürgerlicher Intellektueller, der aber nirgendwo fest angebunden ist. Dazu passt, dass 1999 ihn CSU-Kreise schon einmal als Präsidentschaftskandidaten aufstellen wollten, damals gegen Johannes Rau. Nun schicken ihn SPD und Grüne ins Rennen, gegen Christian Wulff, den Kandidaten der Kanzlerin und von Schwarz-Gelb, um die Nachfolge von Horst Köhler. Ein wahrlich unabhängiger Geist.

Als Gauck am Freitag in Berlin von SPD und Grünen offiziell vorgestellt wird, macht der frühere Chef der Stasi-Unterlagenbehörde dann auch deutlich, dass es für ihn eine Ehre ist, für das höchste Amt im Staat zu kandidieren, dass er sich aber an beide Parteien nicht gebunden fühlt. Nur einem fühlt er sich verpflichtet: der "Liebe zur Freiheit".

Es ist sein Lebensthema. Als Pfarrer in der DDR, als Beteiligter an der Wende, als oberster Aufarbeiter der Stasi-Hinterlassenschaft und als Redner und "reisender Demokratielehrer", wie er sich selber nennt, hat er sich diesem Wert immer gewidmet. Es ist die Konsequenz aus einer frühen Lebenserfahrung: 1951, da war er elf, wurde sein Vater, ein früherer Kapitän und Hafenarbeiter, von der sowjetischen Geheimpolizei aus nichtigen Gründen verhaftet und zu Zwangsarbeit verurteilt. Erst nach vier Jahren Sibirien sah er ihn wieder. Aber schon vorher habe er gewusst, "dass der Sozialismus ein Unrechtsregime war", sagt er später einmal.

Gauck hat daraus einen widerspenstigen Geist entwickelt, der ihn bis heute auszeichnet. Er war in der DDR kein radikaler Opponent, wie er selber sagt. Aber er hat im Rahmen der Kirche als Jugendpfarrer in Rostock Kritik an den herrschenden Verhältnissen geübt und sich für Oppositionsgruppen eingesetzt.

In der Wendezeit setzt er sich dann 1990 sehr entschieden dafür ein, die Dokumente der Schreckensherrschaft der DDR-Staatssicherheit, jene Abgründe an Unmenschlichkeit und Verrat, nicht dem Vergessen anheim zu geben, sondern sie für die Betroffenen und als Lehre für die neuentstandene Demokratie im Osten zugänglich zu machen. Fast einstimmig wählt die Volkskammer ihn kurz vor der Wiedervereinigung dann zum ersten Chef der Aktenbehörde, die bald seinen Namen trägt. Die Kohl-Regierung übernimmt ihn.

Der Theologe sieht sich aber nicht als Rächer, er betont, dass nur eine kleine Zahl von DDR-Bürgern sich an den Spitzeleien beteiligt hat. Und er macht auch einen klaren Unterschied zwischen dem SED-Unrechtsregime und der Nazi-Herrschaft. "Ich kann nur einer Nation vertrauen, die glaubt, dass sie fähig ist, aus dem Schatten von Schuld und Verbrechen herauszufinden", hat er 2006 in einem Interview gesagt. Als unbequemen Begleiter der Demokratie sieht er sich. Und als "aufgeklärten Patrioten".

In seiner Zeit als Chef der Stasi-Unterlagenbehörde eckt Gauck immer wieder an. Etwa mit der Union, als er im Zuge deren Spendenaffäre Akten des DDR-Geheimdienstes dazu herausgeben will. Und er findet nicht nur breite Anerkennung, sondern muss auch einige Niederlagen einstecken: Manfred Stolpe und Gregor Gysi hatte er als IMs entlarven lassen wollen. Das gelingt ihm am Ende nicht wirklich.