JoachimGauck sieht eine große Kluft zwischen Regierung und Bürgern in Deutschland. "Ich habe das Gefühl, dass wir im Moment in einer kritischen Phase in unserer Gesellschaft sind", sagte Gauck dem ZDF. Er habe den Eindruck, "dass die Regierten und die Regierenden Sprachstörungen haben, dass sie oft aneinander vorbeireden, oder dass die Regierten nicht mehr den Adressaten finden, an den sie sich eigentlich wenden wollen". Er wolle versuchen, "die Sprachstörungen ein bisschen zu beheben" - unabhängig von seiner Funktion. Angesichts des positiven Echos auf seine Nominierung in den Medien sagte Gauck : "Jetzt kommt etwas über mich, das ich noch gar nicht richtig glauben kann. Ich bin total verwirrt, aber auch glücklich."

Mehrere Politiker aus dem Lager von Union und FDP haben eine Unterstützung des Oppositionskandidaten für das Bundespräsidentenamt, Joachim Gauck, in Aussicht gestellt. Der sächsische FDP-Chef Holger Zastrow sagte, es gebe nicht zuletzt wegen der großen Anerkennung für den DDR-Bürgerrechtler Gauck keinen Freibrief für den Kandidaten der schwarz-gelben Koalition, Niedersachsens Ministerpräsidenten Christian Wulff (CDU). Gauck selbst warnte vor einem Parteiengeschacher um das höchste Staatsamt.

Besonders die Liberalen in Ostdeutschland hadern mit der Entscheidung für Wulff und bekunden ihre Sympathien für den Kandidaten von SPD und Grünen. "Joachim Gauck ist ein Vertreter der ostdeutschen Seele. Darüber muss man schon nachdenken", sagte Zastrow.

Die FDP in Sachsen wird in der kommenden Woche entscheiden, wie sie am 30. Juni in der Bundesversammlung abstimmt. Die FDP in Thüringen hat dies nach den Worten ihres Generalsekretärs Patrick Kurth ebenfalls noch nicht geklärt. "Die Parteiführung muss deutlich machen, welche strategischen Vorteile die Kür Wulffs für uns bringt", sagte Kurth dem Spiege l. In einer repräsentativen Emnid-Umfrage unter ausgewählten Bundesbürgern lag Wulff nur knapp vor Gauck.

Trotz der Kritik in den eigenen Reihen sieht FDP-Generalsekretär Christian Lindner die Wahl Wulffs nicht gefährdet. "Ich bin sicher, die FDP wird eine einheitliche Linie für Christian Wulff vertreten", sagte er im ZDF.

Sympathien für den von SPD und Grünen vorgeschlagenen parteilosen früheren Chef der Stasi-Unterlagenbehörde äußerte auch der ehemalige brandenburgische CDU-Vorsitzende Jörg Schönbohm. "Ich frage mich, warum es nicht möglich war, sich im bürgerlichen Lager mit der SPD auf Gauck zu einigen", sagte er. Der Generalsekretär der CDU-Brandenburg, Dieter Dombrowski, ließ dagegen keine Zweifel an der Unterstützung Wulffs bei der Wahl des Bundespräsidenten.

Wie die Liberalen in Sachsen ging auch der FDP-Fraktionschef im Landtag von Sachsen-Anhalt, Veit Wolpert, auf Distanz zu Wulff. "Wir werden in der Fraktion darüber zu sprechen haben, ob wir trotz Bedenken mit Herrn Wulff leben können", sagte Wolpert.

Auch von den Liberalen in Bayern und Baden-Württemberg gab es Kritik an Wulffs Kandidatur. Die FDP-Landesverbände Berlin und Mecklenburg-Vorpommern sprachen sich dagegen eindeutig für Wulff aus.

Union und FDP werden in der Bundesversammlung mindestens 21 Stimmen mehr haben, als für die Wahl des Staatsoberhaupts notwendig sind. Wulff selbst geht nicht von einem sicheren Sieg aus. "Es kommt auf die Geschlossenheit von CDU, CSU und FDP an. Sicher bin ich mir erst, wenn die Mehrheit verkündet ist", sagte er der Bild am Sonntag . Die Linke will Anfang am heutigen Montag entscheiden, ob sie einen eigenen Kandidaten ins Rennen schickt.

SPD und Grüne rechnen nach eigenen Angaben bei der geheimen Abstimmung mit Abweichlern innerhalb der Koalition. Dem ostdeutschen Theologen bleiben aber weiterhin nur Außenseiterchancen. Eine größere Zahl von Abweichlern bei Union und FDP würde aber sowohl Wulff als auch Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in eine unangenehme Situation bringen.

CDU-Generalsekretär Hermann Gröhe kündigte ein eindeutiges Votum der Koalition für den eigenen Kandidaten an. Er zweifle nicht daran, dass "CDU, CSU und FDP in der Bundesversammlung geschlossen für Christian Wulff stimmen".

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) hatte Wulff am Donnerstag gemeinsam mit den Vorsitzenden von CSU und FDP, Horst Seehofer und Westerwelle, als Kandidaten für die Bundespräsidentenwahl präsentiert . Zuvor hatte SPD-Chef Sigmar Gabriel Merkel vorgeschlagen, Gauck gemeinsam als parteiübergreifenden Kandidaten aufzustellen. Am vergangenen Montag war der bisherige Amtsinhaber Horst Köhler überraschend zurückgetreten .