Die Linkspartei hat Joachim Gauck von Anfang an nicht unterstützt. Kritiker sagen, sie habe damit eine Chance verstreichen lassen, einen Teil ihrer Vergangenheit zu bewältigen. Oskar Lafontaine, bis vor Kurzem Vorsitzender von Partei und Bundestagsfraktion, wirft dem früheren Pfarrer nun Nähe zum DDR-Regime vor.

Die Ostdeutschen wüssten, "dass der protestantische Pfarrer Gauck durchaus zu jenen gehört hat, die von der Staatssicherheit auch Privilegien erhalten haben", sagte Lafontaine stern.de . Gaucks Kinder etwa hätten nach einer Ausreise aus der DDR ihre Eltern wieder besuchen dürfen. Für Lafontaine ist klar: "Die Ostdeutschen wissen aber, dass dies ein bemerkenswertes Privileg der Familie Gauck war, dessen Genuss dem Normalbürger der DDR verwehrt war."

Lafontaine wiederholt damit die Vorwürfe, die vor mehr als zehn Jahren Peter-Michael Diestel, der letzte Innenminister der DDR, erhoben hatte. Diestel hatte damals behauptet, Gauck sei ein "Begünstigter" der Stasi gewesen. Gauck, der damals einen Rechtsstreit gegen Diestel, ein vehementer Kritiker der Stasi-Unterlagenbehörde, anstrengte, wies die Vorwürfe seinerzeit zurück: Man könne ihn wohl kaum einen "Begünstigten" der Stasi nennen, bloß weil seine Kinder Ende der achtziger Jahre hätten ausreisen dürfen – er sei immer gegen ihre Ausreise gewesen. "Die Anträge auf Ausreise (seiner Söhne; Anm. der Red.) seien ein Schock gewesen. Es sei ihm schwer gefallen, die Wünsche seiner Kinder zu akzeptieren und zu unterstützen", heißt es dazu auf der Internet-Seite seines Verlages . Diestels Behauptungen, so Gauck damals während des Rechtsstreits, stützten sich auf Äußerungen früherer Stasi-Offiziere und Spitzel.

Lafontaine sagte im stern.de -Interview weiter, er wolle sich als Westdeutscher kein abschließendes Urteil über Gauck gestatten. "Im Osten sind allerdings die Stimmen nicht zu überhören, die darauf hinweisen, dass auch Gauck sich wie andere evangelische Pfarrer mit dem DDR-System arrangiert hatte." Diese Privilegierung habe zum System gehört, wie sich in vielen Fällen belegen lasse. "Davon hat auch Angela Merkel in ihrer Jugend profitiert, deren Vater ebenfalls Geistlicher in der DDR gewesen ist", sagte Lafontaine.

Allerdings war es nicht unüblich, dass ehemalige DDR-Bürger, die legal nach Westdeutschland ausgereist waren, ihre Angehörigen später wieder besuchen durften. Insofern kann dies nicht als privilegierte Behandlung verstanden werden. Nur Menschen, die die DDR illegal verließen, beispielsweise über Ungarn, hatten keine Chance, ihre Verwandten in der alten Heimat zu besuchen. Das war aber bei Gaucks Söhnen nicht der Fall. Sie waren offiziell ausgereist und hatten ihre Familie später anlässlich einer Goldenen Hochzeit in der DDR besucht.

Die vor Jahren von Gauck geführte Bundesbehörde zur Aufarbeitung der Stasi-Unterlagen sei zur Aufarbeitung der DDR-Geschichte ungeeignet gewesen, sagte Lafontaine. Diese Einschätzung verbinde ihn mit Teilen der SPD.

Die Linkspartei hat die Publizistin Luc Jochimsen nominiert – die nun am 30. Juni chancenlos gegen den niedersächsischen Ministerpräsidenten Wulff und Mitbewerber Gauck antritt.

Gauck äußerte sich seinerseits wiederum kritisch zur Linkspartei. Ihr fehle die "programmatische Verlässlichkeit", sagte er Spiegel Online . Eine rot-rot-grüne Koalition auf Bundesebene könne er sich daher "überhaupt nicht vorstellen". Allerdings hege er für Teile der Linken durchaus Sympathie, sagte Gauck. Gerade bei den Jungen gebe es viele, "die nicht vom alten Kommunismus träumen, sondern eine gerechtere Gesellschaft wollen".

Trotz der Differenzen hat die Linkspartei neben dem schwarz-gelben Präsidentschaftskandidaten Christian Wulff auch Gauck zum Kennenlernen. Beide sollten ihre Positionen am 29. Juni vorstellen. Für den Fall eines dritten Wahlgangs hatten einige Vertreter der Linken dafür plädiert , trotz der Vorbehalte für Gauck zu stimmen, um einen Bundespräsidenten Wulff zu verhindern. 

Bereits am 22. Juni will sich Gauck auf einer Veranstaltung in Berlin-Mitte der Öffentlichkeit vorstellen. Ausführliche Aussagen zu den aktuellen Politikthemen werde es dabei aber nicht geben, sagte der 70-Jährige in Berlin. "Ich mache ja keinen Wahlkampf." Er wolle weiterhin vor allem das Freiheitsthema in den Mittelpunkt stellen und dabei unter anderem konkretisieren, was dies in Zeiten knapper Kassen bedeute, sagte Gauck.