Die Atmosphäre ist ziemlich eisig, als Joachim Gauck am Dienstagnachmittag den Fraktionssaal der Linkspartei betritt. Der rot-grüne Präsidentschaftskandidat hält ein wenig unsicher nach seinem Platz in der ersten Reihe Ausschau, kritisch beäugt von den linken Wahlmänner und -frauen. Manche halten ihre Arme verschränkt. Keiner klatscht. 

Zu viele verletzende Äußerungen hat es vor diesem Treffen – das erste und einzige seiner Art – gegeben. Von beiden Seiten. Die Linken seien "nicht regierungsfähig", ihre Politiker seien oft "belastet durch ihre Teilhabe am Unterdrückungssystem der DDR" oder "verwöhnte Kinder der roten Bourgeoisie", sagte Gauck in den vergangenen Tagen. Unbeeindruckt davon, dass er für einen Wahlsieg auf deren geschlossene Unterstützung angewiesen ist. Gauck sei ein kriegsbejahender, DDR-schlechtredender Bürgerlicher, sagten ihrerseits die Linken über Gauck.

Gut 40 Minuten später öffnet sich die Fraktionstür wieder. Gauck und Gysi treten heraus. Beide, der Widerstandspfarrer und der erste Parteichef der SED-Nachfolgerpartei haben sich heute zum ersten Mal öffentlich die Hand geschüttelt. 

Nacheinander stellen sie sich vor die wartenden Journalisten und berichten, jeder einzeln, vom zurückliegenden Gespräch. Gauck, der zuerst spricht, lobt die "erstaunliche Bereitschaft" einander zuzuhören. Gysi sagt, es sei "nie unangenehm" gewesen. Zwischendurch, so berichten Teilnehmer später, soll es sogar einen kleinen "Höflichkeitsapplaus" für Gauck gegeben haben, aber eben auch viele kritische Nachfragen und bissige Einwürfe. 

Denn, auch das betonen Linke wie Gauck: Die inhaltlichen Differenzen sind nicht kleiner geworden. Der Kandidat sagt, er halte den Begriff des "Systemwechsels", den Teile der Linken gern gebrauchen und programmatisch ja auch anstreben, für "problematisch". Er sei überzeugter Demokrat und Marktwirtschaftler. Gysi sagt, er finde problematisch, dass Gauck "den Krieg als Mittel akzeptiert", um den Terrorismus zu bekämpfen. Beide sagen, es sei dennoch gut gewesen, sich mal auszutauschen. 

Was heißt das? Ist die Linke nun doch bereit, in einem möglichen dritten Wahlgang am Mittwoch Gauck mitzuwählen?

Das ist nach wie vor offen. Noch weiß es die Linke selber nicht. Gysi macht daraus 20 Stunden vor dem ersten Wahlgang kein Geheimnis. Sollte es tatsächlich zu einem dritten Wahlgang kommen, werden sich die 124 linken Delegierten zurückziehen und lange und kontrovers beraten. "Das kann dann eine Nachtsache werden", warnt Gysi schon mal.