Die Linke hat ein großes Problem: Sie möchte endlich das Image loswerden, ein Hort für Ewiggestrige der einstigen DDR zu sein. Und sie möchte sich, zumindest wenn es nach dem Reformerflügel geht, auf eine mögliche Koalition mit der SPD im Bund vorbereiten. Beides scheint die Partei im Ringen um den nächsten Bundespräsidenten zu verspielen.

Denn die Parteichefs Klaus Ernst und Gesine Lötzsch haben mehr als einmal betont, dass sie Joachim Gauck für unwählbar halten. Geht es nach ihnen, sollen die 124 Wahlmänner und -frauen der Linken selbst in einem denkbaren dritten Wahlgang nicht für den rot-grünen Kandidaten stimmen. Damit leistet die Partei, ob sie will oder nicht, Wahlhilfe ausgerechnet für Christian Wulff, den Kandidaten von Union und FDP. Der kann sich nun beste Chancen ausrechnen, wenigstens mit einfacher Mehrheit gewählt zu werden, selbst wenn es in den ersten beiden Wahlgängen eine Reihe von Abweichlern aus den eigenen Reihen geben sollte, die ihm Gauck vorziehen.

Zwar hat der Bundesgeschäftsführer der Partei, Werner Dreibus, kurz vor Gaucks Vorstellungsgespräch bei der Linksfraktion an diesem Dienstag die Bereitschaft signalisiert, mit SPD und Grünen vor einem dritten Wahlgang zu besprechen, gleichwohl wurde das kategorische Nein der Parteiführung zu Gauck bislang nicht zurückgenommen.

Lötzsch und Ernst verweisen zur Begründung darauf, dass Gauck mit seinen Positionen für die Linke unwählbar sei. Und in der Tat stellt der ehemalige Bürgerrechtler und langjährige Leiter der Stasi-Unterlagenbehörde für viele in der Linkspartei die größtmögliche Provokation dar: Er verkörpert wie kaum ein anderer den Widerstandsgeist gegen das einstige SED-Unrechtsregime. Und er steht für die energische Aufarbeitung der Verbrechen des DDR-Unterdrückungsapparates. Zudem ist er auch in vielen inhaltlichen Fragen Union und FDP näher als dem Oppositionsparteien.

SPD und Grüne haben die Linkspartei mit der Nominierung Gaucks, auch wenn das sicher nicht ihre erste Absicht war, vor eine wichtige, quälende Entscheidung gestellt: Sagt sie sich endgültig vom SED-Erbe los; verbannt sie die DDR-Ostalgiker und diejenigen, die immer noch vom Kommunismus träumen, in die Ecke? Oder bleibt sie auf der Linie, sich zwar vom SED-Staat zu distanzieren, aber immer dann, wenn es konkret wird, zurückzuweichen? Ein Votum für Gauck, zumindest im dritten Wahlgang, wäre ein klares Signal, dass die Linke es mit ihrem Bekenntnis zum freiheitlichen demokratischen Rechtsstaat wirklich ernst meint.

Geradezu dümmlich wirkt es vor diesem Hintergrund, wenn Ex-Parteichef Oskar Lafontaine und andere Gauck auch noch vorwerfen, er habe in der DDR Privilegien genossen. Der frühere Pfarrer, der 1989 in Rostock die Oppositionsbewegung mit anführte, steht hier über jedem Zweifel. Und wer immer noch Mitglieder des alten SED-Apparats in den eigenen Reihen hat, sollte da ohnehin lieber schweigen.

Auch die anderen Gründe, die die Linken-Führung für die Ablehnung des rot-grünen Kandidaten anführt, sind wenig überzeugend. So wirft sie ihm vor, für den Afghanistan-Einsatz zu sein und die rot-grünen Arbeitsmarktreformen für richtig zu halten. Doch auch SPD und Grüne stehen im Kern weiterhin hinter beidem. Wer also mit ihnen irgendwann im Bund regieren will, wird nicht umhin kommen zu sagen, ob er bereit ist, an diesen Punkten Kompromisse einzugehen oder nicht. Man kann den Eindruck gewinnen, dass Gauck hier stellvertretend für Positionen geprügelt wird, die die Linke eigentlich den vermeintlichen Wunsch-Koalitionspartnern vorhält.

Sicher hätte sich die Linke einen anderen, gemeinsamen Oppositionskandidaten gewünscht. Aber jetzt beleidigt zu reagieren, weil SPD und Grüne sie vorher nicht gefragt haben und deshalb die eigene Kandidatin Luc Jochimsen womöglich auch in einen aussichtslosen dritten Wahlgang zu schicken, zeugt von wenig politischer Klugheit. Vertreter des Reformflügels wie der geschasste ehemalige Bundesgeschäftsführer Dietmar Bartsch sowie sein Nachfolger Dreibus werben deshalb dafür, vorher noch einmal zu beraten – und im Zweifel die eigene Kandidatin zurückzuziehen.