Bundesregierung Sparen als Chance für den Neustart

Die Koalition muss nicht nur kräftig sparen. Sie muss auch eine Leitidee dafür entwickeln. Dann kann die Schweroperation Haushalt für Schwarz-Gelb zu einem Neuanfang werden.

Über Herausforderungen kann sich Kanzlerin Angela Merkel dieser Tage wahrlich nicht beklagen: Die Euro-Krise, die unsichere Konjunktur, der Gesundheitsstreit, und dann auch noch die Flucht von Bundespräsident Horst Köhler aus dem Amt. Eine noch weit schwierigere Aufgabe, vergleichbar allenfalls mit dem Milliarden-Rettungspaket für den Euro, steht Merkel und ihrer Regierungsmannschaft jedoch ab Sonntagnachmittag bevor. Dann muss sich das schwarz-gelbe Kabinett auf Eckpunkte für die notwendigen Kürzungen im Bundesetat 2011 einigen, die die Schuldenbremse erzwingt.

Eine echte Herkulesaufgabe.

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Jahrzehntelang haben die Republik und die Regierenden mit der einfachen Lösung gelebt: Reichten die Einnahmen nicht oder kamen neue, unvorhergesehene Aufgaben hinzu, wurde flugs die Neuverschuldung erhöht und die Last damit in die Zukunft verschoben. So verfuhr die Große Koalition auch noch im vergangenen Jahr, was ihr zwar hin und wieder einen Gewinn an Ansehen (Beispiel: die sehr beliebte Abwrackprämie), aber eben auch ein Rekorddefizit bescherte.

Doch mit dieser Schuldendynamik soll nun endlich Schluss sein. Die neue Selbstverpflichtung im Grundgesetz, die 2011 zum ersten Mal greift, zwingt die Bundesregierung, das strukturelle Defizit bis 2016 Jahr für Jahr um (mindestens) zehn Milliarden Euro zu verringern.

Ein offenbar heilsamer Druck. Denn schon vor der Klausur werden nun plötzlich Tabus und manche staatliche Wohltaten in Frage gestellt: Bundesverteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) denkt daran, die für die Union bislang sakrosankte Wehrpflicht auszusetzen, und er will die Bundeswehr drastisch verkleinern. Familienministerin Christine Schröder (CDU) verzichtet auf zwei weitere Vätermonate beim Elterngeld. Weitere schmerzliche Einschnitte werden spätestens Anfang der Woche folgen, wenn die Koalitionäre die Ergebnisse ihres Spar-Konklaves verkünden.

Doch damit die Großoperation am Haushalt nicht zum reinen Kürzungs-Sammelsurium verkommt, sollte sich Schwarz-Gelb zuvor auf einen Leitgedanken verständigen, der den Kompass vorgibt. Diese überwölbende Idee kann nur die der Nachhaltigkeit sein. Wo der Staat künftig seine Ausgaben- und Aufgabenschwerpunkte setzt und wo er Leistungen zurückführt, sollte sich danach ausrichten, was der Zukunftsfähigkeit der Gesellschaft dient. Merkel hat hier bereits die Richtung vorgegeben: Die Ausgaben für Bildung und Forschung dürfen nicht gesenkt, sie müssen im Gegenteil noch erhöht werden, damit Deutschland seine wichtigste Ressource verteidigt: die gute Ausbildung des Nachwuchses und das notwendige Know-how als führendes Exportland (auch wenn mehr Geld nicht automatisch klügere Absolventen und mehr Patente hervorbringt). Gleiches gilt für den Ausbau der Kinderbetreuung, für den Klima- und Umweltschutz, und es sollte etwa auch für die Entwicklungshilfe gelten. Denn Unterstützung für arme, kriselnde Staaten kann langfristig unsere Sicherheit erhöhen.

Der Gedanke der Nachhaltigkeit, ursprünglich von Umweltschützern propagiert, ist dabei ein durchaus bürgerliches, ja konservatives Motiv: Der Staat soll nur die Aufgaben übernehmen, die der Einzelne nicht bewältigen kann, zum Beispiel weil sie seinen Zeithorizont überschreiten. Solide Staatsfinanzen könnten so gesehen durchaus zum Markenkern der bürgerlich-liberalen Regierung werden, wie sich Schwarz-Gelb selber gerne nennt. Nach acht Monaten des unentwegten Streits und des lähmenden Stillstands hätte die Koalition damit doch noch eine Idee entwickelt, die über den Tag hinausreicht.

Sie müsste dazu allerdings den Mut aufbringen, ihren Koalitionsvertrag, jenes schludrig verhandelte Konvolut von mehr oder weniger guten Vorsätzen, quasi neu zu schreiben. Zuvörderst gehörte dazu, sich von der Idee einer spürbaren Steuersenkung für diese Legislaturperiode ehrlicherweise komplett zu verabschieden. Sie lässt sich mit dem Ziel, einen ausgeglichenen Haushalt zu erreichen, auf absehbare Zeit angesichts der sonstigen Krisen und Aufgaben schlicht nicht vereinbaren.

Leser-Kommentare
    • jwenz
    • 04.06.2010 um 13:17 Uhr

    und zeigen dem deutschen Steuerzahler ganz offen, dass sie nicht bereit sind eigene Opfer zu bringen. Kein Wort über die eigene Bezahlung, die eigene Altersversorgung, die bessere Ungleichbehandlung im Vergleich mit dem Bürger. Nix.
    Das würde nicht Milliarden bringen. Aber evtl Respekt, Motivation und Verständniss. So sitzt da nur die überbezahlte und unterbelichtete Kaste des politischen Personals, ratlos und lobbygetrieben.

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    • alkyl
    • 04.06.2010 um 13:56 Uhr

    sicher im Vergleich mit der erbrachten Leistung. Aber sicher nicht grundsätzlich. Auch wenn es uns noch so schwer fällt sollten wir uns eingestehen, daß gutes Personal einfach entsprechendes Geld kostet. Wenn überhaupt noch Hoffnung bestehen soll, daß kluge Leute für die Politik auf (viel mehr) Kohle in der Wirtschaft verzichten, dann muß man einfach auch bereit sein, sie gut zu bezahlen. Verzicht als Symbol bringt nur noch weniger Kompetenz in´s Haus.

    ...ich finde die Aussagen kurz und richtig - ergänzen möchte ich noch, dass ersteinmal konkrete Einsparungen der Regierenden notwendig sind (z.B. Aussage zu Verzicht auf Diätenerhöhung bis 20xx; Abbau der Vergünstigungen (z.B. Behördenrabatt bei Versicherungen etc.).
    Diese Regierung ist nicht alternativlos !!!

    Moin,
    in einer Rede 2007 sprach Köhler einen umfangreichen Bericht des Bundesrechnungshofs an, der kurz vor der Rede veröffentlicht wurde. Es ging im Wesentlichen um öffentliche Technologie-Projekte, die regelmäßig in die Hose gehen. Der Präsident des BRH beschrieb des Umgang mit solchen Projekten, die gerne auch einmal Millarden verschlingen, als "organisierte Nichtverantwortung". Wer den Bericht gelesen und ernst genommen hat, dem stehen die Haare zu Berge. Man hat unweigerlich das dumpfe Gefühl, auf externe Beratung (Lobby) wird immer die Entscheidung bevorzugt, die bei größtem (finanziellen) Einsatz den geringst möglichen Erfolg garantiert.
    Zwar habe ich zwischenzeitlich meine Hochfrisur hingenommen, allerdings hat sich an der Arbeitsweise auch noch nichts geändert. Nach einigen Kontakten in die Politik bezüglich eines der inkriminierten Projekte (digitaler BOS-Funk), die ich als meist erschütternd einstufen möchte, sieht man von wenigen Ausnahmen ab, bin ich mir immer noch nicht schlüssig, was überwiegt. Ist es Inkompetenz oder mangelnder Einsatzwille, am wahrscheinlichsten ist wohl die ungesunde Mischung aus beidem.
    Beste Grüße
    Grabert

    • alkyl
    • 04.06.2010 um 13:56 Uhr

    sicher im Vergleich mit der erbrachten Leistung. Aber sicher nicht grundsätzlich. Auch wenn es uns noch so schwer fällt sollten wir uns eingestehen, daß gutes Personal einfach entsprechendes Geld kostet. Wenn überhaupt noch Hoffnung bestehen soll, daß kluge Leute für die Politik auf (viel mehr) Kohle in der Wirtschaft verzichten, dann muß man einfach auch bereit sein, sie gut zu bezahlen. Verzicht als Symbol bringt nur noch weniger Kompetenz in´s Haus.

    ...ich finde die Aussagen kurz und richtig - ergänzen möchte ich noch, dass ersteinmal konkrete Einsparungen der Regierenden notwendig sind (z.B. Aussage zu Verzicht auf Diätenerhöhung bis 20xx; Abbau der Vergünstigungen (z.B. Behördenrabatt bei Versicherungen etc.).
    Diese Regierung ist nicht alternativlos !!!

    Moin,
    in einer Rede 2007 sprach Köhler einen umfangreichen Bericht des Bundesrechnungshofs an, der kurz vor der Rede veröffentlicht wurde. Es ging im Wesentlichen um öffentliche Technologie-Projekte, die regelmäßig in die Hose gehen. Der Präsident des BRH beschrieb des Umgang mit solchen Projekten, die gerne auch einmal Millarden verschlingen, als "organisierte Nichtverantwortung". Wer den Bericht gelesen und ernst genommen hat, dem stehen die Haare zu Berge. Man hat unweigerlich das dumpfe Gefühl, auf externe Beratung (Lobby) wird immer die Entscheidung bevorzugt, die bei größtem (finanziellen) Einsatz den geringst möglichen Erfolg garantiert.
    Zwar habe ich zwischenzeitlich meine Hochfrisur hingenommen, allerdings hat sich an der Arbeitsweise auch noch nichts geändert. Nach einigen Kontakten in die Politik bezüglich eines der inkriminierten Projekte (digitaler BOS-Funk), die ich als meist erschütternd einstufen möchte, sieht man von wenigen Ausnahmen ab, bin ich mir immer noch nicht schlüssig, was überwiegt. Ist es Inkompetenz oder mangelnder Einsatzwille, am wahrscheinlichsten ist wohl die ungesunde Mischung aus beidem.
    Beste Grüße
    Grabert

  1. Ausgeben in der Krise.
    Einnehmen in Boomzeiten.

    Letzteres wird aus Klientelpolitik unterlassen.

    Was für eine Chance?

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen

    "Ausgeben in der Krise.
    Einnehmen in Boomzeiten.

    Letzteres wird aus Klientelpolitik unterlassen.

    Was für eine Chance?"

    Der Keynesianismus beschränkt sich aber nicht auf diesen einfachen Mechanismus. So eingeschränkt und reduziert wird er eher von Leuten dargestellt, denen seine Erkenntnisse nicht in die eigenen Vorstellungen passen.

    "Ausgeben in der Krise.
    Einnehmen in Boomzeiten.

    Letzteres wird aus Klientelpolitik unterlassen.

    Was für eine Chance?"

    Der Keynesianismus beschränkt sich aber nicht auf diesen einfachen Mechanismus. So eingeschränkt und reduziert wird er eher von Leuten dargestellt, denen seine Erkenntnisse nicht in die eigenen Vorstellungen passen.

  2. "Man macht gute Miene zum bösen Spiel"

  3. ...sind noch gut!

    Aber helfen Sie mir bitte:

    habe ich überlesen dass die Volksvertreter auch ihren Beitrag leisten wollen?

    Wenn nicht - warum fragen Sie unsere gewählten Mitmenschen nicht.

    Danke

    UR

  4. ... die Lüge schon im Aufmacher:

    "Die Koalition muss ... sparen."

    NEIN, muss sie nicht, sie könnte auch die Steuern wieder erheben, die sie den Reichen und Besserverdienern in den letzten zwei Jahrzehnten erlassen hat. Im Umfang von schätzungsweise 100 Mrd. Euro jährlich.

    Sie könnte sich auch, nahezu zinslos, weiter bei der EZB verschulden. Auch dagegen spräche nichts als die schwäbische Hausfrauendenke.

    Insgesamt ist der Artikel dann ja gar nicht sooo schlecht, aber kann man nicht auch die Überschriften entsprechend wählen? Wenn ich 20igmal am Tag höre "sparen, sparen, muss sparen" dann glaube ich es am Ende. Und kaum ein Kommentar, selbst in den seriösen Medien, wie dem DLF, beginnt neuerdings ohne diesen Schwachsinn.

    Und bitte Herr Greven: wenn sie schon ohne Not gegen die Pendlerpauschale der Dörfler und Berufspendler hetzen, dann bitte auch gegen das Wohngeld. Denn warum soll ich dann Städter und deren extreme Mieten finanzieren, wenn ich keinen Ausgleich fürs Pendeln bekomme? Wenn wir schon polemisieren, dann bitte richtig, nicht wahr?

    • huhi
    • 04.06.2010 um 13:34 Uhr

    Sie schlagen vor, alles auf deen Prüfstand zu stellen, schliessen aber vorab gleich mal einige Dinge aus! a. Bildung: in diesen Etats, insbesondere auch der Länder sind zukünftige Pensionsleistungen versteckt, die ja gar nicht explizit in der Verschuldung auftauchen, aber keine Generationengerechtigkeit schaffen und es ist zweifelhaft, ob eine Abschaffung dieser Pfründe wirklich die Bildungsqualität belastet. b. Umwelt: also weiter mit Solarenergie, ohne Rücksicht auf die Kosten, die zukünftigen Generationen implizit aufgebürdet werden. c. Alles auf den Prüfstand: mein, wenn auch symbolischer Vorschlag- Abschaffung des Ehrensolds für Fahnenflüchtige Bundespräsidenten (dieses "Ruhegehalt" für alle lebenden ehemaligen Bundespräsidenten, ironischerweise Ehrensold genannt, entspricht exakt der Vergütung eines aktiven Bundespräsidenten!).

  5. Ich glaube, Herr Jung im Bild links neben Merkel ist nicht mehr dabei - oder doch?

  6. Auch die Abgeltungssteuer von 25% sollte wieder dem privaten Steuersatz angepaßt werden.

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