Nordrhein-Westfalen Warum eine Minderheitenregierung demokratisch ist

Eine Minderheitsregierung wie künftig in NRW muss nicht undemokratischer sein als eine Mehrheitsregierung. Aber sie erfordert viel taktisches Geschick.

Als Reinhard Höppner 1994 in Sachsen-Anhalt erstmals eine rot-grüne Minderheitsregierung bildete, schwärmte er von einem neuen demokratischen Modell. Endlich stünden sich Regierung und Parlament wieder gegenüber, denn die Regierung müsse sich ja für jedes Gesetz eine Mehrheit unter den Abgeordneten suchen. Offene Debatten und das Ringen um den besten Weg, ganz wie im Demokratielehrbuch, sah er schon am Horizont.

Das Modell hielt dann tatsächlich acht Jahre. Doch in der Praxis sah es weit profaner aus als es sich der Regierungschef zunächst ausgemalt hatte: Die SPD stützte sich, erst gemeinsam mit den Grünen, dann vier Jahre lang allein, auf eine Tolerierung durch die PDS. Von offenen Abstimmungen war kaum mehr die Rede.

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Auch in Nordrhein-Westfalen reden SPD und Grüne jetzt von wechselnden Mehrheiten, mit deren Hilfe sie als Minderheit künftig in Düsseldorf regieren wollen. Aber anders als in Sachsen-Anhalt könnte sich hier tatsächlich ein neues Modell etablieren, über das Land hinaus. Denn seit dem Entstehen des Fünfparteiensystems sind Mehrheiten für Zweierbündnisse, jenseits der Großen Koalition, unwahrscheinlicher geworden. Dreier-Bündnisse aber finden, wie sich in NRW zeigte, oft nur schwer zusammen. Gut möglich also, dass künftig auch in anderen Ländern und womöglich auch im Bund sich keine mehrheitsfähige Koalition findet, solange die SPD – aus schlechter Wahl-Erfahrung – die Große Koalition scheut.

Undemokratischer als Mehrheitsregierungen müssen solche Konstellationen nicht sein. Das Grundgesetz und die Landesverfassungen sehen sie sogar ausdrücklich vor, auch wenn davon in Deutschland bislang wenig Gebrauch gemacht wurde. Findet der Regierungschef in den ersten Wahlgängen keine absolute Mehrheit, kann er schließlich auch mit einfacher Mehrheit gewählt werden – und ein Kabinett bilden.

In Skandinavien, aber auch in anderen Ländern haben Minderheitsregierungen eine lange Tradition. Zumeist stützen sie sich auf eine oder mehrere kleinere Parteien, wie derzeit auch die Sozialisten in Spanien. Sicher sind solche Konstellationen fragiler als echte Koalitionsregierungen. Aber zu instabilen Verhältnissen müssen sie nicht führen.

Auch in NRW werden SPD und Grüne eine ganze Weile unbesorgt regieren können. Schließlich fehlt ihr nur eine Stimme zur absoluten Mehrheit. Ganz ohne Absprachen wird es dennoch nicht gehen. Zwar reicht für die meisten Gesetze die einfache Mehrheit, doch spätestens wenn es um den Haushalt 2011 geht, werden sie auf Stimmen der Linken oder der FDP angewiesen sein.

Solche Absprachen werden dann aber offen getroffen werden müssen. Das Parlament wird damit wieder zum Forum, in dem um Mehrheiten gerungen wird. Von Fall zu Fall werden die Linkspartei, die FDP oder auch gar die CDU überlegen müssen, ob sie Gesetzen der rot-grünen Minderheit zustimmen oder nicht. Aber nur wenn sich die Opposition einigt, die Linkspartei also mit Schwarz-Gelb stimmt, bekäme Rot-Grün ein Problem.

Solange dies aber nicht geschieht, und dafür spricht angesichts der programmatischen Nähe von Linkspartei und Rot-Grün wenig, muss Hannelore Kraft, der Ministerpräsidentin in spe, nicht bange sein. Sie kann ihren angestrebten Politikwechsel angehen, ohne sich fest mit den Linken einzulassen, die sie nach den kurzen rot-rot-grünen Sondierungsgesprächen als regierungs- und politikunfähig beurteilt hat. Gleichzeitig kann sie abwarten, ob ihr auf Dauer aus der Linken oder auch aus der FDP doch noch ein möglicher Koalitionspartner erwächst.

Leser-Kommentare
  1. orientiert und der hier der des öfteren anzutreffenden politischen Stimmungsmacherei à la Michael Schlieben den Wind aus den Segeln nimmt.

    Danke dafür!

    • allbay
    • 18.06.2010 um 15:48 Uhr

    Endlich mal ein luzider Beitrag ohne künstliche Aufgeregtheiten zum Thema NRW. Auf diese Art über aktuelle Ereignisse zu berichten, sollte das Aushängeschild der ZEIT sein.

  2. ein Fan von Rot-Grün, noch von Minderheitsregierungen, aber für NRW ist das kommende Modell die beste und stabilste Lösung. Für eine Ampel waren die Grünen offenbar noch nicht reif genug, eine Große Koalition hätte die Überreste der Volksparteien noch weiter dezimiert, und Jamaika und das Kommunistenbündnis waren glücklicherweise von Anfang an nicht gerade realistisch. Also: Ein sauberes Ergebnis, und für Demokratiefans sicherlich auch die interessanteste Konstellation. Bleibt zu hoffen, dass sich die Parlamentarier der künftigen Oppositionsfraktionen verantwortungsvoll verhalten und im Einzelfall nicht nach Fraktionszugehörigkeit, sondern tatsächlich nach Maßgabe ihres Gewissens abstimmen. Der Demokratie würde es guttun.

  3. Es ist NICHT NUR EINE Form der Minderheitsregierung (also Rot-Grün, von der Linken toleriert) demokratisch, sondern auch die gegenwärtig geschäftsführend im Amt befindlichen schwarz-gelbe Minderheitsregierung Rüttgers/Pinkwart ist eine demokratische Lösung. Dieser könnte sogar Erfolg beschieden sein, denn es ist sehr stark zu erwarten, dass sich die SPD, die Grünen und die Linken sehr schnell und sehr gründlich zerstreiten werden.
    Natürlich vorausgesetzt, dass es überhaupt zu einer Wahl von Frau Kraft zur Ministerpräsidentin kommt, was gar nicht so sicher ist. Schliesslich lassen die Menetekel von Kiel (Simonis) und Wiesbaden (Ypsilanti) grüßen ...

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    reden Sie denn hier? Die FDP in Person des NRW-Vorsitzenden hat eben diese Koalition per Interview aufgekündigt.

    Klingt für mich nicht sehr stabil, zumal eine Partei involviert wäre, die sich Bundesweit mit Mühe an den 5% klammert und damit sicher nicht als Stabilitätsgarant bewertet werden kann.

    Hinzu kommt dann noch, dass diese Minderheitsregierung deutlich weniger Stimmen zusammen bringt, als die SPD/Grüne-Koalition, also wieder eher ein Hinweis auf die Instabilität der von Ihnen favorisierten Lösung.

    reden Sie denn hier? Die FDP in Person des NRW-Vorsitzenden hat eben diese Koalition per Interview aufgekündigt.

    Klingt für mich nicht sehr stabil, zumal eine Partei involviert wäre, die sich Bundesweit mit Mühe an den 5% klammert und damit sicher nicht als Stabilitätsgarant bewertet werden kann.

    Hinzu kommt dann noch, dass diese Minderheitsregierung deutlich weniger Stimmen zusammen bringt, als die SPD/Grüne-Koalition, also wieder eher ein Hinweis auf die Instabilität der von Ihnen favorisierten Lösung.

    • joflo
    • 18.06.2010 um 15:59 Uhr

    Auch eine Drei-Parteien/Zwei-Fraktionen-Koalition mit absoluter Mehrheit ist nicht zwangsweise ein Hort der Stabilitaet...

  4. Die skandinavischen Staaten zeigen uns, dass Minderheitsregierungen möglich sind. In Deutschland ist leider die Fundamentalopposition üblich. Da muss man abwarten, ob es Fr. Kraft gelingt, diese Fundamentaloppositionellen auf Regierungslinie zu bringen. Dazu muss Fr. Kraft Befürworter bei den Linken, bei der FDP oder auch bei der CDU (!) finden. Es genügen dazu 2 Stimmen!
    Hrn. Rüttgers werfe ich vor, dass er sich weder um eine große Koalition, noch um eine Jamaika-Koalition bemüht hat. Alle Initiativen gingen immer von Fr. Kraft aus, obwohl die CDU die meisten Stimmen bekommen hat. Es wäre die Aufgabe von Hrn. Rüttgers gewesen, eine neue Regierung zu bilden. Bei möglichen Neuwahlen wird die CDU die Quittung für die Regierungsverweigerung bekommen.

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    "Es wäre die Aufgabe von Hrn. Rüttgers gewesen, eine neue Regierung zu bilden." Das duerfte wohl ein aussichtslose Unterfangen gewesen sein. Der CDU in NRW fehlten, trotz der zahlenmaessig meisten Stimmen, die Partner. Die FDP hatte sich laut Pinkwart zurueckgezogen (haette sowieso trotzdem nicht gereicht)und SPD sowie Gruene wollten mit der CDU nicht koalieren, weil sie den Waehlern einen Poliitkwechsel versprochen hatten. Ferner ging es darum, die Mehrheit von CDU/CSU und FDP im Bundesrat zu brechen.

    "Es wäre die Aufgabe von Hrn. Rüttgers gewesen, eine neue Regierung zu bilden." Das duerfte wohl ein aussichtslose Unterfangen gewesen sein. Der CDU in NRW fehlten, trotz der zahlenmaessig meisten Stimmen, die Partner. Die FDP hatte sich laut Pinkwart zurueckgezogen (haette sowieso trotzdem nicht gereicht)und SPD sowie Gruene wollten mit der CDU nicht koalieren, weil sie den Waehlern einen Poliitkwechsel versprochen hatten. Ferner ging es darum, die Mehrheit von CDU/CSU und FDP im Bundesrat zu brechen.

  5. gegen die vorschnelle Gleichsetzung von demokratisch mit gut. Die Demokratie ist eine Verfahrensweise, um Regierungen unblutig ersetzen zu können. Ob die Regierung dann auch "gut" ist, ist letztlich eine ganz andere Frage.

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