NS-Verbrechen Späte Spuren des Dritten Reichs
Die Staatsanwaltschaft Hannover ermittelt gegen einen 95-jährigen ehemaligen SS-Mann. Er soll 1944 an Massakern in Ostpolen beteiligt gewesen sein. Auf die Spur kamen ihm hartnäckige Rechercheure.
"In einem der wohl letzten NS-Kriegsverbrecherprozesse ..." – so fangen seit Jahren Berichte über Verfahren gegen Veteranen von Wehrmacht oder SS an. Von Erich Priebke – verurteilt 1998 –, über Josef Scheungraber (2009) und Heinrich Boere (März 2010) bis Iwan Demjanjuk , der in München vor Gericht steht: Männer, alle weit über 80, werden von Verbrechen eingeholt, die sie mit 20, 30 Jahren begangen haben sollen.
Nun wird gegen einen weiteren hochbetagten möglichen Kriegsverbrecher ermittelt. Erich Steidtmann ist Jahrgang 1914, er wird bald 96 Jahre alt. Ausweislich seiner Mitgliedsnummer trat er schon 1933 der SS bei. Er meldete sich freiwillig zur Wehrmacht, an die Ostfront, für den Einsatz im Warschauer Ghetto. Er brachte es zum SS-Hauptsturmführer, kommandierte 1943 eine Polizei-Kompanie, die an Massakern in Ostpolen beteiligt war. Mehrmals wurde gegen ihn ermittelt, ohne Ergebnis. Jetzt hat die Staatsanwaltschaft Hannover eine neue Untersuchung eingeleitet.
- Die LIste
Das Simon-Wiesenthal-Zentrum hat im April seine Liste der zehn meistgesuchten mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher aktualisiert. Gestrichen wurden Iwan Demjanjuk (in München vor Gericht), Heinrich Boere (in Aachen verurteilt) und der Este Harry Mannil (in Costa Rica verstorben). Als wahrscheinlich tot gesondert gelistet sind Alois Brunner, rechte Hand von Holocaust-Organisator Adolf Eichmann, und KZ-Arzt Aribert Heim.
- Meistgesuchte
Sandor Kepiro, ungarischer Ex-Polizeioffizier, führt die Liste nun an. Der heute 95-Jährige soll im Januar 1942 im serbischen Novi Sad an der Ermordung von mehr als 1200 Zivilisten beteiligt gewesen sein. Er lebt in Ungarn, ein Ermittlungsverfahren zieht sich hin. Nummer zwei, Milivoj Asner, soll als Polizeichef in Kroatien bei der Verfolgung Hunderter Serben, Juden und Roma geholfen haben. Österreich verweigert seine Auslieferung an Kroatien aus Gesundheitsgründen.
- Nummer 3 + 4
Neu auf der Liste ist auf Platz drei Samuel K., der im Vernichtungslager Belzec gearbeitet haben soll. Sein Name tauchte im Verfahren gegen Demjanjuk auf. Er lebt in Deutschland, gegen ihn wird ermittelt. Auch Nummer vier ist neu: Der Ex-SS-Unteroffizier Adolf S. soll im März 1945 am Mord an 58 jüdischen Zwangsarbeitern im Dorf Deutsch Schützen in Österreich beteiligt gewesen sein. Ein Student fand ihn zufällig. Die Staatsanwaltschaft Dortmund erhob Anklage; die Verhandlungsfähigkeit von Adolf S. wird geprüft.
- Nummer 5 - 7
Die Verdächtigen fünf bis sieben sind bekannt: Klaas Carl Faber wurde in den Niederlanden verurteilt, floh 1952 aus dem Gefängnis und lebt heute in Ingolstadt. Karoly (Charles) Zentai soll in Budapest am Mord an Juden beteiligt gewesen sein. Er wehrt sich in Australien gegen die Auslieferung an Ungarn. Soeren Kam wird unter anderem der Tötung eines dänischen Journalisten beschuldigt. Deutschland verweigert die Ausweisung an Dänemark, weil es sich um verjährten Totschlag handele.
- Nummer 8 - 10
Auf Platz acht neu hinzugekommen ist der in den USA lebende Peter Egner, der bei der Sicherheitspolizei in Belgrad am Holocaust beteiligt gewesen sein soll. Serbien hat seine Ausweisung beantragt. Auf Platz neun steht der in Litauen verurteilte Algimantas Dalide, der Juden festnahm. Er musste seine Haft nie antreten und lebt in Deutschland. Der Ex-Dolmetscher der Gestapo in Weißrussland, Michail Gorschkow, kam seiner Ausweisung aus den USA zuvor und lebt in Estland, wo nun gegen ihn ermittelt wird.
Die Geschichte von Erich Steidtmann ist alles andere als einzigartig in Nachkriegsdeutschland. Im Entnazifizierungsverfahren stritt er nach dem Krieg jede Beteiligung an NS-Verbrechen ab, er galt als "entlastet". Er wurde Fahrlehrer und trat in die SPD ein. Als Anfang der sechziger Jahre im Zuge der Auschwitzprozesse die großen und kleinen Mittäter in den Blick der Justiz gerieten, wurde auch Steidtmann vernommen, doch die Untersuchung wurde 1974 eingestellt: Es mangelte an Beweisen, wie bei Zehntausenden mutmaßlichen NS-Verbrechern, gegen die damals ermittelt wurde.
Typisch am Fall Steidtmann ist auch, dass es nicht hartnäckige Staatsanwälte sind, denen neue Ermittlungen zu verdanken sind, sondern Historiker und Journalisten. Untypisch ist nur der Beitrag von Erich Steidtmann: Er klagte 2007 gegen ein Buch, in dem die ehemalige Gestapo-Sekretärin Lisl Urban detailreich eine Liebesbeziehung mit einem zur Erholung in Prag weilenden "Hauptmann Eike" schildert. Steidtmann erkannte sich in dem Offizier wieder und sah seine Ehre verletzt. Urbans Buch erreichte mit Mühe eine vierstellige Auflage; erst die Klage bescherte ihm Aufmerksamkeit, mehrere Zeitungen berichteten, manche nannten seinen vollen Namen.
Urban schreibt, "Hauptmann Eike" habe an Alpträumen gelitten, weil er an Exekutionen beteiligt gewesen sei. Steidtmann bestreitet das: Sein Bataillon habe im Warschauer Ghetto "die äußere Absperrung zu gewährleisten und später den Aufstand mit 400 deutschen Deserteuren zu bewältigen" gehabt. Damit wurde sein Aufenthalt in Warschau, den Urban gar nicht erwähnt hatte, zum Thema.
Der Historiker Stefan Klemp, Autor eines Standardwerks über NS-Polizeibataillone und für das Simon-Wiesenthal-Center tätig, fand Belege dafür, dass Erich Steidtmann an der brutalen Niederschlagung des Ghetto-Aufstandes beteiligt war, und gab sie an die Behörden weiter. Auf Umwegen landeten sie in Hannover, wo Steidtmann wohnt. Oberstaatsanwältin Angelika Gresel sah jedoch aufgrund der Aktenlage zunächst keinen Ansatzpunkt, die in den siebziger Jahren eingestellten Ermittlungen wiederaufzunehmen.
Dass es dabei nicht blieb, daran ist Iwan Demjanjuk schuld. Zwei Redakteure des Magazins der Süddeutschen Zeitung nahmen das Verfahren gegen den SS-Helfer zum Anlass für eine Geschichte über den unterschiedlichen Umgang mit mutmaßlichen NS-Kriegsverbrechern. Bei den Recherchen stießen sie auf den Einsatz von Steidtmann im Herbst 1943 im Raum Lublin .
- Datum 15.06.2010 - 12:19 Uhr
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- Quelle ZEIT ONLINE
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Es wäre wünschenswert, wenn man sich den aktuellen Kriegsverbrechern auch so intensiv widmen würde.
...ist schon so gut wie posthum.
Der ganze Fall ist lediglich ein Armutszeugnis für ein Justizsystem, das 65 Jahren lang bei der Täterverfolgung versagt hat. Gerechtigkeit ist so nicht mehr zu erreichen.
Nach Justinian sollte Strafe "zur Besserung des Menschen" verhängt werden. Das kann man hier wohl vergessen; was übrig bleibt, ist der übliche publikumswirksame Aktionismus. Spart lieber unsere Steuergelder, lasst den Mann daheim sterben und gesteht euch ein: Der ist seiner gerechten Strafe entkommen. Was vorbei ist, ist vorbei.
.. wenn wir uns mit ebensolchem Enthusiasmus, der Vergangenheitsbewältigung stellen würden, wie wir Greise anklagen. Angenommen es käme zu einem Schuldspruch, was ich bezweifel, dann würde er doch sowieso begnadigt.
Was soll das ? JETZT werden noch potentielle Verbrecher angeklagt, jetzt wo deren Zeit sowieso jeden Tag vorbei sein kann. Jahrzehnte, ja über ein halbes Jahrhundert hatte man Zeit.
Selbstverständlich sind Kriegsverbrechen, jedglicher Art und egal von welcher Nation begangen, zu verurteilen & nach Möglichkeit aufzuklären.
Aber das Journalisten mehr Erfolg haben im Verbrecherfinden, als die Staatsanwaltschaften ist schlecht.
In Ihrem Kommentar schwingt so ein wenig die Einstellung mit "lasst doch den armen alten Mann in Ruhe". Das halte ich für eine bedenkliche Einstellung. Denn vielleicht hat dieser was weiss ich für Morde begangen und hat es immer wieder geschafft, sich durch Lügen aus der Affäre zu ziehen.
Es mag durchaus sein, dass er stirbt, bevor es zu einem Urteil kommt. Sollte er unschuldig sein, so wird er freigesprochen.
Sollte er aber schuldig sein, so ist es die Anstrengung auf jeden Fall Wert, dass er sich selbst noch einmal mit seinen Vergehen auseinandersetzen muss. Mit Vergehen, die er vermutlich sein Leben lang vor sich selbst geleugnet hat.
Und für potentielle neue Kriegsverbrecher ist das auch ein wichtiges Zeichen: Auch wenn Ihr es schaffen solltet, Euch den Gerichten der Erde zu entziehen durch Tricks, Lügen und Mord. Früher oder später wird Euch Eure Vergangenheit einholen und Ihr werdet Euch mit Euch selbst auseinandersetzen müssen.
Und besonders SSler, die "immer nur ihre Pflicht getan haben" haben es besonders nötig, dass sie mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Schandtaten konfrontiert werden.
Deshalb kann man die Anstrengungen in Hannover nur unterstützen. Sie bringen Gerechtigkeit, auch wenn es zu keinem Urteil kommen sollte.
In Ihrem Kommentar schwingt so ein wenig die Einstellung mit "lasst doch den armen alten Mann in Ruhe". Das halte ich für eine bedenkliche Einstellung. Denn vielleicht hat dieser was weiss ich für Morde begangen und hat es immer wieder geschafft, sich durch Lügen aus der Affäre zu ziehen.
Es mag durchaus sein, dass er stirbt, bevor es zu einem Urteil kommt. Sollte er unschuldig sein, so wird er freigesprochen.
Sollte er aber schuldig sein, so ist es die Anstrengung auf jeden Fall Wert, dass er sich selbst noch einmal mit seinen Vergehen auseinandersetzen muss. Mit Vergehen, die er vermutlich sein Leben lang vor sich selbst geleugnet hat.
Und für potentielle neue Kriegsverbrecher ist das auch ein wichtiges Zeichen: Auch wenn Ihr es schaffen solltet, Euch den Gerichten der Erde zu entziehen durch Tricks, Lügen und Mord. Früher oder später wird Euch Eure Vergangenheit einholen und Ihr werdet Euch mit Euch selbst auseinandersetzen müssen.
Und besonders SSler, die "immer nur ihre Pflicht getan haben" haben es besonders nötig, dass sie mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Schandtaten konfrontiert werden.
Deshalb kann man die Anstrengungen in Hannover nur unterstützen. Sie bringen Gerechtigkeit, auch wenn es zu keinem Urteil kommen sollte.
In Ihrem Kommentar schwingt so ein wenig die Einstellung mit "lasst doch den armen alten Mann in Ruhe". Das halte ich für eine bedenkliche Einstellung. Denn vielleicht hat dieser was weiss ich für Morde begangen und hat es immer wieder geschafft, sich durch Lügen aus der Affäre zu ziehen.
Es mag durchaus sein, dass er stirbt, bevor es zu einem Urteil kommt. Sollte er unschuldig sein, so wird er freigesprochen.
Sollte er aber schuldig sein, so ist es die Anstrengung auf jeden Fall Wert, dass er sich selbst noch einmal mit seinen Vergehen auseinandersetzen muss. Mit Vergehen, die er vermutlich sein Leben lang vor sich selbst geleugnet hat.
Und für potentielle neue Kriegsverbrecher ist das auch ein wichtiges Zeichen: Auch wenn Ihr es schaffen solltet, Euch den Gerichten der Erde zu entziehen durch Tricks, Lügen und Mord. Früher oder später wird Euch Eure Vergangenheit einholen und Ihr werdet Euch mit Euch selbst auseinandersetzen müssen.
Und besonders SSler, die "immer nur ihre Pflicht getan haben" haben es besonders nötig, dass sie mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Schandtaten konfrontiert werden.
Deshalb kann man die Anstrengungen in Hannover nur unterstützen. Sie bringen Gerechtigkeit, auch wenn es zu keinem Urteil kommen sollte.
Einen bedenklichen Unterton wollte ich nicht erzielen.
Aber ja, ich denke das es sinnfrei ist dem Typn jetzt noch hinterher zu rennen.
Gerade in Deutschland sind die Gerichte überlastet und jede Verhandlung kostet imense Zeit und Geld.
Zitat: "Es mag durchaus sein, dass er stirbt, bevor es zu einem Urteil kommt."
Und was ist dann gewonnen ? Sie sagen potentielle Kriegsverbrecher werden so abgeschreckt. Ich weiss ja nicht, wenn es bedeutet, dass ich die abartigsten Verbrechen begehen kann und erst belangt werde, wenn ich sowieso jeden Tag sterben könnte.. was soll mich abschrecken ? Gesundheitlich scheint es dem Mann nicht sonderlich zu gehen, vielleicht wünscht er sich deswegen sogar das zeitliche zu segnen. Er hat sein Leben gelebt.
Was mich aber aufregt ist einfach, dass die Justiz mehrfach diesen Mann im Fokus hatte. Und jedesmal kam es aus welchen Gründen auch immer zur Einstellung des Verfahrens.
Damals hätte es etwas gebracht, sollte er schuldig sein, ihn zu verurteilen. Damals, als er seine Freiheit noch geniessen konnte und auslebte. Damals, als es andere vielleicht abgeschreckt hätte.
Gerechtigkeit kann es nur geben, wenn Betroffene noch etwas von ihr erleben. Und jede wette die, sind mitlerweile alle verstorben, sowie mögliche Zeugen.
Sowas ist einfach nicht in Ordnung. Natürlich kann im Laufe der Zeit neues Infomaterial ans Licht kommen. Aber Sinn macht diese Verhandlung allerhöchstens moralisch, wobei auch da zweigeteilt.
Einen bedenklichen Unterton wollte ich nicht erzielen.
Aber ja, ich denke das es sinnfrei ist dem Typn jetzt noch hinterher zu rennen.
Gerade in Deutschland sind die Gerichte überlastet und jede Verhandlung kostet imense Zeit und Geld.
Zitat: "Es mag durchaus sein, dass er stirbt, bevor es zu einem Urteil kommt."
Und was ist dann gewonnen ? Sie sagen potentielle Kriegsverbrecher werden so abgeschreckt. Ich weiss ja nicht, wenn es bedeutet, dass ich die abartigsten Verbrechen begehen kann und erst belangt werde, wenn ich sowieso jeden Tag sterben könnte.. was soll mich abschrecken ? Gesundheitlich scheint es dem Mann nicht sonderlich zu gehen, vielleicht wünscht er sich deswegen sogar das zeitliche zu segnen. Er hat sein Leben gelebt.
Was mich aber aufregt ist einfach, dass die Justiz mehrfach diesen Mann im Fokus hatte. Und jedesmal kam es aus welchen Gründen auch immer zur Einstellung des Verfahrens.
Damals hätte es etwas gebracht, sollte er schuldig sein, ihn zu verurteilen. Damals, als er seine Freiheit noch geniessen konnte und auslebte. Damals, als es andere vielleicht abgeschreckt hätte.
Gerechtigkeit kann es nur geben, wenn Betroffene noch etwas von ihr erleben. Und jede wette die, sind mitlerweile alle verstorben, sowie mögliche Zeugen.
Sowas ist einfach nicht in Ordnung. Natürlich kann im Laufe der Zeit neues Infomaterial ans Licht kommen. Aber Sinn macht diese Verhandlung allerhöchstens moralisch, wobei auch da zweigeteilt.
Einen bedenklichen Unterton wollte ich nicht erzielen.
Aber ja, ich denke das es sinnfrei ist dem Typn jetzt noch hinterher zu rennen.
Gerade in Deutschland sind die Gerichte überlastet und jede Verhandlung kostet imense Zeit und Geld.
Zitat: "Es mag durchaus sein, dass er stirbt, bevor es zu einem Urteil kommt."
Und was ist dann gewonnen ? Sie sagen potentielle Kriegsverbrecher werden so abgeschreckt. Ich weiss ja nicht, wenn es bedeutet, dass ich die abartigsten Verbrechen begehen kann und erst belangt werde, wenn ich sowieso jeden Tag sterben könnte.. was soll mich abschrecken ? Gesundheitlich scheint es dem Mann nicht sonderlich zu gehen, vielleicht wünscht er sich deswegen sogar das zeitliche zu segnen. Er hat sein Leben gelebt.
Was mich aber aufregt ist einfach, dass die Justiz mehrfach diesen Mann im Fokus hatte. Und jedesmal kam es aus welchen Gründen auch immer zur Einstellung des Verfahrens.
Damals hätte es etwas gebracht, sollte er schuldig sein, ihn zu verurteilen. Damals, als er seine Freiheit noch geniessen konnte und auslebte. Damals, als es andere vielleicht abgeschreckt hätte.
Gerechtigkeit kann es nur geben, wenn Betroffene noch etwas von ihr erleben. Und jede wette die, sind mitlerweile alle verstorben, sowie mögliche Zeugen.
Sowas ist einfach nicht in Ordnung. Natürlich kann im Laufe der Zeit neues Infomaterial ans Licht kommen. Aber Sinn macht diese Verhandlung allerhöchstens moralisch, wobei auch da zweigeteilt.
Hallo, ich schreibe Jein, weil ich durchaus Ihre Ansicht verstehen kann, es müsse zu einem Urteil kommen, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Das klingt sachlich logisch.
Allerdings denke ich, dass es auch eine Form von Gerechtigkeit ist, wenn jemand an die eigenen Verbrechen erinnert wird, sich mit ihnen auseinandersetzen muss, und sein Leben nicht einfach beenden kann, ohne jemals über seine eigenen Taten reflektiert zu haben.
Ich gebe zu, dass diese meine Ansicht sehr philosophisch ist und wenig mit rechtsstaatlichen Ergebnissen zu tun hat.
Aber vielleicht funktioniert ja ein Rechtsstaat gerade deswegen, weil er Tätern zeigt, was sie angerichtet haben, es ihnen bewusst macht durch Verfahren, die sich über lange Zeit hinziehen, die dem Täter die Möglichkeit geben, seine Version immer wieder vorzubringen, auch wenn sie nicht wahr ist.
Diese Möglichkeit setzt nämlich einen wirklichen Täter auch immer wieder unter den Zwang, über seine Taten nachzudenken und eine geeignete Verschleierungstaktik auszudenken. Und dies führt letzten Endes dazu, dass ihm stärker vergegenwärtigt wird, was er getan hat. Und sich mit seinen eigenen Taten auseinandersetzen zu müssen, diese als etwas schändliches begreifen zu müssen ist besonders für Leute, wie SSler, die sich anmaßen, über alle anderen richten dürfen, die schwerste Strafe. Deswegen lassen sich auch die ganzen alten SSler sofort Krankschreiben, wenn Verfahren drohen: Weil sie die Wahrheit und sich selbst nicht aushalten.
Ich glaube, um die Strafe wird es bei diesem Prozess kaum gehen. Der Taeter ist so alt, dass er aus gesundheitlichen Gruenden kaum noch ins Gefaengnis kommt, und selbst wenn, dann wird er die Strafe wohl nicht allzu lange mehr erleben.
Fuer den Taeter kann der Prozess moeglicherweise dazu fuehren, dass er noch einmal ueber seine damaligen Taten nachdenkt und spaet zur Einsicht kommt, dass es falsch war.
Wichtiger ist der Prozess aber fuer Deutschland selbst. Indem ein Gericht jetzt feststellt, dass es sich wahrlich um Verbrechen handelte, die begangen wurden, wird entsprechenden Luegen der NPD vorgebaut. Insofern waere es sogar fast wunschenswert, wenn sogar wirklich posthume Prozesse stattfinden, nicht um den Tater zu bestrafen, sondern um die Schuld zu beweisen.
Es ist schon etwas eigenartiges um die deutsch Volksseele:
Wenn wir Nazis sind, dann total.
Wenn wir Kommunisten sind, dann mit vorbildlicher Konsequenz.
Wenn wir auf dem Gutmenschen Trip sind, dann wollen wir perfekt sein.
Was uns aber immer zu fehlen scheint, ist das Augenmaß.
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