NS-Verbrechen Späte Spuren des Dritten ReichsSeite 2/2

Am 3. und 4. November 1943 liquidierten SS und deutsche Polizei die drei letzten Konzentrationslager im besetzten Polen. In Majdanek, Trawniki, und Poniatowa erschossen sie rund 43.000 Juden. SS-Chef Heinrich Himmler hatte diese "Aktion Erntefest" angeordnet, als Abschluss der "Aktion Reinhardt", mit der das besetzte Polen "judenfrei" werden sollte.

Mit dabei war das Hamburger Reserve-Polizeibataillon 101, dessen erste Kompanie Steidtmann seinerzeit anführte. Der Historiker Christopher R. Browning hat 1992 eine Monografie zu diesem Bataillon vorgelegt. Er kommt zu dem Schluss, dass es an praktisch jeder Phase beteiligt war, vom Ausheben der Massengräber bis zum Zusammentreiben der Opfer. Nur die Erschießung selbst übernahmen Spezialeinheiten.

Als Steidtmann 1963 zur "Aktion Erntefest" vernommen wurde, behauptete er, er sei zu der fragliche Zeit im Urlaub gewesen; die Ermittlungen wurden eingestellt. Doch die beiden Redakteure des SZ-Magazins stießen auf einen Brief, den er am 31. Oktober 1943 geschrieben hatte, drei Tage vor der "Aktion Erntefest". Neben dem Datum steht nicht der Ort, sondern die Feldpostnummer von Erich Steidtmann und das Kürzel "O. U.". Das steht für "Ortsunterkunft" und sollte verhindern, dass aus abgefangener Feldpost der Standort einer Einheit erkennbar wurde. S. war also offenbar zu der entscheidenden Zeit in Lublin. Dass ein Kompanieführer so kurz vor Beginn der Liquidierungsaktion Urlaub bekommen haben soll, erklärt Historiker Browning im SZ-Magazin für "vollkommen unglaubhaft".

Das sieht auch Oberstaatsanwältin Angelika Gresel so. Sie nahm die Ermittlungen nun wieder auf und bat das Bundesarchiv um Auskunft über den Feldpostbrief und den Gebrauch des Kürzels "O. U.". Sie will Zeugen suchen, auch die Rolle von Steidtmann im Warschauer Ghetto noch einmal untersuchen. Er soll vernommen werden, musste aber zwischenzeitlich ins Krankenhaus.

Der Artikel im SZ-Magazin ist im April erschienen, wieder ist der Name Erich Steidtmann in der Presse. Das Simon-Wiesenthal-Center überlegt, ihn auf seine Liste der zehn meistgesuchten NS-Schergen zu setzen. Wie weit die Untersuchungen seither gediehen sind, dazu gibt die Anklagebehörde keine Auskunft. Aber die Akten sind dick, die Dienstwege lang. Es lässt sich ahnen: Schnell wird das alles nicht gehen, und der Beschuldigte ist sehr alt. Vielleicht ist der Prozess gegen Demjanjuk ja doch der letzte deutsche Prozess gegen einen mutmaßlichen NS-Kriegsverbrecher.

 
Leser-Kommentare
  1. Es wäre wünschenswert, wenn man sich den aktuellen Kriegsverbrechern auch so intensiv widmen würde.

  2. ...ist schon so gut wie posthum.

    Der ganze Fall ist lediglich ein Armutszeugnis für ein Justizsystem, das 65 Jahren lang bei der Täterverfolgung versagt hat. Gerechtigkeit ist so nicht mehr zu erreichen.

    Nach Justinian sollte Strafe "zur Besserung des Menschen" verhängt werden. Das kann man hier wohl vergessen; was übrig bleibt, ist der übliche publikumswirksame Aktionismus. Spart lieber unsere Steuergelder, lasst den Mann daheim sterben und gesteht euch ein: Der ist seiner gerechten Strafe entkommen. Was vorbei ist, ist vorbei.

  3. .. wenn wir uns mit ebensolchem Enthusiasmus, der Vergangenheitsbewältigung stellen würden, wie wir Greise anklagen. Angenommen es käme zu einem Schuldspruch, was ich bezweifel, dann würde er doch sowieso begnadigt.

    Was soll das ? JETZT werden noch potentielle Verbrecher angeklagt, jetzt wo deren Zeit sowieso jeden Tag vorbei sein kann. Jahrzehnte, ja über ein halbes Jahrhundert hatte man Zeit.

    Selbstverständlich sind Kriegsverbrechen, jedglicher Art und egal von welcher Nation begangen, zu verurteilen & nach Möglichkeit aufzuklären.
    Aber das Journalisten mehr Erfolg haben im Verbrecherfinden, als die Staatsanwaltschaften ist schlecht.

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    In Ihrem Kommentar schwingt so ein wenig die Einstellung mit "lasst doch den armen alten Mann in Ruhe". Das halte ich für eine bedenkliche Einstellung. Denn vielleicht hat dieser was weiss ich für Morde begangen und hat es immer wieder geschafft, sich durch Lügen aus der Affäre zu ziehen.
    Es mag durchaus sein, dass er stirbt, bevor es zu einem Urteil kommt. Sollte er unschuldig sein, so wird er freigesprochen.
    Sollte er aber schuldig sein, so ist es die Anstrengung auf jeden Fall Wert, dass er sich selbst noch einmal mit seinen Vergehen auseinandersetzen muss. Mit Vergehen, die er vermutlich sein Leben lang vor sich selbst geleugnet hat.
    Und für potentielle neue Kriegsverbrecher ist das auch ein wichtiges Zeichen: Auch wenn Ihr es schaffen solltet, Euch den Gerichten der Erde zu entziehen durch Tricks, Lügen und Mord. Früher oder später wird Euch Eure Vergangenheit einholen und Ihr werdet Euch mit Euch selbst auseinandersetzen müssen.
    Und besonders SSler, die "immer nur ihre Pflicht getan haben" haben es besonders nötig, dass sie mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Schandtaten konfrontiert werden.
    Deshalb kann man die Anstrengungen in Hannover nur unterstützen. Sie bringen Gerechtigkeit, auch wenn es zu keinem Urteil kommen sollte.

    In Ihrem Kommentar schwingt so ein wenig die Einstellung mit "lasst doch den armen alten Mann in Ruhe". Das halte ich für eine bedenkliche Einstellung. Denn vielleicht hat dieser was weiss ich für Morde begangen und hat es immer wieder geschafft, sich durch Lügen aus der Affäre zu ziehen.
    Es mag durchaus sein, dass er stirbt, bevor es zu einem Urteil kommt. Sollte er unschuldig sein, so wird er freigesprochen.
    Sollte er aber schuldig sein, so ist es die Anstrengung auf jeden Fall Wert, dass er sich selbst noch einmal mit seinen Vergehen auseinandersetzen muss. Mit Vergehen, die er vermutlich sein Leben lang vor sich selbst geleugnet hat.
    Und für potentielle neue Kriegsverbrecher ist das auch ein wichtiges Zeichen: Auch wenn Ihr es schaffen solltet, Euch den Gerichten der Erde zu entziehen durch Tricks, Lügen und Mord. Früher oder später wird Euch Eure Vergangenheit einholen und Ihr werdet Euch mit Euch selbst auseinandersetzen müssen.
    Und besonders SSler, die "immer nur ihre Pflicht getan haben" haben es besonders nötig, dass sie mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Schandtaten konfrontiert werden.
    Deshalb kann man die Anstrengungen in Hannover nur unterstützen. Sie bringen Gerechtigkeit, auch wenn es zu keinem Urteil kommen sollte.

  4. In Ihrem Kommentar schwingt so ein wenig die Einstellung mit "lasst doch den armen alten Mann in Ruhe". Das halte ich für eine bedenkliche Einstellung. Denn vielleicht hat dieser was weiss ich für Morde begangen und hat es immer wieder geschafft, sich durch Lügen aus der Affäre zu ziehen.
    Es mag durchaus sein, dass er stirbt, bevor es zu einem Urteil kommt. Sollte er unschuldig sein, so wird er freigesprochen.
    Sollte er aber schuldig sein, so ist es die Anstrengung auf jeden Fall Wert, dass er sich selbst noch einmal mit seinen Vergehen auseinandersetzen muss. Mit Vergehen, die er vermutlich sein Leben lang vor sich selbst geleugnet hat.
    Und für potentielle neue Kriegsverbrecher ist das auch ein wichtiges Zeichen: Auch wenn Ihr es schaffen solltet, Euch den Gerichten der Erde zu entziehen durch Tricks, Lügen und Mord. Früher oder später wird Euch Eure Vergangenheit einholen und Ihr werdet Euch mit Euch selbst auseinandersetzen müssen.
    Und besonders SSler, die "immer nur ihre Pflicht getan haben" haben es besonders nötig, dass sie mit ihrer eigenen Vergangenheit und ihren Schandtaten konfrontiert werden.
    Deshalb kann man die Anstrengungen in Hannover nur unterstützen. Sie bringen Gerechtigkeit, auch wenn es zu keinem Urteil kommen sollte.

    Eine Leser-Empfehlung
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    Einen bedenklichen Unterton wollte ich nicht erzielen.
    Aber ja, ich denke das es sinnfrei ist dem Typn jetzt noch hinterher zu rennen.
    Gerade in Deutschland sind die Gerichte überlastet und jede Verhandlung kostet imense Zeit und Geld.

    Zitat: "Es mag durchaus sein, dass er stirbt, bevor es zu einem Urteil kommt."

    Und was ist dann gewonnen ? Sie sagen potentielle Kriegsverbrecher werden so abgeschreckt. Ich weiss ja nicht, wenn es bedeutet, dass ich die abartigsten Verbrechen begehen kann und erst belangt werde, wenn ich sowieso jeden Tag sterben könnte.. was soll mich abschrecken ? Gesundheitlich scheint es dem Mann nicht sonderlich zu gehen, vielleicht wünscht er sich deswegen sogar das zeitliche zu segnen. Er hat sein Leben gelebt.

    Was mich aber aufregt ist einfach, dass die Justiz mehrfach diesen Mann im Fokus hatte. Und jedesmal kam es aus welchen Gründen auch immer zur Einstellung des Verfahrens.
    Damals hätte es etwas gebracht, sollte er schuldig sein, ihn zu verurteilen. Damals, als er seine Freiheit noch geniessen konnte und auslebte. Damals, als es andere vielleicht abgeschreckt hätte.

    Gerechtigkeit kann es nur geben, wenn Betroffene noch etwas von ihr erleben. Und jede wette die, sind mitlerweile alle verstorben, sowie mögliche Zeugen.

    Sowas ist einfach nicht in Ordnung. Natürlich kann im Laufe der Zeit neues Infomaterial ans Licht kommen. Aber Sinn macht diese Verhandlung allerhöchstens moralisch, wobei auch da zweigeteilt.

    Einen bedenklichen Unterton wollte ich nicht erzielen.
    Aber ja, ich denke das es sinnfrei ist dem Typn jetzt noch hinterher zu rennen.
    Gerade in Deutschland sind die Gerichte überlastet und jede Verhandlung kostet imense Zeit und Geld.

    Zitat: "Es mag durchaus sein, dass er stirbt, bevor es zu einem Urteil kommt."

    Und was ist dann gewonnen ? Sie sagen potentielle Kriegsverbrecher werden so abgeschreckt. Ich weiss ja nicht, wenn es bedeutet, dass ich die abartigsten Verbrechen begehen kann und erst belangt werde, wenn ich sowieso jeden Tag sterben könnte.. was soll mich abschrecken ? Gesundheitlich scheint es dem Mann nicht sonderlich zu gehen, vielleicht wünscht er sich deswegen sogar das zeitliche zu segnen. Er hat sein Leben gelebt.

    Was mich aber aufregt ist einfach, dass die Justiz mehrfach diesen Mann im Fokus hatte. Und jedesmal kam es aus welchen Gründen auch immer zur Einstellung des Verfahrens.
    Damals hätte es etwas gebracht, sollte er schuldig sein, ihn zu verurteilen. Damals, als er seine Freiheit noch geniessen konnte und auslebte. Damals, als es andere vielleicht abgeschreckt hätte.

    Gerechtigkeit kann es nur geben, wenn Betroffene noch etwas von ihr erleben. Und jede wette die, sind mitlerweile alle verstorben, sowie mögliche Zeugen.

    Sowas ist einfach nicht in Ordnung. Natürlich kann im Laufe der Zeit neues Infomaterial ans Licht kommen. Aber Sinn macht diese Verhandlung allerhöchstens moralisch, wobei auch da zweigeteilt.

  5. Einen bedenklichen Unterton wollte ich nicht erzielen.
    Aber ja, ich denke das es sinnfrei ist dem Typn jetzt noch hinterher zu rennen.
    Gerade in Deutschland sind die Gerichte überlastet und jede Verhandlung kostet imense Zeit und Geld.

    Zitat: "Es mag durchaus sein, dass er stirbt, bevor es zu einem Urteil kommt."

    Und was ist dann gewonnen ? Sie sagen potentielle Kriegsverbrecher werden so abgeschreckt. Ich weiss ja nicht, wenn es bedeutet, dass ich die abartigsten Verbrechen begehen kann und erst belangt werde, wenn ich sowieso jeden Tag sterben könnte.. was soll mich abschrecken ? Gesundheitlich scheint es dem Mann nicht sonderlich zu gehen, vielleicht wünscht er sich deswegen sogar das zeitliche zu segnen. Er hat sein Leben gelebt.

    Was mich aber aufregt ist einfach, dass die Justiz mehrfach diesen Mann im Fokus hatte. Und jedesmal kam es aus welchen Gründen auch immer zur Einstellung des Verfahrens.
    Damals hätte es etwas gebracht, sollte er schuldig sein, ihn zu verurteilen. Damals, als er seine Freiheit noch geniessen konnte und auslebte. Damals, als es andere vielleicht abgeschreckt hätte.

    Gerechtigkeit kann es nur geben, wenn Betroffene noch etwas von ihr erleben. Und jede wette die, sind mitlerweile alle verstorben, sowie mögliche Zeugen.

    Sowas ist einfach nicht in Ordnung. Natürlich kann im Laufe der Zeit neues Infomaterial ans Licht kommen. Aber Sinn macht diese Verhandlung allerhöchstens moralisch, wobei auch da zweigeteilt.

  6. Hallo, ich schreibe Jein, weil ich durchaus Ihre Ansicht verstehen kann, es müsse zu einem Urteil kommen, um für Gerechtigkeit zu sorgen. Das klingt sachlich logisch.
    Allerdings denke ich, dass es auch eine Form von Gerechtigkeit ist, wenn jemand an die eigenen Verbrechen erinnert wird, sich mit ihnen auseinandersetzen muss, und sein Leben nicht einfach beenden kann, ohne jemals über seine eigenen Taten reflektiert zu haben.
    Ich gebe zu, dass diese meine Ansicht sehr philosophisch ist und wenig mit rechtsstaatlichen Ergebnissen zu tun hat.
    Aber vielleicht funktioniert ja ein Rechtsstaat gerade deswegen, weil er Tätern zeigt, was sie angerichtet haben, es ihnen bewusst macht durch Verfahren, die sich über lange Zeit hinziehen, die dem Täter die Möglichkeit geben, seine Version immer wieder vorzubringen, auch wenn sie nicht wahr ist.
    Diese Möglichkeit setzt nämlich einen wirklichen Täter auch immer wieder unter den Zwang, über seine Taten nachzudenken und eine geeignete Verschleierungstaktik auszudenken. Und dies führt letzten Endes dazu, dass ihm stärker vergegenwärtigt wird, was er getan hat. Und sich mit seinen eigenen Taten auseinandersetzen zu müssen, diese als etwas schändliches begreifen zu müssen ist besonders für Leute, wie SSler, die sich anmaßen, über alle anderen richten dürfen, die schwerste Strafe. Deswegen lassen sich auch die ganzen alten SSler sofort Krankschreiben, wenn Verfahren drohen: Weil sie die Wahrheit und sich selbst nicht aushalten.

    • joflo
    • 15.06.2010 um 16:24 Uhr

    Ich glaube, um die Strafe wird es bei diesem Prozess kaum gehen. Der Taeter ist so alt, dass er aus gesundheitlichen Gruenden kaum noch ins Gefaengnis kommt, und selbst wenn, dann wird er die Strafe wohl nicht allzu lange mehr erleben.

    Fuer den Taeter kann der Prozess moeglicherweise dazu fuehren, dass er noch einmal ueber seine damaligen Taten nachdenkt und spaet zur Einsicht kommt, dass es falsch war.

    Wichtiger ist der Prozess aber fuer Deutschland selbst. Indem ein Gericht jetzt feststellt, dass es sich wahrlich um Verbrechen handelte, die begangen wurden, wird entsprechenden Luegen der NPD vorgebaut. Insofern waere es sogar fast wunschenswert, wenn sogar wirklich posthume Prozesse stattfinden, nicht um den Tater zu bestrafen, sondern um die Schuld zu beweisen.

    Eine Leser-Empfehlung
  7. Es ist schon etwas eigenartiges um die deutsch Volksseele:
    Wenn wir Nazis sind, dann total.
    Wenn wir Kommunisten sind, dann mit vorbildlicher Konsequenz.
    Wenn wir auf dem Gutmenschen Trip sind, dann wollen wir perfekt sein.

    Was uns aber immer zu fehlen scheint, ist das Augenmaß.

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