17. Juni Schwans misslungener Vergleich

Was ist bloß mit unseren verhinderten Bundespräsidentinnen los? Gesine Schwan und Luc Jochimsen sehen für Schwarz-Gelb einen 17. Juni heraufziehen.

Viele Abgeordnete trugen an diesem Morgen im Bundestag schwarz, von Jürgen Trittin (Grüne) bis Volker Kauder (CDU). Vor der Regierungsbank, auf der die Bundeskanzlerin fehlte, lagen drei Kränze, zur Erinnerung an die Opfer des Volksaufstands vom 17. Juni 1953 in der DDR. Jener Tag, sagte Bundestagpräsident Norbert Lammert in seiner Ansprache zur Eröffnung der Gedenkstunde, war lange von den Machthabern in Ostberlin als faschistischer Putsch verunglimpft worden; im Westen "verlor sich der symbolisch begangene Tag der deutschen Einheit bis in die achtziger Jahre zunehmend zum fröhlichen Familienausflug ins Grüne."

Lammert schloss seine Rede mit einer Ermutigung – man könne stolz sein auf die deutsche und europäische Freiheitsgeschichte – und übergab das Wort an die Frau, die 2004 und 2009 mit Hilfe von SPD und Grünen versucht hatte, Bundespräsidentin zu werden. Nach der Rede, die Gesine Schwan dann hielt, verließen einige ihrer damaligen Unterstützer hastig den Plenarsaal, blankes Entsetzen auf den Gesichtern. Was war geschehen?

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Gesine Schwan, von Lammert begrüßt als neue Präsidentin der Berliner Humboldt Viadrina School of Government, begann zunächst mit der Erinnerung daran, wie sie selbst als zehnjähriges Mädchen an jenem heißen Sommertag vor 57 Jahren aus der Schule im Wedding nach Hause geschickt wurde. "Es gab Unruhen", es hatte Tote im Ostteil der Stadt gegeben. Schwan erinnerte an den Anlass des Aufstands: die
Normerhöhungen durch die SED-Machthaber, aus denen dann aber der Ruf nach Freiheit und Recht, Rechtsstaat und Gewaltenteilung statt Willkür und Schikane geworden sei. Die blutige Niederschlagung des Aufstands habe diese Forderungen zunächst zum Schweigen gebracht.

Dann aber verstieg sich die Politikwissenschaftlerin zu einem gewagten Vergleich: Das Sparpaket der heutigen schwarz-gelben Regierung sei so etwas wie "Normerhöhungen besonderer Art". Auch heute wieder herrsche in der Bevölkerung "das Gefühl von Ohnmacht und Ungerechtigkeit in unserer Demokratie." Zwar stehe uns kein neuer 17. Juni bevor. "Aber unter der Oberfläche gärt es". Unsere Regierungen und Parlamente seien nicht "hilflos wie die damalige Ost-Berliner Regierung, wenn sie uns als verantwortliche freie Bürger mehr als bisher einbeziehen und wenn wir umgekehrt als verantwortliche Bürger uns mehr als bisher für gemeinwohlverträgliche Lösungen engagieren", sagte Schwan.

Unter den Abgeordneten der Linkspartei ging ein Aufatmen durch die Reihen. Bis zu diesem Punkt hatten sie die Rede pflichtschuldig verfolgt; die Hälfte, einschließlich des Fraktionsvorsitzenden Gregor Gysi, war gar nicht erschienen. Nun strahlten sich Dagmar Enkelmann und Petra Pau, zwei ihrer Parlamentarierinnen, an. Eine SPD-Politikerin, die einst wegen ihres strikten Antikommunismus' aus der Grundwertekommission der SPD ausgeschlossen worden war, vergleicht nun die schwarz-gelbe Regierung mit der SED-Herrschaft der Stalin-Ära? Aus einer für die Linke eher peinlichen Gedenkstund war so unter der Hand ein kleiner Triumph geworden.

Zur Nationalhymne stand der ganze Bundestag dann auf, die Links-Abgeordneten sangen allerdings nicht mit. "Einigkeit und Recht und Freiheit", das geht ihnen noch immer nicht so glatt über die Lippen. Anschließend strömten viele zu Frau Schwan und drückten ihr die Hand oder nahmen sie überschwänglich in die Arme. CDU-Fraktionschef Volker Kauder indes wandte sich entsetzt ab. Die ostdeutsche Bundestags-Vizepräsidentin Katrin Göring-Eckardt von den Grünen verließ fluchtartig den Plenarsaal.

Wenig später trat die Frau ans Rednerpult, die von der Linkspartei am 30. Juni ins Rennen um das Amt des Bundespräsidenten geschickt wird. Die 74-jährige frühere Fernseh-Journalistin Lucrezia Jochimsen, genannt Luc, hielt eine Art "Bewerbungsrede", Thema: "Mit guter Arbeit aus der Krise". Und als hätten sich die beiden verhinderten Bundespräsidentinnen abgesprochen, zog auch Luc Jochimsen eine Parallele zwischen der heutigen Bundesregierung und der SED-Herrschaft. Am 17. Juni 1953 habe sich ja schon gezeigt, "die Arroganz der Mächtigen kann sich böse rächen". Das Sparpaket der Bundesregierung sei eine "Kampfansage", die man annehmen werde. Und zitierte Bertold Brechts Gedicht über die Regierung, die sich ein neues Volk wählen muss.

 
Leser-Kommentare
  1. auch wenn's keiner gerne hört. es ist ordentlich druck auf dem kessel. dass die abgehobene zeit in ihrem elfenbeinturm von der wirklichkeit des einfachen bürgers nicht viel mitbekommt, wundert mich nicht. die frau hat recht. und ich bin mir sicher: die zukunft wird zeigen, wie recht sie hatte. dass die etablierten so panisch reagieren, gefällt mir. zumindest haben sie also noch entsprechende reflexe. die können mal ganz nützlich sein.

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    ...immer weiter erhöhen: Ich habe bereits das zweite Mal an meinen Bundestagsabgeordneten-Hinterbänkler geschrieben. Von dem ich vernüftige Politik verlange und ihm verspreche, ihn dafür bei der nächsten Wahl zu unterstützen mit meiner Stimme - oder eben nicht.

    ...immer weiter erhöhen: Ich habe bereits das zweite Mal an meinen Bundestagsabgeordneten-Hinterbänkler geschrieben. Von dem ich vernüftige Politik verlange und ihm verspreche, ihn dafür bei der nächsten Wahl zu unterstützen mit meiner Stimme - oder eben nicht.

    • Harzer
    • 17.06.2010 um 17:33 Uhr

    So, wie Sie Frau Schwahn oben zitieren,ist doch richtig was sie gesagt hat.
    Vielleicht hat Frau Schwahn etwas scharf formuliert.
    Woher kommt die Verwunderung von Frau Lau ?
    Vielleicht, weil sie auch im Obergeschoß unseres (Gesellschafts-)Hauses wohnt, in dem das Treppenhaus weitgehend eingestürzt ist, und gar nicht mehr erkennt und sieht, was sich im Souterrain abspielt ?
    Aber nur keine Sorge.
    Auch den wildgewordenen Kapitalismus in seinem (Krisen-)Lauf halten, wie schon einmal, weder Ochs noch Esel auf.

    • Edda2
    • 17.06.2010 um 17:37 Uhr

    Soweit ist es also schon in unserer Demokratie: wenn jemand die Wahrheit ausspricht, dann verlassen die arrivierten Politiker entsetzt den Saal. Unfassbar, wie weit die Regierenden bereits von ihrem Souverän entfernt sind. Höchste Zeit, dass diese mutige Frau die Abgehobenen darauf aufmerksam macht.

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    • lepkeb
    • 17.06.2010 um 21:31 Uhr

    schon bei Bundespräsident a.D. Köhler sehen könne. Der man sagt die Wahrheit und die Hexenjagd ist eröffnet.
    Oder wie Chomsky es formuliert: Our world does not reward honesty and independence, it rewards obedience and service. Its a world of concentrated power and those that have power are not going to reward people that question that power. (Quelle: Chomsky: Understanding Power)

    • lepkeb
    • 17.06.2010 um 21:31 Uhr

    schon bei Bundespräsident a.D. Köhler sehen könne. Der man sagt die Wahrheit und die Hexenjagd ist eröffnet.
    Oder wie Chomsky es formuliert: Our world does not reward honesty and independence, it rewards obedience and service. Its a world of concentrated power and those that have power are not going to reward people that question that power. (Quelle: Chomsky: Understanding Power)

  2. ...mit der Hysterie. Andere Länder haben echte Probleme, die Deutschen sind dagegen die Hypochonder dieser Welt mit ihrem Krisen-Gequatsche und ihrem endlosen Gejammer über Regierung und sogenannte "Spar-"pakete. Und wie immer mündet alles in Rebellion und Chaos, drunter macht man's ja nicht.

  3. Ach so, dpa Meldung.

    Hallo Zeit-online! Die Kommentare müssten doch zeigen, dass
    unsere Eliten als Zumutung empfunden werden. Wollen Sie den geneigten Leser ärgern?

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    • LJA
    • 17.06.2010 um 17:57 Uhr

    Genau, es wird Zeit, das Ruder den nicht-Eliten zu übergeben ! Jeden Morgen sehe ich welche auf meinem Weg zur Arbeit, an dem Kiosk, wo ich eine Zeitung kaufe. Die Auswahl ist groß, bald brechen herrliche Zeiten bei uns an.

    • LJA
    • 17.06.2010 um 17:57 Uhr

    Genau, es wird Zeit, das Ruder den nicht-Eliten zu übergeben ! Jeden Morgen sehe ich welche auf meinem Weg zur Arbeit, an dem Kiosk, wo ich eine Zeitung kaufe. Die Auswahl ist groß, bald brechen herrliche Zeiten bei uns an.

  4. aber ich habe die Bilder beim Abspielen der Nationalhymne im Fernsehen gesehen und habe mir gedacht: "Ah, sieh mal wie fest die Frau Pau mitsingt." Sind diese Begleitbeschreibungen eigentlich nur so eine Art Deco, passend zum Text?

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    Und was wäre außerdem bitte so schlimm daran gewesen, wenn sie nicht mitgesungen hätte? Dass es daran gelegen habe, dass ihnen "Einigkeit und Recht und Freiheit ... noch immer nicht so glatt über die Lippen" gehe, ist eine böswillige und Das-sind-alles-Undemokraten-Brille-geprägte Unterstellung. Die Hymne hat nun mal eine Entwicklung durchgemacht, die auch unrühmliche Elemente hatte und schließlich zur Hymne Westdeutschlands wurde. Leider wurde es ja versäumt zur Wende eine moderne Hymne für Gesamtdeutschland einzuführen, die den Einigkeits- und Freiheitsbegriff nicht nur für das deutsch-autobeflaggte Vaterland vereinnahmt.

    Und was wäre außerdem bitte so schlimm daran gewesen, wenn sie nicht mitgesungen hätte? Dass es daran gelegen habe, dass ihnen "Einigkeit und Recht und Freiheit ... noch immer nicht so glatt über die Lippen" gehe, ist eine böswillige und Das-sind-alles-Undemokraten-Brille-geprägte Unterstellung. Die Hymne hat nun mal eine Entwicklung durchgemacht, die auch unrühmliche Elemente hatte und schließlich zur Hymne Westdeutschlands wurde. Leider wurde es ja versäumt zur Wende eine moderne Hymne für Gesamtdeutschland einzuführen, die den Einigkeits- und Freiheitsbegriff nicht nur für das deutsch-autobeflaggte Vaterland vereinnahmt.

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