Gesundheitssystem Röslers Reförmchen

Die Gesundheitsprämie kommt, wenn auch nur in Miniatur. Groß sind an der Reform bloß die Zukunftsversprechen – und die Belastungen für die Versicherten. Ein Kommentar

Es war einmal eine Idee. Sie begeisterte einst nicht nur die FDP, sondern auch weite Teile der CDU. Ihr Name war Gesundheitsprämie, besser bekannt als Kopfpauschale. Der Plan war eigentlich ganz einfach. Statt eines einkommensabhängigen Beitrags sollten die gesetzlich Versicherten einen Pauschalbetrag bezahlen, wobei der Staat mit einem aus Steuermitteln finanzierten Sozialausgleich dafür sorgen wollte, dass niemand übermäßig belastet würde.

Die Idee hatte zwei Vorteile: Erstens sollte sie die Arbeitskosten langfristig von den Gesundheitskosten entkoppeln. Der medizinische Fortschritt und die Alterung der Gesellschaft sollten sich nicht mehr unmittelbar in steigenden Lohnnebenkosten niedergeschlagen und damit Arbeitsplätze gefährden.

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Zum anderen sollte die Gesellschaft als ganze stärker an den steigenden Kosten einer angemessenen Gesundheitsversorgung auch der Armen, Schwachen und Alten beteiligt werden. Die Besserverdiener, die sich längst in die private Krankenversicherung verabschiedet haben, sollten über Steuern einen Beitrag zu den Kosten eines solidarischen Gesundheitssystems leisten.

Mit dem heutigen Tag darf man wohl sagen, dass die Idee von der Gesundheitsprämie zumindest in ihrer Reinform gescheitert ist. Das Modell galt immer als bevorzugtes Reformmodell einer schwarz-gelben Regierung, doch nach deren Regierungsantritt wurde schnell deutlich, dass es dort eben auch nicht mehrheitsfähig ist.

Dabei konnte man den schwarz-gelben Koalitionsvertrag durchaus so lesen, als wollte die Regierung eben diesen Totalumbau des Systems umsetzen. Dieser Interpretation neigte zunächst auch der junge FDP-Gesundheitsminister Philipp Rösler zu, auch wenn er bald dazu überging, angesichts der allgemein maladen Finanzsituation und des penetranten Widerstands des heimlichen Gesundheitsministers Horst Seehofer, nur noch einen Teil der bisher einkommensabhängigen Beiträge über eine Pauschale finanzieren zu wollen.

Was von der großen Reform nun übrig geblieben ist, wird zumindest die Arbeitgeber erfreuen. Zwar steigen auch für sie die Gesundheitskosten 2011 noch einmal an. Das ist ein klarer Verstoß gegen liberale Prinzipien. Dafür gibt es allerdings die feste Zusage, dass diese Erhöhung die letzte gewesen sein soll.

Krankenkassenbeiträge

Der Beitragssatz zur Gesetzlichen Krankenversicherung steigt 2011 von 14,9 auf 15,5 Prozent. Davon entfallen 8,2 Prozent auf die Arbeitnehmer, 7,3 Prozent auf die Arbeitgeber. Künftige Beitragssteigerungen müssen allein die Arbeitnehmer tragen, der Beitragssatz der Arbeitgeber wird dagegen eingefroren. Die Erhöhung betrifft auch Millionen Senioren, die staatliche Rente und Betriebsrenten erhalten. Die Erhöhung der regulären Beitragssätze bringt sechs Milliarden Euro.
 

Zusatzbeiträge

Die Krankenkassen können einen Zusatzbeitrag in unbegrenzter Höhe verlangen, den Versicherte alleine zahlen müssen. Bisher ist dieser Beitrag bei einem Prozent des beitragspflichtigen Einkommens gedeckelt. Übersteigt der Zusatzbeitrag zwei Prozent des Einkommens, gibt es einen Ausgleich aus Steuermitteln – allerdings nur auf Grundlage eines durchschnittlichen Zusatzbeitrages, nicht des tatsächlich gezahlten. Nach jetzigen Berechnungen des Gesundheitsministeriums wird bis 2014 der durchschnittliche Zusatzbeitrag 16 Euro nicht übersteigen.

Einsparungen

Krankenkassen

Die Verwaltungskosten der Kassen dürfen in den kommenden beiden Jahren im Vergleich zu 2010 nicht steigen. Dadurch sollen rund 300 Millionen Euro gespart werden.

Krankenhäuser

Für Mehrleistungen über vertraglich vereinbarte Leistungen hinaus wird ein Abschlag von 30 Prozent eingeführt. Dadurch sollen bis zu 350 Millionen Euro gespart werden. Außerdem werden die Krankenhausausgaben an die Lohnentwicklung gekoppelt. Dadurch sollen 150 Millionen Euro weniger ausgegeben werden.

Ärztehonorare

Bei der ambulanten Versorgung sollen den Ärzten 350 Millionen Euro gekürzt werden. Bei Hausärzten soll es ebenfalls eine Deckelung der Honorare geben, die 500 Millionen Euro oder mehr ausmachen sollen.

Pharmabranche

Hier sollen zwei Milliarden Euro eingespart werden. So muss bei neuen innovativen Arzneien ein Zusatznutzen nachgewiesen werden. Die Preise müssen die Unternehmen mit den Krankenkassen aushandeln, sie können sie nicht wie bisher selbst festlegen. Zudem wird die Handelsspanne für den Pharma-Großhandel gekürzt. Zusätzlich hat der Bundestag unlängst eine Erhöhung des Zwangsrabatts auf verschreibungspflichtige Medikamente und ein Preismoratorium bis 2013 beschlossen.

Für die Versicherten wird es dagegen dauerhaft teurer. Nicht nur werden die einkommensabhängigen Beiträge, die auch in Zukunft den Löwenanteil der Finanzierung der gesetzlichen Krankenversicherung ausmachen werden, 2011 angehoben, auch die Zusatzbeiträge können ab sofort deutlich höher ausfallen als bisher - und sie werden weiter steigen. Denn alle künftigen Kostensteigerungen im Gesundheitssysstem sollen in Zukunft über dieses Instrument finanziert werden.

Leser-Kommentare
    • Anonym
    • 06.07.2010 um 19:22 Uhr

    Die Feudaldemokratische Partei Deutschlands ( 4 % ) zerstört weiter den Sozialstaat und grinst noch dazu: TINA!
    A la Lanterne - vielleicht können die Deutschen es doch!

    Reaktionen auf diesen Kommentar anzeigen
    • Anonym
    • 06.07.2010 um 19:40 Uhr

    Warum wirdf mir mitgeteilt, dass ich als madamef angemeldet bin, wenn ich als anonym erscheine?

    Dabei handelt es sich um ein kurzweiliges technisches Problem. Wir bitten diese Unannehmlichkeit zu entschulidgen. Die Redaktion/is

    • Anonym
    • 06.07.2010 um 19:40 Uhr

    Warum wirdf mir mitgeteilt, dass ich als madamef angemeldet bin, wenn ich als anonym erscheine?

    Dabei handelt es sich um ein kurzweiliges technisches Problem. Wir bitten diese Unannehmlichkeit zu entschulidgen. Die Redaktion/is

    • joG
    • 06.07.2010 um 19:24 Uhr

    ....sich gegen einen eingefleischten Glauben, Änderung nur langsam durchsetzen. Und Sie werden doch zugeben, dass man hier an die Glaubenssätze der Solidarität fest glaubt, wie im Mittelalter an die Wunder Mariä.

  1. Unter dem Beitrag
    "Koalition lässt die Kassen kassieren"

    wird doch schon heftig zum Thema kommentiert !

  2. Heißt Reform nicht das man denselben Dreck nur ummodelliert und dann neu Verkauft? "Zurückgestaltung" oder auch " Wiederherstellung"? Alles bleibt beim Alten. Ich bin ja für eine kontrollierte Sprengung...

  3. Kann nicht kommentieren.
    Bin gerade vor Lachen vom Stuhl gefallen.

  4. Seit wieviel Jahren wird versucht die Krankenversicherung zu reformieren? 20Jahre 30Jahre ? Wer erwartet hat das eine CDU/FDP Koalition (noch dazu so eine grandios unfähige)die Macht von Ärzten Apotheken und Pharmaindustrie brechen könnte also der sollte wirklich dringend zum Arzt.

  5. Es ist schon ein paar Jahre her, als mal ein Kabarettist erklärte, wofür das Kürzel "FDP" steht, nämlich:

    Fast Drei Prozent

    Sie sind auf einem guten Weg dahin!!!

    • Anonym
    • 06.07.2010 um 19:40 Uhr

    Warum wirdf mir mitgeteilt, dass ich als madamef angemeldet bin, wenn ich als anonym erscheine?

    Dabei handelt es sich um ein kurzweiliges technisches Problem. Wir bitten diese Unannehmlichkeit zu entschulidgen. Die Redaktion/is

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