Internet und Staat Heimliche Revolution in Deutschlands Ämtern

So klein und so mächtig: Die E-Mail rollt das Regierungssystem auf und modernisiert die Verwaltung. Vernetztes Denken etabliert sich und bricht alte Hierarchien.

Kabel verbinden Computer in einem Rechenzentrum. Sie erst ermöglichen es, neue Formen digitaler Vernetzung zu entwickeln

Kabel verbinden Computer in einem Rechenzentrum. Sie erst ermöglichen es, neue Formen digitaler Vernetzung zu entwickeln

Es hat je etwas Verlockendes: Volksabstimmung per Knopfdruck. Einmal das eigene Einkommen registrieren lassen und dann nie wieder Papierberge zum Amt schleppen müssen. Endlich Sicherheit haben, weil der elektronische Pass immer belegen kann, dass ich es wirklich bin, der da einkaufen, wählen, mitmachen will. Allein, es will nicht richtig funktionieren. Das Netz und der Staat , sie scheinen nicht so recht zueinander zu passen.

Stimmtund auch wieder nicht. Das Internet wird über- und unterschätzt; besonders, wenn man damit Staat machen will. Überschätzt, weil sich mit ihm Heilserwartungen verbinden, die oft schon zerschlagen sind, noch bevor sie richtig ausgesprochen wurden. Unterschätzt, weil diejenigen Prozesse, die schließlich grundstürzend in staatliches Handeln eingreifen, so schleichend ablaufen, dass wir sie kaum wahrnehmen.

Gutes Verwalten, nach Max Weber die Grundlage jedes funktionierenden Staates, heißt im Wesentlichen, Informationen und Wissen zu organisieren. Über Jahrzehnte hinweg geschah das in streng hierarchischen Prozessen. Längst jedoch werden diese Prozesse von innen her unterlaufen. Zum Beispiel durch die E-Mail.

Die elektronische Post hat alle gleich gemacht. Eine Mail umgeht den Dienstweg, verbindet früher siloartig verschlossene Fachreferate auf unterschiedlichsten Ebenen miteinander, überwindet Ressortgrenzen, häuft, mehrfach hin- und her gesandt und ergänzt, in kürzester Frist eine Menge an Wissen an, welches früher mühsam aus unterschiedlichsten Akten zusammengetragen werden musste. Ohne die E-Mail wäre es schwer vorstellbar, dass ein Regierungsapparat etwas so Komplexes wie ein Finanzmarktstabilisierungsgesetz innerhalb von einer Woche zu Wege brächte.

Nie zuvor wurden so viele E-Mails zwischen deutschen Regierungsstellen ausgetauscht wie gegenwärtig, und es werden täglich mehr. Mit ihnen greift – in Wissenschaft und Wirtschaft längst etabliert – nun auch in der staatlichen Verwaltung ein neues Handlungsmuster Raum und verändert Strukturen: das vernetzte Denken.Und schafft so Raum für Ideen, die (lange schon vorhanden) nun einen überfälligen Modernisierungsschub auslösen könnten. 

Ein (noch gänzlich analoges) Beispiel : Wer im Landkreis Teltow-Fläming südlich von Berlin ein Gewerbe gründen will, braucht nur ein einziges Formular. Gleichgültig, ob sich der Investor zuerst an den Bürgermeister wendet, das Planungsamt oder die Umweltbehörde: Überall kommt diese Wunderwaffe gegen Bürokratie zum Vorschein. Der Zettel landet beim Wirtschaftsförderer des Kreises, der ihn in seine Koordinierungsgruppe trägt. Dort sitzen dann Leute aus dem Planungs- und Straßenverkehrsamt, dem Kataster-, Umwelt- und Landwirtschaftsamt, aus der Bauaufsichts- und Denkmalschutzbehörde sowie vom Tiefbauamt. Gemeinsam beraten sie den Fall, so wie sie jedes Investitionsvorhaben beraten. Anschließend bekommt der Investor nur noch einen einzigen Antwortbrief, in dem alles Wichtige steht – statt einer Fülle von Bescheiden und Anweisungen. Wen n alles glatt läuft, ist der Antrag in wenigen Wochen genehmigt.

Digital übersetzt könnte das Verfahren vermutlich noch schneller abgewickelt werden. Allerdings müssen dafür die Verwaltungsprozesse zunächst zerlegt werden, um überhaupt zu verstehen, was mit wem zusammenhängt. Dann müssen neue vernetzte Produktionsketten entwickelt werden. Beides ist nur möglich, wenn die einzelnen Ämter ihre Geschlossenheit aufgeben und Kompetenzen teilen. In Teltow-Fläming ging das, weil nach der Wende 1990 dort große Teile der Verwaltung ohnehin neu aufgebaut werden mussten. Klassische Schrebergärten, wie es sie nach Jahrzehnten im Westen gibt, hatten sich noch nicht entwickeln können.

Leser-Kommentare
  1. Kurz und gut!
    Mit einfachen Worten wurde eines der "Kernprobleme" des deutschen E-Government angesprochen: der legislative Rahmen bzw. die Kompetenzverteilung deutscher Ämter!

    Zum Thema und zur Diskussion siehe z.B. auch Hill/Schliesky (2009): Herausforderung e-Government. Baden-Baden: Nomos.

    • TDU
    • 15.07.2010 um 13:35 Uhr

    Bislang sehe ich Fortschritte eher in der Prvatwirtschaft. Die EDV im öffentlichen Bereich dient immer noch eher der Kostenreduzierung, bis auf ien paar kleine Pflänzchen. Und "die Gesetze haben wir nicht gemacht" könnte trotz EDV bald Standard werden. Wie Basel II bei der Kreditvergabe.

    Die Qualität wird auch duch die Mittel bestimmt, der sie sich bedient. Die Mentalität ist davon unabhängig. Die Auszeichnung "Staatsdiener" verlagert sich trotz EDV immer mehr auf den Bürger.

  2. Hoppla !

    "Ein Staat, dessen Entscheidungen sich stärker vom Argument als aus der Macht und hierarchischen Position des Handelnden ableiten."

    Was war da noch mit Rechtsstaat und Rechtssicherheit ?

    Ach, ja ! Richtig. Schnee von gestern oder kalter Kaffee.

    Ich erinnere mich an einen westerwelligen Menschen ... der
    forderte einst : " weniger Staat." Naja. Man kennt das ja.
    Wenns denn so weit ist gehts genau anders herum. Auf neue Seilschaften u.munteres Ränkespiel bei Macht u.Hierarchie.

  3. Dieser Beitrag ist insgesamt sehr gelungen. Der deutsche Verwaltungsapparat hat sich in seiner jetzigen Struktur über Jahrzehnte hin manifestiert. Diese Hierarchien sind also wohl, wie der Autor schon erwähnt, wenn überhaupt nur durch einen schleichenden, kaum wahrnehmbaren Prozess zu überwinden. Eine Digitalisierung und grundlegende Neuerung im Hauruck- Prinzip würde mit Sicherheit genauso schnell auch wieder am unüberwindbaren Widerstand scheitern. Die Grundlage für eine tiefgreifende Veränderung ist auch in diesem Bereich, wie so oft, letztlich von Zufälligkeiten abhängig.

  4. dass erst heute, am 15. Juli 2007 derartige Feststellungen zu konstatieren waren. Das verrät viel über das Modernisierungstempo (?) der deutschen Bürokratie.

  5. Hier folgt der Kernsatz des Artikels:

    "Das Bild des einen zuständigen Verwaltungsentscheiders verschwimmt, sein Expertenwissen wird immer häufiger in Frage gestellt."

    Und was passiert. Besonders im Sachbearbeiter Bereich hat man gelernt sich hinter dem "System", zu verstecken. Ich bin sicher das im Bereich der
    -Stadtverwaltung
    - Arbeirsmarktverwaltung
    -Finanzamtsverwaltung

    die Effizienz gefallen ist. Warum?? Alles wurde verkompliziert und es gibt immer eine Ausrede.

    • k2
    • 15.07.2010 um 18:02 Uhr

    Wenn ich im Bankenviertel einer Stadt auftauche, dann
    schreien die Madels, die mit Bankern im Sushi-Bistro
    tafeln:"Ist doch auch einer von Euch", was die Banker beantworten:"Das ist einer, um Ihn auszunehmen". Und
    bei solchen Szenen habe ich den Eindruck, noch nie
    so vielen Investment-Bankern begegnet zu sein in einem
    Land, welches eine EU-Bankenabgabe kategorisch ablehnt.
    Im selben Land, welches nicht der EU angehört, wurde
    gestern die Benutzung von Smartphones durch Beamte verboten, welche auf dem neuen G4-iPhone laufen. Handys von Sony sind bald 30 Jahre alt und es ist heute immer noch nicht einzusehen, weshalb solche Handys auf proprietären Systemen in Beamtenhänden laufen sollen? Auf den Rootkit der Firma Sony kann man in einem offenen System vor allem in Beamtenstuben verzichten.
    "Ein Weg ist Offenheit. Wenn Prozesse für alle beteiligten Mitarbeiter und Behörden durchschaubar und nachvollziehbar sind, werden ihre Ergebnisse meist allgemein akzeptiert"(loc. cit. supra). Nicht die Firma Sony und alle anderen Firmen müssen die amtliche Korrespondenz mitstreamen und Gespräche aushorchen sondern das Volk muss diesen Schriftverkehr und die Sitzungsgespräche von Beamten kontrollieren.
    Die europaweite Identitätszertifizierung von der Firma
    Accenture ist weniger ein "Outsourcing" des informationellen Selbstbestimmungsrechtes an staatsfremde Firmeninteressen sondern vielmehr eine Auslagerung von Amtsdaten an Banken- und Versicherungskonzerne.

  6. Es fehlen bei Ihnen Hinweise auf wichtige Parallelentwicklungen wie DE-Mail. Wie sollte e-government ohne zuverlaessige e-mail funktionieren? Wenn wir es nicht schaffen, Absender eindeutig zu identifizieren, herrschen Zustaende wie die in der inzwischen klassisch gewordenen Trickzeichnung, die surfende Hunde darstellt, "On the Internet nobody knows you're a dog." Hier ein paar aktuelle Links, http://www.netzpolitik.or...
    /////
    http://meta.tagesschau.de...

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