Man kann es sich einfach machen nach diesem spannenden Präsidenten-Wahltag – und mit dem ausgestreckten Finger auf die Linkspartei zeigen. Hätten die mal schön springen sollen, das eigene Ego runterschlucken und sich nebenbei von ihrem SED-Stigma befreien sollen. So argumentieren Sozialdemokraten, Grüne und auch Kollegen und Leser von ZEIT ONLINE seit gestern.

Ja, in der Tat: Hätten die Linken Joachim Gauck gestern mitgewählt und auf die eigene chancenlose Kandidatin verzichtet, hätte Gauck gute Chancen gehabt. Hätte sie ihn im ersten Wahlgang gar geschlossen gewählt, wäre Gauck jetzt Bundespräsident.

Und, auch das stimmt: Die Linke wirkte gestern kopflos und überfordert. Ihr Vorschlag nach zwei Wahlgängen, einen ganz neuen Gemeinschafts-Kandidaten (etwa den Christdemokraten Klaus Töpfer, den man nicht mal gefragt hatte) aus dem Hut zu zaubern, hatte keine Aussicht auf Erfolg. Verfassungsmäßig wäre das zwar zulässig gewesen, wie Oskar Lafontaine immer wieder betonte, realistisch war eine solche Option aber nicht. Der Parteichef Klaus Ernst kassierte diesen Vorschlag bald wieder: Solche Spekulationen seien Unfug, sagte er und düpierte damit seine Co-Parteichefin, die den Vorschlag zuvor öffentlich gemacht hatte.

Drittens und letztens war auch die Vorbereitung der Linken auf diese Wahl amateurhaft. Sie hatte vorher schlicht nicht geklärt, wie sie sich im Falle eines dritten Wahlgangs verhält. Stattdessen regierte das Prinzip Hoffnung, wie Fraktionschef Gregor Gysi am Vortag der Wahl einräumte: Man rechne nicht mit einem dritten Wahlgang, sagte er. Heimlich drückte die Linke also die Daumen für Christian Wulff, um nicht in die Verlegenheit zu geraten, Farbe bekennen zu müssen. Sie fürchteten das Dilemma: Entweder die Merkel-Regierung retten – oder den ungeliebten Gauck wählen.

Allerdings kann man den Linken keine Alleinschuld zuweisen. Zu einem gescheiterten Bündnis gehören immer mehrere Seiten. Auch und nicht zuletzt die SPD trägt ein gehöriges Maß an Verantwortung.

Schon die Nominierung von Joachim Gauck war ein bewusster Affront gegen die Linkspartei. Alle anderen Parteien versuchte SPD-Chef Sigmar Gabriel ins Boot zu hohlen. Allen außer den Linken schickte er SMS und warb für eine gemeinsame Lösung. Dass für die Linken Gauck nur schwerlich wählbar ist, war vorher absehbar. Gabriel nahm diese Provokation bewusst und billigend in Kauf.

In den vergangenen Wochen hatte sich das schon lange gespannte Verhältnis zwischen dem früheren Widerstandspfarrer und der Linkspartei sogar noch zusätzlich verschärft. Gauck warf der Linken vor, sie sei "nicht regierungsfähig", ihre Politiker seien oft "belastet durch ihre Teilhabe am Unterdrückungssystem der DDR" oder "verwöhnte Kinder der roten Bourgeoisie". Ähnlich schrill, ähnlich beleidigend klang es von der Linken zurück: Gauck sei ein kriegsbejahender, DDR-schlechtredender Bürgerlicher.

Die SPD vermittelte nicht, sondern warf der Linken vor, unreif, gestrig und machtabsichernd für Schwarz-Gelb zu wirken. Auf das durchaus stichhaltige Argument der Linken, dass man Gauck auch aus inhaltlichen Gründen ablehnt, ging die SPD bewusst nicht ein.