Ole von Beust Meister der unmöglichen Koalitionen

Amtsmüdigkeit, unerfüllte Karrieresprünge: Was muss nicht alles als Grund herhalten für Beusts Rücktritt. Tatsächlich hat er sich politisch schlicht vertan. Ein Kommentar

Da kann Ole von Beust noch so lange versichern, sein "rechtzeitig" vor der Schließung der Stimmlokale erklärter Rücktritt vom Amt des Ersten Bürgermeisters habe nichts mit dem Ausgang des Volksentscheides zur Hamburger Schulpolitik zu tun. Das Gegenteil ist der Fall, wenngleich er es selber nicht so wahrnimmt – oder es sich nicht eingestehen will.

Selbst wenn das Ergebnis knapp anders ausgegangen wäre, wäre dies für Beust ein Rückschlag gewesen, von dem er sich nicht hätte erholen können. Wenn aber ein Bürgerbegehren gegen ein All-Parteien-Kartell siegt, dann ist dies ein Streich, demgegenüber die Erklärung, man sei schon nachmittags zurückgetreten, damit keiner diesen Schritt mit dem Abend in Verbindung bringt, zutiefst lächerlich ist.

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Beust war, jedenfalls beim Eingehen der Bündnisse, ein Meister der nachgerade unmöglichen Koalitionen gewesen. Selbst einen Ronald Schill, einen wüsten Rechtspopulisten, hat er schon einmal öffentlich umarmt – wenn’s der Regierungsbildung diente. Doch Schill konnte er ebenso halten – wie auch wieder loswerden. Er konnte ihn zunächst halten, weil dieser verquere Mann in der inneren Sicherheitspolitik einen Standpunkt vertrat, der von Schärfen und Schiefheiten abgesehen, tendenziell der klassischen CDU-Wählerschaft wenn nicht aus dem Herzen, so doch aus dem Bauche sprach.

Und er konnte ihn gerade deshalb wieder ohne bleibenden Schaden loswerden, weil die CDU-Stammwähler Beust diese Linie nicht übel nahmen und Schills persönliches Verhalten degoutant fanden. Jedenfalls hat Beust für diese Koalition mit Schill nur das Stilbewusstsein, nicht aber die politischen Vorstellungen seiner Stammwähler verletzt.

Ganz anders nun in der schwarz-grünen Koalition! Zwar konnte Beust den Grünen die Elbvertiefung und das Kohlekraftwerk Moorburg aufs Auge drücken, aber irgendeinen Preis meinte er dann doch bezahlen zu müssen – und das war das Zugeständnis der sechsjährigen Primarschule gewesen. Nur dass er, kinderloser und enkelloser Politiker, dabei völlig übersehen hat, wie tief kein anderes Thema Eltern und Großeltern aufwühlt als eben die obrigkeitliche Schulpolitik.

Es lässt sich auch sachlich viel gegen die Primarschule sagen – politisch aber ist es lebensgefährlich, den bürgerlich gesinnten Wählern das Gymnasium aus der Hand schlagen zu wollen – von oben durch G 8, von unten durch die Primarschule. Entsprechend deutlich war auch das anfängliche Volksbegehren ausgefallen. (Man hätte sich das von der SPD abschauen können, als die erstmals in Schleswig-Holstein die Regierung stellte. Zwei Sachen hatte die Nord-SPD damals gewollt: die flächendeckende Gesamtschule und – mehr Demokratie wagen! – verbindliche Volksentscheide; als erstes fing sie sich einen verbindlichen Volksentscheid gegen die Gesamtschule ein.)

Schon Wochen vor dem Volksentscheid zur Schulpolitik – und vor Ole von Beusts Rücktritt –  hatte sich abgezeichnet, dass die Gegner der Senatspolitik mindestens ungefähr so stark sein würden wie die Befürworter. Angesichts der Tatsache, dass der schwarz-grüne Senat sein Schulpaket extra in das Papier eines Allparteien-Kompromisses verpackt hatte, musste ein solches sich abzeichnendes Ergebnis – ungefährer Gleichstand des Bürgerlagers gegen das Allparteien-Bündnis,  Bürger also gegen Parteien – in jedem Fall zu Tage fördern, dass Beust bei diesem schwarz-grünen Kurs einen enormen Teil seiner Stammwähler grob vor den Kopf gestoßen und verletzt hatte, und zwar dauerhaft (vielleicht jene gerade, die den law-and-order-Kurs Schills insgeheim noch vertretbar fanden).

Leser-Kommentare
  1. Danke für den Hinweis darauf, dass es ein schlechter Stil ist, den Ministerpräsidenten ohne Wahlen einfach parteiintern weiter zu vererben, wie von der CDU und CSU in Bayern, Baden-Württemberg, Hessen, Niedersachsen und nun in Hamburg der Fall. Was das (un-)demokratische Verständnis der CDU noch mehr verdeutlicht, ist die "Tradition", wonach CDU/CSU einerseits im Bundestag als eine Fraktion auftreten, bei Bundestagswahlen jedoch wie zwei Parteien agieren und damit stets doppelt in den Diskussionsrunden der Massenmedien vertreten sind. Warum lassen sich die SPD und anderen Parteien das bieten?

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    • joG
    • 19.07.2010 um 7:11 Uhr

    ....sein Mandat bis zu dessen Ablauf vertraglich zu erfüllen. immerhin hat man sich wählen lassen und damit Versprechen gemacht.

    • th
    • 19.07.2010 um 10:39 Uhr

    Der Mitte-Rechts-Block (selbsternannter "Bürgerblock") hat doch den Erbanspruch aufs Regieren in Deutschland - jede andere Regierung wird doch im Grunde als illegitime Usurpation empfunden ... :-)

    • 247
    • 19.07.2010 um 11:30 Uhr

    Wenn das Wahlvieh so dumm ist und meint, Politiker, aber nicht eine Partei mit dazu zu wählen, dann ist es selbst schuld, wenn es dann entmündigt wird.

    Ich erinnere nur an H. Schröder in Niedersachsen, wo auf ihn jeweils ohne Wahl 1998 Glogowski und 1999 Gabriel folgten. Die Faineß gebietet, das auch zu erwähnen.

    • joG
    • 19.07.2010 um 7:11 Uhr

    ....sein Mandat bis zu dessen Ablauf vertraglich zu erfüllen. immerhin hat man sich wählen lassen und damit Versprechen gemacht.

    • th
    • 19.07.2010 um 10:39 Uhr

    Der Mitte-Rechts-Block (selbsternannter "Bürgerblock") hat doch den Erbanspruch aufs Regieren in Deutschland - jede andere Regierung wird doch im Grunde als illegitime Usurpation empfunden ... :-)

    • 247
    • 19.07.2010 um 11:30 Uhr

    Wenn das Wahlvieh so dumm ist und meint, Politiker, aber nicht eine Partei mit dazu zu wählen, dann ist es selbst schuld, wenn es dann entmündigt wird.

    Ich erinnere nur an H. Schröder in Niedersachsen, wo auf ihn jeweils ohne Wahl 1998 Glogowski und 1999 Gabriel folgten. Die Faineß gebietet, das auch zu erwähnen.

  2. ...dass die SPD aus reinem staatsbürgerlichem Pflichtbewusstsein generell nach dem Abtritt eines Regierungschefs freiwillig Neuwahlen ausrufen würde, damit dessen Nachfolger sich den Segen des Souveräns holt. Das machen für gewöhnlich doch nur die Kandidaten (beider Lager), die wissen, dass ihre Koalition am Ende ist und mit einem neuen Urnengang einen Befreiungsschlag wagen wollen.

    (dass die CDU in den letzten Jahren einen ordentlichen Teil ihres Führungspersonals auf Landesebene ausgewechselt hat, steht auf einem anderen Blatt... woran der Niedergang der SPD, der überhaupt erst soviele CDU-geführte Landesregierungen zur Folge hatte, aber auch nicht ganz unschuldig ist)

    • joG
    • 19.07.2010 um 7:11 Uhr

    ....sein Mandat bis zu dessen Ablauf vertraglich zu erfüllen. immerhin hat man sich wählen lassen und damit Versprechen gemacht.

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    was nützt uns das Versprechen, gar nichts.
    Wer wird jetzt neuer 1. Hamburger BGM?
    Ist die GAL bereit, den neuen CDU Mann mitzutragen,
    oder gibt es eine Überraschung?
    Eine Frau als Kandidatin für das Amt des 1. Hamburger BGM
    z.B. von der GAL?

    was nützt uns das Versprechen, gar nichts.
    Wer wird jetzt neuer 1. Hamburger BGM?
    Ist die GAL bereit, den neuen CDU Mann mitzutragen,
    oder gibt es eine Überraschung?
    Eine Frau als Kandidatin für das Amt des 1. Hamburger BGM
    z.B. von der GAL?

  3. was nützt uns das Versprechen, gar nichts.
    Wer wird jetzt neuer 1. Hamburger BGM?
    Ist die GAL bereit, den neuen CDU Mann mitzutragen,
    oder gibt es eine Überraschung?
    Eine Frau als Kandidatin für das Amt des 1. Hamburger BGM
    z.B. von der GAL?

  4. ....
    - HEV an Vattenvall
    - Krankenhäuser an Asklepios
    - Elbphilharmonie
    - Elbvertiefung
    - Airbus
    das ist nur eine Auswahl: 5 Katastrophen für das Allgemeinwesen!
    soll er doch lieber parties auf sylt feiern
    gut das er bald weg is ---- besser wirds indes wahrscheinlich nicht

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    - "HEV an Vattenvall"
    1999 erwarb Vattenvall 25,1 Prozent der HEW, bis Mai 2001 hatte Vattenvall die Mehrheit an der HEW. Dies erfolgte unter einer rot-grünen Regierung. Erst am 31. Oktober 2001 trat der erste CDU-geführte Senat unter von Beust sein Amt an.

    - "Elbphilharmonie"
    Schon vergessen, dass der frühere Erste Bürgermeister Voscherau, bevor die enormen Kostensteigerungen bekannt wurden, überall in der Stadt rumlief und jedem erzählte, dass Hamburg die Elbphilharmonie eigentlich ihm und nicht von Beust verdanke?

    - "Elbvertiefung"
    Was hat von Beust hier anders gemacht als alle vorangehenden SPD-Bürgermeister?

    - "Airbus"
    Falls Sie die Erweiterung des Werksgeländes meinen - dies war lange vor von Beust.

    - "HEV an Vattenvall"
    1999 erwarb Vattenvall 25,1 Prozent der HEW, bis Mai 2001 hatte Vattenvall die Mehrheit an der HEW. Dies erfolgte unter einer rot-grünen Regierung. Erst am 31. Oktober 2001 trat der erste CDU-geführte Senat unter von Beust sein Amt an.

    - "Elbphilharmonie"
    Schon vergessen, dass der frühere Erste Bürgermeister Voscherau, bevor die enormen Kostensteigerungen bekannt wurden, überall in der Stadt rumlief und jedem erzählte, dass Hamburg die Elbphilharmonie eigentlich ihm und nicht von Beust verdanke?

    - "Elbvertiefung"
    Was hat von Beust hier anders gemacht als alle vorangehenden SPD-Bürgermeister?

    - "Airbus"
    Falls Sie die Erweiterung des Werksgeländes meinen - dies war lange vor von Beust.

  5. Liebe Redaktion, bitte korrigieren Sie das noch:

    "Wenn aber ein Bürgerbegehren gegen ein All-Parteien-Kartell siegt, dann ist dies ein Streich, demgegenüber die Erklärung, man sei schon nachmittags zurückgetreten, damit keiner diesen Schritt mit dem Abend in Verbindung bringt, zutiefst lächerlich." ---> Hier müsste ein "ist" noch angefügt werden.

    "Und er konnte ihn gerade deshalb wieder ohne bleibenden Schaden loswerden, weil _ihm seine Stammwähler Beust diese Linie nicht übelnahm_ und Schills persönliches Verhalten degoutant fand." ---> Hier stimmt was nicht mit dem Numerus, und es müsste entweder "ihm" ODER "Beust" drinstehen, aber nicht beides.

    In der Sache muss ich zugestehen, dass ich es bedauere, dass die Kinder nicht länger gemeinsam lernen dürfen. Obwohl ich selbst zu den "Hochausgebildeten" gehöre, hätte ich FÜR das Primarschulmodell gestimmt, denn ich habe auch selbst einmal zu den Spätstartern gehört...

  6. Der "normale Mensch" soll motiviert bis 67 Jahre arbeiten, wenn nicht gibt es massive Kürzungen. Aber Ole von Beust hat keine Lust mehr und hinterlässt Hamburg viele Probleme.

    Ist das die "bürgerliche Verantwortung" im "bürgerlichen Lager"?

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    1. Ein politisches Amt ist keine "normale" lohnabhängige Beschäftigung.
    2. Es gibt nicht wenige Selbstständige, die sich in von Beusts Alter aus dem Beruf zurückziehen.
    3. Woher wissen Sie, dass von Beust zukünftig nicht mehr arbeiten wird?

    1. Ein politisches Amt ist keine "normale" lohnabhängige Beschäftigung.
    2. Es gibt nicht wenige Selbstständige, die sich in von Beusts Alter aus dem Beruf zurückziehen.
    3. Woher wissen Sie, dass von Beust zukünftig nicht mehr arbeiten wird?

  7. Dieser Kommentar verbreitet erfreulicherweise keine Lobhudeleien auf die Person von Beust.
    Dass von Beust seine "natürliche" Klientel mit der Primaschule überfordert hat, ist wenig überraschend. Dass die GAL-Exponenten sich seit 2 Jahren ein übers andere Mal ins antiökologische, unsoziale und antiurbane Lager ziehen lassen, ist feststellbar, geht aber in dem Gerede über den angeblich so liberalen von Beust etwas unter. Nun ist das einzige Projekt, welches innerhalb dieser schwarzgrünen Koalition eine gewisse GAL-Originalität ausgewiesen hat - unterstützt im Abstimmungskampf bezeichnenderweise vor allem durch die SPD, wenn ich mir diese Aussensichts-Äusserung erlauben darf - gescheitert.
    Was hat die GAL politisch noch zu bieten?
    Abstimmungen sind dort, wo sie zum normalen Besteck einer Demokratie gehören, etwa in der Schweiz, häufig Ausdruck der Unzufriedneheit mit politischen Entscheidungen oder dem, was man "faule Kompromisse" nennt. Ich vermute, das Abstimmungsergebnis über die Primarschule in Hamburg könnte wenigstens teilweise mit dem Kopfschütteln über die politischen GAL-Verirrungen an der Seite des angeblich von rechts nach links gewandelten von Beust zu tun haben. Die hamburgische Grünen-Politik jedenfalls hat nichts mehr von Bedeutung vorzutragen. GAL ist inhaltlich kaum mehr zu erkennen. Dass sie sich jetzt einem hartgesottenen Antiurbanisten von der CDU mehr oder weniger an den Hals wirft, ist nur eines: Peinlich.

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