Diesen Tag werden sie nicht so schnell vergessen. Was sich am Mittwoch in der Bundesversammlung abspielte , war für viele schwarz-gelben Koalitionäre ein Schock. Wie konnte das geschehen? Wie war es möglich, dass der eigene Kandidat trotz sehr komfortabler Mehrheit gleich in zwei Wahlgängen durchfiel? Fassungslosigkeit, Enttäuschung, Wut – auf diese Gefühle stößt man bei Union und FDP gleichermaßen.

Noch immer rätseln die Schwarz-Gelben, wer die 44 Abweichler waren. Unionsleute wähnen sie in den kleinen Koalitionsparteien, die FDP wiederum will sie in den Reihen der Christsozialen ausgemacht haben. Liberale schildern, wie sie CSU-Wahlleute vor der Wahl beiläufig sagen hörten, sie wüssten ja noch nicht, wen sie wählen wollen. Auch Abgesandte aus Baden-Württemberg stehen unter Verdacht: Christian Wulff habe bei einem Treffen die Wahlleute aus dem Südwesten verärgert, indem er sich ungeschickt zur Übernahme von Porsche durch den in Niedersachsen ansässigen Volkswagen-Konzern äußerte. Doch reicht das, um den eigenen Kandidaten derart abzustrafen? Um das Ende des Regierungsbündnisses zu riskieren? 

"Die Wut ist auf vielen Ebenen riesig", ist zu hören. Haarscharf, das ist fast jedem klar, den man fragt, hat sich die Koalition noch einmal gerettet. Offiziell indes will kaum einer die Ursache für die zwei verpatzten Wahlgänge benennen. Hinter vorgehaltener Hand jedoch wird vor allem eine Person als Schuldige ausgemacht: die Kanzlerin. Angela Merkel erreiche den Kern ihrer Partei und der Bundestagsfraktion nicht mehr, klagt einer aus dem Regierungslager, der in der Bundesversammlung saß. "Dabei ist die Stimmung zwischen den einzelnen Fraktionskollegen wirklich gut", sagt ein anderer, der zu jenen gehört, die nun Druck auf die Führung machen wollen. Union und FDP könnten durchaus gut zusammenarbeiten. Das Problem aber sei, dass es die Protagonisten ganz oben nicht können.

Manch einer sieht in der gestrigen Hängepartie gar "den Anfang vom Ende Merkels". Abseits der öffentlichen Loyalitätsbekenntnisse herrscht tiefer Frust über den Arbeitsstil der Kanzlerin. Merkel binde nicht in Entscheidungen ein, sie führe nicht, mancher hält sie für isoliert. Die Standing Ovations für den Merkel-Rivalen Roland Koch, nachdem der vor dem dritten Wahlgang die Unionsfraktion in der Bundesversammlung auf Wulff einschwor, führt einer als Beleg dafür an. Die Abgeordneten wollen künftig "aktiv einbezogen" werden und "nicht nur Verkündigungspolitik" abnicken, sagt der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach.

Ein Teil der Verstimmung rührt auch von Merkels Charakter her. "Sie ist selbst sehr uneitel und glaubt, dass alle anderen das auch sind", sagt einer, der sie lange kennt. Im Politikbetrieb, wo viele gern gefragt werden wollen, kann das hinderlich sein.

Und dann sind da noch die Beschlüsse der vergangenen Wochen: Als Merkel und die Fraktionsführungen den Euro-Rettungsschirm und die Milliardenbürgschaft für Griechenland eilig durchs Parlament drückten, hielten viele Abgeordnete nur mit Mühe still. Und wenn sie an den Dauerstreit um die "Hotelsteuer", um Entlastungen für die Bürger oder die Querelen um die Kopfpauschale denken, wünschen sich nicht wenige Unionsleute die Große Koalition zurück. Hinzu kommt unter CDUlern der Ärger darüber, dass sogar ein Haudegen wie Roland Koch keine Lust mehr hat auf Politik, und dass man in NRW und im Bundesrat die Macht verlor. An beidem, sagen viele, ist Merkel zumindest nicht ganz unschuldig.

Die Außenwirkung der Koalition ist miserabel, so hört man allerorten. Bloß gut, so tröstet sich manch einer der Koalitionäre, dass Wulff im Finale mit absoluter Mehrheit triumphierte – obwohl das im dritten Wahlgang gar nicht notwendig gewesen wäre.

Um die Schmach der vergangenen Monate vergessen zu machen, sucht man nun nach einem gemeinsamen Projekt. Doch das ist einfacher gesagt als getan: "So ganz spontan fällt mir da nichts ein", ätzt ein indirekt Beteiligter. In der Steuer-, Gesundheits- und Energiepolitik ist Schwarz-Gelb weiterhin zerstritten.

Der Jungliberale Johannes Vogel sieht deshalb nur ein Thema: "Der Wendepunkt kann nur die Haushaltkonsolidierung sein." Andere halten auch in der Gesundheitsfinanzierung noch Erfolge für möglich. Doch dafür müsste die Kanzlerin den Spagat hinbekommen, souverän und erkennbar zu führen und zugleich sämtliche Mitentscheider einzubinden. Anderenfalls wird es in der Koalition weitergären, bis zum nächsten Racheakt.